Stolperstein Krumme Str. 12

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Hauseingang Krumme Str. 12
Bild: BA Charlottenburg-Wilmersdorf, Held

Der Stolperstein für Elfriede Cahn wurde am 23.08.2011 verlegt.

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Stolperstein Elfriede Cahn
Bild: BA Charlottenburg-Wilmersdorf, Held

HIER WOHNTE
ELFRIEDE CAHN
GEB. SAWADY
JG. 1887
DEPORTIERT 17.11.1941
GHETTO KOWNO
ERMORDET 25.11.1941

In einer Ladenwohnung in der Krumme Straße 12 lebte Elfriede Cahn. Sie zog dort am 1. Januar 1938 ein. Die Wohnung, die ihren Eingang vom Hof her hatte, umfasste den Laden, ein Zimmer, Küche und Toilette sowie Keller und Boden, alles offenbar nicht im wohnlichsten Zustand, und kostete 55 Reichsmark Miete. Weil sie nur wenig verdiente, musste sie den zur Straße gelegenen Ladenraum für 22 RM an Henry Michaelis untervermieten.
Elfriede Cahn ist am 15. November 1887 in Gramsdorf in der Region Posen (Poznan) mit dem Mädchennamen Sawady geboren. Sie war Witwe und hatte keine Kinder. Ihr zweiter Mann war Rudolf Cahn (1876-1932).
Seit Jüdinnen und Juden wegen der Rassengesetzgebung der Nationalsozialisten in den meisten Berufen nicht mehr arbeiten durften und überall behindert wurden, schlug sich Elfriede Cahn als „Aufwartfrau“, ein altertümlicher Ausdruck für Haushilfe oder Putzfrau, bei dem Ehepaar Gorski in der Mommsenstraße 55 durch. Sie bekam dafür „0,50 M pr. Std.“, wie sie notierte. Gemeint war damit ein Stundenlohn von 50 Pfennig. Ein Zweipfundbrot kostete damals 37 Pfennig.
Bernhard Gorski (geboren am 14. März 1872 in Schildberg/Posen) und Martha Gorski, geb. Levy (geboren am 30. März 1875 in Hohenstein/Ostpreußen), bei denen sie im Haushalt half, wurden am 16. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Er wurde am 1. Oktober 1942 umgebracht, sie am 29. November 1942. Elfriede Cahn war schon ein Jahr vorher ermordet worden.
Am 12. November ist sie aus ihrer Wohnung abgeholt und in die 1914 eingeweihte Synagoge an der Levetzowstraße 7-8 im Bezirk Tiergarten verschleppt worden, die von den Nazis entweiht wurde: zur Deportation bestimmte jüdische Berlinerinnen und Berliner mussten sich dort sammeln. Im Brandenburgischen Landeshauptarchiv in Potsdam lagern die wenigen Hinweise, die es auf diese Frau noch gibt, in einem dünnen Schnellhefter. Der Inhalt gibt aber Auskunft über den niederträchtigen Umgang deutscher Amtsträger mit jüdischer Hinterlassenschaft.

