Stolpersteine Xantener Straße 7

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Hausansicht Xantener Str. 7
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Diese 15 Stolpersteine wurden am 17.5.2017 auf Initiative des Hausbewohners Martin Ritter verlegt und von der Eigentümergemeinschaft gespendet.

Die Stolpersteine für Elly Singer, Max Schwerin und Rosa Gotha wurden am 16.3.2018 verlegt.

Insgesamt wurden 14 Menschen aus der Xantener Straße 7 verschleppt und ermordet:
Abraham Apelbaum, Margarete Regensburger, Leonard Reisz, Martha Reisz, Nanni Grünthal, Walter Loepert, Käthe Loepert, Eva Loepert, Annemarie Loepert, Georg Joseph, Paula Segall, Marion Segall, Arthur Jachmann, Clara Hammel. Vier weitere wählten den Freitod: Josef Juliusburger, Max Schwerin, Henriette Schwerin, Hertha Jachmann).
Das Schicksal von fünf anderen Juden bleibt vorerst ungeklärt: Marga Mindla Syna, Emma Pintus, Helene Jacoby, Jacques Ber. Von den ermordeten Mietern sind fünf – ebenso wie ungefähr 15.000 Berliner Juden – mit einem der 117 Transporte nach Theresienstadt verschleppt worden: Apelbaum, Hammel, A. Jachmann, Grünthal und Regensburger. Neun Bewohner/innen sind mit einem der 63 Vernichtungstransporte, ebenso wie etwa 36.000 andere Berliner Juden, in den Osten verschleppt und dort ermordet worden: Familie Loepert, Leonard und Martha Reisz, Georg Joseph, Paula und Marion Segall.

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Stolperstein Abraham Apelbaum
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
ABRAHAM
APELBAUM
JG. 1875
DEPORTIERT 17.3.1943
THERESIENSTADT
1944 AUSCHWITZ
ERMORDET

Abraham Apelbaum wurde am 23. April 1875 in Ortelsburg (Ostpreußen) geboren. In der Xantener Straße 7 bewohnte er eine Vier-Zimmer-Wohnung. Zwei Zimmer untervermietete er jeweils an Agnes Kloska und Julie Kohnke; dies gab er in seiner Vermögenserklärung vom 5.3.1943 an. Apelbaum notierte ferner, dass er eine Tochter im Ausland habe. Abraham Apelbaum besaß ein Grundstück (Vorwerkstraße 15) in Lauben in Schlesien (heute Luban, ul. Dobrowskiego). Am 5. März 1942 wurde Apelbaum “evakuiert” (also aus seiner Wohnung abgeholt), am 17. März 1942 dann nach Theresienstadt deportiert, am 16. Mai 1944 wurde er schließlich im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.

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Stolperstein Arthur Abraham Jachmann
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
ARTHUR ABRAHAM
JACHMANN
JG. 1874
DEPORTIERT 4.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 5.5.1943

Arthur Abraham Jachmann wurde am 13. Juni 1874 in Berlin geboren. Seine
Eltern waren Moritz und Franziska Jachmann. Er war Inhaber eines
Wäschefabrikationsbetriebs und Grossist für gestrickte Wäsche und Kunstseide in der Neuen Friedrichstraße 38. Das Geschäft wurde 1938 zwangsweise aufgelöst. Arthur Jachmann war mit Hertha Jachmann, geb. Engel, die am 21. Juni 1884 in Königsberg geboren wurde, verheiratet. Jachmanns wohnten auf der Westseite, 1 Treppe und hatten eine Dreieinhalbzimmerwohnung, für die sie 133,65 RM Miete zahlten. Zwei Zimmer hatten sie an Lucie Friedländer untervermietet (zu Lucie Noack geb. Friedländer vgl. Stolperstein vor der Xantener Straße 5). Die Tochter der Jachmanns, Margot Jachman, war schon in die USA ausgewandert. Auch die Jachmanns hatten dies vor, sie hielten schon die Tickets von der Palestine & Orient Lloyd in der Hand, als am 23. Oktober 1941 die Auswanderung der Juden vom Reichssicherheitshauptamt “ausnahmslos verboten” wurde. Aus den Akten im Bundesarchiv geht hervor, dass Hermann Karger (Tel Aviv, Israel) die Jachmanns mit 300 RM unterstützte.

Hertha Jachmann beging am 1. Juni 1942 Selbstmord. Sie ist im Jüdischen Krankenhaus gestorben und wurde in Weißensee beigesetzt. Arthur Jachmann wurde am 4. August 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo er am 5. Mai 1943 umgebracht wurde. Die Wohnung der Jachmanns wurde am 30. August 1942 geräumt. Wenig später konnte der “Volksdeutsche” Iwersen die Wohnung von Frau Kombrink übernehmen.

