Stolperstein Württembergische Straße 12

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Hausansicht Württembergische Str. 12
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Dieser Stolperstein zum Gedenken an Hanna (Hannah) Salomon wurde von Irene Trägler (München), deren Familie in dem Haus Württembergische Straße 12 wohnte, gespendet und ihrer Anwesenheit sowie ihrer Enkelin und einiger Hausbewohner und Nachbarn am 16.3.2018 verlegt.

Bildvergrößerung: Stolperstein Hanna Salomon
Stolperstein Hanna Salomon
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
HANNA SALOMON
JG. 1878
DEPORTIERT 13.1.1942
RIGA
ERMORDET

Hanna Gertrud Salomon wurde am 4. Februar 1878 in Berlin geboren. In der Geburtsurkunde und auch in eigenhändigen Unterschriften wurde der Name Hannah geschrieben.
Ihr Vater war der promovierte Jurist Max Michael Nathan Salomon. Sein Titel war Doktor juris utriusque, d. h. er war Doktor des staatlichen und des Kirchenrechts. Hannas Mutter hieß Waleria Salomon, geborene Heimann, sie war eine ausgebildete Zahntechnikerin.

Hanna kam als älteste von drei Geschwistern auf die Welt. Ihr Bruder Werner Wolfgang wurde am 21. November 1879 und die Schwester Judith Charlotte am 30. November 1881 geboren. Von der Familie Salomon sind drei Adressen bekannt. Zunächst wohnten die Salomons in Berlin Mitte, in der Friedrichstraße 125, später in der Bornstedter Straße7 und Weißenburger Straße 23.

Hanna blieb als einzige der Geschwister ledig. Sie selbst gab ihren Beruf mit „Verkäuferin“ an, in den Berliner Adressbüchern ist ihr Name unter der Adresse Württembergische Straße 12 mit dem Zusatz „Direktrice“ vermerkt. Sie arbeitete in einem Modefachgeschäft.
Eine ehemalige Nachbarin erinnerte sich an sie:

Fräulein Salomon lebte mit ihrer gehbehinderten „arischen“ Freundin im Erdgeschoss. Traf ich sie auf der Straße, grüßte ich sie freundlich, trotz des gelben Judensterns auf ihrem Mantel. Das trug mir einmal einen schmerzhaften Rempler von Schulkameradin Christel ein: ‘Du sollst doch keine Juden grüßen’, zischte sie. Doch das dankbare Lächeln und kaum merkbare Kopfnicken der kleinen gebückt – verschreckten Gestalt ließen den Rempler vergessen.

Eine in der Zeit der zunehmenden Diskriminierung sicherlich wichtige und tröstliche Geste für Hanna.

Werner Wolfgang Salomon emigrierte zu einem nicht bekannten Zeitpunkt nach England. Er nannte sich dort Werner Wolfgang Warren Winford. Aus seiner Ehe mit Lilian Alice Bigwell (1882 – 1962) ging eine Tochter hervor. Sie wurde nach seiner Schwester Judith benannt. Werner Salomon starb 1966.

Judith Charlotte Salomon heiratete als Studentin 1906 den Chemiker und Doktor der Philosophie Emil Geisel. Sie wohnten in einem eigenen Haus in Berlin Nikolassee, Prinz-Friedrich-Leopold- Straße 31.

In der Heiratsurkunde von Judith und Emil Geisel aus dem Jahre 1906 ist vermerkt: „Tochter des Rechtsanwalts Max Michael Salomon, Aufenthalt unbekannt…“ Über das Schicksal von Hannas Vater ist nichts bekannt.
Judith und Emil Geisel lebten nach dem Krieg in London und Manchester. Es gelang ihnen also ebenfalls, ihr Leben durch Emigration zu retten.

Hanna blieb ohne Familie in Berlin zurück und lebte wie schon erwähnt mit ihrer Freundin und gleichzeitigen Hauptmieterin Wally Weber zusammen in der Parterrewohnung rechts. Die geräumige Wohnung bestand aus 4 ½ Zimmern, Küche und Bad. Im Dezember 1941 musste Hanna Salomon die erzwungene „Vermögenserklärung“ ausfüllen. Sie strich auf sieben Seiten sämtliche Posten inklusive Kleidungsstücke durch, sodass der Taxator nur feststellen konnte: „Hiervon hatte die S. nur eine Schlafstelle inne. Sie hat nichts hinterlassen.“ Es ist wahrscheinlich, dass dieses Verschwinden jeglichen Vermögens in Absprache mit ihrer Freundin Wally geschah.

Es war zunächst unklar, ob es sich bei der Wohnung um eine sogenannte Judenwohnung handelte. Im April 1942 erklärte das Hauptplanungsamt, die Beschlagnahme der genannten Wohnung sei aufgehoben, da die Wohnung der arischen Mitmieterin zuerkannt worden sei.

64jährig wurde Hanna Salomon am 13. Januar 1942 zusammen mit insgesamt 1036 Menschen aus Berlin und Potsdam mit dem 8. Osttransport nach Riga verschleppt.
Unter diesen Deportierten befand sich auch Adolf Kaiser aus Duisburg. Er hatte während der Olympischen Sommerspiele 1936 den amerikanischen Sportler Jesse Owens in einem Brief aufgefordert, „die goldene Olympiamedaille dem Blutmenschen Adolf Hitler vor die Füße zu werfen und ostentativ abzureisen, um diesen Mördern und Barbaren für ihren Hochmutsdünkel eine Lektion zu geben.“

Wally Weber suchte nach dem Krieg nach ihrer Freundin, sie 1950 bei der alliierten Militärregierung eine Anfrage, die aber nur mit den bekannten Deportationsdaten beantwortet werden konnte.

Ort und Zeitpunkt des Todes von Hanna Salomon sind nicht bekannt.

Recherche und Text: Karin Sievert
Quellen: