Stolpersteine Dahlmannstr. 10

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Hauseingang Dahlmannstr. 10, Foto: Bukschat & Flegel
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Diese Stolpersteine wurden am 24.7.2012 verlegt.

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Stolperstein Martin Ruben, Foto: Bukschat & Flegel
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HIER WOHNTE
MARTIN RUBEN
JG. 1887
DEPORTIERT 2.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

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Stolperstein Hedwig Ruben, Foto: Bukschat & Flegel
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HIER WOHNTE
HEDWIG RUBEN
JG.1883
GEDEMÜTIGT/ ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
31.5.1942

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Stolperstein Erna Ruben, Foto: Bukschat & Flegel
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HIER WOHNTE
ERNA RUBEN
GEB. LOEWI
JG. 1899
DEPORTIERT 2.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Die Stolpersteine für Erna und Martin Ruben wurden gespendet von Uwe Elfert, Berlin.
Erna Ruben , geb. Loewi, geboren am 17. Januar 1899 in Berlin, war zusammen mit ihrer Schwester Anita in wohlhabender, weltlicher und assimilierter Familie in Charlottenburg in der Meinekestraße 4 aufgewachsen. Die Familie Loewi war in der deutschen Kultur verankert und pflegte gesellschaftliches Leben. Klassische Musik, Theater und Literatur spielten eine große Rolle. Das Jüdische war der Familie Loewi völlig fremd. Durch die Rassegesetze des Nationalsozialismus wurden sie wie viele andere assimilierte Familien zu Juden gemacht und aus der Gesellschaft ausgegrenzt.

Nach dem Tod des Vaters Ernst Loewi, eines Baumwollwarenfabrikanten, zog sie mit der Mutter Clara Loewi, geb. Holz, in eine kleinere Wohnung nach Wilmersdorf in die Sächsische Straße 2, ins Vorderhaus parterre. Nach der Flucht der Mutter im April 1939 zu ihrer Tochter Anita, die bereits im Oktober 1933 mit ihrem Mann Erich Paul Zander und dem elfjährigen Sohn Peter nach England entkommen war, blieb Erna zunächst in der Wohnung Sächsische Straße 2. Der von ihrer Schwester von England aus unterstützte Plan, zusammen mit ihrem Lebensgefährten Martin Ruben, geboren am 11. März 1887 in Birnbaum, ebenfalls nach England zu emigrieren, scheiterte.

Nach der Heirat mit Martin Ruben am 11. Februar 1942 zog sie zu ihm in die Dahlmannstraße 10 in Charlottenburg, in eine Wohnung im 2. Stock. Dort war er laut Berliner Adressbuch seit 1935 mit der Berufsbezeichnung Kaufmann gemeldet. Ihr Mobiliar und Wertgegenstände sowie das Inventar ihrer Mutter blieben in der Sächsischen Straße, in der inzwischen mehrere jüdische Familien als Untermieter lebten. Nach deren Deportation wurden Mobiliar und Wertgegenstände zunächst von der Gestapo beschlagnahmt, die Wohnung versiegelt. Schon bald jedoch wurde die Wohnung mitsamt dem Inventar von der Gestapo an den „fliegergeschädigten“ Oberst Peters, später SS-General Peters, übergeben.
Erna und Martin Ruben unterschrieben die ihnen abverlangte Vermögenserklärung am 15. Februar 1943. Als letzte Beschäftigungsstelle gaben sie an: Osram, Helmholtzstraße 21, was auf Zwangsarbeit schließen lässt. Am 28.Februar 1943 erhielten sie die Gestapo-Verfügung über die Vermögenseinziehung in die Große Hamburger Straße 20, wo ein Sammellager eingerichtet worden war, durch den Obergerichtsvollzieher zugestellt.
Am 2. März 1943 wurden Martin und Erna Ruben vom Bahnhof Grunewald mit dem 32. Transport in einem Zug mit 1756 Menschen ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet. Sie waren 56 und 44 Jahre alt.

Am 20. November 1943 überwies Osram 44,26 Reichsmark (RM) und 41,73 RM „Restlohn“ für Martin und Erna Ruben, der von der Vermögensverwertungsstelle der Oberfinanzdirektion eingezogen wurde, an die Adresse Berlin N, Auguststr. 17. Dieser Überweisung und der Einziehung durch die Oberfinanzdirektion gingen einige bürokratische Schreiben voraus.
Anita Zander, geb. Loewi, stellte am 21. März 1948 von England aus einen Antrag an die britische Militärregierung und ab 1950 an die Berliner Entschädigungsämter auf Rückerstattung bzw. Entschädigung für die beschlagnahmten Wertgegenstände und das Mobiliar sowie die eingezogenen Wertpapiere ihrer Schwester und ihrer Mutter. Das von ihr gegen alle Widerstände der deutschen Behörden hartnäckig geführte, für sie entwürdigende Verfahren zog sich bis Anfang der 1960er Jahre hin.

Im April 1950 richtete Frieda Ruben, Berlin-Neukölln, Neckarstraße 3, an die britische Militärregierung die Anfrage nach dem Verbleib von Martin und Erna Ruben. Diese Anfrage ist in den Akten enthalten, jedoch ist über Frieda Ruben oder Nachkommen von ihr nichts mehr zu finden.