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Stolperstein Hertha Jachmann
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
HERTHA
JACHMANN
GEB. ENGEL
JG. 1884
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
1.4.1942

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Stolperstein Clara Hammel
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
CLARA HAMMEL
JG. 1863
DEPORTIERT 25.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 7.10.1942

Clara Hammel wurde am 2. Mai 1863 in Seelow (Brandenburg) geboren. Hammel war Untermieterin bei Margarete Regensburger. Sie wurde am 25. September 1942 nach Theresienstadt deportiert. Dort starb sie am 7. Oktober 1942. In der Todesurkunde wurde als Todesursache ein angeblicher „Darmkatarrh“ angegeben – die von den Ghetto-Ärzten damals üblicherweise für die unhaltbaren Zustände im Lager verwendete Umschreibung.

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Stolperstein Nanni Grünthal
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
NANNI GRÜNTHAL
JG. 1872
DEPORTIERT 5.8.1942
THERESIENSTADT
1944 AUSCHWITZ
ERMORDET

Nanni (Nanny) Grünthal wurde am 30. Oktober 1872 in Posen (Poznan) geboren. Sie war mit Salo Grünthal verheiratet gewesen und verwitwet, wie sie in ihrer Vermögenserklärung vom 3. März 1942 vermerkte. Sie bewohnte in der Xantener Straße 7 eine Dreieinhalb-Zimmerwohnung im Vorderhaus, I. Etage. Ein Zimmer vermietete sie an Grete Burg unter, die ebenfalls Jüdin war. Die Tochter von Nanni Grünthal, Hildegard Deinziger, wohnte in der Brandenburgischen Straße 41. Frau Grünthal wurde am 3. August 1942 “evakuiert”, am 5. August dann nach Theresienstadt deportiert. Sie kam am 16. Mai 1944 in Auschwitz ums Leben. Die wenigen Tage zwischen “Evakuierung” und Deportation – im Fall von Nanni Grünthal zwei – erklären sich aus dem Umstand, dass die Menschen zunächst in ein Sammellager gebracht wurden. Hans Grossmann, ein “Halbjude”, der die Verfolgung in der Mommsenstraße überlebte, hörte von seiner Schwester, die in dem Sammellager Levetzowstraße (es wurde 1941 in der ehemaligen Synagoge Levetzowstraße 7-8 eingerichtet) als Helferin eingesetzt war, über diese Sammellager:

Die Juden, die auf diese Weise abgeholt worden waren, wurden nun zum Lager in der Levetzowstraße gebracht. Eine Familie nach der anderen kam, auch mit Kleinkindern und Säuglingen. Alle in angstvoller Ungewissheit. Die Gestapo-Leute durchstöberten das Gepäck und nahmen völlig willkürlich Sachen heraus, die sie begehrenswert fanden. Einen Tag später begann dann die “Ausschleusung”, so nannte das die Gestapo. Die SS hatte offene Lastwagen
vorfahren lassen. Die waren nur für Schwache und Kinder. Alle anderen mußten laufen. Ein langer Zug durch die Stadt. Zum Bahnhof Grunewald.

Nanni Grünthals Wohnungseinrichtung wurde von der Oberfinanzdirektion am 16.9.1942 für 1869,70 RM an den Möbelhändler Alfred Borneleit verkauft. Den Schlüssel der Wohnung verwahrte derweil der Hauswart Max Jaguzne (Vorderhaus, Parterre) verantwortungsvoll wie immer. Borneleit war einer der vielen kleinen und großen Profiteure des Judenmords. Wie dieses “Geschäft” ablief, erfahren wir aus den Erinnerungen Dieter Borkowskis. Der kleine Dieter begleitete damals seinen Onkel Alfred, der ein Fuhrgeschäft betrieb, bei einem “Ankauf” (“Wer weiß, ob wir uns wiedersehen”, Das Neue Berlin-Verlag 1990):

Es ging schon ziemlich früh los. Wir fuhren in die Stadtmitte. Was mich wunderte, war, daß ein höherer Parteifunktionär in brauner Uniform vorne in der Fahrerkabine saß … In der Potsdamer Straße, Ecke Bülowstrasse hielten wir an. Seltsam, keine Menschen waren in der Wohnung … Die Wohnung war so eingerichtet, als ob die Inhaber nur zum Einkaufen außer Haus gegangen waren und gleich wiederkämen. Das dachte ich, doch es war ein Irrtum. Der Parteigenosse hatte eine Liste in der Hand. Er gab Onkel und den Transportarbeitern den Auftrag, die Wohnung auszuräumen. Ich staunte nicht schlecht, als er sich große Kristallvasen und silberne Leuchter selbst nahm. Dann durfte Onkel sich mancherlei aussuchen, er nahm sich Gegenstände, Lampen, eine Standuhr und viele Bücher … Wir fuhren weiter zur nächsten Wohnung, zu meinem Erstaunen war es hier wie zuvor … Mit Onkel Alfred habe ich nochmals über die Judenaktion gesprochen, als wir allein waren. “Das ist doch alles ganz in Ordnung”, meinte er. “Die Juden müssen in den Ostgebieten arbeiten, da brauchen sie doch keine Wohnungen in Berlin mehr.”

