Kiezspaziergang am Internationalen Tag der Frau am 8.3.2003

vom Rathaus Charlottenburg zum Charlottenburger Tor

mit Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen
Treffpunkt vor dem Rathaus Charlottenburg

Link zu: Hinter dem Rathaus Wilmersdorf an der Gedenktafel für Erich Mühsam, 8.3.2003, Foto: KHMM
Hinter dem Rathaus Wilmersdorf an der Gedenktafel für Erich Mühsam, 8.3.2003, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Sehr geehrte Damen und Herren,

herzlich willkommen zu unserem heutigen Kiezspaziergang.

Wie immer zuerst der Hinweis auf den nächsten Termin: Am 12. April hoffen wir auf frühlingshaftes Wetter, und deshalb soll es an diesem Tag in den Grunewald gehen. Grunewaldförster Kilz und der Bezirksstadtrat für Bürgerdienste, Joachim Krüger wollen dann mit Ihnen einen Teil des Grunewaldes erwandern. Treffpunkt ist auf dem Vorplatz am Bahnhof Grunewald wie immer um 14.00 Uhr. Unter anderem wird es zum jüdischen Sportplatz und zu unserer Bezirksgärtnerei gehen.

Heute ist der Internationale Tage der Frau, und deshalb haben wir uns einen Spaziergang vorgenommen, der sich mit bedeutenden Frauen unseres Bezirks beschäftigt, mit der Frauenbewegung und mit Einrichtungen von und für Frauen. Immerhin bezieht sich ja der Name Charlottenburg auf eine Frau, die Königin Sophie Charlotte. Wir sind also in gewisser Weise von den 12 Berliner Bezirken der einzige weibliche. Wir werden der Königin und ihrem Schloss am Ende unseres Rundganges begegnen.

Heute will ich die Geschichte von dem Rathausturm, dessen Höhe der Kaiser nicht akzeptieren wollte, nicht wiederholen, denn das ist doch vielleicht eher eine Geschichte von männlicher Konkurrenz. Wenn Sie sich aber den Abschluss des Giebels über dem Haupteingang ansehen, der vor den Turm gesetzt ist, so werden Sie feststellen, dass unser Rathaus und damit natürlich auch der gesamte Bezirk unter weiblichem Schutz steht, nämlich unter dem Schutz von Pallas Athene. Direkt über dem Schild mit dem Charlottenburger Wappentor ist sie mit Helm abgebildet, über ihr ein kreisrundes Gebäude. Sie ist hier die griechische Schutzgöttin der Burgen und Städte. Der Helm zeigt, dass sie wehrhaft ist, aber Angriffswaffen fehlen. Sie ist auch die Göttin der Verträge und des Friedens – ein schönes Symbol für eine Kommunalverwaltung.

Darunter stehen rechts und links vom Balkon des Bürgermeisterzimmers zwei überlebensgroße Frauengestalten. Es sind allegorische Darstellungen der Weisheit und der Gerechtigkeit. Von Ihnen aus gesehen links die Justitia stützt mit ihrem rechten, angewinkelten Bein das Gesetzbuch ab und hält es, nach außen geöffnet dem Betrachter entgegen. Die linke Hand umfasst das Schwert, das auf dem rechten Unterarm liegt. Zu Füßen der Justitia erinnern zwei ineinander verschlungene Schlangen an den Gegensatz von Gut und Böse.

Die Figur der Weisheit auf der rechten Seite hat ihre Beine gekreuzt, ihr in eine Kapuze gehüllter Kopf ist über ein Buch gesenkt, in dem sie liest. Die rechte Hand hat sie zum Schwur erhoben, als wollte sie die eben erfahrene Weisheit beschwören. Als Symboltier hat der Bildhauer ihr zu Füßen eine Eule beigegeben.

Weisheit und Gerechtigkeit als Herrschertugenden werden also auch von Bürgermeistern und Bürgermeisterinnen erwartet, und sie sind weiblich, wie wir sehen können. Als Portalfiguren enthalten die beiden Frauen auch ein Versprechen an die Bürgerinnen und Bürger, die dieses Rathaus betreten. Sie sollen wissen, dass ihre Repräsentanten der Gerechtigkeit verpflichtet sind und weise handeln.

Die Figuren unterhalb des Daches sind ebenfalls als Alegorien zu verstehen. Links vom Rathausturm sehen wir das Handwerk, die Kunst, die Wissenschaft und die Verwaltung, rechts die Geistlichkeit, den Handel, Ackerbau, Industrie, Jugendfürsorge und die Heilkunst. Auch diese alegorischen Figuren sind überwiegend weiblich. Der Frauenkopf unmittelbar über dem Eingang stellt ebenfalls die Stadtgöttin Pallas Athene dar.

Vielleicht darf ich an dieser Stelle auch darauf hinweisen, dass ich nach Monika Wissel die zweite Bezirksbürgermeisterin bin, die in diesem Haus ihren Sitz hat. Eine weibliche Bürgermeisterin hat es in der Stadt Charlottenburg von 1705 bis 1920 nie gegeben. Und in Wilmersdorf hat es weder eine Bürgermeisterin noch eine Bezirksbürgermeisterin gegeben. Daran können Sie sehen, dass sich in den letzten Jahren in dieser Hinsicht doch einiges verändert hat. Deshalb ist auch gar nicht so einfach, historische Spuren bedeutender Frauen zu finden. Umso wichtiger ist es, sie zu suchen und vorzustellen, was ich heute gemeinsam mit Ihnen tun will. Aber wir werden dabei auch die Spuren männlichen Wirkens, denen wir begegnen werden, nicht völlig ignorieren.

Wir werfen zunächst einen Blick in die dörfliche Vergangenheit Charlottenburgs und gehen dafür zunächst einmal um das Rathaus herum nach Alt-Lietzow.

Otto-Suhr-Allee

Alt-Lietzow

Die Straße wurde 1937 nach dem alten Dorfnamen benannt. Zuvor hieß sie Lützower Straße.

Das Dorf Lietzow wurde im Jahr 1239 erstmals erwähnt, damals noch unter der Bezeichnung “Lucene”. Erwähnt wurde das Dorf, das damals nur aus einem einzigen Hof bestand, in der Stiftungsurkunde des Nonnenklosters in Spandau, dem es 300 Jahre lang bis 1542 gehörte. Also nicht nur die Stadtgründung Charlottenburgs im Jahr 1705 geht auf eine Frau zurück, sondern auch die dörfliche Vergangenheit stand unter der Herrschaft von Frauen, den Spandauer Nonnen, die 1542 von Kurfürst Joachim II enteignet wurden. Es war die Zeit der Säkularisation: Ein großer Teil des Kirchenbesitzes ging an den Staat über. Damals gab es in Lietzow 13 Höfe. Das Dorf wurde 1720 in die neu gegründete Stadt Charlottenburg eingemeindet.

Die Arcostraße wurde 1950 dem Hochfequenzingenieur Georg Wilhelm Graf von Arco (1897-1950) benannt, der die Grundlagen der Telegraphie erforscht hat, bei AEG die ersten Telegraphenapparate in Serie bauen ließ und die Firma Telefunken gründete. Während des Ersten Weltkriegs engagierte er sich in der pazifistischen Bewegung. Die Straße hieß von 1897 bis 1950 Havelstraße.

Alt-Lietzow 12

Gedenktafel für Erich Mühsam
Hier lebte der deutsche Schriftsteller
Erich Mühsam
von 1924 bis 1927
“Ein Anarchist, der die Gewalt hasste”
1934 von den Nationalsozialisten
im KZ Oranienburg ermordet

Erich Mühsam wurde am 6.4.1878 in Berlin geboren. Er wurde bekannt als Anarchist und Mitglied der Münchener Räteregierung 1918. Am 7.7.1919 wurde er wegen Hochverrats zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt. Nach seiner vorzeitigen Entlassung aus der Haft in Niederschönenfeld im Dezember 1924 kam er hierher nach Charlottenburg, wo er bis 1927 lebte und sich unter anderem in der sozialistischen “Roten Hilfe” für die Befreiung politischer Häftlinge engagierte. Kurz vor seiner geplanten Flucht nach Prag wurde er am 28.2.1933 als “politisch verdächtige Person” nach dem Reichstagsbrand von den Nationalsozialisten verhaftet. Im KZ Oranienburg wurde er gefoltert und in der Nacht vom 10. zum 11. Juli 1934 ermordet. Das KZ Oranienburg wurde kurz danach aufgelöst. Es wird häufig mit dem KZ Sachsenhausen bei Oranienburg verwechselt. Mühsam war ein bedeutender Lyriker, Dramatiker und Essayist.

Die Gedenktafel mit der Portraitzeichnung Mühsams wurde von der Künstlerin Brigitte Arndt gestaltet und am 18. Januar dieses Jahres enthüllt. Brigitte Arndt lebt und arbeitet in dem Haus, das dem Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf gehört und bevorzugt an Künstlerinnen und Künstler vermietet wird. Deshalb haben wir es “Künstlerhof” genannt. In dem Haus befand sich früher eine Beerenlikörfabrik, eine Wäscherei, eine Autoreparaturwerkstätte, aber schon immer haben auch Künstler hier gelebt und gearbeitet. Heute leben hier neben der Malerin Brigitte Arndt ein Grafiker, ein Bildhauer und ein Musikinstrumentenbauer. Seine Werkstatt “Die Flöte” ist in ganz Berlin bekannt. Daneben gibt es einen Elektrotechniker, ein Ingenieurbüro und einen Veranstaltungsraum, in dem Lesungen, Konzerte und Ausstellungen veranstaltet werden.

