Stolpersteine Uhlandstraße 162

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Hausansicht Uhlandstr. 162
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Der Stolperstein für Richard Salomon wurde am 23.08.2011 verlegt und von Ilse M. Eden, Berkeley (USA), gespendet.

Der Stolperstein für Paul Appel wurde am 18.06.2018 verlegt.

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Stolperstein Richard Salomon
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
RICHARD SALOMON
JG. 1894
DEPORTIERT 14.12.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

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Richard Salomon
Bild: Jonathan Eden

Richard Salomon, geboren am 25. Juni 1894 in Charlottenburg, stammte, worauf er stets mit Stolz verwies, aus einer angesehenen, zeitweilig wohl auch sehr wohlhabenden, vor allem aber alteingesessenen jüdischen Familie. Seine väterlichen Vorfahren waren bereits im 18. Jahrhundert, von Holland herkommend, nach Pommern eingewandert, wo sie sich in der Gegend um Körlin ansiedelten. Von dort zog dann die urgroßväterliche Familie schon im Jahre 1833 nach Berlin.
Sein Vater Ernst Salomon (1860 – 1937) brachte es als „Importeur von Lammfellen für die Handschuhfabrikation“ bereits lange vor dem Ersten Weltkrieg zu so beachtlichem Wohlstand, dass er es sich leisten konnte, seinen Sohn durch Privatunterricht auf die Kaiser-Friedrich-Schule vorbereiten zu lassen. Salomons Mutter, Marianne Bunzel (1867 – 1942) war die Tochter eines der angesehensten Kaffeeimporteure in Hamburg.

Obwohl in seiner Jugend häufig krank, gehörte Richard Salomon doch immer zu den Besten seiner Klasse. Vermutlich hat er bereits in der Familie vielfältige Anregungen erfahren, etwa durch seinen älteren und völlig „verlesenen“ Bruder, den späteren Politologen und verantwortlichen Redakteur der sozialdemokratischen Zeitschrift „Die Gesellschaft“, Albert Salomon (1891 – 1966). Oder auch durch seine Tante, die weithin bekannte Sozialpolitikerin und Frauenrechtlerin Alice Salomon (1872 – 1948), zu der er zeitlebend ein gutes und enges Verhältnis gepflegt zu haben scheint. Und selbst sein durch Geschäftsreisen häufig abwesender Vater – den Worten seines Erstgeborenen Albert nach ein wahres Sprachgenie – wird einen gewissen Einfluss auf die intellektuelle Entwicklung seines Sohnes Richard ausgeübt haben.
Von wem, wenn nicht von ihm, sollte dessen besonderes Interesse sowohl für die antiken wie modernen Fremdsprachen ausgegangen sein, das noch Richard Salomons Abitur-Lebenslauf unterstreicht?

Nach dem Abitur 1912 folgte ein Jura-Studium in Freiburg, Heidelberg und Berlin. Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldete sich Richard Salomon sofort freiwillig. Nachdem er bei der ersten Musterung aufgrund seiner Kurzsichtigkeit zunächst auf ein Jahr vom Militärdienst zurückgestellt worden war, eilte er schon nach zehn Monaten, wiederum freiwillig, erneut zu den Waffen – ausgerechnet zu einer neugebildeten Gebirgskompanie, mit der es ins Feld zog. Hinter dieser steten Freiwilligkeit stand natürlich auch der Wunsch, allen zu beweisen, dass er, der Jude Richard Salomon, ein „guter Deutscher“ sei, dass es ihm weder an Pflichtgefühl und Opferbereitschaft, noch an wahrer patriotischer Gesinnung mangele. Für das „Vaterland“ gab er schließlich seine Gesundheit. Bei Gebirgskämpfen in Rumänien zog er sich schwerste Erfrierungen zu, unter deren Folgen er sein Leben lang litt.

„Durchgerüttelt“ vom Krieg schloss Richard Salomon 1920 sein Jura-Studium mit der Promotion ab. Von 1923 an arbeitete er selbständig als Rechtsanwalt und ab 1931 als Notar. Doch schon zwei Jahre später erteilten ihm die an die Macht gekommenen Nationalsozialisten Berufsverbot, wogegen er als ehemaliger Frontsoldat zunächst erfolgreich Einspruch erhob. Bis 1935 konnte er Notar, bis 1938 Rechtsanwalt bleiben.

