Stolperstein Konstanzer Straße 1

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Hausansicht Konstanzer Str. 1
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

Dieser Stolperstein ist am 22.9.2013 verlegt worden. Er wurde gespendet von dem Verwandten Thomas Sello (Hamburg), der mit seinen Söhnen Thomas und Benjamin zu dem Gedenken gekommen war.

Der Stolperstein für Gertrud Katz wurde am 19.5.2015 verlegt.

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Stolperstein Julius Katz
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
JULIUS KATZ
JG. 1871
DEPORTIERT 14.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET APRIL 1944

Julius Katz wurde am 11. Februar 1871 in Grünberg (Schlesien) geboren. Er war mit Gertrud Katz geb. Behrendt, geboren am 31. Juli 1878 in Berlin, verheiratet.
In Berlin war Julius Katz praktischer Arzt. Er wohnte zunächst in der Greifswalder Straße 1 in Mitte, dann in Wilmersdorf in der Konstanzer Straße 1, wo er auch seine Praxis hatte. Im Adressbuch 1940 war er unter dieser Adresse eingetragen: „Katz, J. Israel, Dr.“. Jüdische Männer mussten den Zusatznamen „Israel“, jüdische Frauen den Namen „Sara“ tragen, um als Juden erkennbar zu sein.

Wie eine Verwandte in ihr Tagebuch schrieb, war Julius Katz eine „lebenssprühende und hochgebildete“ Persönlichkeit. Er schwärmte von Italien und der italienischen Kultur. An den Wänden seiner Bibliothek hingen Bilder von Raffael und anderen italienischen Malern. Er besaß auch eine Sammlung erlesener Schallplatten.
Eines Tages im September 1942 wurde das Ehepaar Katz, nachdem es sich von der Verwandtschaft verabschiedet hatte, mit notdürftigem Gepäck in einen Möbelwagen verfrachtet und in die Sammelstelle, das ehemalige jüdische Altersheim an der Großen Hamburger Straße, eingeliefert. Dort mussten sie in qualvollem Gedränge einige Tage verbringen.

Am 14. September 1942 wurden beide vom Bahnhof Grunewald in einem Zug mit 1000 Menschen – immerhin in einem Arztcoupé mit Sitzplätzen – ins Ghetto nach Theresienstadt gebracht. Ihre Wohnung in der Nähe des Kurfürstendamms, der von den Nationalsozialisten samt seiner Nebenstraße „judenfrei“ gemacht werden sollte, hatten sie aufgeben und alles Wertvolle zurücklassen müssen.