Link zu: Gegenüber der Herz-Jesu-Kirche, 8.3.2003, Foto: KHMM
Gegenüber der Herz-Jesu-Kirche, 8.3.2003, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Alt-Lietzow 23

Die katholische Herz-Jesu-Kirche wurde 1875-77 von Hubert Stier als dreischiffige Basilika im gotischen Stil ohne Turm und ohne Querhaus erbaut. 1883 wurden der Chor und die Sakristei angefügt. Die Kirche wurde im Krieg beschädigt und 1953 wiederhergestellt. Die Kirche steht unter Denkmalschutz.

Gedenktafel für Bernhard Lichtenberg, enthüllt im Juni 2002

In dieser Kirche wirkte von 1913 bis 1930
BERNHARD LICHTENBERG
3.12.1875 – 5.11.1943
als Pfarrer
Seit 1932 Dompfarrer an der St. Hedwigs-Kathedrale,
seit 1938 Dompropst in Berlin,
im Vorstand des Friedensbundes Deutscher Katholiken,
predigte engagiert gegen den Nationalsozialismus,
rettete Verfolgte vor der Gestapo,
wurde 1941 verhaftet und zu 2 Jahren Gefängnis verurteilt,
starb in Hof auf dem Transport ins KZ Dachau.

Alt-Lietzow 31

Sankt Josefsheim, Kinder- und Jugendheim und Kindertagesstätte der Caritas.

Das erste, jetzt nicht mehr existierende Gebäude wurde im Jahre 1858 errichtet und damals noch “Kloster zum Guten Hirten – Rettungsanstalt für Gefallene Mädchen” genannt.

Was die damaligen Kirchenobersten unter dem Begriff “Gefallene Mädchen” verstanden, wird durch ein Zitat des Propstes der St. Hedwig-Kirche vom März 1856 deutlich:

“Es ist eine der trübsten Erfahrungen meines Seelsorgerberufes am hiesigen Ort, unausgesetzt um eine erhebliche Anzahl junger Mädchen meiner Gemeinde zu wissen, die vom Strom des sittlichen Verderbens fortgerissen, der gewerbsmäßigen Fleischeslust entweder schon verfallen sind oder diesem Abgrund doch nahe stehen, ohne dass ich die Mittel besitze, jene unglücklichen Personen ihrer dämonischen Fesseln zu entreißen und ihnen Asyl zu bieten zur Rettung ihrer Seele und ihres Leibes. In der syphilitischen Abteilung der hiesigen königlichen Charite fand ich unlängst sechs solcher katholischer Mädchen in Pflege, die unter heißen Tränen mich anflehten, sie den Armen der Sünde zu entreißen.”

Die “Rettungsanstalt” sollte nicht nur Mädchen und Frauen aus Charlottenburg, sondern aus der gesamten Umgebung Berlins aufnehmen. Errichtung und Existenz des Hauses waren immer stark umstritten, da man von protestantischer Seite aus ein Anwachsen des Katholizismus befürchtete. Charlottenburg als Residenzstadt und Erholungsvorort von Berlin wurde für eine solche Anstalt auch als der falsche Platz betrachtet. So konnte der Polizeipräsident “Charlottenburg als vielbesuchten Vergnügungsvorort Berlins im Zeitalter der Korso Lustbarkeiten nicht als rechten Platz für eine Besserungsanstalt erachten”.

Am 11. Februar 1858 trafen die ersten vier Ordensschwestern vom “Guten Hirten” aus dem Münchener Provinzialhaus in Charlottenburg ein. Die von den Frauen geleistete soziale Arbeit, definiert als “Liebestätigkeit”, war in den Ordensregeln fest verankert. Die ursprüngliche Klosteranlage, in der die Anstalt untergebracht war, sah nach den Schilderungen eines Kaplans folgendermaßen aus:

“Die Behausung der Schwestern war sehr beschränkt: die ganze Gebäulichkeit war ungefähr 120 Fuß breit, ohne jedes Stockwerk. Die Hälfte des unteren Teiles diente als Pfarrkirche für die Katholiken Charlottenburgs und auch als Kapelle für die Schwestern. Die Wohn- und Schlafräume für Schwestern und Büßerinnen mussten unter dem Dach eingerichtet werden, wo außer einigen Dachkammern noch vier brauchbare Zimmer waren.”

Die Anstalt wuchs schnell: 1860 wurden durchschnittlich 20 “Büßerinnen” genannt, 1875 schon 142 und für das Jahr 1900 insgesamt 325 Insassinnen, deren Alter zwischen 15 und 50 Jahren lag.

Die Mädchen und Frauen wurden unterschiedslos, egal welchen Alters, “Kind” genannt. Das Klosterleben wurde bestimmt durch Arbeiten, die für den eigenen Bedarf und auch für Personen außerhalb des Klosters geleistet wurden. Haus- und Gartenarbeiten, Weißnähen, Plätten, Sticken, Bügeln, Backen, Schustern und ganz besonders Waschen waren die Tätigkeiten, die die Mädchen und Frauen, angeleitet von den Schwestern, verrichteten.

“Arbeit ist hierselbst ein erstes Heilmittel, eine heilsame Arznei. Die Tagesordnung ist ungefähr folgende: Aufstehen im Sommer um halb Fünf, im Winter um Fünf Uhr: dann gemeinschaftliches Morgengebet und heilige Messe: nach einer kurzen Erholungspause folgt Frühstück. Um 7 Uhr gehen Alle an ihre Beschäftigung zu den Arbeitssälen, zum Nähen oder Waschen oder auch zur Hausreinigung. Im Laufe des Vormittags wird auf etwa eine halbe Stunde eine freie Pause gewährt, während welcher die Kränklichen und die mit schweren Arbeiten Beschäftigten ein zweites Frühstück erhalten. Während der Arbeit soll allenthalben Stille herrschen: auch werden gemeinsam Gebete gesprochen, Lieder gesungen, geistliche oder unterhaltende Vorlesungen gehalten. Um halb 12 Uhr begeben sich sämtliche Zöglinge in den gemeinsamen Speisesaal zum Mittagstisch. Die nachfolgende Erholung dauert bis 1 Uhr. (…) Während der Arbeit des Nachmittags wird um halb 4 Uhr der Kaffee genommen und um 7 Uhr Abendbrot: darauf ist Erholung bis halb 9, und nach gemeinschaftlichem Abendgebet begibt sich alles in die Schlafsäle zur Ruhe. Zweimal wöchentlich wird vom Anstaltsgeistlichen gemeinsamer Religionsunterricht erteilt.”

Schwer getroffen wurde das Haus durch das preußische Kloster-Aufhebungsgesetz von 1875. Die meisten Schwestern verließen das Haus, die Mädchen wurden anderweitig untergebracht oder entlassen. Durch Statutenänderungen konnte erreicht werden, dass das Kloster als Krankenanstalt mit 44 Patientinnen weitergeführt wurde. Wie andere Städte auch war Charlottenburg auf die kostenlosen Pflegedienste der Schwestern erpicht. 1887, nach Zurücknahme des Gesetzes, erhielt das Haus wieder seinen ursprünglichen Charakter.

Seit dem Jahre 1894 beteiligte sich die Anstalt auch an der Ausbildung von Gefängniswärterinnen. Bis 1900 wurden dort 20 Frauen in einem sechsmonatigen Kurs für diesen neuen Beruf ausgebildet.

1905 zogen die Schwestern zum Guten Hirten in ein größeres Haus nach Marienfelde. Das Gebäude in Charlottenburg wurde von Carmelitinnen vom “Göttlichen Herzen Jesu” aus Schöneberg übernommen. Ihr Heim nannte sich jetzt St. Josefsheim mit dem Zusatz “Heimat für heimatlose Kinder”; es wurden nun auch Jungen aufgenommen. Schon von Anfang an bestand in der erzieherischen Arbeit das “Familiensystem”, das heißt die Kinder lebten in überschaubaren Gruppen mit jeweils einer Erzieherin. Damals befanden sich 16 Kinder in einer “Familie”, eine Zahl, die für die damalige Zeit ungewöhnlich klein war.

1919 konnte die Oberin das Gebäude erwerben. Es wurde Provinzialhaus mit Noviziat , Kinderheim, Kindergarten und Hort.

1921 fand die Einkleidung von 106 Novizinnen statt. Es wurde ein Schwesterntrakt mit 30 Einzelzellen angebaut.

1943 wurden große Teile des Hauses zerstört, die Kinder waren schon evakuiert.

1945 wurden wieder Flüchtlingskinder aufgenommen.

1952 wurde der Schwesterntrakt fertiggestellt.

1970 erfolgte eine Umstrukturierung der Gruppen, das Modell der Außenwohngruppen mit vier Jugendlichen in einem Extratrakt auf dem Gelände entstand.

