Stolpersteine Sybelstr. 69

Hauseingang Sybelstr. 69, Foto:H.-J. Hupka, 2014

Hauseingang Sybelstr. 69, Foto:H.-J. Hupka, 2014

Diese beiden Stolpersteine sind von der Gebr. Schacher Hausverwaltung gespendet und am 20.5.2014 verlegt worden.

Stolperstein Sophie Will, Foto:H.-J. Hupka, 2014

Stolperstein Sophie Will, Foto:H.-J. Hupka, 2014

HIER WOHNTE
SOPHIE WILL
JG. 1891
DEPORTIERT 26.2.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Sophie Will wurde am 10. September 1891 in Stargard (Pommern) geboren. Über ihr Leben in Berlin ist nichts überliefert. Sie wohnte in der Sybelstraße 69 und war nach eigenen Angaben bei der Volkszählung von 1939 ledig.

Fünf Monate, bevor sie deportiert wurde, musste sie allerdings umziehen und fand für eine Miete von 35 RM ein Leerzimmer in der Prager Straße 5, wo sie im Gartenhaus parterre bei der Familie Loewenthal unterkam. Sie war Zwangsarbeiterin bei den Pertrix-Werken Niederschöneweide und verdiente 20 RM in der Woche.

Ihre Vermögenserklärung musste sie am 23.2.1943 abgeben, als sie sich im Sammellager im ehemaligen Jüdischen Altersheim an der Großen Hamburger Straße 26 befand. Als ihre Habe führte Sophie Will, die ihren Vornamen auch Sofie schrieb, eher ärmliche Bekleidung wie „etwas Wäsche“ und „1 Kittelkleid“ an und nur bescheidene Einrichtungs- wie Haushaltsgegenstände. Als die Wohnung am 8.11.1943 geräumt wurde, ermittelten Finanzbeamte einen Schätzwert von 76,50 RM und ließen sich obendrein von der Firma Pertrix 27,67 RM erstatten, die Sophie Will für neun Tage Arbeit nicht mehr ausgezahlt worden waren. 100 Reichsmark für ein Menschenleben!

Bei der Pertrix-Batteriefabrik waren seit 1938 jüdische Zwangsarbeiter/innen beschäftigt. In Niederschöneweide gab es seit 1944 ein Außenlager des KZ Ravensbrück, in dem rund 500 Frauen eingesperrt waren, die bei dem Rüstungsunternehmen Pertrix Batterien für Militärfahrzeuge und Taschenlampen sowie Patronenhülsen herstellen mussten.

Am 26. Februar 1943 ist Sophie Will vom Bahnhof Grunewald in einem Zug mit 913 Menschen nach Auschwitz deportiert worden. Wann sie ums Leben gebracht wurde, ist nirgendwo festgehalten.

Auch Sophies Wills letzte Vermieter, Leo (geboren 1887), Charlotte, geb. Herz (geboren 1892) und Walter (geboren 1920) Loewenthal wurden Opfer des Holocaust. Walter Loewenthal wurde in dem gleichen Zug wie Sophie Will am 26. Februar 1943 nach Auschwitz gebracht. Seine Eltern Leo und Charlotte Loewenthal mussten sich drei Wochen danach, am 17. März 1943, ins Ghetto Theresienstadt deportieren lassen.

Eine Anfrage der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, wohin Sophie Will („letzte Wohnung: Sybelstraße 69“) deportiert worden sei, beantwortete im Jahr 1950 die Militärregierung: „Ziel unbekannt“. Dies sind die letzten traurigen Wörter der über sie angelegten Akte.

Stolperstein Erna Cohn, Foto:H.-J. Hupka, 2014

Stolperstein Erna Cohn, Foto:H.-J. Hupka, 2014

HIER WOHNTE
ERNA COHN
GEB. CAMNITZER
JG. 1891
DEPORTIERT 19.10.1942
RIGA
ERMORDET 22.10.1942

Erna Cohn wurde am 10. Februar 1891 als Erna Camnitzer in Staßfurt bei Calbe (damals Sachsen, heute Sachsen-Anhalt) geboren. Sie wohnte im selben Haus wie die gleichaltrige Sophie Will in der Sybelstraße 69. Sie war mit dem Papierwarenfabrikanten Hermann Cohn in Luckenwalde verheiratet, der aus erster Ehe einen Sohn, den Kaufmann Alfred Cohn, hatte. Hermann Cohn ist am 13. April 1935 gestorben. Im Berliner Adressbuch von 1939 war Erna Cohn als Witwe eingetragen.

Aus den Deportationslisten sind ihre letzten Lebenstage abzulesen: Im Oktober 1942 musste sie sich im Sammellager an der Levetzowstraße 7-8, einer nicht vollkommen zerstörten Synagoge, zur Deportation registrieren lassen. Von dort musste sie am 19. Oktober mit wenig Handgepäck in einer von bewaffneten Polizisten begleiteten Kolonne durch das Stadtgebiet – unter den Augen der dort wohnenden Berliner – zum Bahnhof Grunewald marschieren und wurde in einen am Gleis 17 bereitstehenden Zug getrieben, der verriegelt und verplombt nach Riga geleitet wurde. Gleich nach der Ankunft am 22. Oktober 1942 wurden fast alle der 944 Insassen erschossen, vermutlich war Erna Cohn darunter.

Ein halbes Jahr später gab es einen Briefwechsel des Notars Baersch aus Luckenwalde mit dem Oberfinanzpräsidenten von Brandenburg und der Geheimen Staatspolizei. Er bezog sich auf ein Gerichtsurteil von 1935, wonach Erna Cohns Stiefsohn Alfred Cohn Erbe eines Fabrik- und eines Gartengrundstücks in Luckenwalde sei und er ihr lebenslang eine Rente von monatlich 167,50 RM zu zahlen habe. Da dieses Grundstück mittlerweile verkauft worden war, wollte der neue Eigentümer Ernst Hügel wissen, wohin er einen Restbetrag von 3 232,50 RM überweisen solle, da er die Hypothek von Erna Cohn löschen wolle. Die lapidare Auskunft aus der Finanzbehörde, in der Deportation und Ermordung von Erna Cohn unerwähnt blieben, lautete, dass „die Vermögenseinziehung von mir beschleunig durchgeführt werden kann“. Durch diesen eiskalten Verwaltungsakt bereicherte sich der Nazi-Staat nachträglich am Eigentum der Familie Cohn aus Luckenwalde.

Recherchen: Gert Schacher-Gums (Göttingen/Berlin), Texte: Helmut Lölhöffel
Quellen: Brandenburgisches Landeshauptarchiv; Berliner Adressbücher