162. Kiezspaziergang

Vom Lehniner Platz zur Freien Volksbühne Berlin

Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann

Treffpunkt: Bushaltestelle Lehniner Platz, Länge: 2 km

Herzlich willkommen zu unserem 162. Kiezspaziergang!
Wir werden heute etwas in die Theater- und Literaturwelt hineinschnuppern. Anlass ist der 125. Geburtstag der Freien Volksbühne Berlin. Das wird heute groß gefeiert und wir werden uns am Schluss des Spaziergangs zu dem Fest gesellen und wer will kann dort bis abends um 22 Uhr kräftig mitfeiern. Wir beginnen unseren Spaziergang an dem ehemaligen Wohnhaus eines berühmten Literaten, der in der Roscherstraße 16 eine Zeit lang gewohnt hat, nämlich Erich Kästner. Dann gehen wir am Zaubertheater des Igor Jedlin vorbei zur Jonakirche. Auf der anderen Seite des Lehniner Platzes werden wir in der Schaubühne von Herrn Barner empfangen, der uns etwas zu seinem Haus sagen wird. Dann laufen wir die Cicerostraße hinunter durch den Mendelsohn-Komplex hindurch zur Hochmeisterkirche. Von dort streifen wir auf der Westfälischen Straße den BVG-Betriebshof, die Katharina-Heinroth-Grundschule und das Jugend- und Kulturzentrum Spirale, das einen Schwerpunkt Theater und Tanz hat, ehe wir dann in der Ruhrstraße 6 bei der Freien Volksbühne eintreffen.

Vor Beginn des Spaziergangs möchte ich Ihnen wie immer den Treffpunkt für den nächsten Kiezspaziergang mitteilen, an dem ich leider nicht teilnehmen kann. Mein Bezirksamtskollege Marc Schulte wird mich vertreten und mit Ihnen am 11. Juli den Inselrundweg auf der Mierendorff-Insel eröffnen. Der Rundweg ist 5,3 km lang, also zu lang für einen zweistündigen Kiezspaziergang, aber Sie werden zumindest ein größeres Teilstück davon absolvieren, weshalb der Spaziergang länger sein wird als gewöhnlich. Die Strecke geht immer am Wasser entlang an Industrieanlagen, Kleingärten und neuen Wohnungsbauprojekten vorbei und endet an der Caprivi-Brücke. Diejenigen unter Ihnen, die nach diesen 3,7 km noch nicht genug haben, können mit Herrn Schulte den ganzen Rundweg zu Ende gehen. Die anderen können von der Caprivi-Brücke aus über die Sömmeringstraße zum Herz der Insel, dem Mierendorffplatz, laufen und dort in die U-Bahn oder den Bus steigen. Berücksichtigen Sie bei Ihrem Schuhwerk, das die Strecke teilweise auf Schotterwegen verläuft. Treffpunkt ist der Bahnhof Jungfernheide, und zwar an der Ecke Max-Dohrn-Straße / Tegeler Weg. Uhrzeit wie immer 14 Uhr.

Nun wollen wir aber unseren heutigen Spaziergang beginnen und begeben uns dazu in die Roscherstraße zur Hausnummer 16:

Station 1: Roscherstraße

Die Roscherstraße ist seit dem 8.1.1906 nach dem Nationalökonom Wilhelm Georg Friedrich Roscher benannt. Er wurde 1817 geboren und starb 1894. Er studierte zuerst in Göttingen, dann in Berlin Geschichte und Philosophie. Ab 1848 hatte Roscher einen Lehrstuhl in Leipzig inne. Er gehörte zu den Begründern der historischen Schule der deutschen Nationalökonomie. Seine wichtigsten Werke sind das “System der Volkswirtschaft“ und die “Geschichte der Nationalökonomie in Deutschland”.

