Stolpersteine Pariser Straße 49

Link zu: Hausansicht Pariser Str. 49
Hausansicht Pariser Str. 49
Bild: H.-J. Hupka

Die folgenden Stolpersteine wurden am 22.6.2014 verlegt.

Link zu: Stolperstein Max Aronson
Stolperstein Max Aronson
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
MAX ARONSON
JG. 1894
DEPORTIERT 18.10.1941
LODZ / LITZMANNSTADT
ERMORDET 10.9.1942
CHELMNO / KULMHOF

Max Aronson ist am 3. Juli 1894 in Berlin geboren. Er war Kaufmann und wohnte in der Pariser Straße 49a. Er war wohl ledig, jedenfalls hatte er sich nicht als verheiratet oder verwitwet gemeldet.

Am 18. Oktober 1941 ist er in dem allerersten vom Bahnhof Grunewald abgehenden Deportationszug nach Łódź im besetzten Polen gebracht worden, das die Nationalsozialisten in Litzmannstadt umgetauft hatten. Dort kam Max Aronson zunächst ins Ghetto, wurde dann aber am 10. September 1942 rund 220 Kilometer weiter nach Chełmno (Kulmhof) transportiert, wo die Nazis ein Vernichtungslager für Juden eingerichtet hatten. Dieser Tag ist auch sein Todesdatum.

Text: Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Link zu: Stolperstein Kurt Siegfried Klein
Stolperstein Kurt Siegfried Klein
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
KURT SIEGFRIED
KLEIN
JG. 1921
DEPORTIERT 18.10.1941
LODZ / LITZMANNSTADT
ERMORDET 12.11.1942

Link zu: Stolperstein Yvonne Irene Klein
Stolperstein Yvonne Irene Klein
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
YVONNE IRENE
KLEIN
JG. 1924
DEPORTIERT 18.10.1941
LODZ / LITZMANNSTADT
ERMORDET 12.11.1942

Link zu: Stolperstein Flora Klein
Stolperstein Flora Klein
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
FLORA KLEIN
GEB. SUSSMANN
JG. 1891
DEPORTIERT 18.10.1941
LODZ / LITZMANNSTADT
ERMORDET 12.11.1942

Flora Klein
Flora Klein
Bild: Bild Yad Vashem, Opferdatenbank, Gedenkblatt für Flora Klein

In der etwa 34000 Einwohner umfassenden ungarischen Kleinstadt Sopron – südwestlich des Neusiedler Sees gelegen – kam am 17. Oktober 1891 Flora Sussmann zur Welt. Ernestine Wallisch, ihre Mutter, hatte im österreichischen Burgenland gelebt und war nach ihrer Hochzeit mit Max Sussmann nach Sopron gezogen. Flora wurde ungarische Staatsbürgerin. Die Familie Sussmann zog zu einem nicht bekannten Zeitpunkt und aus nicht weiter bekannten Gründen nach Zürich in die Schweiz. Nachgewiesen ist, dass Flora noch zwei Brüder mit den Namen Hugo und Norbert hatte. Norbert war in die USA emigriert und mit Serafine Glaser – Sussmann verheiratet. In der Akte der Berliner Entschädigungsbehörde sind jedoch weitere Sussmanns als Erbengemeinschaft nach der Mutter Ernestine aufgeführt: Miklos (Nikolaus), Leo und Deszö Sussmann, sowie Ilona Wyler – Sussmann, Berty Levy – Sussmann , Ilona Blauer – Sussmann. Viele von ihnen waren in Zürich ansässig. In welchem Verwandtschaftsverhältnis diese Personen zu Flora Sussmann standen ist nicht bekannt, einzig Ilona Blauer – Sussmann, die in Yad Vashem Gedenkblätter bestellte, gab an, die Nichte von Flora gewesen zu sein.