Die damalige Hauswirtin der Xantener Straße, Frau Kombrink, wandte sich am 9.
November 1942 an den Präsidenten der Oberfinanzdirektion und teilte diesem mit, “daß die jüdische Vormieterin Frau Grünthal … am 3. August evakuiert wurde. Der neue Mieter Remmert konnte die Wohnung aber erst am 18. September beziehen, da sich die Wohnung in einem unbeschreiblich unsauberen Zustand befand.” Frau Kombrink wollte daher ihren Mietausfall gegenüber der Finanzdirektion gelten machen.

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Stolperstein Walter Loepert
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HIER WOHNTE
WALTER LOEPERT
JG. 1886
SCHUTZHAFT’ 1938
SACHSENHAUSEN
DEPORTIERT 28.3.1942
PIASKI
ERMORDET

Walter Loepert wurde am 12. April 1886 in Schlawe in Pommern geboren. Von Beruf war er Kaufmann bzw. laut Berliner Adressbuch von 1941 Handelsvertreter. Er wohnte im Hinterhaus im II. Stock. Seine Frau wurde als Käthe Salomon am 22. Februar 1900 in Berlin geboren. Das Ehepaar hatte zwei Töchter, die ältere hieß Eva und wurde am 17. Juli 1925 in Berlin geboren, die jüngere hieß Annemarie und kam am 25. April 1929 ebenfalls in Berlin zur Welt. Die Loepert-Familie wurde zusammen am 28. März 1943 in das Ghetto Piaski deportiert. Das Ghetto Piaski war ein kleineres Ghetto im Kreis Lublin in Polen. Es bestand zwischen April 1941 und 1943. Die etwa 9000 Internierten wurden in Belzec oder Sobibor ermordet.
Walter Loeperts Schwester Margaret Biel gelang es, zu emigrieren. Sie stellte in den 1950er Jahren von den USA aus einen Entschädigungsantrag.

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Stolperstein Käthe Loepert
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HIER WOHNTE
KÄTHE LOEPERT
GEB. SALOMON
JG. 1900
DEPORTIERT 28.3.1942
PIASKI
ERMORDET

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Stolperstein Annemarie Loepert
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HIER WOHNTE
ANNEMARIE LOEPERT
JG. 1929
DEPORTIERT 28.3.1942
PIASKI
ERMORDET

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Stolperstein Eva Loepert
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HIER WOHNTE
EVA LOEPERT
JG. 1925
DEPORTIERT 28.3.1942
PIASKI
ERMORDET

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Stolperstein Margarete Regensburger
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HIER WOHNTE
MARGARETE
REGENSBURGER
GEB. KRISTELLER
JG. 1874
DEPORTIERT 29.10.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 28.2.1944

Margarete Regensburger wurde als Margarete Kristeller am 1. Mai 1874 in
Berlin geboren. Sie heiratete den Justizrat und Rechtsanwalt beim Landgericht Dr. jur. Arthur Regensburger, mit dem sie zunächst in der Potsdamer Straße und Leipziger Straße lebte. Nach seinem Tod 1911 wohnte sie in der Sigismundstraße 5, dann in der Bregenzer Straße 1-2. Jahrelang ließ sie sich im Adressbuch als „verw. Justizrat“ eintragen. Ihre Söhne waren der Schriftsteller Dr. jur. Ernst Regensburger, der am Kurfürstendamm 136 wohnte, sowie Dr. jur. Reinhold Regensburger, der Richter wurde und in der Barbarossastraße 23, dann in der Klopstockstraße 24 wohnte.

Ernst Regensburger gelang die Emigration nach Schweden. Er ließ sich in Stockholm nieder. Auch sein Bruder scheint rechtzeitig Nazi-Deutschland verlassen zu haben, in den 1950er Jahren findet sich ein Dr. Reinhold Regensburger in Cambridge/Großbritannien. Ihre Mutter Margarete wurde hingegen am 29. Oktober 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 28. Februar 1944 umkam. Margarete Regensburger vermietete eines ihrer Zimmer an Clara Hammel.

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Stolperstein Leonhard Reiss
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HIER WOHNTE
LEONHARD REISS
JG. 1889
DEPORTIERT 6.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Leonhard Reiss (auch Reisz geschrieben) wurde am 5. November 1889 in Berlin geboren. Von Beruf war er Bankbeamter. In der Vermögenserklärung, die er am 5. März 1943 ausfüllen musste, gab er 150 Reichsmark Bargeld „Vermögen“ an, mehr war ihm nicht geblieben. Seine Frau Martha Reiss geb. Fuss wurde am 17. November 1894 in Berlin geboren. Das Ehepaar Reiss wurde am Samstag, 6. März 1943 nach Auschwitz deportiert, wo beide ermordet wurden.