Seine Überzeugung, dass ihm als guten Deutschen, der seinen Beruf stets in einwandfreier und makelloser Weise ausgeübt habe, nur ein Unrecht widerfahre, das aus der Welt zu schaffen sei, war eines der Motive, warum Salomon in der Anfangszeit der nationalsozialistischen Diktatur eine Emigration nicht in Erwägung zog. Er glaubte, sich derlei Gedanken auch gar nicht erlauben zu dürfen, hatte er doch für eine Familie zu sorgen, nicht nur für seine aus Schwedt an der Oder stammende Ehefrau Edith, die er 1924 geheiratet hatte, und für die 1928 geborenen Tochter Ilse, sondern auch für seine betagten Eltern, zumal der Vater 1931 sein gesamtes Vermögen verloren hatte.
Das Gefühl der Unentbehrlichkeit ließ ihn freilich nicht die Dinge ignorieren, die um ihn herum passierten und sein eigenes Leben im Kern betrafen. Er führe, „wie die meisten, ein sehr zurückgezogenes Leben, ohne Theater u. Konzerte“, aber wenigstens sei er gesund, schrieb Richard an seinen in Amerika lebenden Bruder. Von seiner beruflichen Lage könne man Ähnliches nicht ohne Weiteres behaupten. Er führe ein Leben mit kurzfristiger Planung, woran er sich erst gewöhnen müsse.

Auf die Bitten seines Bruders Albert, ihm nach Amerika zu folgen, reagierte Richard eher ausweichend und ließ dabei eine gewissen Unentschlossenheit und Zukunftsangst erkennen. Auf bloße Hoffnungen wollte er sich nicht in dieses Abenteuer stürzen. „Sich drüben 3 Wochen hinzusetzen und zu warten, ob man irgendwohin gerufen“ werde, das schien ihm dann doch eine zu vage Aussicht. Hinzu kam, dass Richard Salomon 1936 erkrankte. Er sei „nervenmässig nicht auf der Höhe“, schrieb er nach Amerika. Alle folgenden Briefe mit Nachrichten über sein Ergehen sind von seiner Ehefrau Edith geschrieben. Richard Salomon selbst war dazu nicht mehr in der Lage. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich so rapide, dass er in eine Nervenheilanstalt eingeliefert werden musste.

Seine Frau, gezwungen wichtige Überlebensentscheidungen zu treffen, schickte zunächst ihre Tochter Ilse mit einem sogenannten Kindertransport nach Großbritannien. Dann erst und nachdem sie sich vom völlig hoffnungslosen Zustand ihres Mannes überzeugt hatte, folgte sie schweren Herzens ihrer Tochter nach England, später in die USA. Ihre ganze Verzweiflung über eine ausweglose Situation fasste sie in dem Satz zusammen: „Über Richards Schicksal darf ich gar nicht nachdenken, was soll nur aus ihm hier allein und ohne Geld werden!“ Am 5. August 1942 hatte Richards Mutter Marianne Salomon, geborene Bunzel, Selbstmord begangen.

Richard Salomon, der seit 1933 – zuletzt mit zwei ebenfalls deportierten Untermieterinnen, Flora Reinstein und Marta Richter – in der Uhlandstraße 162 wohnte, wurde am 14. Dezember 1942, zehn Tage vor Weihnachten, vom Bahnhof Grunewald nach Auschwitz deportiert. Mit ihm befanden sich in dem als „25. Osttransport“ getarnten Deportationszug 815 Schicksalsgefährten. Ein genaues Todesdatum ist für Richard Salomon nicht bekannt. Vermutlich wurde er unmittelbar nach der Ankunft in Auschwitz ermordet.

Nach Angaben der „Sterbebücher von Auschwitz“ hat auch keine der Personen, die zunächst als „arbeitsfähig“ registriert worden waren, den Beginn des Monats Februar 1943 überlebt.

Dieses Porträt stützt sich weitgehend auf das Buch von Momme Brodersen: „Klassenbild mit Walter Benjamin“, erschienen 2012 bei Siedler.

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Stolperstein Paul Appel
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE PAUL APPEL
JG. 1897
DEPORTIERT 19.2.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