Stolpersteine Kamminer Straße 2

Hauseingang Kamminer Str. 2

Die Stolpersteine wurden am 11.6.2015 auf Initiative von Allan Henriksen (Gentofte/Dänemark und Berlin, Kamminer Straße 4) in Anwesenheit zahlreicher Hausbewohner/innen, Nachbarn und des Hauses am Mierendorffplatz sowie von Schüler/innen, Lehrern und Eltern des Gottfried-Keller-Gymnasiums verlegt.

Über die damaligen Zustände im Kiez berichtete Allan Henriksen: Verhältnismäßig wenige Juden wohnten im Viertel, aber trotzdem war die nationalsozialistische Repression hier umfangreich. Die berüchtigte SA-Sturmabteilung 33 hatte ihren Sitz an der Ecke Kamminer Straße/Tegeler Weg, wo sich jetzt ein Antiquariat befindet. Die Deutsch-Christen, die der NSDAP angehörig waren, hatten die Gustav-Adolph-Kirche übernommen, sodass die ehemaligen Gemeindemitglieder Gottesdienst in Wohnungen veranstalten mussten.

Die heutige Mierendorff-Insel wurde zusammen mit dem restlichen nördlichen Teil von Charlottenburg manchmal „Klein-Wedding“ genannt, da die Anhängerschaft der Arbeiterparteien auch hier verhältnismäßig groß war. Die Schrebergärten nördlich von der S-Bahn wurden in ähnlicher Weise Klein-Moskau“ genannt, weil Verfolgte hier manchmal eine Zeitlang Unterschlupf finden konnten.

So gab es auch Beispiele des Widerstandes. Dr. Siegfried Kawerau, ein sozialdemokratischer Schuldirektor und Reformpädagoge, der am Bonhoefferufer 18 wohnte, wurde von der SA verhaftet und zu Tode misshandelt.
Hier ist einer der wenigen Stolpersteine in unserem Kiez verlegt.

Eine Frau Göring hatte im Hinterzimmer ihres Geschäfts, Osnabrücker Straße 6, wo sich jetzt das Lokal Holzwurm befindet, Verfolgte in den Hinterzimmern versteckt.

Die Kamminer Straße 2 mit Innenhof ist ein stattliches Haus gewesen. Hier wohnten sowohl wohlhabendere Leute als auch Kleinhandwerker. Ab 1910, unmittelbar nach dem Bau, übernahm die Familie Steinberg das Haus und bewohnte selbst eine Wohnung im Vorderhaus im 1. Stock, der sogenannten Belle Etage. Wahrscheinlich kam die Familie aus der Stallschreiberstraße 32a in der Nähe von Moritzplatz, einem Viertel mit vielen Textilbetrieben. Der Vater von Hanna Lewin, Theodor Steinberg, war Textilkaufmann. Er wurde auch als Innungsmitglied genannt. 1914 ist er gestorben. Von da an bis 1933 war seine Witwe Bertha Steinberg Eigentümerin des Hauses und blieb in der Wohnung. Sie war bis 1932 als Verwalterin angegeben.

Stolperstein Hanna Lewin

HIER WOHNTE
HANNA LEWIN
GEB. STEINBERG
JG. 1883
DEPORTIERT 17.11.1941
KOWNO FORT IX
ERMORDET 25.11.1941

Stolperstein Ilse Senta Goldschmidt

HIER WOHNTE
ILSE SENTA
GOLDSCHMIDT
GEB. LEWIN
JG. 1913
DEPORTIERT 17.11.1941
KOWNO FORT IX
ERMORDET 25.11.1941

Stolperstein Leonhard Lewy

HIER WOHNTE
LEONHARD LEWY
JG. 1885
DEPORTIERT 10:1:1944
THERESIENSTADT
1944 AUSCHWITZ
ERMORDET

Hanna Lewin geb. Steinberg ist am 25. Juli 1883 in Berlin geboren. Sie übernahm 1934 das Haus Kamminer Straße 2 und wohnte im 1. Stock. Wahrscheinlich hat sie geerbt. Ihre Wohnung mit Inventar war großbürgerlich, fast herrschaftlich. Ihre Tochter Ilse Goldschmidt geb. Lewin, geboren am 13. März 1913 in Kiel, lebte mit ihr zusammen, nachdem ihr Mann Fritz Goldschmidt nach Buenos Aires entkommen konnte. Er hat den Krieg überlebt.

1941 wurde das Haus den Nazigesetzen folgend an eine Frau Roch zwangsversteigert, die in der Eisenacher Straße wohnte. In den 1950er Jahren wurde es nach einem Gerichtsurteil an Fritz Goldschmidt zurückerstattet.

Unmittelbar vor der Deportation am 15. November 1941 bezeichneten die Nazi-Behörden die Wohnung, die 4 Zimmer hatte, als etwas verwohnt. Hanna Lewin wurde, wie es damals üblich war, gezwungen, eine detaillierte Liste über ihre Habe auszuarbeiten, damit die anschließende Beschlagnahme erleichtert wurde. Diese Liste liegt in ihrer Handschrift vor, ist in ihrer Kargheit bewegend und weist sowohl Wertgegenstände als auch kleine Mengen von Lebensmitteln aus, was auf die schwierige Versorgungslage der Verfolgten damals hinweist. Hanna Lewin hatte einige Wertgegenstände in einen Koffer gepackt, den sie an einen Bekannten, einen Optiker in der Kaiser-Friedrich-Straße, brachte. Nach dessen Angabe ist der Koffer aber während des Krieges verschwunden.

