Stolpersteine Hektorstraße 4

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Hausansicht Hektorstr. 4
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Diese Stolpersteine wurden am 26.4.2013 verlegt.

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Stolperstein Erna Loser
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Siebold

HIER WOHNTE
ERNA LOSER
GEB. MEYER
JG. 1897
DEPORTIERT 26.9.1942
RAASIKU
ERMORDET

Es ist wenig, was wir über Erna Loser und ihren Sohn Manfred wissen. Was an Daten oder gar Dokumenten erhalten blieb, ist dürftig und nicht geeignet, uns mit Erna Loser, die im Alter von 45 Jahren von den Nazis ermordet wurde, und Manfred Loser, der wohl mit 20 Jahren umgebracht wurde, vertraut zu machen.

Erna Loser wurde als Erna Meyer am 4. Januar 1897 in Aachen geboren. Wer ihre Eltern waren und ob sie Geschwister hatte, ist nicht bekannt. Wir wissen aber, dass sie verheiratet war und am 23. Juni 1921 in Berlin einen Jungen zur Welt brachte: Manfred Loser. Später – wann ist schwer zu ermitteln – starb ihr Mann. In der Vermögenserklärung, die Erna Loser vor ihrer Deportation ausfüllen musste, steht unter der Rubrik „Familienstand“: verwitwet, ohne Datum. Im Adressbuch 1938 hatte sie als Zusatz eintragen lassen: Kontoristin.

Seit Juni 1936 wohnte Erna Loser in der Hektorstraße 4, Gartenhaus, 4. Stock. Die Monatsmiete betrug 67 Reichsmark. Nach dem Tod ihres Mannes und den immer unmenschlicher werdenden antijüdischen Repressalien musste sie einen weiteren schweren Schlag hinnehmen: Im Oktober 1941 wurde ihr noch nicht einmal 20jähriger Sohn Manfred von der Gestapo verhaftet und am 24. Oktober nach Lodz/Litzmannstadt deportiert. Dieser Transport mit etwa eintausend Berliner Juden wurde von der Staatspolizeileitstelle in Berlin als „Welle II“ bezeichnet.

Das Ghetto von Litzmannstadt war für die aus dem Reich verschleppten Menschen häufig nur eine Zwischenstation. Verloren sie hier ihr Leben nicht durch Hunger, Krankheit und Überarbeitung, wurden sie später in die etwa 60 Kilometer entfernte Tötungseinrichtung bei Kulmhof (Chelmno) im Warthegau verschleppt, wo vor allem polnische Juden und „Zigeuner“ – häufig unter Verwendung von „Gaslastwagen“ – ermordet wurden. Auch Manfred Loser musste diesen Höllenweg gehen. Er wurde 1942 umgebracht. Den Nazis war sein Tod noch nicht einmal eine Eintragung wert.

Seine Mutter Erna wird das Schicksal ihres Sohnes befürchtet, dennoch, wie alle Mütter, wohl auf letzte Rettung gehofft haben. Die schreckliche Wahrheit erfuhr sie nicht mehr: Erna Loser wurde am 25. Januar 1942, zusammen mit Betty Tischler aus dem Vorderhaus Hektorstraße 4, vom Bahnhof Berlin-Grunewald aus nach Riga deportiert. Dieser sogenannte „10. Osttransport“ war einer der grausamsten in der langen Reihe der Judendeportationen: Die über 1000 in gedeckten Güterwagen gepferchten Opfer mussten vier Tage lang in eisiger Kälte in das knapp 1000 Kilometer von Berlin entfernte Riga fahren. „Bei der Ankunft waren viele bereits erfroren, andere durch die Kälte stark geistig verwirrt“, heißt es im Standardwerk über die „Judendeportationen aus dem Deutschen Reich“ von Gottwald/Schulle. Nahezu alle Deportierten wurden unmittelbar nach dem Ausladen in Riga-Skirotava erschossen. Nur 13 Menschen überlebten. Erna Loser war nicht unter ihnen.

Die Vermieter von Erna Loser, die „Vorsorge-Versicherung“, beschwerte sich am 23.11.1942, Monate nach ihrer Ermordung: Durch „das Verschwinden der Jüdin Loser“ habe sich die „ordnungsgemäße Bearbeitung der Räumung sehr verzögert, so dass der neue Mieter, Feldwebel Erich Pfeiffer, deshalb nicht einziehen kann“. Dadurch seien der Versicherung, aber auch dem Feldwebel, Kosten entstanden.

Text: Sönke Petersen.
Quellen: Brandenburgisches Landesarchiv; Alfred Gottwaldt/ Diana Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945

Link zu: Stolperstein Manfred Loser
Stolperstein Manfred Loser
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Siebold

HIER WOHNTE
MANFRED LOSER
JG. 1921
DEPORTIERT 24.10.1941
LODZ/LITZMANNSTADT
1942 CHELMNO/KULMHOF
ERMORDET

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Stolperstein Betty Tischler
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Siebold

HIER WOHNTE
BETTY TISCHLER
JG. 1875
DEPORTIERT 25.1.1942
RIGA
ERMORDET

Betty Tischler war – wie viele Berliner – eine gebürtige Schlesierin. In dessen Hauptstadt Breslau wurde sie am 28. September 1875 geboren. Wer ihre Eltern waren, lässt sich nicht mehr ermitteln. Sie hatte zwei, ebenfalls in Breslau geborene Brüder: Paul, Jahrgang 1870, und Carl, der am 15. April 1877 das Licht der Welt erblickte. Alle drei Geschwister haben später in Berlin gewohnt; ob und wann auch die Eltern in die Reichshauptstadt zogen, wissen wir nicht.