Kurt Siegfried Klein
Kurt Siegfried Klein
Bild: Bild Yad Vashem, Opferdatenbank, Gedenkblatt für Kurt Siegfried Klein

In Zürich besuchte Flora nach der Primarschule eine höhere Töchterschule und erlernte danach den Beruf einer Schneiderin. Sie arbeitete fleißig an ihrer Aussteuer und konnte von ihren Eltern eine reichliche Mitgift in Empfang nehmen, als sie im Dezember 1919 Zürich verließ und am 19. Februar 1920 die Ehe mit dem Berliner Nathan Klein einging. Flora lebte fortan in Berlin, sie erhielt durch die Ehe mit Nathan die deutsche Staatsbürgerschaft, die ihr später durch die Nazis wieder aberkannt werden sollte.
Am 22. Januar 1921 wurde der Sohn Kurt Siegfried geboren, drei Jahre später, am 25. August 1924 die Tochter Yvonne Irene.
Der Familie ging es wirtschaftlich nicht gut. Nathan war Vertreter für eine Firma für Schneidereiartikel. Die Inflation trieb die Familie immer mehr in eine Notsituation, sodass Floras Vater Max Sussmann helfend eingriff. Er gab seinem Schwiegersohn ein Darlehen, mit dem dieser sich selbstständig machen konnte. Das Darlehen konnte Nathan nie zurückzahlen.
Flora und ihre Kinder besuchten im April und Mai 1933, kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, ihre Familie in Zürich. Sie kehrten jedoch wieder nach Berlin zurück, was ihr tragisches Schicksal besiegelte.
1939 ließ sich das Ehepaar scheiden. Nathan, der aus der gemeinsamen Wohnung in der Pariser Straße auszog, schmiedete Auswanderungspläne nach Südamerika.

Yvonne Irene Klein
Yvonne Irene Klein
Bild: Bild Yad Vashem, Opferdatenbank, Gedenkblatt für Yvonne Klein

Flora und ihre Kinder strebten eine Ausreise in die USA an. Alle Pläne wurden durch den Krieg und die völlige Entrechtung der Juden durchkreuzt.
Da Nathan keinerlei Alimente für seine Kinder zahlen konnte, musste Flora seine Geschäfte mit den in der Wohnung verbliebenen Schneidereiartikeln fortsetzen. Sie tat dieses heimlich, denn Nathans Firma war 1939 zwangsweise aufgelöst worden. So besuchte sie die alten Kunden und verkaufte ihnen die noch vorhandenen Waren.
Von Yvonne ist bekannt, dass sie ebenso wie ihre Mutter den Beruf der Schneiderin, bzw. einer Putzmacherin erlernte.
Kurt wurde Werkzeugmacher. Ob die Beiden jemals in ihren Berufen eine Anstellung fanden ist nicht bekannt.

Am 18. Oktober 1941 wurden Flora, Kurt und Yvonne in das Getto Lodz verschleppt. Es war der allererste Deportationszug, mit dem Berliner Juden – es wurden über 1000 Menschen in die Waggons gepfercht – vom Bahnhof Berlin – Grunewald aus nach Lodz, von den Nazis in Litzmannstadt umbenannt, transportiert wurden. Sie wurden dort zusammen in einer Behausung in der Hohensteiner Straße 31/32 untergebracht.
Als Todesdatum wurde für alle Drei der 12. November 1942 benannt, der
Todesort das Getto.

Am 11. September 1946 erhielt Hugo Sussmann in Zürich einen Brief der ebenfalls im Getto gefangenen Flora Herberger, in der sie über Floras, Kurts und Yvonnes Schicksal detailliert berichtet:

