Stolpersteine Leibnizstraße 48

Bildvergrößerung: Hausansicht Leibnizstr. 48
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Diese Stolpersteine wurden auf Wunsch von Marianne Glass-Loser, Enkelin von Else Remak und Nichte von Brigitte Brasch, am 19.5.2015 verlegt.

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Stolperstein Else Remak
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
ELSE REMAK
GEB. BADT
JG. 1879
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
19.11.1942

Else Remak, geb. Badt, wurde am 9. März 1879 in Sorau (Schlesien) geboren. Sie heiratete den Augenarzt Dr. Benno Remak. Das Ehepaar hatte drei Töchter: Annelotte (geboren 1900), Eva-Magarete (geboren 1902), und Brigitte (1907 geborene). Zusammen lebten sie in Glogau in Schlesien, wo der Vater eine Praxis aufbaute und als anerkannter Sanitätsrat tätig war (siehe Adressbuch von Glogau, Schlesien, aus dem Jahr 1913). Nachdem ihm die Glogauer Praxis von einem nicht-jüdischen Kollegen entwendet worden war, zog das Ehepaar zur jüngsten Tochter Brigitte nach Berlin. Dort starb Dr. Benno Remak 1935. Sie wohnten in der Leibnizstraße 48. Am 19. November 1942, als schon etliche Nachbarn und Bekannte abgeholt worden waren, nahmen Else Remak und ihre Tochter Brigitte zusammen ein tödliches Medikament ein, dessen Folgen sie noch am selben Tag erlag.

Elses älteste Tochter Annelotte wanderte 1939 nach New York aus. Die mittlere Tochter Eva-Magarete lebte zusammen mit ihrem Gatten Arthur Glass und deren Tochter Marianne bis zum letzten Kriegsjahr mit der Hilfe von zwei Nachbarinnen versteckt in Breslau. Kurz vor der russischen Besetzung gelang ihnen die Flucht nach Österreich, von wo aus sie mit der Unterstützung von Annelotte die Auswanderung in die Vereinigten Staaten antraten. Annelotte starb dort 1994. Eva-Magarete starb 1956, ihr Gatte Arthur Glass 1957 im Alter von 66 Jahren, nachdem sie begonnen hatten, sich in den USA ein neues Leben aufzubauen. Ihre Tochter Marianne heiratete Ernest Loser, der auch aus Breslau stammte und den sie kurz nach der Einwanderung in New York beim Universitätsstudium kennenlernte. Sie leben in Wilton (Connecticut, USA).

Bildvergrößerung: Stolperstein Brigitte Brasch
Stolperstein Brigitte Brasch
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
BRIGITTE BRASCH
GEB. REMAK
JG. 1907
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
23.11.1942

Brigitte Brasch, geb. Remak, wurde am 1. April 1907 als jüngste Tochter von Benno und Else Remak in Glogau (Schlesien) geboren. Sie studierte in Tübingen Mathematik und heiratete anschließend den Rechtsanwalt Martin Brasch. Sie lebten im Gartenhaus der Leibnizstraße 48. Brigitte war als Lehrerin an einer jüdischen Schule in Berlin tätig. Nach dem Verlust der väterlichen Praxis zogen auch die Eltern von Brigitte nach Berlin und hatten eine Wohnung im Vorderhaus.

Eines Tages wurde Brigittes Ehemann Martin ohne Begründung von der Gestapo abgeholt und in das Gefängnis am Alexanderplatz eingeliefert. Zum Straßenbau eingesetzt starb er am 22. Juni 1941 an den Folgen eines Arbeitsunfalls. Nach dem Tod ihres Ehemannes und nach der angekündigten Deportation entschloss sich Brigitte Brasch, gemeinsam mit ihrer Mutter Else Remak, am 19. November 1942, in großer Verzweiflung dem Leben ein Ende zu setzen. Sie nahmen ein tödliches Medikament ein. Brigitte starb am 23. November 1942.