1989 lebten 48 Kinder und Jugendliche in sechs Wohneinheiten, im Kindergarten und -hort befinden sich ca. 100 Kinder.

Link zu: Malteser Hilfsdienst 8.3.2003
Malteser Hilfsdienst 8.3.2003 Bild: Bezirksamt

Alt-Lietzow 33

Malteser Hilfsdienst. Das Haus wurde 1888/99 von Paul Bratring als viergeschossiger Ziegelbau für die Feuerwache Lietzow gebaut. In den Folgejahren gab es zahlreiche Erweiterungsbauten: 1895 einen Zwischenflügel, 1899 einen hölzernen Steigeturm, 1903/04 eine nach Norden ausgerichtete Dreiflügelanlage und 1924 ein Wohnhaus.

Alt-Lietzow-Platz

Hier befand sich der ehemalige Dorfanger von Lietzow. Um 1900 wurde er zu einem ovalen Schmuckplatz umgestaltet. Das Gefallenendenkmal für die preußischen Kriege wurde bereits 1875 errichtet. Später wurden die Tafeln zur Erinnerung an die Gefallenen der beiden Weltkriege ergänzt. Trotz der Einmündung von sechs Straßen ist es ein ruhiger Platz mit Aufenthaltswert. In der Mitte befindet sich die Holzskulptur eines Bären mit einem Vogel.

Die evangelische Kirche Alt Lietzow ist der fünfte Kirchenbau an dieser Stelle. Bereits im 15. Jahrhundert wurde hier eine dörfliche Feldsteinkirche gebaut. Die dritte Kirche wurde 1848 von August Stühler gebaut. Sie wurde 1910 abgerissen und durch eine größere, neobarocke Kirche von Jürgen Kröger ersetzt, die dann im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Die heutige Kirche baute 1961 der Architekt Ludwig von Walthausen. Sie besteht aus einem zeltartigen Saalbau mit einem freistehenden Glockenturm. Teilweise wurde in Fertigteilbauweise gebaut. Die Kirche gehört zur Evangelischen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche- und Luisengemeinde.

Alt-Lietzow 28

Standesamt in der Villa Kogge: Die Villa wurde 1864-66 als spätklassizistischer Putzbau mit sandsteinartigen rötlichen Absetzungen errichtet. An allen vier Seiten gibt es Vorbauten und reichen Bildschmuck. Bemerkenswert sind an der Gartenfassade die Nachbildung eines Teiles des Sockelreliefs vom Bronzedenkmal Friedrichs II. unter den Linden von Christian Daniel Rauch, sowie zwei Nachschöpfungen hellenistischer Gewandstatuen.

Unser Standesamt wird von einer Frau geleitet, von Sylvia Brenke, und mit der Villa Kogge, dem Rathaus Schmargendorf und dem Intarsiensaal im Rathaus Charlottenburg haben wir drei äußerst beliebte Hochzeitsorte anzubieten. Aber es gibt bei uns auch die Möglichkeit, sich auf dem Schiff, auf dem Funkturm oder auf der Grünen Woche trauen zu lassen.

Warburgzeile

1947 benannt nach dem Physiker Emil Warburg (1846-1938). Er galt als einer der bedeutendsten Experimentalphysiker seiner Zeit.

Das ehemalige Postamt Charlottenburg 1 wurde 1929-35 von Robert Gaedicke und Arthur Freitag mit Packkammer, Dienstgebäude und Werkstätten gebaut. Die Gesamtanlage steht unter Denkmalschutz. Sie ist bis heute als Postfiliale und Verteilstelle in Funktion.

Link zu: Cecilienhaus, 8.3.2003, Foto: KHMM
Cecilienhaus, 8.3.2003, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Otto-Suhr-Allee
1957 nach dem früheren Berliner Regierenden Bürgermeister benannt, zuvor Berliner Straße

Otto-Suhr-Allee 59 (früher Berliner Str. 137)
Cecilienhaus

Das Cecilienhaus wurde von 1907 bis 1909 von Walter Spickendorff und Rudolf Walter als Wohlfahrtsbau des “Vaterländischen Frauenvereins Charlottenburg” gebaut. Es war die Zentrale für die Wohlfahrtseinrichtungen Charlottenburgs mit einer Frauenklinik und Entbindungsstation. Folgende Einrichtungen des Vaterländischen Frauenvereins Charlottenburg waren hier untergebracht: Ein Sanatorium, eine Zentralküche, eine Krankenküche, für Männer und Frauen je eine Volksküche, eine Lungenkranken- und eine Säuglingsfürsorgestelle, eine Krippe, diverse Büros, Wohn- und Versammlungsräume der vereinseigenen Schwesternschaft und Tagungsräume. Außerdem hatte die Stadt Charlottenburg im Cecilienhaus Räumlichkeiten für eigene Fürsorgestellen angemietet. Außerdem residierten hier noch der Hauspflegeverein, der Elisabeth-Frauen-Verein für Wöchnerinnen, der Verein für Rechtsauskunft, die Rechtsschutzstelle für Frauen und eine öffentliche Schreibstube für Arbeitslose. Zuguterletzt siedelte sich noch die “Vereinigung der Wohltätigkeitsbestrebungen” im Haus an, ein Zusammenschluss der wichtigsten Wohlfahrtsvereine aus dem Jahr 1901.

Der Vaterländische Frauenverein wurde 1866 gegründet, gehörte dem Roten Kreuz an und war die größte Frauenorganisation in Deutschland und von großer Bedeutung für die soziale Frauenarbeit. Der Charlottenburger Zweigverein wurde 1879 gegründet.

Die Fassade des Cecilienhauses ist in strengem Jugendstil gehalten, aus Muschelkalk, mit einer Pfeilerhalle im obersten Geschoss. Neben der Einfahrt befanden sich rechts und links ursprünglich vermutlich eine Apotheke und die Portiersloge. Durch Kriegszerstörung gingen große Teile des ursprünglich bis zur Krummen Straße reichenden Komplexes mit vier Höfen verloren. Erhalten sind die Fassade, das Vorderhaus, ein Hinterhaus und der erste Hof. Heute wird das Haus gewerblich genutzt.

Marie-Elisabeth-Lüders-Straße

1967 benannt nach der Politikerin und Frauenrechtlerin Marie-Elisabeth Lüders (1878-1966). Davor hieß die Staße Neue Grolmannstraße.

Marie-Elisabeth Lüders wurde am 25.6.1878 in Berlin geboren. Sie studierte von 1906 bis 1910 Nationalökonomie und promovierte 1912 in Berlin als erste deutsche Frau im Fach Staatswissenschaften zum Dr. rer. pol. Seit 1901 war sie in der deutschen Frauenbewegung tätig und arbeitete vorrangig auf dem Gebiet der Sozialfürsorge. Von 1912 bis 1915 war sie als Wohnungspflegerin der Stadt Charlottenburg angestellt, das heißt sie inspizierte Wohnungen der armen Bevölkerung.

Mit Beginn des Ersten Weltkrieges leitete sie ab 1914 zunächst die städtische Kriegsvorsorge in Charlottenburg, dann die Frauenarbeitszentrale im preußischen Kriegsministerium und gründete gemeinsam mit anderen Vertreterinnen des Bundes Deutscher Frauenvereine den Nationalen Frauendienst.

Von 1918 bis 1921 war sie Studiendirektorin an der Niederrheinischen Frauen-Akademie in Düsseldorf. 1919 wurde sie für die Deutsche Demokratische Partei DDP in die Nationalversammlung gewählt, von 1924 bis 1930 war sie Abgeordnete im Reichstag. Sie war eine Repräsentantin des Bundes Deutscher Frauenvereine und setzte sich nachdrücklich für die Gleichstellung der Frau in Staat und Gesellschaft ein. 1930 wurde sie zur Vorsitzenden des Deutschen Akademikerinnenbundes gewählt und im Januar 1932 in den Abrüstungsausschuss der Weltfrauenorganisation delegiert.

Von den Nationalsozialisten erhielt sie 1933 Berufs- und Redeverbot. 1936 veröffentlichte sie das Buch “Das unbekannte Heer – Frauen kämpfen für Deutschland 1914 – 1918”. Das Buch war den Nazis im Hinblick auf die Mobilisierung von Frauen für den Krieg willkommen. Trotzdem erhielt Marie-Elisabeth Lüders 1937 Publikationsverbot und wurde von Juni bis Oktober 1937 im Zuchthaus Moabit wegen angeblicher “Heimtücke” inhaftiert. Danach tauchte sie kurzzeitig in Freiburg unter. Dann beteiligte sie sich an einer Hilfsaktion für jüdische Bürgerinnen und Bürger, die von Quäkern organisiert worden war. Sie nahm Verfolgte in ihrer Wohnung in Eichkamp auf. Im Dezember 1943 wurde ihre Wohnung ausgebombt, sie ging nach Baden.