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Stolperstein Martha Reiss
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HIER WOHNTE
MARTHA REISS
GEB. FUSS
JG. 1894
DEPORTIERT 6.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

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Stolperstein Georg Joseph
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
GEORG JOSEPH
JG. 1890
DEPORTIERT 5.9.1942
RIGA
ERMORDET 8.9.1942

Georg Joseph wurde am 3. Mai 1890 in Berlin geboren. Joseph war – laut seiner
Vermögensaufstellung – ledig und zu 30 Prozent Kriegsbeschädigter. Georg Joseph war Inhaber der Firma “Charlottenburger Bekleidungshaus”, das er zunächst in der Breite Straße in Spandau und später in der Berliner Straße 134 in Charlottenburg führte. Die jüdischen Geschäfte wurden 1938 zwangsweise „arisiert“, sodass Joseph in seiner Vermögenserklärung vom 1. Dezember 1942 als Beruf “Arbeiter“ im Alfi Schuhreparaturbetrieb, Faller & Lehmann, Kaiserstraße 10 angab.

Joseph lebte zusammen mit seiner Schwester Paula Segall und deren Tochter Marion in der Xantener Straße 7, musste aber diese Wohnung bis zum 31.7.1942 räumen. Bereits Anfang 1941 begann das Reichssicherheitshauptamt,
jüdische Wohnungen systematisch zu räumen und die Bewohner in wenigen
Wohnungen zusammenzulegen, auch um den Kontakt zu nichtjüdischen „arischen“ Mietern so weit wie möglich einzuschränken.
Damals wohnten fünf verschiedene Familien, mehr als 25 Menschen, in einer 5-Zimmer-Wohnung, wie sich Inge Borck an die “Judenwohnung” in der Mommsenstrasse 42 erinnert (Interview, Spielberg Archive). Ernest Fontheim, damals ein kleiner Junge, erinnerte sich an eine vergleichbare Räumung in Charlottenburg (in: Juden in Charlottenburg):

Ende Februar 1941 erhielten wir vom Reichssicherheitshauptamt die Benachrichtigung, dass wir unsere Kaiserdammwohnung innerhalb von neun Tagen zu räumen haben. Uns wurde mitgeteilt, falls die Wohnung nicht fristgemäß geräumt ist, würden unsere Möbel zum Fenster hinaus auf die Strasse geworfen. Diese Nachricht traf meine Eltern wie eine Bombe … Die Wohnung zu räumen und gleichzeitig nach einer anderen Wohnung in einem sogenannten Judenhaus (in dem mindestens die Hälfte der Bewohner Juden sein mußten) zu suchen, das alles innerhalb von neun Tagen, war praktisch eine unlösbare Aufgabe, die trotzdem gelöst werden mußte. Es gab keinen anderen Weg, als in Untermiete zu Juden zu ziehen. Eine so kurzfristige Kündigung stellte eine Verletzung des Mietsvertrages dar, doch die war durch das Gesetz “über die Mietverhältnisse von Juden zum 30. April 1939” zulässig geworden.

Georg Joseph vermerkte weiter, dass seine Schwester und deren Tochter vorhätten, auszuwandern. Dazu kam es nicht, vielmehr zog er mit Schwester und Nichte in ein möbliertes Zimmer bei Familie Ernst und Selma Schein in der Duisburger Straße 1.

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Stolperstein Paula Segall
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
PAULA SEGALL
GEB. JOSEPH
JG. 1900
DEPORTIERT 5.9.1942
RIGA
ERMORDET 8.9.1942

Paula Segall geb. Joseph war rumänische Staatsbürgerin und wurde am 17. Juni 1900 in Berlin geboren. Sie war verwitwet. Ihre Tochter Marion wurde am 10. Oktober 1930 geboren und hatte ebenfalls die rumänische Staatsbürgerschaft.
Nach dem Krieg stellte Hermann Segall einen Entschädigungsantrag. In den Akten findet sich folgende Zeugenaussage einer Luise Bein von 1957:

Paula Segall, ihre Tochter und ihr Bruder wurden im Monat August 1942 (am 28.8.1942) verhaftet. Sie wurden in der Xantener Strasse 7 von Frau Emma Kleinert versteckt, die ebenfalls verhaftet und ermordet wurde.

Judith Schäfer berichtete, dass sie, als sie vor etwa zwanzig Jahren den Dachboden im linken Seitenflügel der Xantener Straße 7 ausbaute, drei “Verschläge” vorfand, deren Verwendung sie sich nicht erklären konnte. Es ist gut möglich, dass es sich hier um die Verstecke der drei gehandelt hat. Tatsächlich sind Georg Joseph, seine Schwester und seine Nichte wenige Tage nach ihrer Verhaftung am 5. September 1942 in das Ghetto Riga deportiert worden. Für Georg Joseph, Paula und Marion Segall wird als Todesdatum der 8. September 1942, der Tag der Ankunft des Deportationzugs, angegeben.

Das Zimmer in der Duisburger Straße 1 wurde am 1. Dezember 1942 geräumt. Familie Schein wurde mit ihren zwei Kindern am 26. Februar 1942 nach Auschwitz deportiert.