Text: Elke Hersch-Glass (Alicante, Spanien)

Zur Verlegung der Stolpersteine zum Gedenken an ihre Großmutter und ihre Tante schrieb Marianne Glass-Loser:

Heute ist November 19, 2014. Am 19. November 1942 – vor 72 Jahren – hat meine Großmutter Else Remak mit ihrer jüngsten Tochter Brigitte Brasch, geb. Remak, den einzigen Ausweg, der ihr blieb, vor einer Deportation in ein Konzentrationslager, gesucht – den Tod durch Medikamente. Sie starb am gleichen Tag; meine Tante Brigitte 4 Tage später, am 23. November. Ich war damals 16 Jahre alt und werde diesen grausamen Tag und die folgenden Tage nie vergessen. Ich liebte meine Großmutter Else und war innigst mit ihr und meiner Tante Brigitte in all den Jahren verbunden. Oft durfte ich meine Schulferien bei ihnen verbringen, erst in Glogau und später dann in Berlin-Charlottenburg, Leibnizstraße 48.
Brigitte lebte mit ihrem Ehemann, Martin Brasch, an der gleichen Adresse im Gartenhaus. Martin war schon Monate früher “abgeholt” worden zum Gefängnis am Alexanderplatz. Er wurde zum Straßenbau eingesetzt und starb an Folgen einer Sepsis durch Verwundung. Martin hatte Jura studiert und hatte in den letzten Jahren viel mit Rat und Tat den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde geholfen. Seine Mutter und deren Schwester, die im Nachbarhaus wohnten, waren damals schon ins Lager Theresienstadt verschleppt. So sind fünf Menschen, die in meinem Leben eine große Rolle spielten, in diesen Häusern ums Leben gekommen! Heute bin ich 88 Jahre und habe diese Tage noch immer nicht verschmerzt.
Meine Großmutter, Else Remak, war ein immer heiterer, verständnisvoller und lieber Mensch. Sie und mein Großvater, Sanitätsrat Dr. Benno Remak, ein Augenarzt und Chefarzt bei den Grauen Schwestern im Krankenhaus in Schlesien, hatten viele Freunde. Unter seinen Patienten gab es so manche, die bei ihr nach der Behandlung in der Küche saßen bei einer Mahlzeit, die sie sonst nicht gehabt hätten, und nahmen oft ein Päckchen mit nach Hause. Meine Mutter erzählte mir das, um mir als Kind meine Großeltern als gutes Beispiel zu geben.
In den Jahren der Verfolgung, nachdem mein Großvater 1935 starb, hatte sie – trotz der damit verbundenen Gefahr – immer viele Freunde, die Trost und Hilfe gaben. Diese Menschen hatten sie über viele Jahre lieb gewonnen, weil sie immer für andere da war. Meine Mutter erzählte mir, wie ihre Mutter aufnahmebereit allem Neuen entgegenkam. Sie war sehr an Musik und Kunst interessiert, liebte Natur und Bergwanderungen und ging gern in den Wald Pilze sammeln. Ich selbst erinnere mich an herrliche Bergwanderungen mit ihr als Kind.
Die Schwester meiner Mutter, die jüngste von drei Schwestern, Brigitte, heiratete Martin Brasch noch in Glogau, zog dann aber nach Berlin und lebte auch Leibnizstraße 48 – im Gartenhaus. Sie war eine äußerst beliebte Lehrerin in der Jüdischen Schule in Berlin. Die Kinder wollten alle mit ihr nach Hause gehen und warteten nach der Schule auf sie. Sie hatte Mathematik in Göttingen studiert und hat wohl durch ihre sonnige Natur die Mathematik einfach gemacht für die Kinder! So war ich immer, wenn ich auf Ferien in Berlin war, von viel Liebe und Frohsinn umgeben.
In den frühen 1940er Jahren kam dann eine neue Gesetzgebung heraus, dass wir nicht mehr zu ihnen gehen konnten, da mein Vater christlicher Religion war und meine Mutter und ich keinen “Stern” trugen.
Vieles änderte sich dann bei uns zu Hause. Von Tag zu Tag vermehrten sich die Nachrichten von Verfolgungen und Transporten in KZ. Wir bangten um unsere Lieben in Berlin, und alles endete mit dem unsagbar traurigen Tag, November 22, 1942, an dem meine Großmutter und Tante in den Tod gezwungen wurden. Ich habe nie fassen können, wie meine Mutter mit dieser Last leben konnte. Auch ich, mit 88 Jahren, kann es nie überwinden. So bin ich dankbar, dass die “Stolpersteine” für immer die Menschheit erinnern wird, dass “leben und leben lassen” unser Verhalten auf dieser Erde sein muss.
Marianne Glass-Loser