Stolperstein Pariser Straße 9

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Hausansicht Pariser Str. 9
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Der Stolperstein wurde am 22.6.2014 verlegt.

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Stolperstein Erna Grün
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
ERNA GRÜN
GEB. FÜRST
JG. 1892
DEPORTIERT 18.10.1941
LODZ / LITZMANNSTADT
1942 KULMHOF / CHELMNO
ERMORDET 6.5.1942

Erna Charlotte Fürst war das älteste von 6 Kindern des Ehepaares Salomon und Martha Minna Fürst geb. Simonsohn. Sie wurde am 9. Juli 1892 in Berlin geboren. Es folgten die Geschwister Ilse Esther *11. September 1894, Susanna Sarah *11. Oktober 1896, Erwin Marcus *7. Oktober 1897, Thea Florentine *8. April 1899 und Werner Jakob *28. November 1902.

Die Familie wohnte zur Zeit von Ernas Geburt in der Landsberger Allee 119, Werner wurde in der Leibnizstraße 72 geboren, später wohnten die Fürsts in der Innsbrucker Straße 6. Salomon Fürst war gelernter Kaufmann und als Prokurist angestellt. Er starb am 31. Mai 1927 in Schöneberg und wurde auf dem Jüdischen Friedhof Weissensee beerdigt.

Nur von den Mädchen der Familie Fürst ist belegt, dass sie verheiratet waren. Erna schloss die Ehe mit Adolph Grün am 29. Dezember 1916 vor dem Schöneberger Standesamt. 13 Jahre später, am 3. Mai 1927, wurde das Paar schon wieder geschieden. Die Ehe war kinderlos geblieben. Ob Erna gleich nach der Scheidung in der Pariser Straße 9 lebte, ist fraglich. Da sie als geschiedene, alleinstehende Frau, wie viele andere auch, zur Untermiete wohnte, ist ihr Name in den historischen Adressbüchern nicht eindeutig zuzuordnen. Ihren Lebensunterhalt verdiente Erna sich als „Putzmacherin“ mit der Herstellung von Hüten.

Als 1939 mit dem Gesetz über die Mietverhältnisse mit Juden den jüdischen Mietern beliebig ihre Wohnungen gekündigt werden konnten, musste auch Erna ihre Unterkunft in der Pariser Straße 9 verlassen. Ihre Mutter Martha lebte nicht weit entfernt in der Ludwigkirchstraße 2. Sie gab nicht nur Erna, sondern auch deren Brüdern Erwin und Werner ein vorläufiges Zuhause. Diese hatten ebenfalls ihre Wohnungen räumen müssen. Erwin hatte bis dahin in der Uhlandstraße 53 gewohnt. Bis 1941 lebten die Geschwister mit ihrer Mutter dort zusammen. Am 1. Juni 1941 starb Martha Fürst an einer Lungenentzündung. Ihr Grab befindet sich ebenfalls auf dem Jüdischen Friedhof Weissensee.

Erna und ihre Brüder Werner und Erwin verbrachten noch knapp vier Monate in der Ludwigkirchstraße 2, bis sie am 18. Oktober 1941 von der Gestapo abgeholt und mit dem Transport 1 nach Lodz, damals Litzmannstadt, deportiert wurden. Durch die im Oktober 1941 durchgeführten Transporte in das Getto Lodz sollten bevorzugt große „Judenwohnungen“ freigemacht werden, um Wohnraum für Funktionäre des NS – Regimes und für Bombengeschädigte zu schaffen. Die Geschwister wurden im Getto in derselben Behausung untergebracht. Es war die Hohensteiner Straße 37, Wohnung 3. Sie blieben dort nicht lange zusammen.
Werner wurde schon nach knapp einem Monat, am 12. November 1941, in das ca. 260 km entfernte Zwangsarbeiterlager für Juden, Rawitsch im Südwesten Posens, verschleppt. Der Zeitpunkt seines Todes ist nicht bekannt.

Erwin wurde am 6.Mai 1942 im Getto ums Leben gebracht.

Erna lernte im Getto Walter Cohn, kennen. Der Chemiearbeiter, am 28.Mai 1900 in Emden geboren, hatte in Wilmersdorf in der Achenbachstraße 8 gewohnt und war am 29.Oktober nach Litzmannstadt deportiert worden. Walter Cohn war im Getto in derselben Wohnung wie Erna und ihre Brüder untergebracht. Möglicherweise hatten sich Erna und Walter auch schon in Berlin gekannt. Sie heirateten im Getto unter erbärmlichen Umständen am 17. Dezember 1941.
Am 6. Mai wurde Erna und am 8. Mai 1942 Walter Cohn in das Vernichtungslager Kulmhof (Chelmno) deportiert.

Auf dem Hof eines unbewohnten Gutshauses im Dorf Kulmhof mussten sich die angekommenen Häftlinge entkleiden und wurden unter Peitschenhieben über eine Rampe in Gaslastwagen getrieben. Die Türen wurden verschlossen und die Abgase durch einen Verbindungsschlauch ins Wageninnere geleitet. Die Menschen erstickten innerhalb von zehn Minuten. Ihre Leichen wurden anschließend in Massengräbern verscharrt.

Für Werner Fürst wurde am 21. September 2013 ein Stolperstein vor dem Haus Ludwigkirchstraße 2 verlegt.

https://www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/ueber-den-bezirk/geschichte/stolpersteine/artikel.179916.php

Die Schwester Thea Florentine Papstein geb. Fürst wurde am 29. Januar 1943 nach Auschwitz deportiert, wo sie drei Tage später ermordet wurde.
Susanna Sarah Pollak geb. Fürst emigrierte in die USA.
Ilse Ester Rawak geb. Fürst verließ am 15. April 1939 zusammen mit ihrer 18jährigen Tochter Hedwig auf der „Queen Mary“ Deutschland in Richtung New York. Ihr Ehemann Hans lebte zu diesem Zeitpunkt schon in San Francisco.

Recherche und Text: Karin Sievert

Quellen:
Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
Berliner Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Deportationslisten
Landesarchiv Berlin
Archiv Centrum Judaicum
Gottwald/Schulle „Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941 – 1945“
Loose: „Berliner Juden im Getto Litzmannstadt 1941 – 1944
Passenger and Crew Lists of Vessels Arriving at New York, New York, 1897-1957