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Stolperstein Marion Segall
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
MARION SEGALL
JG. 1930
DEPORTIERT 5.9.1942
RIGA
ERMORDET 8.9.1942

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Stolperstein Max Schwerin
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
MAX SCHWERIN
JG. 1868
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
6.9.1942

Max Schwerin wurde am 12. Oktober 1868 In Haynau in Schlesien geboren. Von Beruf war er Kaufmann. Über ihn ist wenig bekannt. In seiner Akte im Bundesarchiv findet sich nur der Hinweis, dass die Reichsfinanzdirektion das Vermögen von Jettchen Sara Schwerin, geboren am 18. April 1870 ebenfalls in Haynau, zuletzt wohnhaft in der Xantener Straße 7, eingezogen hat. Offensichtlich handelte es sich um Max’ Schwester, Henriette “Jettchen”, die am 6. September 1942 gemeinsam mit ihrem Bruder Selbstmord beging.

Ein Zimmer vermietete Schwerin an Josef Juliusburger, der bereits 8 Monate vorher den Freitod wählte. Max und Jettchen Schwerin wurden am 16. September 1942 in Weißensee beerdigt. Max Schwerins Akte in Weißensee vermerkt, dass er zuletzt in der Artelleriestrasse 31 einem jüdischen Altersheim, untergebracht war und im Jüdischen Krankenhaus starb. In der Bundesarchiv-Akte findet sich ein Vermerk, dass Max Schwerin in der Elsässer Straße 85 in Mitte (heute Torstraße 146) war. Dort befand sich bis September 1941 das Israelitische Krankenheim, das von der orthodoxen Gemeinde Adass Jisroel geführt wurde, später die “Reichvereinigung der Juden in Deutschland”. Der Hinweis auf die Einweisung in das Jüdische Krankenhaus lässt vermuten, dass Max und Jettchen Schwerin das Schlafmittel Veronal nahmen; dies war damals die häufigste Wahl für den Freitod, gerade unter älteren Juden. Die Zeitzeugin Margot Brenner, die damals im Jüdischen Krankenhaus als Krankenschwester arbeitete, erinnerte sich im Mai 1988:

Es kamen viele, viele Patienten zu uns, die aus den Wohnungen geholt worden waren … Sie hatten Tabletten oder Zyankali genommen. Es waren so viele, wir legten sie ins Badehaus, weil wir gar keinen Platz mehr hatten … Und dann machten wir Magenspülungen, aber ein großer Teil war schon tot.

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Stolperstein Elly Singer
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
ELLY SINGER
GEB. WIENER
JG. 1892
DEPORTIERT 19.4.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Elly Singer wurde als Elly Wiener am 14. Juni 1892 in Hamburg geboren. Elly
Singer war mit Ernst Singer (geboren am 13. Mai 1890 in Hamburg) verheiratet. 1939 lebte sie in der Xantener Straße 7 und vermietete ein Zimmer an Ernst Bobrowski unter. Später wohnte sie in der Mommsenstraße 22. Ihre Mutter Hilde Wiener, die am 23. Juli 1864 in Hamburg geboren wurde, wohnte zusammen mit Ellys Schwester Hedwig Golinski (geboren am 26. Februar 1888) in der Sybelstrasse 66. Beide wurden am 17. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo Hilde am 26. Juli 1944 und Hedwig am 28. Oktober 1944 ums Leben gebracht wurden. Ein Bruder Ellys, sein Name ist Ernst Wiener (geboren am 13. Mai 1890), hatte flüchten können und lebte damals bereits in Argentinien.

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Stolperstein Rosa Gotha
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
ROSA GOTHA
JG. 1896
DEPORTIERT 22.2.1944
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Rosa Gotha, geboren am 28. April 1896 in Damitz (Pommern), die als Bewohnerin der Xantener Straße 7 gelistet ist, war 1939 Untermieterin von Max Schwerin, lebte die letzten Jahre jedoch in der Schwäbischen Straße 25. Sie wurde am 22. Februar 1944 nach Auschwitz deportiert.

Ernst Bobrowski, der als Bewohner der Xantener Straße 7 registriert ist, war 1939
Untermieter von Elly Singer. Später hatte er eine eigene Wohnung in der Brandenburgischen Straße 38. Er war mit Wilfriede Bobrowski geb. Hirsch, die am 26. Oktober 1917 in Berlin geboren wurde, verheiratet und hatte mit ihr eine Tochter Reha Leha, die am 7. Januar 1942 geboren wurde. Bobrowski gab als seinen letzten Beruf als zwangsarbeiter “Fräser bei Zeiss Ikon” an und vermietete ein Zimmer seiner Wohnung an Rosa Nathan. Die Mutter von Wilfriede Bobrowski, Helene Hirsch-Gereuth wohnte in der Martin-Luther-Straße 15. Die Bobrowski-Familie wurde am 3. März 1943 nach Auschwitz deportiert. Auch die Untermieterin Rosa Nathan wurde am selben Tag deportiert.

