Stolpersteine Sächsische Str. 70

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Hausansicht Sächsische Str. 70
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Diese Stolpersteine sind von Prof. Dr. Gisela Schulze und Dr. Jan-Peter Schulze (Rostock) gespendet worden. Sie wurden am 18.10.2014 in ihrer Anwesenheit sowie mit Hausbewohnern und Nachbarn verlegt.

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Stolperstein Richard Siegmann
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
RICHARD SIEGMANN
JG. 1872
DEPORTIERT 17.3.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 8.10.1943

Richard Siegmann wurde am 17. Juni 1872 in Berlin geboren und wuchs in der Umgebung des Alexanderplatzes auf. Ab Ostern 1882 besuchte er das Gymnasium zum Grauen Kloster, um nach 1890 in Berlin eine kaufmännische Ausbildung zu absolvieren, ehe er 1898 nach Rostock ging.
Zwischen 1898 und 1935 war Siegmann Direktor der Rostocker Straßenbahn AG. Er ist eine der herausragenden Persönlichkeiten des ökonomischen, politischen und kulturellen Lebens vor und nach dem Ersten Weltkrieg in Rostock, ja in Mecklenburg gewesen, deren Wirkung auf unterschiedlichen Feldern bis in die Gegenwart reicht.
Was mit der Elektrifizierung der Rostocker Straßenbahn 1904 begann, sich in den zwanziger Jahren mit der Integration des Omnibusses in das Nahverkehrsnetz fortsetzte und seinen Höhepunkt in der strategischen Erweiterung des Liniennetzes erfuhr, wurde von ihm initiiert. Die besondere Aufmerksamkeit des politisch engagierten Liberalen galt dem Auf- und Ausbau einer professionellen Vermarktung des Tourismus in Mecklenburg. Siegmann gehörte folgerichtig zu den Gründungsmitgliedern Rostocker Verkehrsvereins (Januar 1910) und des Mecklenburgischen Verkehrsverbandes (Mai 1911), dessen Vorsitzender er über lange Jahre war. Bereits in der Weimarer Republik wurde der Direktor der RSAG das Ziel antisemitischer Propaganda. Nach 1933 drängten ihn die Nationalsozialisten schrittweise aus seinen öffentlichen Ämtern. Am 31. Dezember 1935 musste er den Posten an der Spitze der RSAG verlassen.
Der ehemalige Rostocker Oberbürgermeister Dieter Schröder rückte 2006 anlässlich des 125. Gründungstages der RSAG Richard Siegmann in das Zentrum seiner Laudatio und stellte fest: „Das lebendige Rostock geht heute über die Stadtgrenzen hinweg.“, das habe Siegmann bereits frühzeitig erkannt und mit dem entsprechenden Ausbau des Liniennetzes der RSAG reagiert. Er begriff darüber hinaus die gesamte mecklenburgische Ostseeküste und deren Hinterland als ein touristisches Reiseziel, welches mit einer gemeinsamen Vermarktung seine Chancen beträchtlich steigern könne.

Richard Siegmann (Mitte links) mit Außenminister Gustav Stresemann (Mitte rechts) und Mitgliedern des Mecklenburgischen Verkehrsverbandes in Waren (Müritz).
Richard Siegmann (Mitte links) mit Außenminister Gustav Stresemann (Mitte rechts) und Mitgliedern des Mecklenburgischen Verkehrsverbandes in Waren (Müritz).
Bild: Rostocker Anzeiger 19.9.1926

Nach dem erzwungenen Abschied von der RSAG kehrte Richard Siegmann, mit seiner Frau Margarete und seinen Kindern Melanie, Hans und Hedwig im Frühjahr 1936 nach Berlin zurück. Hans und Melanie gelang Ende 1938 und Anfang 1939 die Flucht nach Shanghai. Im März 1941 mussten die Siegmanns ihre Wohnung in der Sächsischen Straße 70 verlassen und wurden zwangsweise in die Wohnung des früheren AEG-Prokuristen Siegmund Lewin-Richter, Bayerische Straße 4, einquartiert. Anfang März 1943 erhielten Richard und Margarete Siegmann den Deportationsbescheid und wurden am 17. März 1943 nach Theresienstadt deportiert. Dort ist Richard Siegmann am 8. Oktober 1943 an den Folgen der Haft gestorben.

