Stolperstein Friedrichsruher Str. 8-9

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Hausansicht Friedrichsruher Str. 8-9, Foto: Hupka, 2014
Bild: H.-J. Hupka

Dieser Stolperstein wurde von Dr. Jürgen Meyer-Wilmes gespendet und in Anwesenheit von Mitgliedern der Gemeinde St. Ludwig am 24.4.2014 verlegt.

Der Stolperstein zum Gedenken an Gertrud Jaffé liegt am Rand des Fußwegs in der Nähe der Hausnummer 11, weil ihr Wohnhaus wegen des Baus der Stadtautobahn abgerissen wurde.

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Stolperstein Gertrud Jaffe, Foto:H.-J. Hupka, 2014
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
GERTRUD JAFFE
GEB. FULDA
JG. 1903
1942 VERSTECKT GELEBT
DEPORTIERT 10.9.1943
THERESIENSTADT
1944 AUSCHWITZ
ERMORDET IN
STUTTHOF

Gertrud Jaffé geb. Fulda wurde am 27. Juni 1903 in Frankfurt/Main geboren. Sie stammte aus einer jüdischen Familie. Ihre Ehe mit Max Jaffé, aus der 1932 ein Sohn Andreas hervorging, scheiterte. Wohl schon vor der Scheidung 1935 wandte sie sich dem katholischen Glauben zu und wurde 1936 getauft. Sie erwarb die Missio canonica, also die Befähigung, andere im Glauben zu unterweisen. Angesichts des zunehmenden NS-Terrors gegen die Juden sorgte sich Gertrud Jaffé besonders um ihren Sohn. Der 6-jährige Andreas konnte im August 1939 mit einem Kindertransport nach England gebracht werden.

Durch Vermittlung der katholischen Kinderschwester Margarete Wünsch, die Andreas seit seiner Geburt betreut hatte und der Gertrud Jaffé, um einer Räumung zuvorzukommen, ihre Wohnung übereignet hatte, nahm sie Kontakt mit der Caritas-Mitarbeiterin Dr. Gertrud Luckner in Freiburg auf, die sich im Auftrag des Freiburger Erzbischofs Conrad Gröber der Rettung Verfolgter verschrieben hatte. Nachdem Dr. Luckner verhaftet worden war, sagte Gertrud Jaffé im Gestapo-Verhör aus, durch sie “Dr. Margarete Sommer vom Berliner Hilfswerk” kennengelernt zu haben. “Ich stellte mich dieser zur Mitarbeit zur Verfügung. Ich machte Besuche bei katholischen Juden und munterte sie auf … So ist es mir gelungen, viele Juden von ihren Selbstmordabsichten abzubringen. Die Adressen der zu betreuenden Juden erhielt ich von dem Hilfswerk.“ Sie erteilte auch katholischen Religionsunterricht für Konvertiten.

Es war ihr gelungen, die am 12. Januar 1942 in Berlin geborene Tochter Reha des zum Freitod entschlossenen Ehepaares Liebrecht zu retten. Der Vater war ehemaliger Richter und als evangelisch getaufter Jude der Verfolgung ausgesetzt. Die Mutter Elisabeth Liebrecht, geb. Hertz, geboren am 17. März 1903 in Hamburg, hat am 6. August 1942 Selbstmord begangen und ließ ihr nicht einmal sieben Monate altes Kind zurück. Ihr letzter Wohnort war die Hubertusallee 37.

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Gertrud Jaffé, Foto: Archiv des Deutschen Caritasverbandes
Bild: Archiv des Caritasverbandes Freiburg

Als Gertrud Jaffé, die das Baby in ihre Obhut nahm, im Herbst 1942 von ihrer bevorstehenden Deportation erfuhr, tauchte sie mit Hilfe einer Mitarbeiterin des Hilfswerks unter. Monatelang wurde sie unter falschem Namen von mutigen Menschen, mit Hilfe von Geistlichen und in Ordenshäusern versteckt. Nach der Verhaftung von Frau Luckner wurde ihr Versteck verraten, am 30. Juni 1943 wurde sie in Düsseldorf verhaftet. Auch die inzwischen knapp zwei Jahre alte Reha Liebrecht wurde gefunden und zusammen mit Gertrud Jaffé am 9. September aus Düsseldorf nach Berlin verschleppt und am 10. September 1943 von Berlin nach Theresienstadt (Eingangsliste siehe www.statistik-des-holocaust.de/VII4-1.jpg ) deportiert. Im Ghetto nahm Gertrud Jaffé sofort Kontakt mit der kleinen katholischen Gemeinde auf und erteilte wieder Religionsunterricht.

Am 15. Mai 1944 wurde sie nach Auschwitz transportiert. Dort “konnte sie es wagen, von der Lehre der Liebe zu sprechen, weil sie selber ihre Verkörperung war”, berichtete die Schriftstellerin Cordelia Edvardson, Tochter von Elisabeth Langgässer, nach ihrer Befreiung. “Ich sehe Gertrud vor mir, vor allem ihre Augen, wunderbare, klare, reine gütige Augen. So wie ihre Augen so war auch ihr Leben.” Die kleine Reha, geboren am 12. Januar 1942 in Berlin, wurde am 16. Oktober 1944 nach Auschwitz gebracht und dort vermutlich am selben Tag ermordet. Die Spur von Gertrud Jaffé verliert sich in dem in der Nähe von Danzig gelegenen KZ Stutthof, wo sie vermutlich im Mai 1944 ermordet wurde.

Zum Gedenken an die Widerstandskämpferin Gertrud Luckner (1900-1994), die das KZ Ravensbrück überlebte, wurde ein Stolperstein an der Kirchstraße 4 in Freiburg verlegt.
Zur Erinnerung an Cordelia Edvardson (1929-2012), die das KZ Auschwitz überlebte, liegt ein Stolperstein in Berlin am Eichkatzweg 33 .

Text: Dr. Jürgen Meyer-Wilmes (Berlin), ursprünglich erschienen in der Broschüre: Laien legen Zeugnis ab. Glaubenszeugnisse im jungen Bistum Berlin 1930-1945. Berlin 2013. Ergänzt durch Angaben aus anderen Quellen: Bundearchiv, Yad Vashem (Page of testimony von Dr. Andreas Jaffé, 29.8.2009), Diözesanarchiv des Erzbistums Berlin, Gedenkstätte „Stille Helden“ Berlin, Berliner Adressbücher, Deportationslisten und Jana Leichsenring: Die Katholische Kirche und ihre Juden. Das Hilfswerk beim bischöflichen Ordinariat Berlin 1938-1945. Metropol Verlag 2007.