Nach einer Tätigkeit als Lehrerin an einer amerikanischen Verwaltungsschule kehrte sie 1947 nach Berlin zurück und wurde in die Sozialverwaltung berufen. Von 1948 bis 1950 war sie Stadtverordnete von West-Berlin und von 1949 bis 1951 Stadträtin für Sozialwesen. 1953, im Alter von 75 Jahren, wurde sie für die FDP in den Bundestag gewählt und war von 1953 bis 1961 Alterspräsidentin. 1958 erhielt sie insbesondere für ihre Leistungen zur Förderung der Rechtsstellung der Frau im öffentlichen Leben, im Beruf und in der Familie als 80jährige die Berliner Ehrenbürgerschaft. Sie starb am 25.3.1966 im Alter von 88 Jahren in Berlin.

Marie Elisabeth Lüders lebte bis 1928 in der Uhlandstraße 7, danach mit Unterbrechungen bis zu ihrem Tod 1966 in Eichkamp Im Hornisgrund 25.

Otto-Suhr-Allee 19 (früher Berliner Str. 39) Ecke Marie-Elisabeth-Lüders-Straße

Private Mädchenschule Ida von Klockow

Hier wurde schon vor 1900 eine höhere Töchterschule von Ida von Klockow geleitet. Sie war Ehrenvorsitzende des Bundes private deutscher Mädchenschulen und vertrat als Abgeordnete in der Charlottenburger Stadtverordnetenversammlung die Interessen der Privatschullehrerinnen.

Link zu: Haus Ottilie von Hansemann, 8.3.2003, Foto: KHMM
Haus Ottilie von Hansemann, 8.3.2003, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Otto-Suhr-Allee 16-18 (früher Berliner Str. 37-38)

Haus Ottilie von Hansemann, Studentinnen-Wohnheim, gebaut von Emilie Winckelmann, der ersten deutschen Architektin

Nachdem in Preußen 1908 die Universitäten für Frauen endlich geöffnet worden waren, beschloss der Verein ,,Victoria-Lyzeum” die Einrichtung eines Studentinnen-Wohnhauses aus der “Erkenntnis der Notwendigkeit, für die an Berliner Hochschulen studierenden Frauen eine Stätte zu schaffen, in der sie unter den Bedingungen häuslichen Zusammenlebens den Schutz, die Ruhe und die sonstigen Voraussetzungen erfüllt finden, die eine möglichst vollkommene Erreichung ihres Studienzweckes gewährleisten.”

Zum Wintersemester 1915/16 wurde das Haus in der Berliner Straße 37/38 (heute Otto-Suhr-AIlee 16-18) eröffnet. Das Gebäude verfügte über 96 Einzelzimmer, eine zentrale Warmwasserheizung und -Versorgung, Fahrstühle, Bäder, Wohn- und Empfangszimmer, Bibliothek, Arbeitsräume, Lesesaal, Projektionsvorrichtungen für Vorträge und Festlichkeiten, Turnsaal und Dunkelkammer. Außerdem gab es einen Garten mit Spielplätzen. Der Mietpreis betrug 40-80 Mark warm. 2 bis 3 Mark zusätzlich wurden von den Frauen verlangt, die sich den Luxus einer Bedienung wünschten. Um auch soziale Härtefälle aufnehmen zu können, gab es ganze und halbe Freistellen.

Mit dem Bau des Hauses wurde die erste selbständige Architektin Deutschlands, Emilie Winkelmann, beauftragt. Finanziert wurde das Haus mit Geldern der Ottilie-von-Hansemann-Stiftung unter dem Protektorat der Kaiserin sowie aus Vereinsmitteln. Dieses Studentinnen-Wohnheim war das erste seiner Art in Europa.

Bis in die sechziger Jahre blieb das Ottilie-von-Hansemann-Haus als Studentinnenwohnheim bestehen. Heute wird das Haus von der Deutschen Bank und diversen Gesellschaften genutzt.

Emilie Winkelmann

Sie lebte von 1875 bis 1951, war die erste Architekturstudentin in Deutschland und auch die erste selbständig arbeitende Architektin. Nach Erlernen des “Zimmermannberufs” studierte sie von 1901 bis 1905 an der Königlich Technischen Hochschule in Hannover. Da Frauen in Preußen bis 1908 noch nicht zum Studium zugelassen waren, gelang ihr der Zutritt nur mittels einer Sondergenehmigung des Kultusministers. 1908 eröffnete sie in Berlin als erste Frau ein eigenes Architekturbüro, in dem nach dem Ersten Weltkrieg 15 Zeichner beschäftigt waren. Ihre Karriere als selbständige Architektin begann mit Entwürfen für Landhäuser in Berlin und im Umland. Die Auftraggeber waren häufig Frauen. Auch gewann sie verschiedene Architekturwettbewerbe. In Charlottenburg, wo sie ihr Büro hatte und auch wohnte, entwarf sie verschiedene Häuser: unter anderem im Westend 1908 ein Landhaus für die Familie Karla Höckers in der Lindenallee 21 und 1909 bis 1910 das “Leistikowhaus”, ein Mietshaus in der Leistikowstraße 2.

1917 baute sie in der Fraunhoferstraße 25-27 ein ehemaliges Stallgebäude mit Kutscherwohnung zu ihrem Büro mit Wohnung um. Auch Ottilie von Hansemann zog dort ein.

Schon bald kamen weitere Projekte hinzu: neben Mehrfamilienhäusern und Pensionen umfasste das Spektrum ihrer Bautätigkeit auch landwirtschaftliche und Ausstellungsgebäude, Schulen und Fabrikanlagen.

Die stille, aber dennoch resolute Architektin lehnte es ab, in die nationalsozialistische Partei einzutreten, womit schließlich das Ende ihrer beruflichen Laufbahn besiegelt war. Auf dem Gut der befreundeten Familie von der Schulenherg in Hovedissen verbrachte sie ihren Lebensabend, bis zuletzt mit Entwürfen für Um- und Ausbauten des Guts beschäftigt. Sie starb 1951 in Elbe.

Otto-Suhr-Allee 18

Tribüne

Das Theater wurde 1918/19 erbaut und eröffnete 1919 unter Karl Heinz Martin mit “Die Wandlung” von Ernst Toller mit dem jungen Fritz Kortner in der Hauptrolle. In der Gründungsphase war es eine Avantgardebühne des szenischen Expressionismus, bald danach wandelte es sich zum kommerziellen Unterhaltungstheater. 1982 wurde es modernisiert. Heute bietet der Spielplan gehobene Unterhaltung und politisch-literarische Programme. Das aktuelle Stück “Non(n)sens” wird von vier Schauspielerinnen bestritten und ist sehr sehenswert und unterhaltsam.

Ernst-Reuter-Platz

1953 benannt nach dem Regierenden Bürgermeister Berlins, zuvor hieß der Platz “Am Knie”.

Link zu: Im Lichthof der TU, 8.3.2003, Foto: KHMM
Im Lichthof der TU, 8.3.2003, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Straße des 17. Juni

Benannt am 3.11. 1953 zur Erinnerung an den Aufstand in der DDR, zuvor Berliner Straße

Technische Universität, Lichthof

(Referentin: Heidi Degethoff de Campos, Frauenbeauftragte der TU)

Marchstraße 6-8 (Villa Bell auf dem TU-Gelände)

Adelheid Mommsen, die Tochter von Theodor Mommsen, lebte hier von 1874 bis 1904, das heißt von ihrem 5. Lebensjahr an 30 Jahre.

“Um jeden Preis heiraten ist ein Fluch … Zudem gab es damals wie heute … Millionen Frauen, die überhaupt keine Ehe, geschweige denn eine glückliche schließen konnten. Sollten alle diese Frauen, diese wertvollen Kräfte brachliegen?”

Adelheid Mommsen kam 1869 als zehntes von insgesamt 16 Kindern des Nobelpreisträgers Theodor Mommsen und seiner Frau Marie zur Welt. Nach der Rückkehr aus dem Pensionat befriedigte sie die Mitarbeit im elterlichen Haushalt nicht mehr, und sie beschloss, den Lehrerberuf zu ergreifen. Der Vater billigte ihren Wunsch, obwohl er die Tochter lieber durch Heirat versorgt gesehen hätte. Das Streben nach Bildung galt ihm jedoch als hohes Gut, das unabhängig vom Geschlecht respektiert wurde. Auf elterlichen Rat hin besuchte Adelheid ein von Helene Lange geleitetes Lehrerinnenseminar und kam dabei intensiv mit der Frauenfrage, der Diskussion um Frauenausbildung und Frauenrechte in Berührung.

Der Vater vermittelte ihr eine Stelle in England, wo sie über drei Jahre blieb. Nach ihrer Rückkehr erhielt sie eine Anstellung an der Schule ihrer Kindheit. Sie machte das preußische Oberlehrerinnenexamen und studierte Theologie und Mathematik. Nach der Tätigkeit an verschiedenen Einrichtungen gründete sie eine Privatschule, die ihr zur Lebensaufgabe wurde. Den Entschluss, als unverheiratete Frau das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen, bereute sie nie. Der Vater hatte diese Entwicklung seiner Tochter stets mit Wohlwollen, auch finanziell, unterstützt – mehr noch, wiederholt betätigte er sich als “Jobvermittler”.

