Stolpersteine Joachim-Friedrich-Straße 20

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Hausansicht Joachim-Friedrich-Str. 20
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Diese Stolpersteine wurden am 01.10.2010 verlegt.

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Stolperstein für Bertha Ephraim
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, W. Knoll

HIER WOHNTE
BERTHA EPHRAIM
JG. 1882
DEPORTIERT 3.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Berta Ephraim ist am 16. November 1882 in Berlin geboren.
Über ihr Leben ist wenig bekannt. Sie war Schneiderin und hatte ihre Wohnung in der Joachim-Friedrich-Straße 20 im Gartenhaus im Erdgeschoss. wurde am 3. März 1943 vom Bahnhof Grunewald mit 1732 Menschen nach Auschwitz gebracht und dort umgebracht. Der Untermieter von Berta Ephraim, Georg Pinkus, war am Tag vorher ebenfalls nach Auschwitz deportiert worden.

Die Wohnung ist am 31.5.1943 geräumt und am 9.9.1943 „vom Herrn Oberbürgermeister übernommen“ worden, wie in einem Amtsschreiben formuliert war. Die Möbel und das Inventar erbrachten dem nationalsozialistischen Staat einen Erlös von 1187 Reichsmark, wobei die aufkaufende Firma Wilhelm Haupt aus Lichterfelde-West nachträglich den Preis herunterhandelte, weil ein Harmonium von „minderwertiger Beschaffenheit“ und anstatt 350 RM nur 150 RM wert sei.

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Stolperstein für Georg Pinkus
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, W. Knoll

HIER WOHNTE
GEORG PINKUS
JG. 1905
DEPORTIERT 2.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET 22.4.1943

Georg Pinkus wurde am 26. Juni 1905 in Linde (Westpreußen) geboren. Sein Vater war Jakob Pinkus, geboren am 1. Mai 1868 in Flatow (Westpreußen), und Emma geb. Alexander, geboren am 21. Januar 1972 in Jastrow (Jastrowie, Westpreußen), die sechs Kinder hatten: Else (1896-1939). Leon (geboren 1893, deportiert), Georg, Kurt (geboren 1906), Johanna (1908-1942, ums Leben gebracht in einer „Heilanstalt“) und Isidor (geboren 1894, geflüchtet nach Montrael/Canada).

Georg Pinkus war ledig und wohnte als Untermieter bei Berta Ephraim in der Joachim-Friedrich-Straße 20 im Gartenhaus, parterre. Er studierte in Heidelberg und Bonn Rechtswissenschaften, sein „Lebenstraum“ war, Juriost zu werden. Jedoch wurde er kurz vor dem Examen gezwungen, sein Studium abzurechen. In den 1930er Jahren war Pinkus Vertreter der Firma Leopold Salomon, Meyerbeerstraße 10, für Scheuertücher, Seifen und Parfümwaren, die 1938 aufgelöst wurde. Er verdiente dort rund 500 Reichsmark im Monat. Zuletzt war er bei der Firma Tewes in Wittenau als Zwangsarbeiter verpflichtet, wo er für einen Hungerlohn Motorenteile montieren musste.

Am 28.2.1943 füllte Georg Pinkus seine Vermögenserklärung, die von allen Juden, deren Deportation bevorstand, verlangt wurde. Er gab darin allerdings keine Einzelheiten an, sondern machte überall Striche. In einem amtlichen Vermerk hieß es: „Der Pinkus hat keine Sachen zurückgelassen.“ In einem Entschädigungsverfahren gab sein Bruder Isidor allerdings an, er habe einiges in der Wohnung lassen müssen, unter anderem eine Schreibmaschine und „diverse Silbersachen“.

Am 2. März, einen Tag vor seiner 60-jährigen Vermieterin Berta Ephraim, wurde Georg Pinkus am Bahnhof Grunewald in einen Zug mit 1592 Menschen gesteckt, der nach Auschwitz fuhr. Dort ist er im Alter von 37 Jahren ermordet worden.

John Isidor Pinkus, der von Montreal aus bis in die 1960er Jahre das Entschädigungsverfahren führte, mahnte immer wieder die Rückzahlung von 4 000 D-Mark an. Dien wurden ihm aber von den deutschen Behörden unter Hinweis auf „die Rechtslage“ verweigert.

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Stolperstein für Margarete Hille
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, W. Knoll

HIER WOHNTE
MARGARETE HILLE
JG. 1902
DEPORTIERT 4.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Margarete Hille wurde am 9. Mai 1902 in Berlin geboren. Über sie existieren im Brandenburgischen Landeshauptarchiv in Potsdam keine Akten. Im Adressbuch 1939 und 1940 war noch ein Paul Hille, Handelsvertreter, eingetragen. Bei der Volkszählung am 17. Mai 1939 war er jedoch nicht mehr erfasst, nur seine Frau Margarete. Es ist anzunehmen, dass er 1939/40 gestorben ist. Sie wurde am 4. März 1943 nach Auschwitz in den Tod geschickt. In diesem Zug befanden sich 1120 Menschen, von denen 643 sofort in den Gaskammern von Birkenau getötet wurden.