Paul Tischler, von Beruf Kaufmann, wohnte zunächst in der Roscherstraße 13. Später bezog er die komfortable 3 ½-Zimmer-Wohnung im ersten Stock links in der Hektorstraße 4, die er offenbar als Hauptmieter mit seiner Schwester teilte. Die Miete betrug monatlich 135 Reichsmark, hinzu kamen 12 RM für Gas und Licht. Paul Tischler starb am 28. Dezember 1939 in Berlin. Ob für seinen Tod die massiven antijüdischen Repressalien der Nazis ursächlich waren, lässt sich nicht ermitteln.

Betty Tischler blieb nach dem Tod des Bruders in der Hektorstraße wohnen. Möglicherweise hatte man der “Vorsorge-Rentenversicherung“, die die Wohnung vermietete, das Ableben von Paul nicht gemeldet. Denn noch nach der Deportation und dem Tod von Betty schrieb die „Vorsorge“ am 20. Februar 1942 an das Hauptplanungsamt Berlin: „Die Wohnung des jüdischen Mieters Israel Paul Tischler, Hektorstraße 4/1 links, ist auf Veranlassung des Herrn Generalinspektors für die Reichshauptstadt Berlin für kriegswichtige Zwecke geräumt und beschlagnahmt worden.“ Der „kriegswichtige Zweck“ war, dass auf die Wohnung der Wehrmachtsmajor Hermann Ahlers und dessen Frau Elsbeth ein Auge geworfen hatten und möglichst rasch einziehen wollten.

Betty Tischler hatte nach dem Tod des Bruders nur noch gut zwei Jahre in der Wohnung gelebt, die aus 1 Diele, 3 Zimmer, 1 Küche, 1 Kammer, 1 Bad, 1 Toilette bestand. Am 8. Januar 1942 musste sie die sogenannte „Vermögenserklärung“ abgeben, üblicherweise die erste Stufe zur Deportation, mit deren Hilfe die Nazis die jüdischen Opfer auch materiell ausbeuteten. In der Erklärung zählt Betty Tischer nicht nur penibel ihr Mobiliar bis zu „diversen Büchern“ und einem „Nachttisch“ auf, sondern verweist auch auf Wertpapiere, die aber „eigentlich dem Bruder Paul“ gehörten. Alles, was Eigentum der Geschwister war, wurde beschlagnahmt und verfiel dem Deutschen Reich.

Am 25. Januar 1942 wurde Betty Tischler zusammen mit 1043 weiteren Opfern vom Bahnhof Berlin-Grunewald aus deportiert. Dieser sogenannte „10. Osttransport“ mit vorwiegend Bewohnern aus verschiedenen Altersheimen ging nach Riga und fand in gedeckten Güterwagen statt. Im Standardwerk über die „Judendeportationen aus dem Deutschen Reich“ von Gottwaldt/Schulle heißt es über den fast viertägigen Transport: „Die Teilnehmer waren vollkommen ungeschützt dem Einfluss der noch immer herrschenden Kältewelle ausgesetzt. Das führte dazu, dass bei der Ankunft in Riga bereits viele erfroren, andere durch die Kälte stark geistig verwirrt waren und beim Ausladen in Riga-Skirotava sofort erschossen wurden.“ Das Durchschnittsalter der Transportteilnehmer in diesem Zug aus Berlin betrug 58 Jahre. Nur 13 Deportierte überlebten. Betty Tischler war nicht unter ihnen.

Betty Tischler teilte ihr grausames Schicksal mit ihrem zwei Jahre jüngeren Bruder Carl Tischler und dessen Frau Johanna Tischler geb. Gonserowsky (geboren am 12. August 1885 in Berlin), die zuletzt zwei Parallelstraßen von Betty entfernt in der Katharinenstraße 8 in Berlin-Halensee gewohnt hatten. Sie wurden mit dem gleichen Transport in eisiger Kälte deportiert und unmittelbar nach der Ankunft am 30. Januar 1942 erschossen.

Am 7. Mai 1942, also gut drei Monate nach der Ermordung von Betty Tischler, schrieb die „Vorsorge-Versicherung“, die noch viele Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg Eigentümerin der Hektorstraße 4 blieb, an den Oberfinanzpräsidenten und bat um „Rückerstattung der Instandsetzungskosten der Judenwohnung Tischler über 644,69 Reichsmark“. Der Präsident signalisierte Zustimmung.

Recherchen und Text: Sönke Petersen.
Quellen: Brandenburgisches Landeshauptarchiv; Alfred Gottwaldt/ Diana Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941 – 1945