Etwa zwei Tage vorher hatten sich die zur Deportation bestimmten Menschen im Sammellager in der dazu missbrauchten Synagoge Levetzowstraße in Berlin-Tiergarten einzufinden. Für Hanna Lewin und ihre Tochter Ilse Goldschmidt war es am 15. November 1941. Sie waren zu der Zeit 58 und 28 Jahre alt.

Die Deportierten wurden nachts mitten durch das Zentrum des Berliner Westens zum Vorortbahnhof Berlin-Grunewald geführt. Es handelte sich um eine der ersten Deportationen, die von den Behörden als „6. Osttransport” registriert wurde. Für den Zug war als Ziel zunächst Riga angegeben, eigentliches Fahrtziel war aber das Ghetto Kowno (Kaunas) im heutigen Litauen. Hier kam der Transport am 25. November 1941 an. Der Zug brachte 1006 Berliner Juden nach Kowno. Das Durchschnittsalter der Deportierten betrug 46 Jahre. Sie alle, darunter 25 Kinder im Alter von bis zu zehn Jahren, wurden am 25. November 1941 im Fort IX von Kowno ermordet.

Kaunas war wegen Auseinandersetzungen Heinrich Himmlers mit den Behörden in Lodz/Litzmannstadt ein Ausweichort. Während die Transporte nach Riga und Minsk längerfristig vorbereitet wurden, nahmen sie Kowno kurzfristig unter die Ziele der Sonderzüge auf.

Hauptquelle zum Schicksal der nach Kowno deportierten ist der Bericht des Führers des Einsatzkommandos, Karl Jäger: Am 29. Oktober 1941 sind 9200 Menschen im Ghetto Kowno erschossen worden, um es zu verkleinern. Die im November 1941 aus dem Reichsgebiet eingetroffenen Juden wurden auf dem Bahnhofgelände von Kowno durch litauische „Partisanen“ und Reste des Polizeibataillons 11 aus den Zügen geholt. Die angekommenen Juden wurden nicht in das Ghetto gebracht, sondern liefen entlang der Straße durch das geteilte Ghetto zum Fort IX der historischen Stadtbefestigung. Ein Weg, der sie zu den vorbereiteten Gruben führte.

Leonhard Lewy wurde am 15. Oktober 1885 in Berlin geboren. Ab 1936 wohnte er zusammen mit seiner Frau als Mieter im Haus Kamminer Straße 2. Er war Kaufmann von Beruf. Später war er Untermieter eines Zimmers in der ehemaligen Wohnung von Hanna Lewin im ersten Stock, die jetzt als „Judenwohnung“ bezeichnet wurde.

Er war Sohn des Kaufmanns Salomon Lewy und von Rifke, geborene Abraham. 1912 wohnte er in der Beuthstraße 6 und heiratete die Sekretärin Agnes Anna Gertrud Mirus, geboren am 7. Januar 1882 in Berlin, die aus der Voltastraße 38 kam. Sie war die Tochter des städtischen Bezirksgärtners Ferdinand Hermann Rudolf Mirus und seiner Frau Augustine Wilhelmine und evangelisch.

Leonhard Lewy wurde spät, erst am 11. Januar 1944, von Berlin nach Theresienstadt deportiert. Die Abfahrt vom Anhalter Bahnhof war wegen Bombenangriffen etwas verzögert. Es handelte sich um einen Transport, in dem Personen deportiert wurden, die in von den Nazis sogenannten „privilegierten Mischehen“ lebten. Der Verlust des Schutzes entstand, weil seine „arische“ Frau am 5. Januar 1942 gestorben war.

Im Mai 1944 hat er seiner Tochter Rita Bonnet eine Karte geschrieben. Danach ist er am 28. Oktober 1944 nach Auschwitz weiterdeportiert worden. Dort wurde er ermordet. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Tochter aus Paris an die jüdische Gemeinde in Berlin geschrieben, um Nachrichten über das Schicksal des Vaters zu bekommen, erst dann erfuhr sie über seinen Tod.

Nach der Deportation von Hanna Lewin und ihrer Tochter Ilse Goldschmidt wurde, wie erwähnt, ihre Wohnung in eine sogenannte „Judenwohnung“ umfunktioniert. Die Familie Ernicke/Samson aus Treptow, Moosdorfstraβe 3, wurde hierher zwangsumgesiedelt. Auch diese Familie hatte „Mischlingsstatus“, weil der gestorbene Vater „Arier“ und evangelisch war. Außer der Mutter Edith Ernicke gehörten zur der Familie zwei Töchter, Ursula und Eva Ingeborg, und ein Sohn Karl Kurt sowie deren Großmutter Bertha Samson geb. Herzberg, geboren am 11. Oktober 1876 in Sachsenhagen (Niedersachsen). Sie wurde am 24. April 1943 in Theresienstadt und Karl Kurt Ernicke im April 1945 in Ohrdruf, einem Nebenlager des Konzentrationslagers Buchenwald, ermordet.

Zum Gedenken an sie sollen Stolpersteine für sie in Treptow verlegt werden, wo ihr letzter freiwilliger Wohnort war.

Texte: Allan Henriksen
Quellen: Brandenburgisches Landeshauptarchiv Potsdam; Berliner Adressbücher; Deportationslisten; Gottwald/Schulle: Die Judendeportationen, Wiesbaden 2005

Das Gottfried-Keller-Gymnaium hat Bilder von der Verlegung auf seiner Webseite veröfffentlicht.