Stolperstein Nehringstr. 8

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Bild: BA

Der Stolperstein wurde am 8.6.2013 verlegt und von Hausbewohnerinnen und -bewohnern und Nachbarn gespendet.

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Stolperstein Eta Klinkowstein, Foto: F. Siebold, Juni 2013
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HIER WOHNTE
ETA KLINKOWSTEIN
GEB. TSCHERASCHKIN
JG 1877
DEPORTIERT 28.3.1942
PIASKI
ERMORDET

Eta Klinkowstein wurde am 14. September 1877 in Sankt Petersburg, der Hauptstadt des damaligen russischen Reiches, geboren. Ihr Geburtsname war Tscheraschkin. In der Druckfassung und auch in der Datei des Gedenkbuchs „Juden in Charlottenburg“ wird allerdings der Vorname Eva genannt, deshalb taucht er auf dem Stolperstein in der falschen Form auf.

Wann und wo sie geheiratet hat und wann sie nach Berlin kam, ist nicht mehr herauszufinden. In wenigen noch vorhandenen Unterlagen ist Eta Klinkowstein als „staatenlos“ aufgeführt. 1923 wurde in den Berliner Adressbüchern der Kaufmann Smari Klinkowstein als Eigentümer des Hauses Nehringstraße 8 gelistet, wo das Ehepaar 1930 einzog. Der Mann starb vermutlich 1938, denn im Folgejahr wurde die Witwe als Besitzerin genannt. Sie blieb das aber nur rund ein Jahr, denn 1940 gab es einen Eigentümerwechsel. Über die Umstände ist nichts bekannt. Eta Klinkowstein wohnte als Mieterin weiterhin in dem Haus, das ihr gehört hatte. Von ihren zwei Zimmern (Monatsmiete rund 40,- Reichsmark) hatte sie eines untervermietet. Der jüdische Untermieter Frank Heiser bewohnte einen knapp 22 qm großen Raum mit seiner Frau und seiner Tochter; wir wissen nichts über ihr weiteres Schicksal.

Wenige Tage vor ihrer Deportation am 28. März 1942 musste Frau Klinkowstein ihr Vermögen auflisten. In der Aufstellung führte sie einen Bargeldbestand von 350,- Reichsmark an, dazu kamen noch 10,- Reichsmark, die bei der Zweigstelle der Dresdner Bank am Kaiserdamm lagen. Das Geld wurde „zugunsten des Deutschen Reiches“ eingezogen. Vermutlich galt das auch für eine Kaution in Höhe von 10,- Reichsmark, die sie bei den Gaswerken hinterlegt hatte.

Am 20. April 1942 schätzte man den Wert der Möbel und des Hausrats von Eta Klinkowstein. Der freiberufliche Schätzer kam auf 175,- Reichsmark; unter den Gegenständen waren ein Wäscheschrank, eine Fußbank, ein Sessel und eine kleine Zinkwanne. Das Schätzungsblatt wurde in drei Exemplaren ausgefertigt. Eines erhielt der Schätzer, ein anderes ging an das Oberfinanzpräsidium, ein drittes schließlich an den „Beauftragten der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel (WEG) zur sofortigen Weitergabe an die Reichsgeschäftsstelle der Zweckgemeinschaft Gebrauchtwarenhandel.“
Die Wohnungseinrichtung landete bei dem Einzelhändler Wilhelm Hahn aus der heutigen Loschmidtstraße. An das Oberfinanzpräsidium zahlte er dafür im Juli 1942 den Händlereinkaufspreis von 122,50 Reichsmark. Von der ursprünglichen Bewertungssumme hatte er 30 Prozent abgezogen und einbehalten.
Auch hier wird deutlich, dass es den NS-Machthabern nicht nur um die physische Auslöschung von Juden ging. Im Rahmen eines wohlorganisierten Raubzuges fanden auch große finanzielle Umverteilungen stattfand. Finanzämter und andere Behörden, Banken und Sparkassen, Versicherungsgesellschaften, evtl. frühere Arbeitgeber – sie alle nahmen aktiv an der Enteignung der deutschen Juden teil.

Von dem Sammellager in der Levetzowstraße wurde Eta Klinkowstein in das ostpolnische Piaski deportiert. In der Kleinstadt, seit der Besetzung Polens durch die Wehrmacht Teil des Generalgouvernements, war im April 1940 ein Ghetto eingerichtet worden, in das polnische und deutsche Juden transportiert wurden. Man beziffert ihre Zahl auf rund 9.000. In Piaski wurde Eta Klinkowstein ermordet. Wir kennen das Datum nicht.

Text: Harald Marpe, Kiezbündnis Klausenerplatz e.V.