Stolpersteine Grainauer Straße 2

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Hauseingang Grainauer Str. 2
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Der Stolperstein für Arthur Arendt wurde gespendet von Luke Niederer, der Stolperstein für Arthur Nicolaier wurde gespendet von Erika Wagner und Tim Ohnhäuser. Beide wurden verlegt am 24.4.2014.

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Stolperstein Arthur Arendt
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
ARTHUR ARENDT
JG. 1903
DEPORTIERT 1.3.1943
AUSCHWITZ
1945 BUCHENWALD
ERMORDET 1945
BERGEN-BELSEN

Arthur Arendt wurde am 7. Oktober 1903 in Kulm (Chełmno) in Westpreußen geboren. Er lebte in Wilmersdorf in der Prager Straße 1 (heute Grainauer Straße 2) zur Untermiete bei Seidel. Hauseigentümerin war nach dem Adressbuch die Union und Rhein Versicherungs AG.

Welchen Beruf er hatte, ist unbekannt. Deportiert wurde er aus der Pariser Straße 38, wo er zwangseinquartiert wurde, und einer von der Gestapo eingerichteten Sammelstelle im ehemaligen jüdischen Altenheim an der Großen Hamburger Straße 26. Am 1. März 1943 ist Arendt auf dem Güterbahnhof Berlin-Moabit mit 1 682 Menschen – fast alle waren kurz zuvor verhaftete Zwangsarbeiter – nach Auschwitz in Polen gebracht worden. Von dort kam er am 22. Januar 1945 ins Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar und dann am 23. März 1945 nach Bergen-Belsen zwischen Hannover und Hamburg. Im dortigen Konzentrationslager ist er kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs umgebracht worden. Arthur Arendt war 41 Jahre alt.
Martin Seidel, geboren am 1. November 1875, ist am 18. Oktober 1941 nach Lodz/Litzmannstadt deportiert und am 26. Januar 1942 ermordet worden.

Quellen: Bundesarchiv; Adressbuch; Deportationslisten

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Stolperstein Arthur Nicolaier
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
ARTHUR NICOLAIER
JG. 1862
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
29.8.1942

Bildvergrößerung: Arthur Nicolaier © Tim Ohnhäuser
Arthur Nicolaier © Tim Ohnhäuser
Bild: Portrait: Familienarchiv Blumenthal, London. Brief: Eigentum von Erika Wagner, Bad Pyrmont

Arthur Nicolaier wurde am 4. Februar 1862 in Cosel (Oberschlesien) geboren. Er studierte in Heidelberg, Berlin und Göttingen Medizin, promovierte in Göttingen und wurde dort Oberarzt. Im Alter von 22 Jahren als Medizinstudent hatte er das Clostridium tetani entdeckt, den Erreger des Wundstarrkrampfs (Tetanus), der noch heute im Englischen als Nicolaier’s Bacillus und im Französischen als Bacille de Nicolaier bekannt ist.

Ab 1901 war er in Berlin als Professor in der Medizinischen Klinik der Universität tätig, ab 1921 an der Charité. Im gleichen Jahr trat er aus der Jüdischen Gemeinde aus.
In Zusammenarbeit mit dem Pharma-Unternehmen Schering entwickelte Nicolaier das Harnwegsdesinfektionsmittel Urotropin und war beteiligt an der Entwicklung des Antirheumatikums Atophan; beide Mittel wurden jahrzehntelang erfolgreich eingesetzt.
1933 fiel er unter das Berufsbeamtengesetz der nationalsozialistischen Rassegesetze, wurde ausgegrenzt und verfolgt und musste seine Stellung und die Lehrbefugnis aufgeben.

Wegen seines Alters emigrierte er nicht, obwohl er 1941 aus seiner Wohnung an der Prager Straße 2 (heute Grainauer Straße 2), wo er auch seine Praxis gehabt hatte, vertrieben worden war. Als er nach seinem 80. Geburtstag ein Schreiben der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) erhielt, wonach er für den nächsten „Alterstransport“ in das Konzentrationslager Theresienstadt vorgesehen sei, nahm er sich am 28. August 1942 mit einer Überdosis Morphium das Leben.
Sein Abschiedsbrief bestand aus dem Satz: „Ich scheide freiwillig aus dem Leben“ – aber er enthielt auch eine versteckte Botschaft im Wasserzeichen: INVICTUS – lateinisch für UNBESIEGT.

Tim Ohnhäuser: Der Tetanusentdecker Arthur Nicolaier und sein Suizid vor 70 Jahren, in: Deutsches Ärzteblatt 110(7), 2013; Tim Ohnhäuser: Verfolgung, Suizid und jüdische Ärzte, in: Beddies/Doetz/Kopke … 2014. Text unter Verwendung von Udo Schagen in: GeDenkOrt.Charité – Wissenschaft in Verantwortung