Erst 1904, ein Jahr nach seinem Tod, verließ Adelheid Mommsen das Charlottenburger Elternhaus, um einen eigenen Hausstand zu gründen, in dem die berufstätige

Frau zwei Adoptivtöchter aufzog. 1936 gab sie ein Buch heraus, das sehr persönliche Erinnerungen an den berühmten Vater und ihre eigene, trotz karger Verhältnisse äußerst glückliche Kindheit enthält – ein lebendiges Dokument des Lebens einer Berliner Gelehrtenfamilie im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Marchstraße 7e

Die Sängerin Fritzi Massary lebte hier, unter der Adresse Marchstraße 7e um 1933.

“Sie rühmen, heißt Blumen nach Nizza tragen”, schrieb die Neue Vossische Zeitung begeistert über Fritzi Massary. Lieder wie “Joseph, ach Joseph, was bist du denn so keusch” und “Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?” machten sie zum umjubelten Star und zum Idol einer Generation. Aufgewachsen war sie in Wien, als älteste von drei Töchtern des jüdischen Kaufmanns Jakob Leopold Massarik und seiner Frau Hermine. Schon früh erhielt sie Gesangsunterricht. Ihr Debüt als Sängerin gab sie 1899 am Landestheater von Linz, und in kleineren Rollen trat sie ab 1900 in Hamburg am Carl-Schulze-Theater und von 1901 bis 1904 in Wien an Danzers Orpheum, einem Revuetheater, auf.

Ihren Durchbruch erlangte die Sopranistin durch ein Engagement im Herbst 1904 am Metropol-Theater in Berlin, dessen Star sie bald wurde. Bei den Operettenfestspielen in München lernte sie den Schauspieler Max Pallenberg kennen, den sie 1916 heiratete. Er starb 1934 bei einem Flugzeugabsturz.

Als umjubelte Diva trat Fritzi Massary an allen großen Berliner Revuetheatern wie dem Theater des Westens auf und ebenso bei den Salzburger Festspielen (1926). Sie sang die Hauptrollen der großen Operetten von Johann Strauß, Jacques Offenbach, Leo Fall und Franz Lehar.

Die Berliner ließen sich von Massarys starker Ausstrahlung und Ausdruckskraft, ihrem Charme und ihrem großem Einfühlungsvermögen in die Rollen begeistern – die ganze Stadt verfiel einem regelrechten “Fritzi-Massary-Taumel”. Man feierte sie, denn sie hatte das Genre der Operette zu einer Kunstform erhoben. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, brach sie ihre Bühnenlaufbahn ab und emigrierte zunächst über Österreich in die Schweiz, 1938 nach Großbritannien, wo sie einen letzten Auftritt gab, und schließlich 1939 zu ihrer Tochter nach Amerika. Bis zu ihrem Tod 1969 lebte sie in Beverly Hills, Los Angeles.

Marchstraße 7f und 15

Helene Weber

Die Sozialarbeiterin Helene Weber hat hier unter der Adresse Marchstr. 7f von 1907 bis 1914 gelebt. Sie hat zur großen Schar der Damen aus Charlottenburgs Oberschicht gehört, die sich als “Mütter” der Stadt erwiesen haben. Obwohl sie selbst 8 Kinder geboren und einen großen Garten mit Obst, Gemüse, Hühnern und Katzen zu versorgen hatte, hat sie besonders eifrig ehrenamtliche soziale Arbeit geleistet. Sehr zum Missfallen ihres Gatten Stadtrat Max Weber sen., der seiner Frau sogar den Einblick in das mütterliche Erbe verweigerte, um ihr soziales Engagement zu begrenzen.

Sie gewährte vielen im eigenen Haus Hilfe: armen Mädchen, einem Fürsorgezögling, im Winter allen verfrorenen Dienstboten, die sie mit dem Schild “heißer Tee” an der Tür ins Haus einlud, schon um diese vom Alkohol abzuhalten. Nach dem Tode ihres Gatten 1897 konzentrierte sie sich vollends auf die sozial-karitative Arbeit. Sie war Mitglied und im Vorstand von zahlreichen Vereinen. Sie gehörte zu den Begründerinnen des Vereins Jugendheim und des Charlottenburger Hauspflegevereins. Stets beherbergte ihr Haus ein Depot mit Pflegeutensilien für Wöchnerinnen, denen sie auch den Beistand ihrer Männer bei der Geburt zu sichern suchte.

Sie engagierte sich im konservativen Elisabeth-Frauenverein, begründete zusammen mit Hedwig Heyl ein Zentralbüro für die vielfältigen karitativen Arbeiten, gehörte zum Kuratorium des Bürgerhauses für besitzlose alte Menschen und hatte den Vorsitz im Komitee für die Öffentliche Schreibstube des Cecilienhauses inne, die erwerbslosen Männern eine befristete Arbeit bot. Seit 1904 gehörte sie zu den ersten Armenpflegerinnen Charlottenburgs – zum Missvergnügen mancher ihrer männlichen Kollegen, die ihr eine solche Arbeit nicht zutrauten. Daneben warb sie ständig um neue ehrenamtliche Mitarbeiterinnen. Schließlich setzte sie sich mit ihrer Unterschrift unter die Petition um die Zulassung von Lehrerinnen zum akademischen Studium für eine bessere Bildung der Frauen ein, etwas, das ihr zeitlebens verwehrt geblieben war. Anders als ihr Mann hat ihr Sohn, der Sozialwissenschaftler Max Weber, nach anfänglichem Zwiespalt wegen der elterlichen Differenzen seine Mutter ihrer sozialen Arbeit wegen sehr bewundert ebenso wie seine Frau Marianne, die sich in der Frauenbewegung engagiert hat.

Marchstraße

1863 benannt nach dem Keramiker und Tonwarenfabrikanten Ernst March (1798-1847)

Nr. 25B

Hier in der Präsidentenvilla der Physikalischen Reichsanstalt lebte von 1889 bis 1895 Anna von Helmholtz

Sie kam als Tochter des liberalen Politikers Robert Mohl und seiner Frau Pauline zur Welt. Am 16. Mai 1861 heiratete sie den Mediziner und Physiker Hermann Helmholtz. 1871 zogen die Helmholtzens von Heidelberg nach Berlin in die Kaiserin-Augusta-Straße 45, und ab 1976 wohnten sie in der Neuen Wilhelmstraße 16. Anna von Helmholtz hatte schon in Heidelberg anspruchsvolle Geselligkeiten veranstaltet nach dem Vorbild ihrer Tante, der bekannten Pariser Salonniere Mary Clarke-Mohl, die sie 1852 besucht hatte.

Schon ab Mitte der 1870er Jahre stand der Salon Helmholtz mit an der Spitze der Berliner Salons. Er trug die Züge eines Gelehrtensalons der “Neuen Aufklärung. Das Ansehen ihres berühmten Mannes öffnete ihr alle Kreise Berlins. An ihren “Dienstagen” kamen hochkarätige Mediziner und Wissenschaftler wie Max Planck, Künstler und Musiker wie Richard Wagner, Schriftsteller und Politiker wie Rudolph Virchow und Angehörige der Hofgesellschaft. Die Gäste zeichneten sich nicht nur durch besondere Leistungen, sondern auch durch das Streben nach dem “Wahren” und “Reinen” aus.

Als Hermann Helmholtz Leiter der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt wurde, zog die Familie nach Charlottenburg. Anna trauerte um ihre Wilhelmstraße und beschrieb Charlottenburg 1889 als “öde Vorstadtumgebung”. Auch zwei Jahre später hat sie noch Schwierigkeiten mit ihrem Wohnort, am 17. Januar 1891 berichtet sie:

“Das ist ganz mein Fall mit Charlottenburg – hier wohnen und schlafen, drinnen in der Stadt leben, immer unterwegs, nicht ganz in Ruhe sein, heißt das ein menschenwürdiges Dasein führen mit 55 Jahren? Gestern Nachmittag habe ich meinen Jour und abends eine Art at home gehabt; wenn auch Wenige hier herauskommen, muss man doch da sein.”

Aber sie versuchte, auch aus dieser Situation das Beste zu machen und führte ihren Salon fort. Sie war die erste Salonniere, die über eine längere Zeit im Dienst einer gemeinnützigen Organisation stand und verschiedenen Vorstandsgremien angehörte. Durch ihren Einsatz für die Verbesserung der Mädchenbildung und der Krankenpflege wuchs der Kontakt zur Kronprinzessin Viktoria. Anna von Helmholtz engagierte sich an der von Viktoria gegründeten Stiftung des Victoria-Lyzeums und des Viktoria-Studienhauses. Nach dem Tod ihres Mannes zog sie im Februar 1895 nach Berlin in die Rauchstraße 3.

Fraunhoferstraße

1899 benannt nach dem Optiker und Physiker Joseph von Fraunhofer (1787-1826)

Nr. 25-27

Hier lebte ab 1917 die erste Architektin Deutschlands, Emilie Winckelmann

Abbestraße

1950 benannt nach dem Physiker und Sozialreformer Ernst Carl Abbe (1840-1905), davor Werner-Siemens-Straße

Nr.2-12

Physikalisch-Technische Bundesanstalt, Institut Berlin (PTB)

Die Gesamtanlage steht unter Denkmalschutz. Hier ist die Technische Oberbehörde für das Messwesen in der Bundesrepublik Deutschland untergebracht, eine nachgeordnete Einrichtung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie mit Sitz in Braunschweig und Berlin. Sie wurde 1887 als Physikalisch-Technische Reichsanstalt (PTR) hier in Charlottenburg gegründet.