HIER WOHNTE
GERTRUD KATZ
JG. 1878
DEPORTIERT 14.9.1942
THERESIENSTADT
BEFREIT / ÜBERLEBT

Gertrud Katz, die das Lager Theresienstadt überlebte, hat ihre Erinnerungen im November 1945 aufgeschrieben. Sie beginnen (Auszüge aus ihrem mit der Schreibmaschine getippten Bericht finden Sie unten als PDF) mit der Ankunft:
„… standen Aufpasser an der Bahn, die barsch riefen: Schnell, beeilen, aussteigen! So begann die Wanderung mit dem Gepäck. Es war ein heisser Tag, jeder war gedrückt. So mussten wir eine Stunde schwer beladen und übermüdet marschieren, bis wir endlich Theresienstadt erreichten. Die Stadt machte einen trostlosen Eindruck.“
Weiter schrieb Gertrud Katz: „Ich will und kann nicht jeden Tag beschreiben, aber die erste Zeit war unerträglich. 3 Mal am Tag musste man sich bei Wind und Wetter das klägliche Essen vom Kasernenhof holen, mein Mann in einer anderen Kaserne als ich.“ … „Mein Mann hatte den einen Anzug, den er trug, das war alles. Ich hatte dreierlei angezogen, sodass ich ein Kostüm, ein Strickkleid und eine Bluse besaß. Ich war reich!“, notierte sie.
„Und nun begann das tägliche, klägliche, eintönige Leben. … Der Hunger wurde immer schlimmer. Da fing ich an, meine geringen Habseligkeiten gegen Lebensmittel zu vertauschen, gegen Brot und Kartoffeln. Aber wir konnten uns nun eine Zeit über Wasser halten.“
Trotz einiger entspannter Momente fasste Gertrud Katz zusammen:
„Es war doch eine richtige Hölle. … Traurig waren auch die Toilettenverhältnisse. … Noch trauriger aber war die Ungezieferplage. In einer Nacht konnte man 100 Wanzen zählen, man hatte keine Minute Ruhe … von diesem elenden Gewürm … Ungeziefer in allen Variationen, ausser den Wanzen Läuse und Flöhe …“
Die kommende Zeit schilderte sie so: „Es verging wieder ein trauriger Monat nach dem andern, und nichts änderte sich. Die Bestimmungen wurden immer schärfer, es musste gearbeitet werden in den Betrieben von 6 Uhr morgens bis 5 Uhr abends, und dazu die Ernährung!“
„Und das war noch nicht das Allerschlimmste“, schrieb Gertrud Katz weiter, „denn das Allerschlimmste war die berechtige Angst vor den Transporten.“
Ihr blieb eine solche Fahrt mit Zug nach Auschwitz „in den Gastod“ erspart. Unterdessen magerte Julius Katz immer mehr ab. „Er suchte seine Schwäche vor mir zu verbergen, aber man brauchte kein Hellseher zu sein, um zu wissen, dass er nicht durchhalten konnte.“ Er wurde immer schwächer, und nach fünfwöchigem Krankenlager „erlag er seinem Geschick“, formulierte Gertrud Katz. „Ich war jeden Tag bei ihm … So matt er war, seinen ‚Faust’ hatte er immer bei sich, und mit ihm auf der Brust schlief er ein.“
Das war im April 1944, er war 63 Jahre alt. Gertrud Katz musste von da an allein die Zeit in Theresienstadt verbringen, „in der Stadt, die für mich das Schlimmste bedeutete … noch war unsere Leidenszeit nicht zu Ende.“
Einen weiteren Winter musste sie ertragen, bis ihr am 9. Mai „mit Gewissheit mitgeteilt wurde, die Russen sind in Theresienstadt eingezogen, sie haben uns gerettet.“ Bis zum 17. Juli 1945 ist sie noch in Theresienstadt geblieben.

Der neunseitige ergreifende Bericht von Gertrud Katz endet mit den Worten:
„Voller Dankbarkeit, das Ende miterlebt zu haben, und doch voller Bitterkeit, dass mein lieber Mann es nicht erlebt hat, schliesse ich meinen Bericht. Sollte es mir vergönnt sein, noch einige gute Jahre nach den 12 schlimmen Jahren geniessen zu können, so werde ich stolz sein, auch die Leidenszeit überstanden und überwunden zu haben!“

Zum Gedenken an Gertrud Katz wurde ein zweiter Stolperstein neben dem ihres Mannes Julius verlegt, um an ihren Lebensmut zu erinnern.
Zum Gedenken an Arthur Sello, einen Onkel von Julius Katz, ist ein Stolperstein an der Tewsstraße 21 (ehemals Hubertusstraße) im Stadtteil Nikolassee in Steglitz-Zehlendorf verlegt worden.

Das Ehepaar Katz hatte eine Untermieterin, die möglicherweise Hausangestellte war: Alice Heymann, geboren 26. November 1901 in Berlin. Sie wurde am 29. Januar 1943 nach Auschwitz deportiert.

Quellen: „Meine Erinnerungen aus Theresienstadt“ von Gertrud Katz, aus dem Familienarchiv Sello (Hamburg); Bundesarchiv Berlin, Opferdatei Theresienstadt, Berliner Adressbücher.
Zusammenstellung: Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Tagebuchauszug Gertrud Katz

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