Sehr geehrter Herr Sussmann:
Schon so lange liegt es mir am Herzen Ihnen zu schreiben und Ihnen die letzten Grüße Ihrer Schwester, Frau Flora Klein zu übermitteln. Wir, meine Tochter und ich, sind vor ungefähr einem Jahr nach fast vier Jahren KZ Haft zurückgekommen. Wir waren sehr lange krank und zur Erholung weg. Deswegen hören Sie erst heute von mir.- Ich war fast drei Jahre mit Ihrer Schwester und deren Kindern Ivonne und Kurt im Getto Lodz. – Sie hatte ein besonders schreckliches Schicksal – verlor nach einem Jahr Ivonne durch Typhus – dieselbe hatte sich bei ihrer Mutter angesteckt, die diese Krankheit gut überstand. – Dann fing Kurt an krank zu werden und starb nach langem entsetzlichem Siechtum an T.B. – Alles durch Hunger verursacht, unter dem wir schreckliche Qualen litten. Aller Sehnsucht war, noch einmal mit ihren Lieben zusammen sein zu können und durch alles Erzählen sind Sie mir ganz vertraut geworden. Ihre Schwester fiel dann auch der großen Vernichtung, welche im August 1944 noch 50000 Juden, welche von 185000 geblieben waren betrafen, zum Opfer und zwar kam dann alles nach Auschwitz und nur ein ganz kleiner Prozentsatz kam wie ein Wunder mit dem Leben davon……

Das Todesdatum 12. November 1942, das für Mutter und Kinder genannt wurde, kann den Aussagen dieser Zeugin zufolge nur für Yvonne stimmen.

Recherche und Text: Karin Sievert

Quellen:
Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten – Entschädigungsbehörde
Berliner Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Landesarchiv Berlin
Gottwald/Schulle „Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941 – 1945“
Loose: „Berliner Juden im Getto Litzmannstadt 1941 – 1944
Fotos: Yad Vashem Opferdatenbank Gedenkblätter für Flora Klein, Kurt Klein, Yvonne Klein

Link zu: Stolperstein Nathan Klein
Stolperstein Nathan Klein
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
NATHAN KLEIN
JG. 1884
DEPORTIERT 24.10.1941
LODZ / LITZMANNSTADT
ERMORDET 24.2.1942

Am 14. Dezember 1884 bekamen die Eheleute Adolph Klein und Anna Klein geborene Ephraim ihren Sohn, Nathan. Sie lebten in der Berliner Auguststraße 77, zu der Zeit eine der ärmsten Adressen Berlins. Am Rande des Scheunenviertels gelegen, herrschten dort erbärmliche Wohnverhältnisse: Feuchte, muffige, viel zu kleine Wohnungen und primitivste sanitäre Anlagen verursachten bei den Bewohnern häufig nachhaltige Erkrankungen. Anna Klein brachte unter diesen Umständen nach dem erstgeborenen Nathan sieben weitere Kinder zur Welt. Regina, später verheiratete Dobrzyner wurde 1886 geboren und 1943 in Sobibor ermordet. Julius Klein, geboren 1888, fiel 1942 dem Massenmord in Riga zum Opfer. Hugo Klein, 1890 geboren, wurde Rabbiner und 1942 ebenfalls in Riga ermordet. Selma, geb. 1892, heiratete Elias Apfeldorf. Die Beiden konnten ihr Leben durch Auswanderung nach Argentinien retten. Leopold, geb. 1893, wurde 1944 in Auschwitz ermordet. Der 1895 geborene Harry überlebte. Er bestellte in der Shoah Gedenkstätte Yad Vashem Gedenkblätter für seine ermordeten Geschwister und verstarb zu einem unbekannten Zeitpunkt. Das Schicksal der jüngsten Tochter Henriette, 1897 auf die Welt gekommen, ist unbekannt.
Die achtfache Mutter Anna Klein starb am 23. Dezember 1912 im Alter von 54 Jahren an den Folgen einer Brustfellentzündung, ihr Mann Adolph lebte noch bis 1924.