Station 2: Roscherstraße 16

Wir stehen vor dem Haus, in dem Erich Kästner von 1929 bis 1944 wohnte, und zwar befand sich seine Wohnung im 4. Stock im Gartenhaus. Zuvor hatte er in Wilmersdorf in der Prager Straße 17 gewohnt.
Am 31. August 1929 berichtete Kästner in einem Brief an seine Mutter in Dresden über den Umzug. Ich zitiere:

Liebes gutes Muttchen!
Na, die kleine Wohnung ist ganz reizend. In einer Seitenstraße vom Kurfürstendamm. Schön ruhig. Alle möglichen Autobusse, Straßenbahnen und Stadtbahnhof Charlottenburg 2 Minuten entfernt. In einem vierstöckigen Gartenhaus. Zu beiden Seiten bißchen was Grünes. Im 4. Stock. Fahrstuhl. Neubau, seit genau einem Jahr bezogen. Die Leute, junges Ehepaar, wollen sich vergrößern. Loben das Haus, die Wohnung etc. sehr. Haben noch 4 Jahre Kontrakt. Den übernehme ich, wenn ich miete. Der Wirt ist eine große Gesellschaft.
Die Wohnung selber: 3 Zimmer, Morgensonne, Balkon, 1 Bad, Klosett, zusammen, 1 Küche, 1 Mädchenkammer, kleine Diele, Speisekammer, zwei eingebaute Schränke. Zentralheizung, Telefon. Die Zimmer sind nicht sehr groß…

Am 15. Februar 1944 wurde das Haus von einer Fliegerbombe zerstört. Ich zitiere noch einmal:

Ein paar Kanister »via airmail« eingeführten Phosphors aufs Dach, und es ging wie das Brezelbacken. Dreitausend Bücher, acht Anzüge, einige Manuskripte, sämtliche Möbel, zwei Schreibmaschinen, Erinnerungen in jeder Größe und mancher Haarfarbe, die Koffer, die Hüte, die Leitzordner, die knochenharte Dauerwurst in der Speisekammer, die Zahnbürste, die Chrysanthemen in der Vase und das Telegramm auf dem Schreibtisch: »ankomme 16. früh anhalter bahnhof bringe weil paketsperre frische wäsche persönlich muttchen«. Wenigstes einer der Schreibmaschinen wollte ich das Leben retten. Leider sausten mir schon im dritten Stock brennende Balken entgegen. Der Klügere gibt nach.

Er zog zuerst bei seiner Lebensgefährtin Luiselotte Enderle in die Sybelstraße 8 ein, die als Dramaturgin bei der Ufa arbeitete. Mit einem Filmteam und einem vorgetäuschten Filmprojekt gelang es Kästner nach Tirol zu fahren. Dort wartete er das Ende des Kriegs ab. Nach dem Krieg zog er nach München. Die Zeit in Berlin gehörte zu den kreativsten und wichtigsten in seiner schriftstellerischen Laufbahn. Kaestner starb 1974 bei München.

Wir gehen nun ein paar Schritte auf der anderen Seite der Straße zurück zu den Häusern Nummer 6 und 7.

Station 3: Roscherstraße 6: Jona-Kirche

Hier auf dem Platz der Jona-Kirche stand früher ein Wohnhaus, das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. 1966 wurde das Gemeindezentrum als Filialkirche der Kirche am Lietzensee gegründet. Heute ist die Gemeinde mit etwa 1000 Mitgliedern selbständig.
Die Kirche heißt nach dem Propheten Jona aus dem Alten Testament, das ist der, der vom Wal verschlungen und dann wieder ausgespuckt wurde. Der Gebäudekomplex, in den die Kirche integriert ist, wurde am 10. Dezember 1967 eingeweiht. Architekt war Georg Lichtfuß.

Station 4: Roscherstraße 7: Zaubertheater Igor Jedlin

Das Zaubertheater wurde vor 25 Jahren von dem gebürtigen Moskauer Zauberkünstler Igor Jedlin gegründet. Seine Ausbildung absolvierte er bei der Moskauer Akademie für Zirkuskunst, ehe er ein Engagement beim Moskauer Staatszirkus bekam. In dem kleinen intimen Theater gibt Jedlin Vorstellungen für Kinder und für Erwachsene, immer von Freitag bis Sonntag.

Station 5: Damaschkestraße

Die Damaschkestraße verläuft von der Heilbronner Straße im Nordwesten zum Lehniner Platz im Südosten und ist 500 m lang. Sie bildet die Grenze zwischen Charlottenburg und Wilmersdorf. Von 1892 bis 1950 hieß sie Küstriner Straße.

1950 wurde sie nach dem Sozialpolitiker und Pädagogen Adolf Wilhelm Ferdinand Damaschke benannt. Er lebte von 1865 bis 1935 in Berlin und setzte sich als Publizist und Sozialpolitiker, unter anderem für eine Bodenreform ein.

