Stolperstein Kantstr. 129

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Hauseingang Kantstr. 129, Foto: Bukschat & Flegel
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Dieser Stolperstein wurde am 17.04.2012 verlegt und ist von der Enkelin Dr. Ursula Klein (Berlin) gespendet worden.

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Stolperstein Amalie Lilli Klein, Foto: Bukschat & Flegel
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HIER WOHNTE
AMALIE LILLI KLEIN
GEB. OSER
JG 1862
DEPORTIERT 3.10.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 18.11.1942

Amalie Lilli Klein wurde am 10. Mai 1862 in Wien als Amalie Oser geboren. Ihr Vater war Kapellmeister in Wien und lebte zeitweilig auch in Berlin. Amalie war die Älteste von sechs Geschwistern, sie hatte noch zwei Schwestern, Adele und Elly, und vier Brüder. Von den Brüdern lebte mindestens einer, Arthur, auch in Berlin, wurde dort „Impresario“ – so das Adressbuch – und war unter anderem Manager des berühmten Jongleurs Enrico Rastelli.

Wann Amalie Oser genau nach Berlin kam, bleibt unklar. Sie heiratete den Opernsänger Heinrich Klein. Dessen Künstlername war Cornelli und unter dem Namen Cornelli-Klein unterhielt er auch Anfang des Jahrhunderts eine Theateragentur. Sie hatten zwei Kinder, Benno (geboren 1889) und Alice (geboren 1896). Musikalisch aufgewachsen, wurde Amalie selbst Sängerin und nahm den Künstlernamen „Lilli“ an. Spätestens ab 1905 machte sie sich selbständig, denn das Adressbuch führt sie fortan als Hausvorstand. Zunächst betrieb sie einen Konfiserie- und Konfitürenladen in der Friedrichstraße und wohnte in der Kantstraße 46, 2. Stock. Parallel dazu ließ sie sich manchmal auch als Lilli Klein eintragen, zunächst mit der Bezeichnung „Privatiere“, ab 1910 dann als Sängerin oder „Gesangsmeisterin“. Um 1912 gab sie den Süßwarenladen auf und mit ihm auch den Vornamen Amalie: das Adressbuch kennt von nun an nur noch die Konzertsängerin Lilli Klein, wohnhaft weiterhin in der Kantstraße 46. Erst 1933 oder 1934 zog die inzwischen über 70-jährige in die Kantstraße 129a um, in eine geräumige Wohnung im Vorderhaus, 1. Stock. Sie gab weiterhin Gesangsunterricht, wurde aber im Adressbuch jetzt als Witwe bezeichnet. Heinrich Klein, ihr Mann, war ca. 1932 gestorben.

In der Kantstraße 129a lebte Lilli Klein bis sie 1942, im Alter von 80 Jahren, in ein Sammellager eingewiesen wurde. Bis zuletzt gehörte Musik zu ihrem Lebensinhalt: Ihren größten Schatz, ihre Klavierauszüge, vertraute sie einer Nachbarin an, als sie abgeholt wurde. Die Klavierauszüge gingen im Bombenhagel verloren, Lilli Klein wurde am 3. Oktober 1942 nach Theresienstadt deportiert und kam dort wenige Wochen später, am 18. November 1942, ums Leben. Auf einer im Archiv von Theresienstadt erhaltenen „Todesfallanzeige“ http://109.123.214.108/de/document/DOCUMENT.ITI.10583 gibt der Ghettoarzt als Todesursache „Herzmuskelentartung“ an, was als eine grobe Verharmlosung angesichts der Lebens- und Todesumstände im Ghetto erscheinen muss.

Lilli Kleins Tochter Alice , verheiratete Rosenthal, wohnte einige Häuser weiter in der Kantstraße 132. Sie war schon ein Jahr früher deportiert worden und wurde im Mai 1942 mit ihrer 8-jährigen Tochter Eva in Kulmhof (Chelmno) ermordet. Lilli Kleins Sohn Benno, von Beruf promovierter Zahnarzt, war durch eine sogenannte „privilegierte Mischehe“ vergleichsweise geschützt. Er durfte zwar seinen Doktortitel nicht mehr führen, musste sich aufgrund der „8. Verordnung zum Reichsbürgergesetz“ ab Februar 1939 „Zahnbehandler“ nennen und konnte nur noch jüdische Patienten behandeln. Aber er überlebte den Krieg und starb 1976 in Berlin.

Von Lilli Kleins Geschwistern überlebte nur die jüngste Schwester Elly, verheiratete Borchardt. Ihr Mann Max Borchardt hatte eine gut gehende Zahnarztpraxis in der Bleibtreustraße, die von vielen Berliner Prominenten besucht wurde. Der Sohn Hans war schon 1928 nach London ausgewandert und verhalf seinen Eltern rechtzeitig zur Emigration. Drei von Lilli Kleins Geschwistern starben, bevor ihnen Deportationen drohten. Arthur, der Impresario, nahm sich 1938 mit 62 Jahren das Leben.

Recherchen und Text: Micaela Haas
Quellen: Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Kartei der Oberfinanzdirektion; Berliner Adressbücher; Angaben der Nachfahren; Theresienstadt Opferdatei www.holocaust.cz