Der Standort Abbestraße mit Observatorium wurde 1885-95 nach Plänen von Paul Emmanuel Spieker von Theodor Astfalck erbaut. Später gab es zahlreiche Erweiterungen und Nebengebäude, 1960 Wiederaufbau nach Kriegszerstörungen. Starkstromlabor, 1911-13 von Herrmann & Gaedicke.

Hier arbeitete von 1922 bis 1935 die Chemikerin Ida Eva Noddack.

Als sie am 23. 2.1896 in Lackhausen, dem heutigen Wesel, geboren wurde, war ihr Vater, der Lackfabrikant Albert Tacke, so enttäuscht, dass ihm zum dritten Mal statt des erhofften Stammhalters eine Tochter geboren wurde, dass er es erst zwei Tage später, am 25. Februar, meldete. Doch später wurde Ida dazu bestimmt, an Stelle eines Sohnes die Leitung der Fabrik zu übernehmen.

So begann sie 1915 das Chemiestudium in Berlin, wo sie 1919 für ihre Diplomarbeit den ersten Preis und 1921 mit einer für die Lackproduktion wichtigen Arbeit den Dr.-Ing. bekam. Anschließend arbeitete sie bei der AEG. Als sie Walter Noddack kennen lernte, begeisterte er sie für die Forschung und holte sie 1922 als Gastwissenschaftlerin an die PTR. Dort suchten beide gezielt nach den noch unbekannten chemischen Elementen mit den Kernladungszahlen 43 und 75, die das Periodensystem voraussagte. 1925 gaben Walter und Ida Noddack dann die Entdeckung von Rhenium und Masurium bekannt. 1934 äußerte Ida Noddack die Vermutung, Uran könne durch Neutronenbeschuss in zwei Bruchstücke zerfallen – eine den damit experimentierenden Physikern absurd erscheinende Vorstellung, die sich 1938 aber bekanntlich als richtig erwies. 1936 postulierte Ida Noddack: “Alle chemischen Elemente kommen in allen Mineralien vor”, und sie weitete dies bald auch auf das Weltall aus – damals ein neuartiger Gedanke, heute wissenschaftliches Gemeingut. Mindestens dreimal wurde sie zum Nobelpreis vorgeschlagen, den sie aber nie erhielt. Seit 1926 mit Walter Noddack verheiratet, folgte sie ihm als seine Assistentin bei seinen Berufungen zum Chemieprofessor nach Freiburg, Straßburg und Bamberg. Sie starb am 24.9. 1978 in Bad Neuenahr

Guerickestraße

1899 benannt nach dem Naturwissenschaftler und Magdeburger Bürgermeister Otto von Guericke (1602-1686)

Salzufer

Nr. 8

Hedwig Heyl

Die 1850 in Bremen geborene Sozialreformerin und Frauenpolitikerin Hedwig Heyl lebte hier von 1871 bis 1878.

Als “Mutter Deutschlands” und “beste Hausfrau Berlins” gehörte Hedwig Heyl zu den prominentesten Persönlichkeiten der Stadt. Tatsächlich ist mit diesen Ehrentiteln nur ein Teil ihres immensen Wirkens benannt, zu dem neben dem Einsatz für hauswirtschaftliche Bildung und soziale Fürsorge auch die Förderung frauenpolitischer Ziele gehörte. Trotz des großbürgerlichen Lebensstils, den sie nicht nur als Reederstochter, sondern auch als Gattin des Charlottenburger Farbenfabrikanten Georg Heyl genoss, trotz der Belastung durch Ehe und fünf Kinder, ist sie gleich vom Beginn ihres Erwachsenenlebens an auf sozialem Gebiet aktiv geworden. Zu ihren ersten Unternehmungen, die bald Muster für ganz Deutschland wurden, gehörte die Einrichtung von Brauseanstalt, Mittagstisch und Kindergarten in der eigenen Fabrik, mit denen sie den Gesundheitszustand der Belegschaft und die Versorgung der “Schlüsselkinder” zu fördern suchte. Zeitlebens hat sie über hervorragende gesellschaftliche Verbindungen verfügt, zum Hofe, zu Ministerien und zum Charlottenburger und Berliner Magistrat, und so hat sie vor allem dank der Freundschaft mit der Kronprinzessin und späteren Kaiserin Victoria schon bald aus ihren privaten Kindergärten, aus Tagesstätten für Knaben und Mädchen ein Jugendheim gemacht.

Dem Einsatz für bessere berufliche Bildung von Frauen waren ihre Kochkurse im eigenen Haus gewidmet, die sie trotz Übernahme der Fabrikleitung nach dem Tode ihres Mannes 1889 leitete. Sie bildeten die Keimzelle der hauswirtschaftlichen Berufsfachschule des von ihr zusammen mit Henriette Schrader-Breymann gegründeten Pestalozzi-Fröbel-Hauses und mündeten in der Abfassung des Standardwerks ABC der Küche von 1888, das nicht nur koch- und hauswirtschaftliche Anleitung bot, sondern auch neueste ernährungswissenschaftliche Erkenntnisse vermittelte. Inzwischen längst von einem großen Stab von Mitarbeiterinnen unterstützt, war Hedwig Heyl an unzähligen Vereinsgründungen beteiligt, die ein dichtes Netzwerk frauen- und sozialpolitischer Bestrebungen bildeten und in allen Bereichen eine Professionalisierung dieser Arbeit anstrebten.

Sie gehörte zu den Begründerinnen des Hauspflegevereins, der bedürftige Familien bei Erkrankung der Mutter unterstützte, des Hausfrauenvereins zur Heranbildung “gelernter Hausfrauen”, der ersten Gartenbauschule für Frauen in Marienfelde und des Deutschen Lyzeums-Clubs, der auf internationaler Ebene alle künstlerisch, geistig und sozial tätigen und interessierten Frauen vereinigte. Zu den Höhepunkten ihres Lebens zählte Heyl die Organisation der großen Ausstellung “Die Frau in Haus und Beruf” im Jahr 1912, die mit Hilfe von 25 000 Helferinnen auf dem damaligen Ausstellungsgelände am Zoologischen Garten eine Übersicht über alle Bereiche weiblicher Berufsarbeit präsentierte. Hier wie schon bei der Ausrichtung des Internationalen Frauenkongresses (1903) hat sie eng mit Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung zusammengearbeitet. Das “Organisationsgenie” der Älteren haben deren Vertreterinnen Helene Lange oder Gertrud Bäumer hoch geschätzt, Heyls politische Fähigkeiten dagegen eher kritisch beurteilt.

Dennoch wurde die erfolgreiche Zusammenarbeit fortgesetzt, unter anderem im Nationalen Frauendienst, den Hedwig Heyl mit Gertrud Bäumer im Ersten Weltkrieg organisiert hat und der im Auftrage der Stadt Berlin mit Massenspeisungen die notleidende Bevölkerung unterstützte. Trotz des Zusammenbruchs, den Heyls Weltanschauung beim Ausbruch der Revolution erlebte, hat sie sich weiterhin zu gesellschaftlichem Engagement verpflichtet gefühlt und noch als 69 Jährige als Abgeordnete der Deutschen Volkspartei in der Charlottenburger Stadtverordnetenversammlung mitgearbeitet. Das parlamentarische Geschäft und die unruhigen Zeiten haben sie jedoch bald ermüdet, und so hat sie sich bereits ein Jahr später aus allen Geschäften zurückgezogen.

Obwohl überall hoch angesehen und seit 1920 auch mit dem Doktor honoris causa für ihre Verdienste um die Ernährungswissenschaft von der Universität Berlin geehrt, war sie am Ende ihres Lebens selbst auf die Hilfe der Wohlfahrt angewiesen. Sie lebte mit Unterstützung der Ludwig von Cuny-Stiftung bis zu ihrem Tod 1934 im Lyzeums-Club am Lützowplatz. Beerdigt ist sie auf dem Luisenfriedhof II. An ihrer einstigen Villa in der Ulmenallee 20 in Westend, wo sie von 1919 bis 1925 lebte, erinnert eine Gedenktafel an ihre Verdienste.

Hannah-Karminski-Straße

Am 1.10.2002 benannt: Hannah Karminski wurde am 24.04.1897 in Berlin als Tochter eines Bankiers geboren. Im Pestalozzi-Fröbel-Haus absolvierte sie eine Ausbildung als Kindergärtnerin. Anschließend studierte sie in Hamburg am sozialpädagogischen Institut bei Gertrud Bäumer, damals eine führende Vertreterin der Frauenbewegung. Mitte der 20er Jahre zog Hannah Karminski nach Frankfurt am Main, wo sie Mitglied im Jüdischen Frauenbund wurde und sich mit der fast 40 Jahre älteren Berta Pappenheim anfreundete, die diesen Frauenbund 1904 gegründet hatte. Er hatte in den 20er Jahren 50.000 Mitglieder. Hannah Karminski übernahm schnell führende Funktionen im Jüdischen Frauenbund und kümmerte sich um Beratungsstellen für Frauen, Kindererholungsheime, Bildungsarbeit, Mutter- und Kinderschutz, die jüdische Bahnhofshilfe und vieles mehr. Damals kamen viele ostjüdische Frauen auf der Suche nach einem besseren Leben in die Großstädte. Oft war ihr aufenthaltsrechtlicher Status ungeklärt, und sie waren der Gefährdung durch Frauenhandel und Prostitution ausgeliefert.

