Stolperstein Seesener Straße 28

Link zu: Hauseingang Seesener Str. 28, 03.10.2012
Hauseingang Seesener Str. 28, 03.10.2012
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Bukschat&Flegel

Dieser Stolperstein wurde von den Enkeln Jens-Peter Behrend und Christiane von Alten (beide Berlin) gespendet und am 24.7.2012 in Anwesenheit zahlreicher Hausbewohner/innen verlegt.

Link zu: Stolperstein Dr. Ernst Behrend, 03.10.2012
Stolperstein Dr. Ernst Behrend, 03.10.2012
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Bukschat&Flegel

HIER WOHNTE
DR. ERNST BEHREND
JG. 1882
BERUFSVERBOT 1935
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
6.12.1938

Ernst Adolph Behrend wurde am 6. Juni 1882 in der Hafenstadt Kolberg (Pommern) an der Ostsee geboren, seine Eltern hießen Felix und Rosa. Felix Behrend war Medizinalrat und Leiter eines Heilbads in Kolberg, das schon sein Vater Moses (ab 1869 nannte dieser sich Moritz) Behrend gekauft und ausgebaut hatte. Nach dem frühen Tod von Rosa heiratete Felix Behrend eine nichtjüdische Frau. Diese bestand darauf, dass die in die Ehe eingebrachten Kinder christlich erzogen wurden. Daher wurden Ernst und seine Schwester Martha, für die ein Stolperstein in der Kuno-Fischer-Straße 16 liegt, getauft.

Ernst war zu diesem Zeitpunkt vier Jahre alt. Er besuchte das Gymnasium und machte 1900 Abitur. Anschließend studierte er Rechtswissenschaften und promovierte 1905 zum Dr. jur. Am 8. Mai 1912 heiratete er die neunzehnjährige Charlotte Gronewaldt.

Ernst Behrend machte als Jurist Karriere. 1914 wurde er Richter am Charlottenburger Amtsgericht. Kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 wurde der Leutnant der Reserve einberufen. Er kämpfte in der Marneschlacht in Frankreich, im belgischen Ypern, später in den polnischen und russischen Ostgebieten. 1916 wurde er in den Generalstab nach Berlin versetzt, und ab 1917 bis zum Kriegsende war er im konsularischen Dienst in Schweden tätig. Nach dem Krieg übernahm er im Range eines Regierungsrats Aufgaben im Reichsarbeitsministerium, später im Reichsversicherungsamt, an dem er, 1929 zum Senatspräsidenten ernannt, bis 1933 blieb.

Sein 25-jähriges Beamtenjubiläum konnte er 1930 in der damaligen Wohnung in der Mommsenstraße 68 feiern. Als Teilnehmer des Ersten Weltkriegs und Träger höchster Orden und Ehrenzeichen sollte er gegenüber den bereits 1933 aus dem Dienst entfernten „nicht-arischen“ Beamten zwei Jahre Aufschub erhalten. Allerdings geschah dies nicht ohne entwürdigende Versetzung in untergeordnete Beschäftigung.

Am 21.12.1935 erhielt er die Nachricht, dass er auf Grund des §3 („Arierparagraph“) zum 31.12.1935 in den Ruhestand versetzt wurde. Seine Personalakte trägt einen mit rotem Stift quer über die erste Seite geschriebenen Handvermerk „Großeltern gehörten der jüdischen Religion an“.

Um weiterer Verfolgung zu entgehen, beging Ernst Behrend am 6.12.1938 Selbstmord. Er war 56 Jahre alt.

Charlotte und Ernst Behrend hatten drei Söhne, Horst, geboren 1913, Werner, geboren 1914 und Ernst-Günther, geboren 1918. Der jüngste fiel im Krieg als Soldat, die beiden älteren überlebten in Berlin. Sie entkamen der Verfolgung, weil es ihrer Mutter, Charlotte Behrend, durch Bestechung gelang, Abstammungs- und Heiratsurkunden so zu fälschen, dass aus dem „Volljuden“ Ernst Behrends ein „Halbjude“ wurde. Das schützte ihn zwar nicht vor Entrechtung, Verfolgung und Deportation, wohl aber die Söhne, denn es machte aus ihnen lediglich „Vierteljuden“. Als Vierteljuden durften sie niemand jüdischen Bluts, welches Anteils auch immer, heiraten.

Ernst Behrends ältester Sohn Horst heiratete im Januar 1939 dennoch die Halbjüdin Irmgard Behrend geb. von Alten. Wie es der väterlicherseits aus einer adligen Familie stammenden Irmgard Behrend gelungen war, die Unterlagen zur Herkunft ihrer jüdischer Mutter zu fälschen oder verschwinden zu lassen, bleibt ein Rätsel.

Ernst Behrends Schwester Martha Behrend war mit dem jüdischen Arzt Eberhard Margulies verheiratet, beide wurden nach Theresienstadt deportiert. Für sie liegen Stolpersteine vor dem Haus Kuno-Fischer-Straße 16.

Die Familie von Ernst Behrend musste nach 1933 die hochherrschaftliche Wohnung in der Mommsenstraße aufgeben und wohnte zuletzt nahe dem Kurfürstendamm in der Seesener Straße 28 (im 1. Stock links des Vorderhauses in einer Wohnung mit Balkon ), wo heute zu seinem Andenken ein Stolperstein verlegt ist.

Text: Christiane von Alten und Jens-Peter Behrend, Enkel von Ernst Behrend