Stolpersteine Markgraf-Albrecht-Str. 3

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Hauseingang Markgraf-Albrecht-Str. 3, Foto: A. Bukschat & C. Flegel, 22.07.2012
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Diese Stolpersteine wurden am 08.05.2012 verlegt.

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Stolperstein Alexander Epstein, Foto: A. Bukschat & C. Flegel, 22.07.2012
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HIER WOHNTE
ALEXANDER EPSTEIN
JG. 1890
DEPORTIERT 10.3.1944
THERESIENSTADT
ERMORDET 28.9.1944
AUSCHWITZ

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Stolperstein Hertha Misch, Foto: A. Bukschat & C. Flegel, 22.07.2012
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HIER WOHNTE
HERTHA MISCH
JG. 1905
DEPORTIERT 3.2.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

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Alexander Epstein (ca. 1930), Quelle: Familienarchiv Sylvia Kade, Berlin
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Alexander Epstein war in den 1920er und -30er Jahren ein bedeutender Unternehmer der Baulandvermarktung. Seit 1926 hatte er in Berlin ein Firmengeflecht aufgebaut, das ihn schließlich zum Großgrundbesitzer machte. Er war alleiniger Gesellschafter und Geschäftsführer der 1923 gegründeten Isep Osthandelsgesellschaft mbH, im gleichen Jahr machte er zusammen mit seiner Frau Lisbet Epstein, geb. Lemke, die Mons Gesellschaft für bergtechnische Bedarfsartikel mbH auf, und 1926 trat er als Gesellschafter in den 1906 gegründeten Berliner Bodenverein ein. Firmensitz war die Mittelstraße 58 an der Ecke Friedrichstraße, wo sich heute ein Geschäfts- und Bürokomplex befindet. 1933 ersteigerte die Isep ein riesiges Baugelände in Berlin-Nikolassee, danach ließ er den Namen des Bodenvereins in Berliner Baulandgesellschaft (BBG) mbH und der Isep in Berliner Baulandvermittlungsgesellschaft mbH ändern.

Sein Vater Efim Epstein (1855-1914) stammte aus Ponovesh (Litauen) und ist in Petersburg (Russland) gestorben. Er hatte sich von der jüdischen Religion abgewandt und war Finanzbevollmächtigter der antisemitisch eingestellten Fürstin Naryschkin. Die Mutter Marta (1860-1927) war jüdische Waise und kam aus Warschau, sie ist in Tver gestorben. Sie heirateten 1880 und hatten sechs Kinder, das jüngste war Alexander Nathan, geboren am 27. Januar 1890 in Tver, zwischen Petersburg und Moskau.
Epstein ging 1909 nach Berlin und machte einen Hochschulabschluss als Berg-Ingenieur an der Bergakademie Freiberg (Sachsen). In der Kartei der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) wurde er als staatenlos und mit dem Kürzel JJJJ als „Volljude“ mit vier jüdischen Großeltern geführt. Nachdem er schon 1924 einen Einbürgerungsantrag gestellt hatte, widersprach er dieser Einstufung, kämpfte um seine Anerkennung als „Nicht-Jude“. Aber er trat erst am 1.6.1937, als ihm in der BBG die Unterschriftsvollmacht entzogen werden sollte, aus der Jüdischen Gemeinde aus. Die Religionszugehörigkeit seiner Großeltern väterlicherseits gab er mit „?“ an, mütterlicherseits mit „röm.-kath.“ Er selbst ließ sich als „griechisch-orthodox“ eintragen, was ungewöhnlich ist. Außerdem wurde er in der Sonderkategorie der „privilegierten Mischehe“ geführt, da er mit einer Arierin verheiratet war, Lisbeth („Lona“) Epstein, geb. Lemke, von Beruf Lehrerin.
Das Ehepaar Epstein hatte eine am 24. November 1920 Berlin geborene Tochter Nora Ursula, die später nach ihrer Hochzeit Gruner hieß. Sie wohnten zunächst in der Pallasstraße 24 in Schöneberg und kauften 1926 das Haus Düsseldorfer Straße 29 in Wilmersdorf, wo sie auch einzogen. Daneben besaß er Landhäuser in Prieros am Langer See (Vorwerk) und in Hohen Neuendorf, und drei weitere Häuser. 1937/38 lief die Scheidung von seiner Frau. Um diese Zeit war Epstein zweimal in Untersuchungshaft im Gefängnis Moabit, weil ihm „Rassenschande“, also ein Verhältnis mit einer arischen Frau, zur Last gelegt wurde, die am Kurfürstendamm 97/98 ein Hutatelier besaß. In diesem Haus mietete er eine Wohnung. Mit der Polin Ludmila Dimitrieff, geb. Pekarski, aus Suwalki bei Augustowo (Polen), die 1930 nach ihrer Scheidung nach Berlin gekommen war, hatte Epstein zwei Töchter, Anastasia (1934-1977) und Tatjana (1938-1940). Zur Sicherung des Unterhalts der Kinder trug er 1938 in sein Testament die Lebensgefährtin als Alleinerbin ein.

