Stolpersteine Kunz-Buntschuh-Str. 16-18

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vor dem Haus Kunz-Buntschuh-Str. 16-18
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Die Stolpersteine für Alfred, Gertrud und Fritz Rotter wurden am 28.06.2011 verlegt.

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Stolperstein für Alfred Rotter, 25.9.2011, Foto: Wolfgang Knoll
Bild: Bezirksamt

HIER WOHNTE
ALFRED ROTTER
JG.1886
FLUCHT 1933
LIECHTENSTEIN
VON NAZIS IN DEN
TOD GEHETZT 5.4.1933

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Stolperstein für Gertrud Rotter
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HIER WOHNTE
GERTRUD ROTTER
GEB. LEERS
JG. 1894
FLUCHT 1933
LIECHTENSTEIN
VON NAZIS IN DEN
TOD GEHETZT 5.4.1933

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Stolperstein für Fritz Rotter
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HIER WOHNTE
FRITZ ROTTER
JG. 1888
FLUCHT 1933
LIECHTENSTEIN
VON NAZIS VERFOLGT
SCHICKSAL UNBEKANNT

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Alfred Rotter, Quelle: Wikipedia
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Die Brüder Fritz und Alfred Rotter gehörten zu den bekanntesten und erfolgreichsten Berliner Theaterdirektoren der Weimarer Republik. Ende der 1920er Jahre begannen sie, Operetten zu inszenieren und feierten einige Jahre lang Triumphe. Doch dann brach ihr Bühnenkonzern zusammen und sie starben im Exil: Alfred Rotter – soweit sich die Umstände rekonstruieren lassen, zu Tode gehetzt – am 5. April 1933 oberhalb von Vaduz (Liechtenstein) und Fritz Rotter am 7. Oktober 1939 im Gefängnis von Colmar (Frankreich), in das er wegen eines ungedeckten Schecks geraten war.
Beide waren in Leipzig geboren, Alfred am 14. November 1886, Fritz am 3. September 1888. Ihr eigentlicher Familienname war Schaie, den Namen Rotter legten sie sich nach Ende des Ersten Weltkriegs zu.
Ihr Vater hieß Heymann (genannt Hermann) Schaie, geboren am 13. März 1856 in Inowraclaw, dem heutigen polnischen Inowroclaw, damals seit der durch nichts zu rechtfertigenden Aufteilung Polens in der preußischen Provinz Posen. Er war seit November 1879 als Kaufmann im Herrenmode-Großhandel in Leipzig tätig. Die Mutter hieß Emilie Schaie, geborene Simonson, am 7. Juni 1866 in Elberfeld geboren. 1889 zog die Familie (mit den zwei Söhnen und zwei Töchtern) von Leipzig nach Berlin. Der Vater ermöglichte Fritz und Alfred Rotter die Verwirklichung ihrer größten Leidenschaft: das Theater – als Regisseure und Produzenten.
Alfred Rotter hatte Jura studiert und mit finanzieller Hilfe seines Vaters zu dieser Zeit bereits erste Theaterproduktionen auf die Beine gestellt. Zusammen mit seinem Bruder Fritz sammelte er Grundkenntnisse über das Theatermachen am Deutschen Schauspielhaus, an dessen Gründung einst beider Vater finanziell beteiligt gewesen war. Während des Ersten Weltkriegs erwarben die Rotter-Brüder das Trianon-Theater, bald darauf das Residenz-Theater. Nach und nach betrieben sie, zum Teil als Direktoren, überwiegend aber als Pächter, insgesamt neun Spielstätten, darunter das Metropol-Theater, das Theater des Westens, das Lessingtheater, das Lustspielhaus und das Centraltheater. Ihr gesamter Theaterkonzern war als Rotterbühnen bekannt. Viele Berliner Theater- und Filmgrößen der damaligen Zeit wurden von den Rotters gefördert und verdienten Gagen an deren Bühnen.
Doch der verschachtelte Rotter-Konzern – sechs GmbHs und zwei Aktiengesellschaften – geriet unter den Bedingungen der Depression in der Spätphase der Weimarer Republik in finanzielle Schieflage. Wegen Mietrückständen stellte die Besitzerin des Metropol-Theaters, die Dorotheenstadt-Baugesellschaft, am 17. Januar 1933 gegen die Rotters einen Konkursantrag. In 41 Prozessen versuchte allein der Verband Deutscher Bühnenschriftsteller und Bühnen-Komponisten die Rotters dazu zu zwingen, ihre Tantiemenschulden zu begleichen. Am 18. Januar schrieb die Berliner Börsen-Zeitung vom „Zusammenbruch der Rotterbühnen“. Über 1300 Angestellte verloren ihre Arbeitsplätze. Vergeblich versuchten die Rotters, frisches Kapital aufzutreiben, um den Kollaps ihres Imperiums abzuwenden. Am 22. Januar 1933 erließ das Amtsgericht Berlin-Mitte einen Haftbefehl wegen Konkursverschleppung gegen die beiden Brüder. Alfred und Fritz Rotter, die 1931 auch die Staatsbürgerschaft des Fürstentums Liechtenstein erworben hatten, flohen am 9. und 22. Januar 1933 zunächst in die Schweiz, dann nach Vaduz. Die Nazi-Propaganda dichtete ihnen an, große Teile ihres Vermögens mitgenommen zu haben, was aber kaum die Wahrheit gewesen sein kann. Denn sonst hätten sie sich, so argumentiert der Autor Peter Kamber nach seinen gründlichen Recherchen, seit dem Bankenzusammenbruch 1931 ohne Kredite, nicht in die Abhängigkeit einer Kartenvertriebsorganisation begeben müssen, die ihnen jede Aufführung bevorschusste. Indessen besaßen sie in Berlin noch etliche Grundstücke, deren Gesamtwert die Schulden überstieg. Deswegen handelten sie mit dem zuständigen Gericht Ende Januar 1933 eine Rückkehr aus, die jedoch nach dem Machtantritt der Nazis ausgeschlossen war. So verloren sie alles.