Hannah Karminski kümmerte sich um alle diese sozialen Fragen. Ein besonders wichtiges Anliegen war ihr die Berufstätigkeit der Frauen und die Gleichberechtigung jüdischer Mädchen und Frauen in der Gemeinde.

1933 änderte sich die Situation schnell und dramatisch: Die jüdische Bahnhofshilfe wurde schon im ersten Jahr der nationalsozialistischen Herrschaft geschlossen. Mit der zunehmenden Entrechtung und Ausgrenzung der Juden aus der deutschen Gesellschaft wurde die Vorbereitung auf die Emigration immer wichtiger. 1938 wurde auch der Jüdische Frauenbund aufgelöst. Hannah Karminski arbeitete jetzt in der Reichsvertretung der Deutschen Juden in der Kantstraße in Charlottenburg. Ihr Arbeitsschwerpunkt war hier die Leitung der Abteilung “Fürsorge und Auswandererberatung”. Sie selbst verzichtete auf eine Auswanderung, weil sie sah, dass sie in Berlin gebraucht wurde. Zuletzt wohnte sie in einem sogenannten “Judenhaus”. Im November 1942 wurde sie verhaftet, deportiert und ermordet. Ihr Todesdatum und ihr Todesort sind nicht bekannt.

Im Juni 2001 hat die Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg-Wilmersdorf beschlossen, zwei von drei neuen Straßen hier in der Spreestadt nach Frauen zu benennen: Hannah Karminski war die erste. Die zweite soll Margarete Kühn sein. Sie war die erste Direktorin der Berliner Schlösserverwaltung nach 1945 und hat durchgesetzt, dass die Ruine des schwer zerstörten Schlosses Charlottenburg nicht abgerissen wurde wie das Berliner Stadtschloss im Osten. Sie hat den Wiederaufbau organisiert und ist deshalb zu Recht bekannt geworden als die Retterin des Schlosses Charlottenburg. Sie starb 1995.

Die dritte Straße in der Spreestadt soll übrigens nach Otto Dibelius benannt werden. Da Frauen bei den Straßennamen generell unterrepräsentiert sind, streben wir an, diese Benachteiligung bei Neubenennungen so weit wie möglich auszugleichen. Eine feste Quotierung gibt es dabei aber nicht.

Salzufer 2-3

Mercedes-Welt

1915 hat die Firma Benz & Cie. das Gelände am Salzufer 2-3 erworben. Nach der 1926 erfolgten Fusion der Daimler-Motoren-AG und der Benz & Cie. Rheinische Automobil- und Motoren-Fabrik AG zur Daimler-Benz AG wurde 1927 der Verkaufs- und Servicestützpunkt am Salzufer offiziell die Hauptniederlassung der Daimler-Benz AG Berlin. 1943 wurde der Betrieb durch Bombenangriffe zerstört. Nach dem Krieg wurde er wieder aufgebaut und erweitert am Salzufer und an der Gutenbergstraße. 2000 wurde die “Mercedes-Welt am Salzufer” als Dienstleistungs- und Verkaufscenter eröffnet.

Es ist eine 22m hohe, sechsgeschossige Stahlkonstruktion mit Glasfassade nach den Entwürfen der Stuttgarter Architekten Lamm, Weber, Donath und Partner. Die Architektur, die dem Ufergeländes des Landwehrkanals folgt, erinnert mit dem schwungvoll hochgezogenen Dach an einen Schiffsbug. Von den 36.000 Quadratmetern Nutzfläche dienen 14.000 als Ausstellungsfläche zur Fahrzeugpräsentation. Im Zentrum des Erdgeschosses, dem sogenannten Marktplatz, befindet sich ein Restaurant und ein 750-jähriger Ölbaum aus Italien. Weitere Attraktionen sind eine 40-qm-Video-Leinwand, zwei Indoor-Kletterwände nebst Wasserfall, Formel 1-Rennsimulator, Kinderverkehrsschule und Bobby-Car-Parcour.

Der Name “Mercedes” ist ein spanischer Frauenname und bedeutet “Gnade”. Vielleicht kennen manche die berühmte lateinamerikanische Sängerin Mercedes Sosa.

Mercedes hieß die 1889 geborene Tochter des in Baden bei Wien und in Nizza lebenden österreichischen Geschäftsmanns Emil Jellinek. Er war ein begeisterter Anhänger des technischen Fortschritts und des Automobils. Er war überzeugt, dass das Automobil die Zukunft verändern würde. Schon 1897 reiste er nach Cannstatt und bestellte seinen ersten Daimler-Wagen, einen 6-PS-Riemenwagen mit Zweizylindermotor.

1898 begann er, die Daimler-Automobile insbesondere in den höchsten Kreisen der Gesellschaft zu vertreiben. Jellinek forderte immer stärkere und schnellere Fahrzeuge und meldete diese ab 1899 auch zu Rennveranstaltungen an. Bei diesen Rennen trat er gewöhnlich unter seinem Pseudonym “Mercédès”, dem Namen seiner damals zehnjährigen Tochter, auf. Diesen in Automobilistenkreisen sehr bekannten Namen benutzte Jellinek zunächst nicht als Automobilmarke, sondern als reinen Team- bzw. Fahrernamen.

Anfang April 1900 trafen Daimler-Benz und Jellinek eine Vereinbarung über den Vertrieb von Daimler-Wagen und -Motoren. Mit der Entscheidung, einen neuen Motor zu entwickeln, der den Namen “Daimler-Mercedes” führen sollte, wurde Jellineks Pseudonym auch zur Produktbezeichnung.

Am 22. Dezember 1900 lieferte Daimler-Benz den ersten mit dem neuen Motor ausgerüsteten Wagen an Jellinek, einen 35-PS-Rennwagen. Dieser erste “Mercedes”, entwickelt von Wilhelm Maybach, dem Chefkonstrukteur von Daimler-Benz, sorgte zu Beginn des Jahrhunderts für Furore. Mit seinem niedrigen Schwerpunkt, Pressstahlrahmen, dem leichten und leistungsstarken Motor und dem Bienenwabenkühler gilt er heute als erstes modernes Automobil.

Die Woche von Nizza im März 1901, bei der die eingesetzten Mercedes-Wagen in praktisch allen Disziplinen unschlagbar waren, verhalf Jellinek und dem Mercedes zu außergewöhnlicher Publizität. Am 23. Juni 1902 wurde der Name “Mercédès” als Warenzeichen angemeldet und am 26. September gesetzlich geschützt. Emil Jellinek erhielt im Juni 1903 die Erlaubnis, sich fortan Jellinek-Mercedes zu nennen. “Wohl zum ersten Mal trägt der Vater den Namen seiner Tochter”, kommentierte Jellinek.

Link zu: Sophie Charlotte mit ihrem Schloss am Charlottenburger Tor, 8.3.2003, Foto: KHMM
Sophie Charlotte mit ihrem Schloss am Charlottenburger Tor, 8.3.2003, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Straße des 17. Juni

Charlottenburger Tor

Ursprünglich befand sich an dieser Stelle ein von August Stüler 1857 erbautes Steuereinnahmehäuschen. Es wurde 1907 abgerissen. Das Tor ist also noch keine 100 Jahre alt. Es wurde 1908 von Bernhard Schaede an der damaligen Charlottenburger Chaussee als Stadteingang und Pendant zum Brandenburger Tor erbaut. Es ist eine kolonnadenartige Toranlage mit überlebensgroßen Bronzestandbildern des Stadtgründers Friedrich I. mit Szepter und Hermelin sowie Sophie Charlottes mit dem Modell des Charlottenburger Schlosses von Heinrich Baucke. 1937 wurde das Tor im Zuge des Ausbaus der Ost-West-Verbindung zur nationalsozialistischen Via Triumphalis auseinandergerückt. In den letzten Tagen wurden lose Teile gesichert, weil eine Gefährdung für Passanten drohte. Ob eine komplette Restaurierung und eine Zusammenfügung auf die ursprüngliche Position möglich sein wird, ist noch nicht gewiss.

Hier also haben wir nun die eigentliche Gründerin und Namensgeberin Charlottenburgs leibhaftig vor uns, und ihr Schloss trägt sie im Arm: Sophie Charlotte. Heinz Ohff hat sie in seinem Buch über “Preußens Könige” porträtiert. Er betont den Unterschied zwischen ihr und ihrem Mann, König Friedrich I. Es ist auch ein Unterschied zwischen Berlin und Charlottenburg. Heinz Ohff schreibt:

“In ihrem Umkreis befindet sich der Zeitgenosse offenbar in einer ganz anderen Welt, einem anderen Land, gewiss aber an einem anderen Hof als dem in Berlin. Geht es bei Friedrich gestelzt und steif zu, herrscht bei Sophie Charlotte eine lockere und geistreiche Atmosphäre. Sie liebt sowohl die rauschenden Feste als auch die philosophischen Studien und Gespräche. Sie gilt selbst als Philosophin, obwohl von jener Bilderbuchschönheit, die man mit den Höfen der alten Zeit verbindet.