Er entstammte einer Handwerkerfamilie. Von 1886 bis 1895 arbeitete er als Lehrer an Schulen in den Arbeitervierteln, wo er mit den sozialen Schwierigkeiten der Kinder konfrontiert wurde. Sein erster öffentlicher Kampf galt der Lehrmittelfreiheit und er geriet darüber in Konflikt mit seinem Arbeitgeber, dem Berliner Magistrat. Er wurde strafversetzt. 1896 suchte er selbst um Entlassung aus dem Schuldienst nach und wurde freier Schriftsteller. Ich zitiere aus seinen Lebenserinnerungen:

Mich von der unmittelbaren Schularbeit zu trennen, ist das schwerste Opfer, das ich bringe. Aber ich muß meinen sozialen Idealen dienen, und das kann ich doch auf die Dauer nur, wenn ich gänzlich unabhängig bin.

Er engagierte sich für eine gesunde natürliche Lebensweise und setzte sich gegen Alkoholmissbrauch ein. 1893 wurde er Schriftführer bei der Zeitschrift „Der Naturarzt“.

Sein eigentliches Thema wurde aber die Bodenreform. Nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/1871 waren die Bodenpreise bis zu 30 Prozent gestiegen. Das ließ über Nacht Tausende von Berliner Arbeiterfamilien, die ihre Mieten nicht mehr bezahlen konnten, obdachlos werden. In der Bibel entdeckte er ein „großartiges Beispiel bodenreformerischer Gesetzgebung“. Grund- und Boden – so Damaschke unter Hinweis auf das 3. Buch Mose, Kapitel 25 – ständen unter göttlichem Eigentumsvorbehalt.

Zwar dürften die Menschen das Land, das Gott ihnen als Leihgabe gegeben habe, nutzen. Anspruch hätten sie aber nur auf den Ertrag ihrer Arbeit, nicht auf den Geldwert des Bodens, den so genannten „Bodenertragszuwachs“. Diesen Ertragszuwachs gilt es nach Damaschke steuerlich abzuschöpfen und der Allgemeinheit zukommen zu lassen. Diese wiederum hat die Aufgabe, diese Steuergelder für den Wohnungsbau und die Linderung sozialer Not einzusetzen.

Einige Schriften Damaschkes finden Sie in unserer Verwaltungsbibliothek.

Station 6: Lehniner Platz

Der Lehniner Platz wurde schon vor 1893 nach dem Ort Lehnin im brandenburgischen Landkreis Potsdam-Mittelmark benannt. Bekannt ist der Ort durch das 1180 gegründete Kloster Lehnin, das älteste Zisterzienserkloster der Mark, das von Markgraf Otto I. gegründet wurde. Im 14. Jahrhundert gehörte das Kloster zu den größten Grundeigentümern der Region.

Auf dem Lehniner Platz fanden am Anfang des 20. Jahrhunderts noch Flottenspiele statt, in einer Art Wasserzirkus mit Tribünen für 4.000 Besucher. 1905 wurden “Die letzten Tage von Pompeji” vorgeführt, 1908 Tennisplätze angelegt und im Winter eine Eisbahn. Nach dem Ersten Weltkrieg kaufte der Verleger Rudolf-Mosse das Gelände auf der gegenüber liegenden Straßenseite. Es war damals die einzig übrig gebliebene Baulücke am Kurfürstendamm. Dazu gleich mehr.

Nun überqueren wir den Ku‘damm und treffen uns vor der Schaubühne wieder.

Station 7: WOGA Komplex

Der Wohn- und Geschäfts-Komplex, kurz WOGA-Komplex, wurde von 1925 bis 1931 von dem bekannten Architekten Erich Mendelsohn im Stil der neuen Sachlichkeit gebaut.

Erich Mendelsohn wurde 1887 in Olzstyn (Allenstein) in Ostpreußen geboren und starb 1953 in San Francisco. Wie bei Erich Kästner war Mendelsohns wichtigste Schaffensperiode in den 20er-Jahren in Berlin. 1933 ging er ins Exil.
Der WOGA-Komplex, hier am Kurfürstendamm 153–156, entstand auf einer Fläche von 40.000 m². Zuerst war nur eine Wohnanlage geplant. Um die Anlage für zahlungskräftige Kunden attraktiver zu machen, beschloss man Kultureinrichtungen und Einkaufsmöglichkeiten in die Anlage zu integrieren. Mendelsohn erarbeitete ein stadtplanerisches Konzept und entwickelte quasi eine Stadt im Kleinen.

