Stolperstein Knobelsdorffstr. 110

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Hauseingang Knobelsdorffstr. 110, Foto: C. Timper
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Dieser Stolperstein wurde am 24.7.2012 verlegt.

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Stolperstein Pali Meller, Foto: C. Timper
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HIER WOHNTE
PALI MELLER
JG:1902
INHAFTIERT 3.9.1942
URKUNDENFÄLSCHUNG
BERLIN-PLÖTZENSEE
1943 ZUCHTHAUS
BRANDENBURG
ERMORDET 31.3.1943

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Bild: Familienarchiv Digne Meller-Markovicz

Bei der Verlegung hat Pali Mellers Enkeltochter Julia von Sell Meves – in Anwesenheit von Digne Meller-Markovicz, die den Stolperstein gespendet hat – folgende Ansprache gehalten:

„Dieser Stolperstein soll an Pali Meller erinnern.

Er wurde am 18. Juni 1902 in Sopron/Ödenburg in Westungarn geboren. Nach der Matura ging er zum Studieren nach Wien, später nach Stuttgart, Rom und Karlsruhe. Nach dem Erwerb seines Ingenieursdiplom trat er seine erste Stelle als Architekt im Stadtbauamt bei Johannes Jakobus Pieter Oud in Rotterdam an.

Dort lernte er eine junge Tänzerin kennen: Petronella Colpa, die er 1929 heiratete. Zusammen gingen sie nach Berlin, als er 1930 in das Architekturbüro des Architekten und Kirchenbaumeisters Rudolf Bartning eintrat. Mit ihm zusammen plante er die Gustav-Adolf-Kirche in Charlottenburg.

Im selben Jahr zogen Pali und Petronella Meller hier in die 1927 fertig gestellte neue, moderne Wohnanlage in der Knobelsdorffstraße 110, in den 5. Stock und sie wurden Eltern – zunächst eines Jungen, den sie ebenfalls Pali nannten; vier Jahre später kam eine Tochter dazu, Barbara.

1933 kamen Hitler und die Nationalsozialisten an die Macht.

Und als Petronella 1935 bei einem Autounfall ums Leben kam, stand der jüdische Vater zweier kleiner Kinder sehr allein da. Noch war er oder schien er geschützt als Witwer einer sogenannten „priviligierten Mischehe“ mit zwei Kindern: Petronella war Katholikin gewesen. Zudem hatte er seine jüdische Abstammung in Berlin auch vor engen Freunden geheim gehalten.

Aber als er sich 1937 selbständig machte, konnte er das nur, indem er der Verpflichtung zur Zwangsmitgliedschaft in der Reichskulturkammer nachkam. Dazu benötigte er allerdings einen Ariernachweis. Den konnte er nur erbringen, indem seine Schwester in Ungarn das Gartenhaus, das früher das Ferienhaus der Familie gewesen war, verkaufte und ihm für den Erlös Papiere organisierte, mit denen er christliche Großeltern und somit auch christliche Eltern vorweisen konnte.

Zu seinem Unglück verliebte Pali sich in eine junge Frau, deren Eltern überzeugte Nationalsozialisten waren und die mit der Beziehung ihrer Tochter nicht einverstanden waren. Sie sind es wohl auch gewesen, die ihn denunzierten.

Am 23. Februar 1942 wurde er verhaftet und aus seiner Wohnung in diesem Haus abgeholt. Zunächst kam er nach Plötzensee in Untersuchungshaft. Die Anklage lautete: Rassenschande und Urkundenfälschung.

Ein Jahr nach Petronellas Tod hatte Pali Meller eine Haushälterin eingestellt: die Saarländerin Franziska Schmitt. Ihr hat Pali alle Verfügungsgewalt über die Kinder nach der Urteilsverkündung übertragen, und als das Gemeinnützige Wohnungsunternehmen des Berliner Spar- und Bauvereins unmittelbar nach dem Urteil, am 31. Dezember 1942, die Kündigung der Wohnung aussprach, fand sie mit den beiden Kindern Unterschlupf bei Freunden und in Berlin-Falkensee.

