Stolperstein Leibnizstr. 24

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Hauseingang Leibnizstr. 24, Foto:H.-J. Hupka, 2014
Bild: H.-J. Hupka

Der Stolperstein wurde am 23.3.2014 verlegt.

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Stolperstein Elise Moeser, Foto:H.-J. Hupka, 2014
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
ELISE MOESER
GEB. ARONHOLD
JG.1870
DEPORTIERT 13.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 15.4.1943

Elise Moeser kam als Elise Aronhold am 1. März 1870 in Berlin auf die Welt. Der Vater Adolf Aron Aronhold, gebürtig aus Angerburg (heute polnisch Węgorzewo), betrieb einen Handel mit Baumwoll- und Leinwaren en gros in der Kronenstr 22. Mit seiner Frau Sophie geb. Ascher wohnte er in der Nummer 48 derselben Straße. Elise war das älteste von vier Kindern, 1871 wurde ihr Bruder Martin geboren, 1878 Richard, und nach weiteren 9 Jahren, 1887, Gertrud. Kurz nach Martins Geburt siedelte die junge Familie nach Dresden um. Adolf hatte dort ein Wurst- und Fleischwarengeschäft und führte auch ein Restaurant. Sein Sohn Richard wurde in Dresden geboren als Elise 7 Jahre alt war. Als sie 17 wurde, lebte die Familie Aronhold wieder in Berlin, zunächst in der Elsasser Straße 73, dann in die Münzstraße 24. Hier kam Gertrud zur Welt. Ab 1890 wohnten Aronholds in der Alexanderstraße 14.

1891 machte Elise eine vermutlich bittere Erfahrung. Am 21. Juli brachte die „unverehelichte“ Elise Aronhold eine Tochter, Flora, zur Welt, und zwar in der Wohnung der Hebamme Maria Waller in der Brunnenstraße 47. Offenbar wollte die Familie nicht, dass das uneheliche Kind in der eigenen Wohnung geboren wurde. Vielleicht wurde auch Elise des Hauses verwiesen. Die kleine Flora überlebte aber ihre Geburt nur um einen Tag, sie starb am 22. Juli 1891.

Wie und wann sich Elise mit ihren Eltern versöhnte, wissen wir nicht, vielleicht erst nach dem Tod des Vaters. Adolf Aronhold starb 1895. Seine Witwe, die zwischendurch ein „Placirungs-Institut“, also eine Vermittlung, „für Damen aus gebildetem Stande“ – etwa als Gesellschaftsdame – betrieben hatte, blieb zunächst in der Alexanderstraße wohnen und auch Elise wohnte wieder dort. Das änderte sich, als Elise, auch Lilly genannt, am 30. Mai 1901 den Kaufmann Max Moeser heiratete.

Max Moeser hatte zu diesem Zeitpunkt eine leitende Stellung bei der Aktiengesellschaft August Burg, eine Dampfziegelei in Hennigsdorf. Die Firma handelte auch mit Briketts, Braun- und Steinkohle en gros. Max war im Vorstand, im Adressbuch bezeichnete er sich als Direktor oder stellvertretender Direktor. Nachdem das Paar erst in der Hollmannstraße gewohnt hatte, kaufte Max 1903 das Haus in der Windscheidstraße 34 und bezog mit Elise dort die Belletage. Wenige Jahre später verkaufte er es wieder. 1907 schied Max Moeser bei der August Burg AG aus, Moesers zogen vermutlich mehrmals um. Erst 1916 finden wir sie wieder im Adressbuch in der Potsdamer Straße 73 a, jetzt hat Max eine Betriebsleiterstellung bei einer Zeitung. Bis 1935 wird er als Zeitungsfachmann und Zeitungsgroßhändler bezeichnet. Ein Jahr zuvor, 1934, waren Max und Elise in die Leibnizstraße 24/25 in eine 2 ½ Zimmer Wohnung gezogen.

Max Moeser war kein Jude. Denkbar ist aber, dass er unter der ausgeprägt antisemitischen Regierung ab 1933 wegen seiner jüdischen Ehefrau Schwierigkeiten bekam. Sicherlich wurde ihm nahegelegt sich scheiden zu lassen, was er aber nicht tat. Er scheint – vielleicht deswegen – seine Stellung verloren zu haben, im Adressbuch wird er nur noch neutral als Kaufmann bezeichnet, 1939/40 als Buchhalter. Elise war in der „Mischehe“ einigermaßen geschützt, dürfte aber auch unter dem allgemeinen Antisemitismus und unter den vielen Vorschriften, die Juden aus dem öffentlichen Leben ausgrenzen sollten, gelitten haben.

Am 23. Dezember 1940 jedoch starb Max Moeser und Elise war nun ganz der antijüdischen Gesetzgebung der Nazis ausgesetzt. Sie konnte zwar in ihrer Wohnung bleiben und musste diese auch nicht mit Zwangseingewiesenen teilen, die Wohnung musste aber durch einen Judenstern aus Papier gekennzeichnet werden, Elise selbst musste den Judenstern tragen. Pelz- und Wollsachen sowie Elektrogeräte hatte sie abzugeben, die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel wurde Juden verboten, ja nicht mal in Warteräumen der Verkehrsbetriebe durften sie sich aufhalten. Anfang August 1942 hatte Elise die „Vermögenserklärung“ auszufüllen, jenes Formular, das der Deportation vorausging. Viel zu erklären gab es nicht, die wenigen Möbel, die sie noch besaß, waren in schlechtem Zustand.

Elise Moeser wurde von der Gestapo kurz darauf in das Sammellager Große Hamburger Straße 26 gebracht, ein umfunktioniertes jüdisches Altersheim, und von dort am 13. August 1942 mit 99 weiteren Menschen in einem an den planmäßigen Frühzug nach Dresden angehängten verplombten Wagen nach Theresienstadt deportiert.

In Theresienstadt, das vom NS-Regime zynischerweise als vorbildliches „Altersghetto“ bezeichnet wurde, waren die Lebensumstände erbärmlich: die Wohnräume heruntergekommen und brutal überbelegt, die Nahrung unzureichend, die hygienischen Bedingungen katastrophal. Hunger, Kälte, Krankheiten und Seuchen suchten die Bewohner heim. Elise Moeser gelang es zwar, den Winter zu überstehen, am 15. April 1943 erlag sie jedoch den miserablen Lebensbedingungen. Sie wurde 73 Jahre alt.

Von Elises Geschwistern überlebte nur – geschützt durch seine nichtjüdische Frau – Martin, der allerdings schon 1947 in Berlin starb. Richard war 1939 nach Prag geflohen, wurde jedoch dort wegen illegalen Aufenthalts verhaftet und am 16. Oktober 1941 in das Ghetto Lodz deportiert, wo er am 9. April 1942 an den auch dort menschenunwürdigen Lebensumständen starb. Für ihn, seine Frau Margarete und seine Tochter Doris (die sich nach Kolumbien retten konnte) liegen Stolpersteine vor der Knesebeckstraße 31 .
Zwei Tage nach Richard, am 18.Oktober 1941, wurde Gertrud von Berlin aus ebenfalls nach Lodz deportiert, möglich, dass die Geschwister sich dort noch einmal trafen. Gertrud, verheiratete Hoffmann, wurde von Lodz aus am 8. Mai 1942 in das Vernichtungslager Kulmhof weiterverschleppt und dort ermordet. Auch für sie liegt ein Stolperstein und zwar vor der Zähringer Straße 25 .
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Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Angaben der Großnichte Sue Arns: https://www.aronhold.de/

Recherchen/Text: Micaela Haas