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Einschulung von Nora Epstein mit ihrer Mutter Lona, ihrem Vater Alexander Epstein, rechts am Steuer, und dem Großvater Robert Lemke, im Hintergrund (1926), Quelle: Familienarchiv Sylvia Kade, Berlin
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Spätestens Ende 1938 verlor er seine Anteile an der BBG, weil das Gesetz zur Änderung der Gewerbeordnung vom 6. Juli 1938 erlassen wurde, das für alle Juden in der Immobilienwirtschaft ein formelles Berufsverbot bedeutete. Bis zuletzt versuchte er sein Lebenswerk zu retten, indem er einen Arier, Wilhelm Hiller, einstellte. Der übernahm nach der Kaltstellung des Gründers die Firma und zahlte Epstein eine kümmerliche Rente, mit der er immerhin zunächst sein Überleben sichern konnte.
Nicht nur beruflich, auch privat wurde er auf üble Weise schikaniert. Ihm wurde 1938 ein Kontaktverbot mit der Mutter seiner Kinder auferlegt und er musste sich eine Unterkunft mieten, zunächst in der Levetzowstraße. Danach zog er in ein möbliertes Zimmer bei Michel Jacovici (verschiedentlich als Jacobiti angegeben), um die Ecke von Ludmila in der Markgraf-Albrecht-Straße 3, wo er sich allerdings nur nachts nach der Sperrstunde aufhielt. Sein Vermieter Jacovici, der Mitglied der Jüdischen Gemeinde war und als Spitzel der Nazis galt, verschaffte sich Zutritt zu Epsteins Zimmer und Schreibtisch, um Beweise zu suchen, dass er Jude war. Am 8.11.1942 versuchte er sogar, Epsteins Unterschrift für ein Bekenntnis als Jude zu erpressen.
Seit Mai 1943 musste er in bei der Metallwarenfabrik Parchner & Marquard, Roelckestraße 93, Zwangsarbeit verrichten und wurde ab Oktober schwer krank. Wer nicht arbeitsfähig war, war Kandidat für die Deportation.
Am 12.1.1944 wurde er – nach einer Denunziation, vermutlich von Jacovici – festgenommen und inhaftiert. Am 27. Januar, seinem Geburtstag, besuchte ihn seine Tochter Nora im Arrest ein letztes Mal. Er übergab ihr eine Mappe mit seinen Dokumenten, die erhalten sind und archivarisch verwahrt werden.
Epstein beharrte auf seinem Status als „Geltungsjude“, aber das Reichssippenamt lehnte am 11.2.1944, einen Monat nach seiner Verhaftung, den Widerspruch gegen seine Einstufung als Volljude endgültig ab. Am 11. Februar erfolgte ein Gerichtsurteil, dass Epstein Jude sei. Sofort danach wurde seine Deportation vorbreitet. Das Haus in der Markgraf-Albrecht-Straße 3 wurde kurz darauf, am 15.2.1944, durch Bomben zerstört.
Epstein musste sich zur Registrierung und Verteilung auf die nach Osten rollenden Züge am 26.2.1944 in dem als Sammellager missbrauchten Jüdischen Altersheim an der Großen Hamburger Straße 26 einfinden. Dort gab er wie alle zur Deportation vorgesehenen Juden seine Vermögenserklärung ab, in die er eintrug, dass ihm noch „ca. 1 Woche Lohn“ zustehe.
Am 10. März 1944 ist er vom Bahnhof Grunewald in einem Waggon, der an einen fahrplanmäßigen Zug angehängt wurde, mit 56 Menschen, überwiegend aus so genannten “privilegierten Mischehen“, ins Ghetto Theresienstadt gebracht worden.
Am 26.8.44 begab sich ein Mitarbeiter des Finanzamts namens Kuffel auf die Suche nach irgendwelchen Hinterlassenschaften Epsteins, musste aber unverrichteter Dinge umkehren. Auf einem „Schätzungsblatt“ trug er mit einem lila Stift in unbeholfener Amtssprache und falschem Deutsch ein: „Das Haus Markgraf Albrechtstr. 3 ist total ausgebombt. Nach Angaben einer Geschäftsfrau auf der Gegenseite der Straße wohnten ob. genannten Juden noch vor der Bombardierung 15.II.44. Polizei-R. 157 ist am 15.II. auch total ausgebombt. Sämtliche Nachweise bis zum 15.II. sind dabei umgekommen. Wo ob. genannten Juden verblieben sind, ist auf dem zuständigen Polizei R. 157 nicht bekannt.“
So verlieren sich die Spuren des Lebens und des Todes von Alexander Epstein im Vernichtungslager Auschwitz, wohin er am 28. September 1944 aus Theresienstadt weiterdeportiert wurde, und in Berliner Behörden. Im August 1948 wollte das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg, vermutlich aufgrund einer Anfrage von Epsteins Nachkommen, eine Todeserklärung anfertigen und schrieb an die zuständige Verwaltung: „Wir bitten um Mitteilung der letzten regulären legalen Wohnung des angeblich deportierten Alexander Epstein.“ So formulierte Amtsgerichtsrat Dr. Schubart, der mehr als drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs das Wörtchen „angeblich“ einschob, also die Verbrechen des Massenmords immer noch nicht so recht wahrhaben wollte. Die Antwort vom 1.9.1948: „Am 10.3.1944 wurde er mit dem 103. Alterstransport nach Theresienstadt deportiert. Weiteres ist uns über seine Personalien und sein Schicksal nicht bekannt.“
Nora Gruner, geb. Epstein, wurde zwar später als Opfer des Faschismus in der SBZ (sowjetisch besetzte Zone) anerkannt, aber ebenso wie Lisbeth Lemke und Ludmila Dimitrieff, die in den 1950er Jahren verschiedene Wiedergutmachungs- und Entschädigungsverfahren führten, mit minimalen Entschädigungen abgespeist. Als symbolischen Akt erhielt Ludmila 1952 nachträglich den Namen Epstein zuerkannt.