Das Gedenkbuch “Berlin Wilmersdorf. Die Juden” nennt vier weitere Namen:
Marga Mindla Syna wurde am 9. April 1915 in Warschau geboren. Sie wurde am
26. Oktober 1942 von Berlin aus in das Ghetto Riga deportiert und dort drei Tage
später ermordet.
Emma Pintus geb. Grün wurde am 8. Februar 1868 in Danzig geboren. Sie wurde
am 8. September 1942 von Berlin aus nach Theresienstadt deportiert und kam dort am 17. Februar 1944 ums Leben.
Helene Jacoby. Das Gedenkbuch des Bundesarchivs listet vier Helene Jacobys,
die aus Berlin deportiert und umgebracht wurden. Welche von diesen in der Xantener Straße 7 wohnte, konnte nicht einwandfrei geklärt werden. Anzunehmen ist, dass es Helene Jacoby geb. Raphaelson, geboren am 27. Juni 1889 in Allenstein (Ostpreußen), war, die in Wilmersdorf wohnte und am 29. Januar 1943 nach Auschwitz deportiert wurde.
Jacqes Ber. Er überlebte den Holocaust. Seine Ehe blieb kinderlos. Ber starb Ende der 1960er Jahre. Wann er in der Xantener Straße 7 lebte, ließ sich nicht mehr klären (ich danke Dr. Fritz Oppenheimer in Zürich für diese Informationen).

Jüdisches Leben in der und um die Xantener Straße

In der Xantener Straße 23 lebte und arbeitete der Maler Felix Nussbaum (1904-1944) von 1928 bis 1932. In der Xantener Straße 2 wuchs die spätere “Greiferin” Stella Goldschlag-Kübler (1922-1992), eine üble Denunziantin, die Juden und deren Aufenthaltsorte verriet, bei ihren Eltern, dem Komponisten Gerhard Goldschlag und der Sängerin Toni Goldschlag, auf. Der Schauspieler Alfred Beierle (1885-1950), der selbst am Lehniner Platz wohnte, versteckte in der Xantener Straße während der Nazi-Zeit jüdische Künstler. Er selbst handelte illegal mit antiquarischen Büchern und Lebensmitteln und versorgte die Versteckten mit Lebensmitteln auf gefälschte “Reisemarken”. Unter anderem versorgte ihn die damalige Fleischerei Bienert (Dahlmannstraße 9) mit Fleisch und Wurstwaren. Beierle, der 1929/30 die Plattenfirma “Die Neue Truppe” besaß, die antimilitaristische und sozialkritische Texte publizierte, kam in den 1930er Jahren selbst ins KZ. Sein Nachbar war Erich Kästner, der immer im Cafe Leon, das sich über dem Kabarett der Komiker (heute Schaubühne) befand, seine Texte verfasste. Das Cafe Leon war von 1935 bis 1937 Hauptspielstätte des “Jüdischen Kulturbundes” unter Max Ehrlich. Im Juni 1945 gab Beierle mit Erich Kästners begeisterter Zustimmung einen Kästner-Abend.
Auf der östlichen Seite der Xantener Straße am Olivaer Platz gab es drei Cafes, die gerne von “U-Booten”, also untergetauchten Juden, frequentiert wurden: das Cafe Reimann (Leibnizstraße/Ecke Kurfürstendamm), das Cafe Heil (Olivaer Platz 7) und das Cafe Wagenknecht (Olivaer Platz 9). Am Olivaer Platz hatten auch die Eltern von Heinz Berggruen (1914-2007) ein Schreibwarengeschäft und die Tante von Peter Gay (Fröhlich) ein Handschuhgeschäft. Auf der westlichen Seite der Xantener Straße, am heutigen Adenauerplatz, befand sich das Cafe Melodie (Kurfürstendamm 70).

Die Xantener Straße 7

Am 1. Dezember 1933, etwa zehn Monate nach der “Machtergreifung” der Nazis, kaufte das Ehepaar Heinrich und Fri(e)da Kombrink, geb. Heinrichsen, die Häuser Xantenerstrasse 5, 6 und 7 von einer schwedischen Erbengemeinschaft. Die Kombrinks lebten zu diesem Zeitpunkt in ehelicher Gütertrennung. Ab 1936 wohnten die Kombrinks dann selber in der Xantenerstrasse 6; wie das Berliner Adressbuch vermerkt, waren beide zu diesem Zeitpunkt “Privatiere” – das heißt, sie lebten von ihrem Vermögen und waren auf staatliche Altersversorgung nicht angewiesen.

Am 30. April 1941 war Heinrich Kombrink in Litauen (Kowno, Laisvés aleja 44) gemeldet. Warum er Deutschland verließ bzw. verlassen musste, lässt sich nicht eindeutig klären. Es kann sein, dass er einen jüdischen Hintergrund hatte, damit würde die Gütertrennung Sinn ergeben, andererseits kann er Deutschland auch aus politischen Gründen verlassen haben. Von Kowno aus emigrierte Heinrich Kombrink jedenfalls wenig später nach Sao Paulo (Brasilien). Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte ihm seine Frau, die 1955 in Brasilien starb. In dieser Zeit war Friedas Bruder, Fred Heinrichsen, der in der Xantener Straße 7 wohnte, Verwalter der drei Häuser.