Unter seiner Leitung wurden das Ufa-Premierenkino Universum (heute: Schaubühne), das Rauchtheater Kabarett der Komiker, das Café-Restaurant Leon, ein Hotel (später Apartment-Haus), Läden und eine Wohnanlage mit Tennisplätzen im Innenhof und Tiefgaragen erbaut.

Das Areal wird im Süden von der Paulsborner Straße, im Westen von der Cicerostraße, im Norden vom Kurfürstendamm und im Osten von der Albrecht-Achilles-Straße eingegrenzt. Wir werden das Areal von drei Seiten sehen.

Station 8: Ladenstraße

Die Ladenstraße wurde als ein sehr wichtiger wirtschaftlicher Bestandteil des WOGA-Komplexes geplant, sollte sie doch durch ihr Warenangebot Fußvolk anlocken sowie dem ursprünglich vorgesehenen Hotel und dessen Gästen, aber auch den Anwohnern des Areals zugutekommen. Sie konnte sich jedoch nicht gegen die vielen Geschäfte des angrenzenden Kurfürstendammes behaupten und so verwaisten die einzelnen Läden bereits kurz nach ihrer Fertigstellung.

Station 9: Das Apartment-Haus

Das Apartment-Haus war ursprünglich als Hotel geplant. Der Börsenkrach von 1929, auch bekannt als „Schwarzer Freitag“, führte dazu, dass sich die Investoren statt für ein Hotel für ein weiteres Wohngebäude aussprachen. Ein Überbleibsel der ursprünglichen Idee ist die Verbindungsbrücke zum Kino Universum, die Sie hinter der Schaubühne sehen können. Sie sollte es den Hotelgästen ermöglichen, bei schlechtem Wetter geschützt ins Kino zu gelangen. Das siebengeschossige Gebäude ist 45 Meter lang und aufgeteilt in Ein- und Zweizimmerwohnungen. Jeder Aufgang besitzt einen eigenen Aufzug. Die Wohnungen im ersten Stock haben zur Ladenstraße hin großzügige Terrassen. Dem Apartment-Haus schließen sich zwei je 60 Meter lange Seitenflügel an. Hier gibt es fünf Wohnebenen, auf denen jeweils vier Wohnungen angeordnet wurden. Im innenliegenden Hof sind kleine Vorgärten angelegt. Die Gebäude wurden mit einer einspurigen Umfahrungsstraße versehen. Sie ermöglichte die Zufahrt über Rampen zu den Autogaragen, die sich in den äußeren Seitenflügeln befinden.

Station 10: Das Kabarett der Komiker

Gegenüber dem Kino zog 1928 das Kabarett der Komiker ein. Es sollte das erste Rauchtheater Berlins werden mit einer Vollbühne, einem eisernen Vorhang, einer Berieselungsanlage, einem Schnürboden und einer Lüftungsanlage, die einen fünfmaligen Luftwechsel in der Stunde bewältigte. Der kreisrunde Innenraum des Theaters fasste 816 um Tische gruppierte Sitzplätze. Im Erdgeschoss waren ebenfalls kleine Läden untergebracht.

Das KadeKo war eines der berühmtesten Kabaretts der 20er-Jahre, in dem auch noch in den 30er Jahren gewagte Anspielungen gemacht wurden. Werner Finck zum Beispiel fragte noch im Jahr 1936 von der Bühne herunter den anwesenden Spitzel im Publikum: “Kommen Sie noch mit – oder muss ich mitkommen?”. In dem damals berühmten Sketch “Beim Schneider” interpretierte er den Hitlergruß als “Aufgehobene Rechte”.

Der Leiter des KadeKo, Kurt Robitschek, musste allerdings 1933 nach Wien und später nach New York fliehen. Seine Nachfolger Hanns Schindler und Willy Schaeffer hielten den Spielbetrieb bis 1944 aufrecht. Nachdem der Hauptsaal bei einem Bombenangriff zerstört worden war, wurde im Café Leon weiter gespielt. Karl Valentin, Trude Hesterberg, Heinz Erhardt und Brigitte Mira traten hier auf.

Station 11: Café Leon

Das Café Leon war im ersten Geschoss. Es war ein berühmtes Tanzlokal. Nachdem Kästner in die Roscherstraße gezogen war, wurde es zu seinem Stammcafé. Er schrieb dort, traf Freunde und pflegte berufliche Kontakte.