Pali Meller war Gefangener der Justiz, nicht der SS. Nur so ist zu verstehen, dass er nach seiner Haft, die ihn über das Zuchthaus Brandenburg- Görden, das Polizeigefängnis am Alexanderplatz, das jüdische Sammellager in der Großen Hamburger Straße und zurück nach Brandenburg-Görden führte, nicht deportiert wurde. Seine ungarische Herkunft und die „priviligierte Mischehe“ scheinen ihn davor bewahrt zu haben. Trotzdem: am 31. März 1943 um 11 Uhr 15 starb Pali Meller im Zuchthaus Brandenburg-Görden nach 13 Monaten Haft an Entkräftung.

Franziska Schmitt blieb bei den Kindern und erwirkte 1957 die Aufhebung des Urteils gegen Pali Meller. Sie wurde meine „Großmutter“. Und die meines Bruders und meiner Cousine, bei deren Mutter Digne Meller-Marcovicz ich mich bedanken möchte: Ihr ist die Initiative zu verdanken, dass ab heute dieser Gedenkstein an Pali Meller erinnert.“

Pali Meller wurde am 18. Juni 1902 in Sopron/Ödenburg in Westungarn geboren. Sein Studium in Wien, Stuttgart, Rom und Karlsruhe schloss er als Diplom-Ingenieur ab und wurde Architekt im Stadtbauamt Rotterdam.

Dort heiratete er 1929 die Tänzerin Petronella Colpa, mit der er nach Berlin, wo er eine Stelle in einem Architekturbüro fand, in eine kleine Wohnung in der Knobelsdorffstraße 110 im 5. Stock umzog. Bald kam ein Junge zur Welt, der ebenfalls Pali hieß, vier Jahre später wurde eine Tochter Barbara geboren. Doch 1935 kam Petronella bei einem Autounfall ums Leben.

Seine jüdische Abstammung hatte Pali Meller geheim gehalten. Als Witwer einer sogenannten „priviligierten Mischehe“ mit zwei Kindern schien er geschützt. Aber als er sich 1937 selbständig machte, verlangte die Reichskulturkammer einen Ariernachweis, den er fälschte. Das kam durch die Denunziation der Eltern einer Freundin heraus, und am 23. Februar 1942 wurde er verhaftet, wegen Rassenschande und Urkundenfälschung angeklagt und nach Plötzensee in Untersuchungshaft genommen.

Pali Meller wurde verurteilt und kam zunächst ins Zuchthaus Brandenburg- Görden, dann ins Polizeigefängnis am Alexanderplatz, von dort in das Sammellager in der Großen Hamburger Straße, wo Juden sich zur Deportation registrieren lassen mussten. Unter unbekannten Umständen wurde er jedoch davor bewahrt und zurück nach Brandenburg-Görden gebracht. Dort starb er nach 13 Monaten Haft am 31. März 1943 an Entkräftung.

Seine beiden Kinder waren von der Haushälterin Franziska Schmitt in Obhut genommen worden, die bei Freunden Unterschlupf fand. So konnten Pali jun. und Barbara überleben. Franziska Schmitt war es auch, die 1957 die Aufhebung des Urteils gegen Pali Meller erwirkte.

Am Eingang der Gustav-Adolf-Kirche in Wilmersdorf, Herschelstraße 14 (Gartenseite), an deren architektonischem Entwurf Pali Meller beteiligt gewesen war, wurde 1984 eine Gedenktafel mit dieser Inschrift enthüllt:

ZUM MAHNENDEN GEDENKEN
AN DIPL.ING. PALI MELLER * 18.6.1902 31.3.1943
ARCHITEKT BEIM BAU DIESER KIRCHE
UMGEBRACHT IM ZUCHTHAUS BRANDENBURG
VOM NATIONALSOZIALISTISCHEN REGIME
AUS RASSISCHEN GRÜNDEN

Auch ein Buch erinnert an Pali Meller. Aus der Haft hatte er an seine Kinder Paul (11) und Barbara (7) Briefe geschrieben. Sie sind, herausgegeben von Dorothea Zwirner, 2012 unter dem Titel „Papierküsse“, Briefe eines jüdischen Vaters aus der Haft 1942/43, im Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, veröffentlicht worden.

Text: Helmut Lölhöffel