1961 wurden die Häuser dann von der Tochter der Kombrinks, Irene Lichtenfeld, an das Fabrikantenehepaar Herbert und Elfriede Krengel (Ballenstedter Straße 16 A) verkauft. In den 1930er Jahren lebte die Stummfilmschauspielerin Eva Evi Otten (1899 als Elly Giese in Berlin geboren) in der Xantener Straße 7. Sie starb, längst vergessen, 1985. Auch der Filmregisseur Wilhelm Prager lebte in den 1930er und 1940er Jahren hier. Er drehte 1925 den damals Aufsehen erregenden Film “Wege zur Kraft und Schönheit”, in dem Leni Riefenstahl ihren ersten Auftritt hatte.

Recherchen und Text: Martin Ritter (Berlin)

Ansprache zur Verlegung der Stolpersteine für das Haus Xantener Strasse 7 am 17. Mai 2017

Offenbar hat der Talmud am Ende recht behalten: „Eine Gemeinschaft kann nicht sterben!“ Mehr als 70 Jahre nach der Shoah gibt es in Berlin wieder eine große jüdische Gemeinde, etwa 30.000 Israelis leben in Berlin und regelmäßig wird Berlin unter jungen Israelis zu der beliebtesten touristischen Destination gewählt. Politisch und staatlich ist die Erinnerung an die Shoah fest im Bewusstsein der Hauptstadt verankert; es gibt ein Holocaust-Denkmal und der Geschichtsunterricht über diese Zeit ist an allen Schulen Pflicht. Insofern wurde alles getan, damit sich auch nachfolgende Generationen dieses unvergleichbare und unbeschreibbare Verbrechen vergegenwärtigen. Gerade weil man die gesamte Geschichte des Dritten Reichs im Grunde als einen Krieg gegen die Erinnerung verstehen kann.
Aber die staatliche Erinnerungskultur mit ihrer offiziellen Erinnerungsdaten und Orten bleibt oft abstrakt und vom Alltag der heute lebenden Deutschen weit entfernt. Es ist heute eben nur noch schwer vorstellbar, wie Täter und Opfer in der Zeit lebten und handelten. Sebastian Haffner, selbst ein Betroffener und Emigrant, erklärt uns diese „Spirale des Mitmachens“: „Alle Deutschen haben am Anfang nicht mehr gewollt als jeder Mensch wollen mag; in einer allgemeinen Panik ihr kleines Privatidyll retten, ihre Familie, ihr Gärtlein oder ihre Bücher. Man habe ihnen einen Preis gemacht, der sukzessive gesteigert wurde. Dafür, daß die weiterhin ruhig leben durften, haben sie zuerst ihre politische Freiheit aufgeben müssen, dann ihre jüdischen Freunde, dann ihre persönliche Würde, schliesslich immer mehr von ihrem Gewissen, ihrem Ich, ihrer moralischen Existenz.“ Am Ende wollten die Deutschen nicht mehr sehen, wie, „während auf dem Kurfürstendamm ordensgeschmückte Offiziere spazierten, in den Seitenstrassen die gebückten, bleichen Juden schlichen“, sie hörten nicht, wie am Wochenende die Lastwagen des SD die Seitenstraßen blockierten, wie „ihre Nachbarn aus den Wohnungen geprügelt wurden“ und „wie ein Stück Vieh
auf die Lastwagen geschmissen wurden“. Wie der Herr Iggen in Bertolt Brechts „Maßnahmen gegen die Gewalt“ sagte die überwältigende Mehrheit der Deutschen erst „Nein“, nachdem die Gewalt(herrschaft) vorüber war. Die Nöte und Ängste der Opfer sind noch weit schwieriger zu verstehen; die subtile, fortschreitende Entrechtung und Entmenschlichung bis zu dem Zeitpunkt hin, wo ihnen buchstäblich nichts mehr blieb, als auf den Abtransport ins Vernichtungslager zu warten.
Am besten können wir diese Grausamkeiten verstehen, wenn wir uns die Schicksale einzelner Menschen erzählen (lassen) und damit vergegenwärtigen. Inge Deutschkrons bewegende Autobiographie ist ein wunderbares Beispiel dafür.
Doch auch die Stolperstein-Initiative Gunter Demnigs, die 1992 als ein Einmann-Projekt begann, ist nun ganz bestimmt ein wichtiger Beitrag dazu, den einzelnen Opfern ihre Namen zurückzugeben, sie aus der Anonymität der Geschichte zurückzuholen und schließlich uns die Namen von ehemaligen Nachbarn und Mitbürgern zu vergegenwärtigen. Es zeigt sich mit der Steinlegung, dass Namen eben nicht nur „Schall und Rauch“ sind; die Begehung der Stolpersteine bietet heute für Nachfahren von Opfern und Tätern gleichermaßen Gelegenheit dazu, zu erkennen, wie es diesen ergangen ist bzw. was diese begangen haben. Es ist meine ganz persönliche Erfahrung, dass im Moment der Konfrontation mit den Namen auf den gold-glänzenden Steinen ein Nachdenken einsetzt: heutige Bewohner überlegen, was sie wohl in diesen dunklen Zeiten gemacht hätten,