Die Winterzeit ist für die Armen einer Stadt immer besonders hart, deshalb versuchte Kästner 1931 erfolglos im Café Leon ein Mittagessen zu organisieren.
Ich zitiere aus dem Buch „Kästners Berlin“ von Michael Bienert:

Wir waren im Reichsinnenministerium, aber diese Kerle sind zu schlafmützig. Ich möchte nun für den Winter in der ersten Etage des Café Leon einen großen Mittagstisch für Notleidende veranstalten. Der Wirt ist einverstanden. Ich suche noch ein paar Helfer, dann wollen wir Geld zusammentrommeln, von Schauspielern, Filmleuten usw. Wenn das überall gemacht wird, gibt’s im Winter keinen Krach. Sonst ganz bestimmt! Da lass ich mich fressen. Man kann doch nicht zusehen, wie Deutschland kaputtgeht. Mal sehn, ob man genug Geldgeber findet.

Nach 1933 wurde das Café Leon zu einem Veranstaltungsort besonders für jüdische Künstler, denen die Möglichkeiten, am kulturellen Leben teilzunehmen, immer mehr verwehrt wurde. Unter der Leitung von Max Ehrlich diente das Café von 1935 bis 1937 dem jüdischen Kulturbund als Hauptspielstätte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnete hier im April 1948 das “British Centre” mit Film-Club und Musik-Club.

Station 12: Kino Universum

Das Kino Universum, heute die Schaubühne, wurde von Erich Mendelsohn in einem der beiden Kopfbauten untergebracht. Es bot 1763 Sitzplätze. Erich Mendelsohn erläuterte in seinem Baugesuch vom 28. April 1927 das Vorhaben, im Inneren ein versenkbares Orchester zu verwirklichen, das durch einen zusätzlichen Raum unter der Bühne realisiert werden sollte. Hier erwähnt er auch die Belüftungskonstruktion, die das Dach des Gebäudes besonders betont. Ähnlich einem schmalen, hohen Schornstein ragt der Aufbau empor und bot so eine zusätzliche Reklamefläche. Links und rechts des Haupteingangs, den man vom Kurfürstendamm aus erreicht, reihten sich zweigeschossige Läden. Im Krieg wurde das Kino stark zerstört. Nach dem Wiederaufbau zog das Prominentenlokal Ricci ein. Das Kino wurde als Capitol und später als Studio weiterbetrieben. Mitte der siebziger Jahre wurde das Gebäude abgerissen und die Hülle von Jürgen Sawade originalgetreu wieder aufgebaut.

Innen entstand zwischen 1978 und 1981 ein multifunktionales Theatergebäude, dessen technische Ausstattung damals dem höchsten Standard entsprach. Der Innenraum ist flexibel aufteilbar, die konventionelle Trennung zwischen festem Zuschauerbereich und Bühne ist aufgehoben. Erich Kästner, der auch Theaterkritiker war, hätte daran seine wahre Freude gehabt, denn schon 1927 schrieb er, ich zitiere wieder aus Bienerts Buch „Kästners Berlin“:

dass die übliche Guckkastenbühne eine ‚historisch bedingte Zeiterscheinung‘ und es überfällig sei, nach einer ‚neuen Bühnenform‘ zu suchen.

Nun gehen wir in die Schaubühne hinein, wo uns Herr Barner begrüßen und sein Haus vorstellen wird.

Station 13: Schaubühne

Guten Tag, Herr Barner. Wir sind wirklich begeistert, dass Sie es möglich gemacht haben, dass wir Ihr Haus auch von innen sehen können. Ich will aber nun gar nicht mehr viel sagen, sondern Ihnen das Wort übergeben.

Vielen Dank, Herr Barner!
Wir gehen nun wieder hinaus und um die Ecke in die Cicerostraße.

Station 14: Wohnanlage Cicerostraße

Diese fünfgeschossigen Häuser hatten Vierzimmerwohnungen, wobei eines der Zimmer als Mädchenzimmer diente. Das wohl auffälligste Merkmal sind hier die geklinkerten, wellenförmigen Balkone, die die Fassade horizontal gliedern. Auf der Rückseite der Häuser verwendete Mendelsohn als Gestaltungsmittel halbkreisförmige Erkertürme, in denen das Treppenhaus verläuft.

Im Hof befanden sich die Tennisplätze. Dort spielte auch Erich Kästner Tennis. Der russische Schriftsteller Wladimir Nabokov, der in der Nestorstraße wohnte, gab hier Tennisunterricht. Auch andere Prominente, wie Willy Brandt, Johannes Mario Simmel und Luc Bondy, sollen hier gespielt haben. Wenn man dort heute hineinschaut, sieht es so aus, als würden die Flächen demnächst für Urban Gardening genutzt.