Sophie Charlotte ist 1668 auf Schloss Iburg im Stift Osnabrück geboren, wo ihr Vater Bischof war. Er wurde 1668 zum Herzog ernannt und später Kurfürst von Hannover. Ihre Mutter ist königlichen Geblüts, eine Stuart. Friedrich begegnet ihr erstmals in Bad Pyrmont und hat wohl bereits als Kronprinz Feuer gefangen.

Er ist nicht der einzige in Europa. Die 15jährige Sophie Charlotte macht dort Karriere, wo allein man zu den höchsten gesellschaftlichen Ehren aufsteigen kann, am französischen Hof. Die Mitwelt ist fasziniert von ihren blauen Augen und dem dichten, schwarzen Haar, was man gewöhnlich als etwas nicht zueinander Passendes versteht. Bei der jungen Prinzessin kommt vieles zusammen, was nicht zueinander passt. Das eben macht ihren Charme aus.

Ein »liederlich Leben«, sagt sie, ziehe sie allem anderen vor, diskutiert aber ebenso gern auf deutsch, französisch, italienisch oder englisch über jene Unterschiede, die die christlichen Konfessionen voneinander trennen. Sie liebt das versunkene Spiel auf dem Cembalo und lässt doch keine der lauten und deftigen Karnevalsfeten aus, für die – für uns heute fast unglaublich – ausgerechnet ihre Heimatstadt Hannover damals berühmt ist.

Sie oder ihre Familie beweisen viel Instinkt, als sie sich oder man sie, zurück in Hannover, am 8. Oktober 1684 mit dem zukünftigen Friedrich III. von Brandenburg verheiratet. Ihr scheint eine bessere Partie möglich oder sogar angemessen. Dennoch mag auch diese zu den klugen Entscheidungen gehören, die Sophie Charlottes kurzen Lebensweg begleitet haben. Zum einen passt sie nach Berlin wie maßgeschneidert, schon dessentwegen, was man dort als Schandmaul bezeichnet. Die Berlinerin ist von jeher selbständiger – um nicht zu sagen emanzipierter – als die Frauen anderswo. Und zum anderen ist zweifellos Liebe im Spiel. Denn Friedrich lässt sie als Kurfürst wie als König tun und lassen, was sie will, womit er nicht nur ihr und sich, sondern auch seiner Hauptstadt Berlin einen Gefallen tut. Als sie ihren »Aesop« zum Traualtar führt, ziehen Geist und Kultur erst so richtig ins »Spree-Athen« ein.

Der Spitzname, den sie für ihren Gemahl gefunden hat, wird alsbald dort kopfnickend beschmunzelt. Frechheiten gelten in Berlin als Gewürz jeglicher Unterhaltung, und Aesop, der antike Fabeldichter, das lernt man bereits in der Schule, war ebenfalls klein von Statur und sehr hässlich. Überhaupt gibt sich Sophie Charlotte, was ihren Mann betrifft, keinen Illusionen hin. Als sie mit einem ihrer besten Freunde, dem Philosophen Gottfried Wilhelm von Leibniz, über das unendlich Kleine diskutiert und dieser sie fragt, ob es überhaupt so etwas geben könne, antwortet sie: »Mein Gott, als wenn ich nicht durch meinen Mann nur allzu gut damit bekannt wäre!«

In Berlin gibt es bald zwei Höfe. Der eine ist, wie wir gesehen haben, stocksteif, bürokratisch und intrigenreich. Ihm steht Kurfürst und dann König Friedrich vor. Und natürlich residiert er im Stadtschloss.

Der andere Hof ist einer des Geistes und der Musen. Er liegt draußen vor der Stadt in Lietzen, wo unter Sophie Charlottes leichter Hand etwas Großartiges entstanden ist: Lietzenburg.

So heißt das Schloss, das sie vom Niederländer Johann Arnold Nering und dem Franzosen Jean de Bodt bauen und vom Schweden Eosander von Göthe mit einer hübschen schlanken Kuppel nebst Anbau und Kapelle versehen ließ, eine europäisch-barocke Schöpfung in idyllischer Umgebung, wie geschaffen für Tanz, Theater, Musik, Maskenbälle und kluge Gespräche. Sophie Charlotte hat als Hochzeitsgeschenk das Schloss Caputh bei Potsdam erhalten, es aber, weil es viel zu abgelegen war gegen das Dorf Lietzen eingetauscht. Am Rande erwähnt sei, dass sie auch sofort dafür sorgt, dass das Gasthaus in Lietzen eine Schankerlaubnis für alkoholische Getränke erhält. Lietzen und Lietzenburg sind nach dem Tod der ersten Preußenkönigin umbenannt worden. Sie heißen seitdem zu Recht nach ihr Charlottenburg.

König und Königin haben sich getrennt, um recht eigentlich zueinander zu kommen. Friedrich I. ist oft bei seiner Frau zu Gast gewesen, hat an ihren Festmählern und jenen mythologischen Verkleidungsspielen teilgenommen, die noch über Generationen hinweg in Preußen beliebt bleiben, hat Violinkonzerten von Corelli gelauscht, der zeitweilig am Lietzenburger Hof wirkt, auch mit Leibniz über die Schaffung einer Akademie der Wissenschaften diskutiert, die dieser merkwürdigerweise zusätzlich mit der Zucht von Seidenraupen und Maulbeerbäumen versehen wollte.

Sophie Charlottes Residenz, die am 11. Juli 1699, dem 42. Geburtstag des Kurfürsten, feierlich eingeweiht wird, gilt bald als einer der begehrtesten Anlaufplätze für die musisch Interessierten Europas. Der 13 jährige Händel konzertiert dort mit dem Orchester, das sich Sophie Charlotte eigens hält. Überflüssig zu sagen, dass sie auch komponiert. Die vielbewunderte musikalische Begabung ihres Enkels, Friedrichs des Großen, stammt von ihr, nicht von den Hohenzollern.

Der junge irische Freidenker John Toland nennt sie »die schönste Prinzessin ihrer Zeit, und sie steht keinem Menschen nach an richtigem Verstand, zierlichen und wohlgemeinten Worten und an Annehmlichkeit in der Unterhaltung und im Umgang (…) Man bewundert ebenso ihren scharfen und gewandten Geist als ihre gründliche Wissenschaft, die sie in den schwersten Stücken der Philosophie erreicht hat (…) Alles, was lebhaft und gebildet ist, kommt an ihren Hof, und man sieht zwei Dinge, die die Welt sonst füreinander zuwider hält, in voller Einigkeit beisammen, die Studien und Lustbarkeiten. Für ihre Person ist sie eben nicht sehr groß und schmächtig, vielmehr sehr stark von Körper, ihre ganze Bildung recht regelmäßig und ihr Teint sehr weiß und lebhaft (…) sie hat sehr schöne Damen um sich, wie denn ihr ganzer Hof voll davon ist.«

Das liest sich wie eine Liebeserklärung, die es auch gewesen sein dürfte. Mit Leibniz, der in Berlin die Gründung der Societät der Wissenschaften vorbereitet, will Sophie Charlotte 1704 wie alljährlich zum Karneval nach Hannover fahren. Aber der Philosoph erkrankt und muss zurückbleiben. So fährt sie allein, obwohl auch sie an einer wohl schon eine Zeitlang vernachlässigten Halsentzündung leidet. Bei ihrer Mutter in Hannover angekommen, muss sie das Bett hüten, und »in drei Tagen war sie gesund und tot«, wie es Vehse ausdrückt.

Ihr Ende ist das einer Philosophin. Einen Geistlichen, der ihr Beistand leisten will, weist sie darauf hin, dass sie zwanzig Jahre über Religion nachgedacht habe: »Es bleibt mir nicht der geringste Zweifel übrig, und Sie können mir nichts sagen, was mir nicht schon bekannt ist.« Einer vertrauten Hofdame teilt sie noch mit, neugierig zu sein auf den »Grund der Dinge«, den ihr selbst Leibniz nicht habe erklären können. Die Berlinerin in ihr muss es gewesen sein, die sie hinzufügen ließ: »…und ich verschaffe dem König den Anblick eines Leichenbegängnisses, das ihm Gelegenheit gibt, alle Pracht zu entfalten«.

Der König fällt in Ohnmacht, als ihm der plötzliche Tod seiner 36 Jahre alten Gemahlin gemeldet wird. Er ist untröstlich. Die Hoftrauer dauert über ein halbes Jahr, und der Prunk der Trauerfeierlichkeiten im Berliner Dom ist lange nicht überboten worden. Allein das Gerüst, von dem aus die Honoratioren und königlichen Gäste den Begräbniszug ansehen, kostet 80 000 Taler.

Was bleibt, ist das Musenstädtische an der preußischen Hauptstadt. Es ist nie wieder aus Berlin ganz zu verbannen gewesen.”