Drei Männer fanden sich am 5.2.1942 an der Krumme Straße 12 ein: der Verwaltungssekretär Schülke, der Verwaltungsoberinspektor Conrad und ein Taxator namens Weihmann. Sie stellten eine Inventarliste auf, in der sie alles genauestens registrierten, was Elfriede Cahn hinterließ, als sie abgeholt wurde. Darin sind Möbel, Kleidung und Hausrat, vom Keilkissen bis zum Kohlenkasten, und „11 Paar Damenschuhe“ festgehalten. Auch Erstaunliches ist protokolliert: „5 Spazierstöcke“ – was darauf hindeutet, dass ihr gestorbener Mann lahm gewesen war. Das bescheidene Inventar wurde auf den Wert von 329 RM geschätzt, außerdem sind „Barmittel 10.- M“, also zehn Reichsmark, aufgelistet.
Die Wohnung wurde sofort danach geräumt. Aus dem amtlichen Report ist die Geringschätzung und Verachtung, die den Antisemitismus ausmacht, abzulesen: „Die Ladenwohnung ist reparaturbedürftig. Da dem Vernehmen nach wieder ein Jude zugewiesen wird, dürfte von der Reparatur der Wohnung abzusehen sein.“ Die Wohnung sei verschlossen, protokollierten die drei Herren. Den Schlüssel habe der Untermieter Michaelis.
Danach entspann sich um diese kaum vermietbare Wohnung ein absurder Briefwechsel zwischen verschiedenen Stellen, der am 14.2.1942 mit einem Schreiben der Hausverwaltung Dorotheum Grundverkehr GmbH, Taubenstraße 35, an das Hauptplanungsamt beim Oberbürgermeister von Berlin begann. Darin hieß es: „Die jüdische Mieterin Frau Elfriede Sara Cahn bewohnte in dem oben bezeichneten Hause einen Laden mit Stube und Küche zum Mietspreis von monatlich RM 55,—. Sie hat diese Wohnung auf Veranlassung der zuständigen Behörde am 21. Nov. 1941 geräumt. In der Wohnung verblieb ein jüdischer Untermieter. Die Wohnung soll, wie von diesem jüdischen Untermieter behauptet wird, einem anderen jüdischen Mieter zur Verfügung gestellt werden. Der jüdische Untermieter zahlt uns jedoch nur einen Monatsbetrag von RM 22,—. Seit Dezember 1941 stehen die Differenzbeträge von monatlich RM 33,— mit insgesamt RM 99,— offen. Wir bitten Sie um sehr gefl. Mitteilung, an welche Dienststelle wir uns wegen Erstattung der rückständigen Mietbeträge zu wenden haben. Heil Hitler (Stempel) Dorotheum Grundverkehr G.m.b.H.“ Zwei Nachfragen im März und April blieben ohne Antwort, aber ein Beamter kritzelte mit Bleistift an den Rand: „Lt. telef. Anruf jüdischer Untermieter Michaelis“.
Am 21.4.1942 schrieb das „zuständigkeitshalber“ eingeschaltete Oberfinanzpräsidium an die Jüdische Kultus-Vereinigung in der Oranienburger Straße 31, die für die Vergabe von Wohnraum an Juden zuständig war: „Ich bitte, für die sofortige anderweitige Unterbringung des Untermieters Michaelis binnen einer Woche zu sorgen. Der Untermieter ist aufzufordern, die … geschuldeten Mietbeträge an Dorotheum Grundverkehr … zu entrichten.“ Dieser Brief trägt einen Bleistift-Vermerk: „Lt. telef. Anruf bei Dorotheum ist das Haus jüd. Besitz. Die vorstehende Vfg. vom 21.4.42 ist daher gegenstandslos geworden.“
Danach nahm der Schriftverkehr immer groteskere Züge an. Die Behörden fanden heraus, dass „der Jude Israel Drucker, Thomasisustr. 15“, Hauseigentümer war, aber nur bis zum 1.9.1939. Drucker wurde allerdings zu Gunsten einer Luise Freifrau von Gagern enteignet, die der Dorotheum GmbH die Verwaltung übertrug und als „Portier“ eine Frau Bendler einsetzte, die „Gths. 2. Tr.“, also im Gartenhaus im zweiten Stock, wohnte.
Wie das Gezerre um den Wohnraum ausging, ist nicht mehr zu ermitteln. Geplant war jedenfalls, wie einem weiteren Schreiben zu entnehmen ist, „daß die Wohnung Cahn (Bleistift-Vermerk: „abgeschoben“) einer neuen jüdischen Mieterin und zwar mit Wirkung von 1. Juni d.J. zugewiesen worden ist“.

Elfriede Cahn wurde am 17.11.1941 mit 1006 Menschen vom Sammellager Levetzowstraße sieben Kilometer weit mitten durch Berliner Wohngebiete zum Bahnhof Grunewald getrieben. Am Gleis 17 wurde sie in einen Zug gestoßen, der nach Kowno in Litauen fuhr. Einige Tage verbrachte sie noch im Ghetto. Am 25. November 1941 wurde sie zum Fort IX der Stadtbefestigung gebracht, die als Hinrichtungsstätte diente, und wurde dort erschossen. In diesem Fort IX von Kowno sind 1941 binnen fünf Monaten 137 346 Menschen exekutiert worden.

Elfriede Cahns Untermieter Henry Ely Michaelis, geboren am 24. September 1876 in Berlin, musste nach Schöneberg in die Begasstr. 2 umziehen. Am 20. November 1942 wurde er in einem Waggon mit 100 Menschen vom Anhalter Bahnhof ins Ghetto Theresienstadt deportiert und dort am 23. Februar 1943 umgebracht.

In dem 1898 erbauten Haus Krumme Straße 12 gab es um 1910, wie auf Fotos zu sehen ist, vier Geschäfte. Wo Elfriede Cahn und Henry Michaelis wohnten, waren früher ein Fischladen und eine Drogerie. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine Gaststätte. Heute ist hier eine Computerschule.

Der 1989 für Robert und Elfriede Cahn von aufgestellte Grabstein
Bild: Helmut Brandt

Recherche und Text: Helmut Lölhöffel
Quellen: Brandenburgisches Landeshauptarchiv Potsdam und Privatarchiv der Hausbewohner Krumme Straße 12.