Station 15: Cicerostraße

Die Cicerostraße verläuft vom Kurfürstendamm bis zur Seesener Straße. Sie wurde am 8.1.1892 nach dem Kurfürsten von Brandenburg, Johann Cicero, benannt, der in der Zeit vom 2.8.1455 bis 9.1.1499 lebte. Er war der vierte Kurfürst in Brandenburg aus dem Haus Hohenzollern und Sohn des Kurfürsten Albrecht Achilles. Seinen Beinamen Cicero erhielt er wegen seiner großen Beredsamkeit und Kenntnis der lateinischen Sprache.

Er bestätigte die Privilegien der Doppelstadt Berlin-Cölln und bestimmte diese zu seiner bleibenden Residenz. 1488 führte Johann Cicero die Biersteuer ein. Dies war ein Präzedenzfall für das Prinzip der indirekten Besteuerung. In der Altmark war es wegen der Steuer zu Aufständen gekommen, die Johann gewaltsam niederschlagen ließ. 1492 war er am Sternberger Hostienschänderprozess beteiligt, in dessen Ergebnis 27 Juden auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden und alle übrigen Mecklenburg verlassen mussten. Johann Cicero war der erste Regent des Hauses Hohenzollern, der persönlich mit der Mark Brandenburg verbunden war. Seine Vorgänger hielten sich lieber in den fränkischen Besitztümern auf.

Station 16: Cicerostr. 62: Stolperstein von Anna Seidler

Bildvergrößerung: Stolperstein für Anna Seidler
Stolperstein für Anna Seidler Bild: Stolpersteine-Initiative CW, W. Knoll

HIER WOHNTE
ANNA SEIDLER
GEB. NASSAU
JG. 1887
VOR DEPORTATION
FLUCHT IN DEN TOD
19.10.1941

Über Anna Seidlers Leben wissen wir bisher nichts. Der Stolperstein wurde am 22.10.2004 verlegt.

Station 17: Stolpersteine Cicerostr. 61

HIER WOHNTE
ERNST COLLIN
JG, 1886
DEPORTIERT 9.12.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

HIER WOHNTE
ELSE COLLIN
GEB. CRONHEIM
JG.1890
DEPORTIERT 9.12.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Ernst Collin wurde am 31.5.1886 in Berlin geboren. Zuerst war er wie sein Vater Buchbinder, wurde dann aber Schriftsteller und Redakteur. Er schrieb überwiegend über Buchbinderei und grafische Künste, aber auch über Wirtschaftsthemen und Politik. Außerdem arbeitete er als Schriftleiter bei der Berliner Volkszeitung. In der Mommsenstraße 27 richtete er das Corvinus-Antiquariat ein. Er verkaufte Erstausgaben, seltene Bilder, Bibeldrucke, aufwendig gebundene Bücher, darunter auch ein von Paul Kersten in Menschenleder gebundenes Buch, was sich heute in der kalifornischen Stanford School of Medicine befindet.

Über seine Frau Else Collin, geb Cronheim, geboren am 18.3.1890, ist nichts bekannt. Das Ehepaar hatte keine Kinder. Anfangs wohnten Ernst und Else Collin in der Sachsenwaldstraβe 25 in Steglitz und zogen 1929 in die Cicerostraβe 61 in Wilmersdorf.

Die Deportation der Eheleute Ernst und Else Collin fand am 9. Dezember 1942 statt – mit 1000 Menschen vom Bahnhof Grunewald nach Auschwitz, wo sie ermordet wurden.

Die Stolpersteine wurden von der Familie Rita J. Kuhn (USA) und Peter D. Verheyen (USA) sowie Ruth Wiseman (USA) gespendet. Sie wurden am 1.4.2014 verlegt.

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Wir gehen nun weiter an der Wohnanlage vorbei und gehen bei der nächsten Gelegenheit nach links durch bis zur Paulsborner Straße.

Station 18: Paulsborner Straße

Die Paulsborner Straße verläuft von der Brandenburgischen und Xantener Straße bis zur Warmbrunner Straße. Sie wurde am 16.03.1888 nach dem Ausflugsort und Forsthaus Paulsborn am Grunewaldsee benannt.