israelische Besucher erklären ihren Kindern, was mit den Menschen hinter den Namen geschehen war, Passanten kommen mit Bewohnern ins Gespräch und so weiter. Die abstrakte Nebelwand der Geschichte wird im Augenblick des Stolperns zum anrührenden Moment, zum Innehalten und Nachdenken.
Zu Beginn der Recherche-Arbeit hätte ich nie für möglich gehalten, dass (mehr als) 15 Menschen aus diesem Haus verschleppt und ermordet wurden und das Schicksal von fünf weiteren Bewohnern bis heute ungeklärt bleibt. Im Mikrokosmos unseres Hauses spiegelt sich das ganze Spektrum der national-sozialistischen Vernichtungspolitik wider; Kinder und Greise wurden abgeholt und
ermordet, versteckte Juden von ihren deutschen Mitbewohnern verraten, der Abtransport von Gaffern beobachtet (das ließ sich auch damals bei den örtlichen Gegebenheiten gar nicht vermeiden), der Hauswart war pflichtbewusst immer zur Stelle, das Eigentum schnell von Profiteuren übernommen und die damalige Eigentümerin bereicherte sich an dem Verbliebenen. Die Xantener Straße war auch in den dreißiger und vierziger Jahren eine bevorzugte Wohnlage mit einem hohen jüdischen Bewohneranteil. An einem Ende der Straße wuchsen die Jungen Heinz Berggruen und Michael Blumenthal auf. Am anderen Ende der Straße lebte und wirkte Stella Goldschlag, eine Jüdin, die den Pakt mit dem Teufel einging und bis zu 900 untergetauchte Juden aufspürte und an die Nazis auslieferte.
Indem wir heute die Steine für 15 Opfer setzen, machen wir aus Zahlen wieder Namen, aus Namen wieder Menschen. Zwischen Rosh ha-Shanah und Yom Kippur beten fromme Juden „schreibe uns ein in das Buch des Lebens“. Wir wissen nicht, wie viele unserer Opfer religiös waren oder ob sie überhaupt in einer Verbindung zum Judentum standen, die über ihre Markierung von Seiten der Täter hinausging, aber wir können heute ihre Namen in das Buch dieses Hauses einschreiben.
Wir setzen heute die Steine für: Georg Joseph, 1890 geboren und Inhaber des Charlottenburger Bekleidungshauses. Er lebte mit seiner Schwester Paula Segall und deren Tochter Marion in unserem Haus, bis er am 31. Juli 1942 die Wohnung räumen mußte. Georg Joseph, seine Schwester und seine Nichte wurden dann von Frau Emma Kleinert auf dem Dachboden versteckt, verraten und anschließend in das Ghetto Riga deportiert. Abraham Apelbaum war Rentier und Hausbesitzer. Am 5. März 1943 wurde er nach Theresienstadt deportiert und am 16. Mai 1944 in Auschwitz ermordet. Nanni Grünthal war bereits verwitwet, als sie am 3. August 1943 abgeholt wurde. Sie starb am 16. Mai 1944 in Auschwitz. Leonhard Reiss, geboren 1889 in Berlin, lebte mit seiner Frau Martha in der Xantener Straße. Er war Bankbeamter. Sie wurden am 17. November 1943 nach Auschwitz deportiert, wo beide ermordet wurden. Margarete Regensburger war die Witwe des Justizrats Regensburger; sie wurde am 29. Oktober 1942 nach Theresienstadt deportiert und starb dort am 28. Februar 1944. Walter Loepert lebte mit seiner Frau Käthe und den Töchtern Eva (geb. 1925) und Annemarie (geb. 1929) im 2. Stock des Hinterhauses. Er war von Beruf Handelsvertreter. Die Loepert-Familie wurde am 28. März 1943 in das Ghetto Piaski deportiert und dort ermordet.
Arthur Abraham Jachmann führte mit seiner Frau Hertha ein Wäschegeschäft in der Neuen Friedrich Str. 38. Das Ehepaar Jachmann wohnte auf der Westseite, 1 Treppe. Hertha Jachmann beging am 1. Juni 1942 Selbstmord, ihr Mann wurde am 4. August 1942 deportiert und starb am 5. Mai 1943.
Clara Hammel wohnte zur Untermiete bei Frau Regensburger. Sie wurde am 25. September 1942 deportiert und starb am 7. Oktober 1942.
Wir erinnern auch an die Opfer, deren Schicksal ungeklärt bleibt: Rosa Gotha, Elly Singer, Ernst Bobrowski, Marga Mindla Syna, Emma Pintus und Helene Jacoby. Unvergessen bleibt auch Emma Kleinert, eine Schneiderin aus der Sybelstrasse 38, die Georg Joseph, Paula und Marion Segall versteckte und damit bewies, dass man auch in diesen unmenschlichen Zeiten Mensch bleiben kann.
Die gold-glänzenden Steine für die jüdischen Opfer dieses Hauses liegen nun Aug-in-Aug zu den Namen der heutigen Bewohner auf dem gold-glänzenden Klingelbrett und erinnern uns daran, was in widrigen Zeiten aus einem „ehrenwerten Haus“ werden kann.

Martin Ritter (Berlin, Xantener Straße 7)