Stolpersteine Witzlebenstr. 16

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Bild: BA

Diese Stolpersteine wurden von der Hausgemeinschaft gespendet und am 15. Oktober 2013 verlegt.

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Stolperstein Hedwig Moses, Foto:H.-J. Hupka
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
HEDWIG MOSES
GEB. 1894
DEPORTIERT 26.9.1942
RAASIKU
ERMORDET

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Stolperstein Bertha Moses, Foto:H.-J. Hupka
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
BERTHA MOSES
GEB. ROSENTHAL
JG. 1863
DEPORTIERT 4.11.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 13.11.1943

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Stolperstein Gertrud Goldstein, Foto:H.-J. Hupka
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
GERTRUD GOLDSTEIN
GEB. BUTTERMILCH
JG. 1877
DEPORTIERT 20.11.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 3.3.1944

Matthias Maultzsch, der zusammen mit Sigrid Maultzsch die Verlegung initiiert hat, sagte zum Gedenken an die einstigen Bewohnerinnen:

„Wir sind hier zusammengekommen, um dreier Frauen zu gedenken, die nach der Volkszählung im Mai 1939 nachweislich hier in unserem Haus gewohnt haben; sicher gern hier gewohnt haben, wie wir selbst hier gern wohnen. Doch alle drei wurden 1942 in den Tod geschickt, weil sie nach den Nürnberger Rassegesetzen als Jüdinnen galten.“

Alle drei waren in oder bei Posen geboren. Die sehr deutschen Vornamen lassen vermuten, dass sie assimilierten jüdischen Familien angehörten, die dem deutschen Kulturkreis nahestanden. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Bewohner Posens, die die deutsche Staatsangehörigkeit behalten wollten, aus Polen ausgewiesen. Vielleicht kamen Gertrud Goldstein und Bertha und Hedwig Moses in dieser Zeit nach Berlin – wir wissen es nicht. Die unverheiratete Hedwig Moses könnte die Tochter von Bertha Moses gewesen sein.

Hedwig Moses wurde am 28. August 1894 mit dem Geburtsnamen Rosenthal in Posen (Poznan) geboren. Sie war die erste der drei Frauen, die deportiert wurde. Die unverheiratete Hedwig Moses war am 17.5.1939 in der Witzlebenstraße 16 gemeldet, später ist ihr ein Zimmer in der Sybelstraße 54 zugewiesen worden. Am 26. September 1942 musste sie mit 811 weiteren Berliner Jüdinnen und Juden am Güterbahnhof Moabit einen Zug besteigen, der zwei Tage zuvor, am 24. September, mit 237 Menschen in Frankfurt/Main gestartet war und an den einige Waggons angekoppelt wurden. In den Transportlisten der Reichsbahn wurde festgehalten, dass dieser Zug nach weiteren fünf Tagen in Raasiku, einer kleinen Kreisstadt bei Reval in Estland, ankam. Die meisten der über 1000 Menschen wurden gleich nach der Ankunft von zu dieser Untat gezwungenen estnischen Polizisten in den nahen Ostseedünen erschossen. Die anderen wurden auf verschiedene Arbeitslager verteilt, nur 26 überlebten das Grauen. Hedwig Moses war nicht darunter. Als ihr Todesdatum kann der 1. Oktober 1942 angenommen werden.

Bertha Moses , die wahrscheinlich die Mutter von Hedwig Moses war, ist am 6. Oktober 1863 in Posen (Poznan) geboren. Ihre Eltern hießen Julius und Johanna Rosenthal. Sie hat 1893 in Posen geheiratet und hatte zwei Kinder. Über ihren gestorbenen Mann ist ebenso wenig bekannt wie über ein anderes Kind. Möglicherweise hat sie kurz vor ihrer Deportation Unterschlupf in der Sybelstraße 54 gesucht, wo auch ihre Tochter Hedwig kurze Zeit wohnen musste. Die verwitwete Bertha Moses wurde 79jährig am 4. November 1942 nach Theresienstadt deportiert. Als Todesdatum wurde in amtlichen Dokumenten zunächst der 13. November 1943 angegeben. Im Totenschein aus dem Ghetto Theresienstadt http://109.123.214.108/de/document/DOCUMENT.ITI.13382 ist allerdings vermerkt, sie habe an „Herzmuskelentartung“ gelitten und sei am 6. Januar 1943 an „Altersschwäche“ gestorben. Die wahren Todesursachen waren Ernährungsmangel, die hygienischen Zustände und ärztliche Unterversorgung.

Gertrud Goldstein , geb. Buttermilch, ist am 14. Oktober 1877 in Schönlanke in der Nähe von Posen geboren. Sie wurde im Alter von 65 am 4. November und am 20. November 1942 nach Theresienstadt deportiert. Das lief in der Regel so ab, dass sie einige Tage davor ein Schreiben der „Jüdischen Kultusverwaltung zu Berlin e.V.“ bekamen. Darin wurde mitgeteilt: „Ihre Abwanderung ist für (es folgt das Datum) behördlich angeordnet worden.“ Es wurden Merkblätter über Bekleidung, Handgepäck und Reisegepäck mitgeschickt, das zuvor in der Sammelstelle abgegeben werden könne – aus heutiger Sicht der reine Zynismus.

Hausbewohner Matthias Maultzsch erinnert sich:

„Unsere langjährige Hauswartsfrau, die wir Tante Birk nannten, die für alle Mieter immer ein dienstbarer Geist war, hat mir einmal erzählt, dass sie einer alten Dame aus dem Haus, die sagte, sie müsse verreisen, den schweren Koffer getragen habe. Als sie in der Großen Hamburger Straße 26, in der Sammelstelle für die Deportationen, angekommen seien, habe sie erst kapiert, was da los war. ‚Na und da hab ick aber jemacht, dass ick da wieder rauskomme!‘, erzählte sie über ihren Schrecken. Die alte Dame, die sie begleitet hatte, muss wohl Bertha Moses gewesen sein.“

Die beiden Damen sind dann in von den Nazis so genannten „Alterstransporten“ mit jeweils rund 100 Menschen vom Bahnhof Grunewald, Gleis 17, nach Theresienstadt gebracht worden. Diese Festungsstadt, die um 1790 für 5 000 bis 6 000 Soldaten gebaut worden war, beherbergte nun die zehnfache Zahl an Menschen, die unter erbärmlichen Bedingungen zusammengepfercht wurden. Immerhin, so heißt es in Berichten, sei die Überlebenschance hier bei ca. 11 % gewesen, sofern die Ankommenden nicht in die Vernichtungslager Treblinka und Auschwitz weitergeleitet wurden. Doch Bertha Moses und Gertrud Goldstein gehörten zu den anderen 89 % – sie starben 2 bzw. 16 Monate nach ihrer Ankunft in Theresienstadt. Die Todesdaten sind amtlich vermerkt.

Ein Ehepaar, das ebenfalls in der Witzlebenstraße 16 gewohnt haben soll – wenngleich nicht in der Volkszählung 1939 erfasst – soll sich der drohenden Deportation durch Suizid entzogen haben, wie im Hause erzählt wurde. Ihre Namen sind nicht mehr bekannt.

Text: Matthias Maultzsch
Quellen: Volkszählungsregister 1939; Opferdatei des Ghettos Theresienstadt; Gottwald/Schulle: Die Judendeportationen, Wiesbaden 2005; Publikationen des Institut Terezinské Iniciativy