Text: Helmut Lölhöffel nach Aufzeichnungen der Enkeltochter von Alexander Epstein, Sylvia Kade (2013) und aufgrund von Akten im Brandenburgischen Landeshauptarchiv (BLHA) im Potsdam

Quellen:. Hans H. Lembke: Aufstieg, Verdrängung, Deportation – Phasen eines Unternehmerlebens in der Zehlendorfer Bauwelt 1933–44. Berlin 2004; Brandenburgisches Landeshauptarchiv Potsdam: Vermögenserklärung und Transportliste; Landesarchiv Berlin: Akten zur Zwangsversteigerung des HAG-Besitzes; Bundesarchiv: Schriftwechsel der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland zu A. Epstein

Hertha Misch wohnte zu der Zeit, als im Deutschen Reich eine Volkszählung stattfand (17.5.1939), in der Markgraf-Albrecht-Straße 3 als Untermieterin bei Stein. Sie war am 21. März 1905 in Posen (Poznan) geboren. In der Volkszählungskartei ist sie als ledig registriert und mit vier JJJJ als „Volljüdin“, wie die Nazis sie kategorisierten, markiert. Kurz vor ihrer Deportation musste sie noch einmal umziehen, in die Gervinusstraße 4. Sie wurde von Mathilde Groß (geboren 1891 in Posen/Poznan) aufgenommen, die im Vorderhaus in der 3. Etage mit Iwan Groß (geboren 1899 in Berlin) und dem zwölfjährigen Sohn Heinz (Jahrgang 1930) wohnte. Sie bezog ein möbliertes Zimmer, das 25 Reichsmark Miete im Monat kostete. Hertha Misch verdiente damals 20 RM in der Woche als Zwangsarbeiterin im Draht- und Kabelwerk C.J. Vogel in Köpenick, wo auch Rüstungsprodukte hergestellt wurden, dem späteren DDR-Kombinat Kabelwerk Oberspree.
Als sie am 29.1.1943 zur Deportation abgeholt wurde, machte sie rückständigen Lohn für 27 Tage geltend. Der wurde ihr jedoch nicht ausbezahlt, sondern die Oberfinanzkasse kassierte die Summe von 31,22 RM. Einige Tage musste sie im Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26 (ehemaliges Jüdisches Altersheim) dicht gedrängt unter Schicksalsgefährten ausharren, bis sie am 3. Februar 1943, in einem Zug zusammengepfercht mit 952 Menschen, vom Güterbahnhof Moabit in den sicheren Tod nach Auschwitz gefahren wurde.
Über eine Familie Stein in der Markgraf-Albrecht-Straße 3 ist nichts bekannt, sie gehörte nicht zu den Deportierten. Die Familie Groß aus der Gervinusstaße 4 wurde am 17. Mai 1943 nach Theresienstadt deportiert. Iwan Groß war schon vorher bis zum 16. Dezember 1938 im Konzentrationslager Sachsenhausen eingesperrt gewesen. Alle drei wurden später nach Auschwitz ins Vernichtungslager gebracht.

Recherche und Text: Helmut Lölhöffel