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Fritz Rotter, Quelle: Wikipedia
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Den Nationalsozialisten kam der Theaterskandal gerade recht: Sie schmähten in ihrer Propaganda die Rotter-Brüder als „jüdische Finanzhasardeure“. Die NSDAP-Zeitung Völkischer Beobachter nannte sie am 20. Januar 1933 verächtlich „verkrachte Theaterjuden“. Das Deutsche Reich beantragte beim Zwergstaat Liechtenstein sogar die Auslieferung der Rotter-Brüder, die aber abgelehnt wurde. Am 5. April 1933 lockten sechs Männer, zwei Deutsche und vier Liechtensteiner, Fritz und Alfred Rotter sowie dessen Ehefrau Gertrud, geb. Leers, geboren 1894, zu einem alpinen Waldhotel, um sie um nach Deutschland zu entführen. Doch der versuchte Menschenraub misslang. Alfred und Gertrud Rotter konnten sich losreißen, stürzten aber auf ihrer panischen Flucht unterhalb von Gaflei über eine felsige Kante in den Abgrund und starben. Eine Begleiterin Gertrud Rotters, Julie Wolff aus Belgien, überlebte den Sturz. Fritz Rotter entkam einem der Häscher, indem er aus dem fahrenden Wagen sprang.
Die folgenden Lebensjahre Fritz Rotters sind nur unvollständig rekonstruierbar. Er konnte jedenfalls nach einem Krankenhausaufenthalt nach Frankreich flüchten. Aber selbst dort war er nicht sicher. In Nizza wurde er am 6. November 1934 von der französischen Polizei festgenommen. Ein Gericht entschied zunächst, dem Antrag des Auswärtigen Amts in Berlin stattzugeben, ihn auszuliefern. Doch die französische Regierung verhinderte das. Wie die deutschsprachige Exilzeitung „Pariser Tageblatt“ am 3. Februar 1935 berichtete, war Rotter im Januar aus der Haft in Aix-en-Provence entlassen worden. Über die Zeit danach gibt es mehrere verstreute Zeugnisse. So soll er zwischendurch einmal kurz in der Schweiz und 1938 verarmt in Paris aufgetaucht sein. Die letzte veröffentliche Nachricht über ihn stammt aus den letzten Wochen vor Beginn des Zweiten Weltkriegs. Die Exilschrift „Pem’s Personal Bulletins“ vom 25. Juli 1939 enthielt die Nachricht, dass Rotter wegen ungedeckter Schecks im Casino in Boulogne verhaftet worden sei. Nach Erkenntnissen Kambers, der an einer Biografie über Fritz und Alfred Rotter arbeitet, starb er am 7. Oktober 1939 im Gefängnis von Colmar. Die Todesursache ist nicht bekannt.
Eine Gedenktafel im Admiralspalast im Durchgang von der Friedrichstraße zum Hof des Theaters erinnert an Fritz und Alfred Rotter. Für deren Schwester Ella Ullmann, geb. Schaie (1884 bis 1939), und ihren Mann Albert Ullmann wurde am Haus Bleibtreustr. 24 in Charlottenburg eine Gedenktafel angebracht.

Quellen:
Peter Kamber: “Der Zusammenbruch des Theaterkonzerns von Alfred und Fritz Rotter im Januar 1933. Die Berichte über den Berliner Konkurs und die gegen die Rotter gerichtete Stimmung im Prozess gegen ihre Entführer” in: Jahrbuch des historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein, Band 103 (2004),
Peter Kamber: “Zum Zusammenbruch des Theaterkonzerns der Rotter und zum weiteren Schicksal Fritz Rotters. Neue Forschungsergebnisse” in: Jahrbuch des historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein, Band 106 (2007)
Peter Kamber: Ansprache zur Einweihung der Gedenktafel für Fritz und Alfred Rotter in Berlin, Theater im Admiralspalast, 4. Juli 2008
Fotos: Wikipedia
Dieser Text wurde verfasst von: Helmut Lölhöffel und Peter Kamber (Juli 2012)