Station 19: Hochmeisterplatz

Im 19. Jahrhundert hieß der Hochmeisterplatz noch Buchwaldplatz. Seinen jetzigen Namen erhielt er 1892. Neun Straßen münden auf den Platz. An seiner südlichen Seite, abgetrennt durch die Westfälische Straße, steht die Hochmeisterkirche, zu der wir gleich gehen werden. Der Platz wurde von Erwin Barth entworfen. Es gibt einen Kinderspielplatz, die tiefer liegende Liegewiese und Gehölzpflanzungen zu den Straßen hin. Realisiert wurde der Platz 1936 durch Richard Thieme. Die Sitzplätze kamen erst 1959/60 hinzu.

Station 20: Hochmeisterkirche

Die Hochmeisterkirche hat eine aufregende Entstehungsgeschichte.
1901 trafen sich die kirchlich interessierten Männer aus Halensee, um über den Bau einer Kirche in Halensee zu beraten. Die nächstliegenden Kirchen waren zu jener Zeit die Auenkirche in der Wilhelmsaue, die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Breitscheidplatz und seit 1904 die Grunewaldkirche, wobei Grunewald zu der Zeit nicht zu Wilmersdorf gehörte und den Status einer selbständigen Landgemeinde hatte.

Als vorläufige Lösung wurde die Turnhalle der Gemeindeschule in der Joachim-Friedrich-Straße für die Gottesdienste genutzt. Allerdings war der Zulauf nicht sehr groß, da die Halenseer lieber in die Grunewaldkirche gingen. Diese hatte einfach mehr Atmosphäre als die Turnhalle. Das führte allerdings zu Konflikten mit den Grunewalder Gemeindemitgliedern, denn teilweise kamen aus Halensee 300 bis 400 Gläubige und die Grunewalder bekamen keinen Sitzplatz mehr.

Als die evangelische Kirchenvertretung einen Kirchenneubau auf dem Gelände des heutigen Preußenparkes beschloss, protestierten die Halenseer lautstark im Kaiser-Wilhelm-Garten, weil sich damit abzeichnete, dass sie keine eigene Kirche bekommen würden. Ein Aktionsausschuss der Halenseer Vereine schickte mehrere Resolutionen an den Gemeindekirchenrat, den Gemeinderat, die Baubehörde und die Regierungsbehörde und war damit eine der ersten erfolgreichen Bürgerinitiativen. Denn nach einigem Hin und Her wurde der Hochmeisterplatz als Standort bestimmt. Er gehörte einer Erbengemeinschaft. Der Maurermeister und Architekt Otto Schnock wurde 1906 Stadtrat von Deutsch-Wilmersdorf und setzte sich sehr für den Kirchenbau ein. Er führte die Verhandlungen mit der Erbengemeinschaft so geschickt, dass der Kaufpreis zwei Drittel niedriger lag als die ortsüblichen Grundstückspreise. Aufgrund dieses Engagements wurde er trotz Proteste anderer Architekten auch der Baumeister der Hochmeister-Kirche, die als neo-romanischer Backsteinbau errichtet wurde. Die Einweihung fand am 11.9.1910 statt.

Im Krieg wurde die Kirche schwer zerstört und war nicht mehr benutzbar. Sie wurde 1958 als letzte der Wilmersdorfer Kirchen wieder aufgebaut, und zwar durch Erwin Rettig.

Nun möchte ich aber ganz herzlich Frau Tech und Frau Schumann von der Gemeinde der Hochmeisterkirche begrüßen, die/der ein paar Worte an uns richten wird.
Vielen Dank!

Wir befinden uns hier auf der Westfälischen Straße.

Station 21: Westfälische Straße

Die Westfälische Straße ist 620 m lang und verläuft von der Brandenburgischen Straße am Fehrbelliner Platz bis zum Kurfürstendamm am Henriettenplatz. Die Straße wurde 1888 nach der damaligen preußischen Provinz Westfalen benannt. Zuvor hieß sie Die Kuhtrift.

