Stolperstein Klausenerplatz 16-17

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Hausansicht Klausenerplatz 17
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Der Stolperstein wurde am 24.07.2012 verlegt und von Hausbewohnerinnen- und bewohnern und Nachbarn gespendet.

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Stolperstein Hertha Waldo
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
HERTHA WALDO
JG. 1899
DEPORTIERT 14.11.1941
ERMORDET IN
MINSK

Hertha Waldo wohnte am Friedrich-Karl-Platz 5, dem heutigen Klausenerplatz 16/17 und betrieb in diesem Haus eine Buchhandlung mit angeschlossener Leihbibliothek. Das Geschäft war Teil einer Kette mit sieben Filialen in Berlin, die Herthas Schwager Wilhelm Flanter gehörte, dem Mann ihrer Schwester Erna.
Hertha Waldo blieb unverheiratet. Das Haus gehörte ihren Eltern Jacob und Auguste Waldo, die ebenfalls hier wohnten. In ihrem Testament hatten die Eltern festgelegt, dass Hertha Waldo mietfrei wohnen konnte. Zudem sollte sie bis an ihr Lebensende eine monatliche Rente in Höhe von 100 Reichsmark erhalten.
Hertha Waldo scheint gut verdient zu haben; es gab eine Angestellte, und in den Jahren um 1935 war ihr Jahreseinkommen mit rund 7 500 Reichsmark recht ansehnlich. Im November 1938 und den Monaten darauf wurde sie gezwungen, rund 3 000 RM als sogenannte Judenvermögensabgabe zu leisten. Im Februar des Folgejahres wurden weitere Teile des Eigentums deutscher Juden enteignet. Das führte dazu, dass Hertha Waldo wertvollen Schmuck abliefern musste.
Im April 1939 wurde die Buchhandelskette Flanter auf behördlichen Druck geschlossen. Wilhelm und Erna Flanter verließen ihre Wohnung in der Suarezstraße und kamen bei Hertha Waldo am Friedrich-Karl-Platz unter. Hertha Waldo betrieb nun von ihrer Wohnung aus einen Textileinzelhandel.

Auguste Waldo, Herthas Mutter, war in den USA geboren und besaß immer noch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Hertha und Erna hatten gehofft, dass dies ihnen eine Auswanderung erleichtern würde. Doch Auguste Waldo, die ebenfalls in die USA ausreisen wollte, starb nur wenige Tage vor ihrer geplanten Ausreise im März 1941, so dass diese Möglichkeit, Nazideutschland zu verlassen, versperrt blieb.
Enthaltenen Unterlagen ist zu entnehmen, dass Hertha Waldo, ihre Schwester und ihr Schwager jeweils eine Anzahlung in Höhe von 500 Reichsmark an den „Palestine Lloyd“ geleistet hatten. Es ist anzunehmen, dass sie nach Palästina auswandern wollten, doch auch dazu kam es nicht.
Vermutlich am 12. November 1941 begaben sich Hertha Waldo, ihr Schwager Wilhelm Flanter und ihre Schwester auf behördliche Anweisung in die Synagoge in der Moabiter Levetzowstraße, die als Sammelstelle missbraucht wurde. Dort mussten sie ihren gesamten Besitz auflisten. Hertha Waldos Guthaben bei verschiedenen Banken in Höhe von rund 42 700 Reichsmark wurde „zugunsten des Deutschen Reichs“ eingezogen.
Einem Schreiben des „Konsulenten“ Dr. Julius Israel Fliess, „zugelassen nur zur rechtlichen Beratung und Vertretung von Juden“, an den Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg vom 21. Mai 1942 ist zu entnehmen, dass Herta Waldo „im November 1941 auf behördliche Anordnung abgewandert“ sei. “Abwanderung“ – darunter war in diesem Fall die Deportation nach Minsk zu verstehen, die am 14. November 1941 erfolgte. An diesem Tag wurden rund 1000 Berliner Juden vom Bahnhof Berlin-Grunewald deportiert, darunter auch Hertha Waldo und Wilhelm und Erna Flanter. Nach rund 1100 km und einer viertägigen Fahrt kamen sie in der weißrussischen Hauptstadt an. Minsk wurde eines der Zentren des Massenmordes in den besetzten Ostgebieten.
Hertha Waldo starb mit 42 Jahren, vermutlich im Ghetto von Minsk. Dort kamen auch Wilhelm und Erna Flanter zu Tode. Hertha Waldos Nichte Susanne Flanter hat als Einzige der Familie den Holocaust überlebt. Im Alter von 14 Jahren war sie 1939 mit einem „Kindertransport“ nach England gelangt.

Die Angaben über Hertha Waldo fußen auf Recherchen von Arne Pannen im Rahmen des Projekts „Berlin-Minsk“ an der Humboldt Universität Berlin. Es beschäftigt sich mit den Lebensspuren der rund 1000 Berliner Juden, die im November 1941 nach Minsk deportiert wurden. www.berlin-minsk.de .
Im März 2013 erscheint die Monografie Anja Reuss/Kristin Schneider (Hrsg.): Berlin-Minsk. UNvergessene Lebensgeschichten. Ein Gedenkbuch, Metropol Verlag, Berlin 2013.

Recherche: Arne Pannen und Harald Marpe, Text: Harald Marpe, Kiezbündnis Klausenerplatz e.V.