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Stolperstein Margarete Siegmann
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
MARGARETE
SIEGMANN
GEB. SALOMON
JG. 1881
DEPORTIERT 17.3.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 25.11.1943

Margarete Siegmann geborene Salomon wurde am 7. Juni 1881 in Schwerin als Tochter des Kaufmanns Solms Salomon und seiner Frau Marianne geboren. Um 1890 zog die Familie nach Rostock. Hier lernten sich Richard und Margarete kennen. Sie heirateten am 1. März 1903 in der Berliner liberalen Synagoge, Lützowstraße 16 (Tiergarten). Die drei Kinder der Siegmanns wurden 1903 (Melanie), 1905 (Hans) und 1906 (Hedwig) geboren. Die längste Zeit der Rostocker Jahre wohnte die Familie in der Steintor-Vorstadt, in einer Villa am Schillerplatz (1910-1935). Gemeinsam mit ihrem Mann zog sie 1936 nach Berlin, gemeinsam wurden sie am 17. März 1943 nach Theresienstadt deportiert. Dort ist Margarete Siegmann am 25. November 1943 an den Folgen der Haft gestorben. Außer den genannten Eckdaten ist wenig überliefert aus dem Leben Margarete Siegmanns, von der bisher auch nur eine Fotografie bekannt ist.

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Stolperstein Hedwig Siegmann
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
HEDWIG SIEGMANN
JG. 1906
DEPORTIERT 26.2.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Hedwig Siegmann wurde am 15. September 1906 in Rostock geboren. Nach dem Besuch des städtischen Lyzeums studierte sie in Berlin Gesang und Klavier. Dort fand sie ein Engagement als Opernsängerin, das ihr nach 1933 gekündigt wurde. Anders als ihre Geschwister Melanie und Hans verließ Hedwig Deutschland nach dem Novemberpogrom von 1938 nicht. In den folgenden Jahren leistete sie Zwangsarbeit bei Siemens. Am 26. Februar 1943 wurde sie gemeinsam mit ihrer Tante Else Lowitsch, einer Schwester Richard Siegmanns, mit einem von den NS-Behörden als „30. Osttransport“ bezeichneten Zug vom Güterbahnhof Putlitzstraße (Moabit) nach Auschwitz deportiert. In der maschinenschriftlich ausgefüllten Transportliste ist sie unter der laufenden Nummer 1100 als „Arbeiterin“ und als „arbeitsfähig“ aufgeführt. Das Todesdatum ist nicht überliefert. Wie von ihrer Mutter Margarete, sind auch aus Hedwigs Leben nur wenige Details bekannt. Das einzig erhaltene Foto zeigt sie gemeinsam mit ihrem Vater, ihrer Mutter und ihrer Schwester.

Texte und Recherchen: Jan-Peter Schulze
Literatur: Jan-Peter Schulze: Richard Siegmann … aber wir waren Deutsche. Rostock 2011.
Weitere Informationen: http://www.max-samuel-haus.de/publikationen/siegmann_buch/index.html
Siehe auch: https://www.rostock-heute.de/richard-siegman-ausstellung-max-samuel-haus/31335

Familie Siegmann bei der Rostocker Dahlienschau 1931. Von links: Margarete, Richard, Cecilie zu Mecklenburg (ehemalige Kronprinzessin), Melanie und Hedwig.
Familie Siegmann bei der Rostocker Dahlienschau 1931. Von links: Margarete, Richard, Cecilie zu Mecklenburg (ehemalige Kronprinzessin), Melanie und Hedwig.
Bild: Aus: Jan-Peter Schulze: Richard Siegmann ... aber wir waren Deutsche. Rostock 2011. S. 113