Die Familie Klein zog mit ihren zahlreichen Kindern zu einem nicht bekannten Zeitpunkt in die Kreuzberger Neuenburger Straße 31, was sicherlich eine Verbesserung ihrer Lebenssituation bedeutete.
Zur Zeit seiner Eheschließung 1920 war Nathan noch unter dieser Adresse bei seinem Vater gemeldet. Er hatte den Beruf eines Kaufmanns erlernt und war 1914 als Soldat in den ersten Weltkrieg gezogen. 1918 heimgekehrt, stand er völlig mittellos da. Am 19. Februar 1920 heiratete er die in Ungarn geborene und in Zürich lebende Schneiderin Flora Sussmann. Durch die Heirat mit Nathan erhielt diese die deutsche Staatsangehörigkeit. 1921 und 1924 wurden die beiden Kinder Kurt und Yvonne geboren. Damals wohnte die junge Familie in der Ritterstraße 113. Nathan war zu der Zeit als Vertreter für eine Schneiderartikelfirma tätig, wohl aber ohne größere Einkünfte. Sein Schwiegervater Max Sussmann half ihm mit einem ansehnlichen Darlehnsbetrag aus, mit dem Nathan sich selbstständig machen konnte und – wie Flora Klein voller Stolz ihrem Bruder Norbert schrieb – auch noch ein Klavier für die Tochter Yvonne angeschafft werden konnte. Der sehr häufig vorkommende Name Klein in der Textilbranche lässt eine eindeutige Zuordnung der vorhandenen Adressen zu seinem Betrieb nicht zu. Vielleicht führte er seine Geschäfte auch von seiner Wohnung aus.
Nathan zog 1934 mit seiner Familie in eine 3 Zimmerwohnung im 3. Stock in der Pariser Straße 49, damals 49a. Offensichtlich liefen seine Geschäfte nie wirklich gut. Er konnte den Kredit an seinen Schwiegervater nicht zurückzahlen, ohnehin hatte seine Frau Flora, die aus einem wohlhabenderen Elternhaus stammte, durch ihre Aussteuer die Wohnung mit Möbeln bestückt.
Auch die Ehe scheiterte. Am 9. Dezember 1939 wurde die Scheidung ausgesprochen und Nathan zog aus der gemeinsamen Wohnung in der Pariser Straße 49 aus. Er wohnte fortan zur Untermiete bei Alfons Lazarus in der Ansbacher Straße 37 in Schöneberg. Alfons Lazarus wurde am 18.Oktober mit demselben Transport wie Flora, Kurt und Yvonne nach Lodz verschleppt. Seine Firma hatte Nathan Klein 1939 im Rahmen der „Arisierungsmaßnahmen“ auflösen müssen, Flora hielt aber noch Kontakt zu den alten Kunden, machte Hausbesuche und verkaufte ihnen die verbliebenen Schneidereiartikel. Alimente für ihre Kinder hat Nathan ihr nie zahlen können.
Nathan trug sich nach Angaben seines Schwagers Norbert Sussmann mit Auswanderungsplänen nach Südamerika, möglicherweise wollte er der Schwester Selma und ihrem Ehemann Elias Apfeldorf nach Argentinien folgen. Der Kriegsbeginn und die 1941 beginnenden Deportationen in das Getto Lodz durchkreuzten seine Pläne. Nur eine Woche nach der Deportation seiner Kinder und seiner geschiedenen Frau verschleppte man ihn auch nach Litzmannstadt, wie die Nazis die Stadt umbenannt hatten. Er starb dort im Getto Krankenhaus am 24. Februar 1942 an Herzschwäche, so stand es im Krankenhausbericht. Hunger und Krankheiten, entstanden durch die furchtbaren Lebensbedingungen im Getto, dürften diesen Herztod herbeigeführt haben. Ob er seine Kinder in Lodz noch wiedersehen konnte ist ungewiss.

Recherche und Text: Karin Sievert

Quellen:
Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten – Entschädigungsbehörde
Berliner Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Landesarchiv Berlin
Gottwald/Schulle „Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941 – 1945“
Loose: „Berliner Juden im Getto Litzmannstadt 1941 – 1944
Fotos: Yad Vashem Opferdatenbank Gedenkblatt für Nathan Klein
Regina Scheer: „AHAWAH Das vergessene Haus“ Spurensuche in der Berliner Auguststraße