Station 22: Westfälische Straße / Ecke Cicerostraße 48: BVG Betriebshof C

Der Betriebshof Cicerostraße wurde 1899 als Straßenbahnhof eingerichtet und ist damit der älteste Hof der Berliner Verkehrsbetriebe. 1939 wurde er geschlossen und 1943 bei einem Bombenangriff zerstört. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gelände 18 Jahre lang für Kleingärten genutzt. 1957 beschloss die BVG, auf dem Gelände einen neuen Bus-Betriebshof zu errichten, der am 1. Juni 1958 wieder eröffnet wurde. Er heißt Betriebshof C, weil die Einfahrt in der Cicerostraße liegt. Gut ein Fünftel der Gesamtfläche ist bebaut. Auf 42.989 Quadratmetern bietet er 221 Bussen ein Zuhause. Diese bedienen 17 Buslinien. Jeder der knapp 300 Fahrer und Fahrerinnen legt im Schnitt 18.739 km mit seinem Bus zurück. Der Hof C ist der einzige Innenstadtbetriebshof und somit sehr wichtig für die Bedienung der zahlreichen Innenstadtlinien. Auf dem Hof sind 448 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ganzjährig rund um die Uhr tätig.

Station 23: SIWA Eisenzahnstraße 45

Neben dem Gelände der Otto-von-Guericke-Oberschule in der Eisenzahnstraße 45 wird in Kürze ein Leuchtturmprojekt des Bezirks gebaut werden: eine dreifeldige, doppelstöckige Sporthalle. Es ist ein Projekt, für das bereits 1998 ein städtebaulicher Wettbewerb ausgeschrieben worden war, bisher aber die Mittel zum Bau fehlten. Der Senat stellt nun aus dem Topf „Sonderinvestition Wachsende Stadt“ 4,96 Mio. € zur Realisierung des Projekts zur Verfügung. Das Geld reicht erst einmal nur für das untere Stockwerk, die Halle wird später aber problemlos aufzustocken sein.
Sie wird barrierefrei gebaut, und wir streben an, dass auch Rollstuhlsport darin möglich ist. Vor dem ersten Spatenstich im Frühjahr 2016 sind noch umfangreiche Planungsarbeiten notwendig, auch die Fabrikgebäude auf dem Grundstück müssen noch abgerissen werden. Die Halle kann voraussichtlich Ende 2017 der Öffentlichkeit übergeben werden.

Station 24: Westfälische Straße 16a: Jugend- und Kulturzentrum

150613 Kiezspaziergang BzBm mit H. Zielen von der Spirale
Thomas Zielen mit Bezirksbürgermeister R. Naumann Bild: BA Charlottenburg-Wilmersdorf, ML

Nun kommen wir zum Jugend- und Kulturzentrum Spirale. Hier erwartet uns Herr Thomas Zielen, der Leiter des Zentrums.
Guten Tag, Herr Zielen. Wir freuen uns sehr, dass Sie es möglich gemacht haben, uns heute hier zu begrüßen und die Spirale mit ihrem beeindruckenden Angebot vorzustellen.
Vielen Dank, Herr Zielen.

Wir überqueren nun die Westfälische Straße und gehen durch die Bielefelder Straße zur Ruhrstraße 6.

Station 25: Ruhrstraße 6: Freie Volksbühne Berlin

Bildvergrößerung: 125-jähriges Jubiläum Freie Volksbühne 13.06.2015
Bild: Sibylle Marx

Als erstes möchte ich ganz herzlich Alice Ströver, die Geschäftsführerin der Freien Volksbühne, begrüßen. Wir freuen uns sehr, heute an diesem ganz besonderen Tag bei Ihnen zu Gast zu sein. 125 Jahre sind eine lange Zeit, und eine wechselvolle Geschichte liegt hinter der Freien Volksbühne. Dazu werden Sie uns sicher gleich noch etwas erzählen. Aber nun möchte ich der Freien Volksbühne ganz herzlich zu ihrem 125. Geburtstag gratulieren und wünsche dem Verein, dass er sich noch lange für die Kultur in unserer Stadt einsetzen kann.
Herzlichen Glückwunsch!

Bevor ich Frau Ströver das Mikrofon übergebe, noch ein paar beeindruckende Zahlen. Der Verein hat 6200 Mitglieder. Der Mitgliedsbeitrag beträgt nur € 36,00 im Jahr. Dafür bekommt man ermäßigte Eintrittskarten für Oper, Schauspiel, Musical, Kabarett, Varieté und auch Sportveranstaltungen. Das Programm und die bestellten Karten werden zugeschickt.
Dem Verein ist es 1913 gelungen, die heutige Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz zu bauen und nach dem Mauerbau 1963 die Freie Volksbühne in der Schaperstraße. Eine großartige Leistung!

Nun aber übergebe ich das Wort an Frau Ströver.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei dem Bühnenprogramm und beende nun den offiziellen Teil des Kiezspaziergangs.

Bis zum nächsten Mal!