Stolpersteine Sybelstraße 27

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Hausansicht Sybelstr. 27
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Die Stolpersteine zum Gedenken an Martin und Paula Wolff sind auf Wunsch der Enkelin Ruth Nadelman Lynn (USA) am 28.4.2015 im Beisein von Hausbewohner/innen verlegt worden.

Das Haus Sybelstraße 27 mit 35 Wohnungen im Vorder- und den Seitengebäuden gehörte 1939 dem Major a. D. Maximilian Perkuhn, der am Kurfürstendamm 150 lebte. Mindestens 17 der 1939 hier registrierten Bewohner/innen sind deportiert und ermordet worden. Unter ihnen war Felice Rahel Schragenheim, die ursprünglich bei ihren Eltern Albert und Erna Schragenheim gewohnt hatte und nach deren Tod bei der Familie Max Tichauer in der Sybelstraße 27 unterkam, wo auch die verwitwete Käte Schragenheim wohnte, vermutlich eine Tante. Felice Schragenheim ist später durch das Buch und den Film “Aimée und Jaguar“ berühmt geworden. Ein Stolperstein erinnert an sie an der Friedrichshaller Straße 23

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Stolperstein Paula Wolff
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
PAULA WOLFF
GEB. LEWINSOHN
JG. 1885
DEPORTIERT 26.9.1942
ERMORDET IN
RAASIKU

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Stolperstein Martin Wolff
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
MARTIN WOLFF
JG. 1877
DEPORTIERT 26.9.1942
ERMORDET IN
RAASIKU

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Familie Wolff, 1914
Bild: Familienbesitz

Martin Wolff ist am 20. Mai 1877 in Thorn (Torun) geboren. Er war verheiratet mit Paula Wolff geb. Lewinsohn, geboren am 15. Februar 1885 ebenfalls in Thorn. Das Ehepaar hatte zwei Kinder: Hans Georg und Hildegard, geboren 1913. Paula Wolff war Kindergärtnerin gewesen. In Braunsberg in Ostpreußen führte Martin Wolff die Neustadt-Apotheke, bis sie 1936 nach Berlin zogen. Nachdem Hans Georg und Hildegard geflüchtet waren, stand er im Berliner Adressbuch als Mieter der Sybelstraße 27. Sie zahlten 68,60 Reichsmark Miete. Paula Wolff war, so berichtete ihre Enkeltochter, abergläubisch und suchte häufig einen Astrologen namens Hoog auf.

Der Sohn Hans Georg konnte 1936 aus Berlin entkommen, heiratete 1940 in den USA die Lehrerin Mollie Horowitz und nannte sich George Wolfe. Er wurde wie sein Vater zunächst Apotheker, dann Werbeleiter einer Firma in New Jersey. Die Tochter Hildegard wurde wegen ihrer jüdischen Herkunft in Berlin von der Schule verwiesen, folgte 1937 ihrem Bruder in die USA, heiratete den Universitätsprofessor Dr. Alfred H. Nadelmann und hieß Hilde M. Nadelmann. Sie ließen sich in Kalamazoo/Michigan nieder. Deren Tochter Ruth, die Bruce Lynn heiratete, leitete in Lexington/Massachusetts die Kinderbuchabteilung einer Bibliothek und schrieb die Familiengeschichte für das Buch „We Shall Not Forget! Memories oft the Holocaust“ (Temple Isaiah, 2. Auflage 1995). Mindestens 42 Familienangehörige sind in der Shoah ums Leben gekommen.

Familie Wolff, 1927
Familie Wolff, 1927
Bild: Familienbesitz

Verzweifelt versuchten Martin und Paula Wolff, der Judenverfolgung in Deutschland zu entkommen. Sie hatten bei der Deutschen Amerika-Linie bereits eine Schiffspassage nach Chile gebucht und bezahlt (822,37 Reichsmark), jedoch schrieb sie ihrer Tochter am 7. Juli 1939: „Das Schiff fährt am 27. ab, aber ohne uns!“ Im November 1941 kam eine Ausreisegenehmigung nach Cuba, aber zu spät. Martin Wolff war zuletzt als „ehrenamtlicher Helfer“ bei der Jüdischen Kultusvereinigung in der Oranienburger Straße tätig.

Ende Juli 1942 mussten Martin und Paula Wolff auf Anordnung der Wehrmacht ihre Wohnung, die danach aufwändig renoviert wurde, für einen Offizier namens Speth räumen, der am 15. September einzog. Wolffs wurden zwangsweise in die Wilmersdorfer Straße 8 umgesiedelt, wohin sie einen Teil ihrer Einrichtung mitnehmen konnten.

Doch lange durften sie auch dort nicht bleiben. Am 26. September 1942 wurden sie im Sammellager in der Synagoge an der Levetzowstraße 7-8 für einen Transport eingeteilt, der am Verladebahnhof Moabit mit 816 Berliner Juden an einen mit 237 Menschen aus Frankfurt/Main kommenden Zug gekoppelt wurde. Fünf Tage lang waren sie nach Raasiku bei Reval in Estland unterwegs. In der Nähe sind sie erschossen worden. Nur 26 überlebten den Holocaust.

Martin und Paula Wolffs Besitz wurde beschlagnahmt und brachte dem NS-Staat einen Verkaufserlös von 1 218 RM. In einem 1959 von den Kindern aus den USA geführten Entschädigungs- und Rückerstattungsverfahren wurden alle Ansprüche von den deutschen Behörden „zurückgewiesen“ oder seien „erloschen“.

Zum Gedenken an Paula Wolffs Bruder Willi Lewinsohn und dessen Frau Grete geb. Schöneberger sowie für die Söhne Helmut Wolfgang und Karl-Philipp liegen Stolpersteine in Berlin-Mitte an der Klosterstraße 73. Dr. Willi Lewinsohn war Lehrer am Gymnasium zum Grauen Kloster und wohnte dort bis 1933.

Text: Helmut Lölhöffel mit Material von Reinhard Frommann.
Quellen: Bundesarchiv; Landeshauptarchiv; Entschädigungsamt; Adressbücher; Familienchronik von Ruth Nadelmann Lynn.