Text: Sigrun Marks, recherchiert auf Wunsch von Peter Zander, dem in London lebenden 90jährigen Neffen von Erna Ruben.

Der Stolperstein für Hedwig Ruben wurde gespendet von Sigrun Marks.
Hedwig Ruben , geboren am 7.3.1883 in Birnbaum, lebte mit ihrem Bruder Martin seit Mitte der 1930er Jahre in der Dahlmannstraße 10 in einer Wohnung im Vorderhaus im 2. Stock. Die Ehefrau ihres Bruders, Erna, geb. Loewi, zog nach der Vermählung im Februar 1942 ebenfalls in die Wohnung.
Im Landeshauptarchiv Brandenburg in Potsdam gibt es eine Akte von Hedwig Ruben, jedoch ohne die Vermögenserklärung, die Juden üblicherweise vor ihrer Deportation ausfüllen mussten. Aus den vorhandenen Unterlagen lässt sich schließen, dass sich Hedwig Ruben, nach all den Jahren der Verfolgung und Entrechtung durch die Nationalsozialisten, nachdem sie den Deportationsbescheid erhalten hatte, am 31. Mai 1942 das Leben nahm. In der zynischen Amtssprache eines Sachbearbeiters der Vermögensverwertungsstelle des Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg heißt es in einem Schreiben an die Deutsche Bank vom 10. Dezember 1942: „Das Vermögen der Jüdin Hedwig Sara Ruben ist durch Bekanntmachung vom 9. August 1942 (Deutscher Reichsanzeiger Nr. 197 vom 24.8.1942) als dem Deutschen Reich verfallen erklärt worden. Die Verwaltung und Verwertung des verfallenden Vermögens liegt laut §8 Abs. 2 gem. der 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25. November 1942 dem Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg ob. Nach meinen Feststellungen hat sich die Jüdin durch Freitod ihrer vorgesehenen Abschiebung entzogen…“
Die ganze Akte ist ein Dokument der eiskalten Arbeitsweise der Nazibürokratie bei der Planung, Ausführung und Verwaltung ihrer Verbrechen. Einnahmen aus dem beschlagnahmten Vermögen und dem Verkauf des Mobiliars sowie Ausgaben für Miete, Strom, Wasser, Gerichtsvollzieher wurden genauestens mit Datum, Namen, Stempel, meist unleserlicher Unterschrift dokumentiert.
Der nach dem „Freitod“ von Hedwig Ruben in der Wohnung gebliebene Bruder Martin Ruben und seine Ehefrau Erna, geb. Loewi, mussten nicht nur diesen Schock und Verlust bewältigen, sondern auch die Angst, ebenfalls deportiert zu werden. In den folgenden Monaten wurden sie von verschiedenen Ämtern drangsaliert. So wurde z.B. der Wert des Mobiliars von Hedwig Ruben vom Obergerichtsvollzieher geschätzt, aus der Wohnung herausgeholt und an interessierte Arier verkauft. Alles ist fein säuberlich dokumentiert worden. In einem Vermerk heißt es, dass die Wohnung am 22.11.1942 geräumt worden sei, was in einer weiteren Notiz jedoch nur auf die Möbel von Hedwig Ruben bezogen wird, da in der Wohnung Martin und Erna Ruben sowie zwei Untermieter blieben und der Hausbesitzer immer wieder die ausstehende Miete von monatlich etwa 100 RM für die „Judenwohnung Hedwig Ruben“ anmahnte, die dann von der Vermögensverwertungsstelle überwiesen wurde.
Die Erbschaftssteuerstelle des Finanzamtes Hansa wandte sich nach dem „Freitod“ von Hedwig Ruben offensichtlich auch an Martin Ruben und schrieb am 7. Dezember 1942 an die Vermögensverwertungsstelle des Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg, dass „der Erbe der am 31.5.1942 verstorbenen ledigen Jüdin Hedwig Sara Ruben, ihr Bruder Martin Israel Ruben, durch Schreiben vom 22.11.1942 mitgeteilt habe, dass laut Auskunft der Deutschen Bank das Vermögen von der Gestapo beschlagnahmt worden sei“.
Die Akte Hedwig Ruben wurde noch während des ganzen Jahres 1943 weiter geführt, also eineinhalb Jahre nach ihrer Flucht in den Tod: Nachdem der Untermieter Sally Hofmann, geboren am 1. August 1891 und seine Ehefrau Edith, geb. Klath am 15. Februar 1943 „abgeschoben“ und Erna und Martin Ruben am 2.März 1943 deportiert und in Auschwitz ermordet worden waren, wurde am 8. Juli 1943 das Inventar der „Judenwohnung Ruben, Dahlmannstraße 10, V.II“ auf etwa 2 000 RM geschätzt. Von August bis Oktober 1943 wurden Buffet, Bücherschrank, Schreibtisch, Sessel, Ausziehtisch mit 7 Stühlen, Kleiderschrank und Messingbettgestell an verschiedene Leute, auch Hausbewohner, im Wert von 1 450 RM verkauft, alles wieder penibel und mit diversen Unterschriften in der Akte dokumentiert. Während des ganzen Jahres 1943 mahnte die Hausverwaltung immer wieder ausstehender Mietzahlungen an, die dann von der Vermögensverwertungsstelle überwiesen wurden. Die Wohnung wurde letztlich im November 1943 geräumt.

Recherche und Text: Sigrun Marks