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Stolperstein für Louis Ruben
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, W. Knoll

HIER WOHNTE
LOUIS RUBEN
JG. 1881
DEPORTIERT 27.11.1941
RIGA
ERMORDET 30.11.1941

Louis Ruben wurde am 27. Mai 1881 in Birnbaum, im damaligen Warthegau in der Region Posen (Poznan) geboren. Er führte einen Großhandel mit Futterstoffen für Herrenschneider. Seine Frau Erna Ruben, geb. Lindenberg, geboren am 29. Oktober 1900 in Ziesar (Brandenburg), lebte mit ihm in der Joachim-Friedrich-Straße 20, die Wohnung war im 1. Stock. Erna Ruben war geschieden, nach Angaben des Bundesarchivs hieß sie vorher Locquenghien und lebte zeitweise in Leipzig. Dem Sohn Rudolf Ruben konnten sie, wahrscheinlich vor 1939, zur Flucht nach Victoria in Australien verhelfen.

Am 27. November 1941 wurden Rubens zunächst in das Sammellager in der Synagoge Levetzowstraße gebracht, dann nach Riga deportiert und am 30. November 1941 in Rumbula erschossen. Zum Gedenken an Erna Ruben ist noch kein Stolperstein verlegt worden, dies soll nachgeholt werden.

Untermieter bei Rubens waren das Ehepaar Hans und Elsbeth Alexander, die am 2. April 1942 ins Ghetto Warschau deportiert wurden.

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Stolperstein für Hans Alexander
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, W. Knoll

HIER WOHNTE
HANS ALEXANDER
JG. 1874
DEPORTIERT 2.4.1942
GHETTO WARSCHAU
ERMORDET

Hans Alexander, geboren am 6. Mai 1874 in Breslau, und seine Frau Elsbeth Alexander, geb. Meyerstein, geboren am 18. Dezember 1883 in Kremmen (Brandenburg), wohnten in Berlin in der Joachim-Friedrich-Straße 20. Das Ehepaar, das 1905 geheiratet hatte, lebte zunächst in der Hektorstraße 2, dann in der Roennestraße und schließlich in einem Zimmer als Untermieter bei Louis Ruben im 1. Stock des Hauses, das der Terraingesellschaft Groß-Berlin gehörte.
Sie hatten keine eigenen Kinder, sondern eine am 23. Juli 1920 angenommene Tochter Ilse Galland. Sie war Schneiderin und ist nach Brasilien geflüchtet. Später beschrieb Ilse Galland die frühere 4-Zimmer-Wohnung als „gut eingerichtet“ und „gutbürgerlichen Haushalt“ mit Speisezimmer, Musikzimmer (mit Klavier) und Schlafzimmer.

Zusammen mit seinem Partner Fritz Messow gündete Hans Alexander 1923 eine Wollwaren-Firma an der Stralauer Straße 39 , 1935 trennten sie sich und gründeten eigene Unternehmen, Hans Alexander für Woll- und Strumpfhosen an der Spandauer Straße 36. Es wurde 1939 aus dem Handelsregister gelöscht.

Als Alexanders Ende März 1942 den Vordruck einer Vermögenserklärung erhielten und somit wussten, dass ihre Deportation bevorstand, war ihr einstiges Vermögen schon geraubt worden. 257,02 Reichsmark waren nur noch auf dem Postscheckkonto, während für 56 000 RM gekaufte Wertpapiere, hauptsächlich Eisenbahn-Obligationen, „als wertlos von der Bank zurückgesandt“ wurden, wie Hans Alexander bitter vermerkte. Am 31.3.1942 musste er allerdings noch eine Erklärung unterzeichnen: „Mir ist eröffnet worden, dass mein gesamtes Vermögen und das meiner Familienangehörigen als beschlagnahmt gilt.“ Dazu zählte auch das Wohnungsinventar, das nach ihrem Abtransport verhökert wurde.

Hans und Elsbeth Alexander sind am 2. April 1942 am Bahnhof Grunewald und am Gleis 17 in einen Zug getrieben worden, der ursprünglich nach Trawniki abgehen sollte, dann aber in das schon überfüllte Warschauer Ghetto umgeleitet wurde. Die 1025 Ankömmlinge wurden zunächst in einer Quarantänestation untergebracht und dann ins Ghetto eingeliefert. Dort sind sie ums Leben gekommen.

Louis Ruben war am 30. November 1941 nach Riga deportiert worden.

Die Adoptivtochter Ilse Galland setzte von Sao Paulo aus 1957 ein Entschädigungsverfahren in Gang. Aber ihr Antrag wurde als „unbegründet“ abgelehnt.

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Stolperstein für Elsbeth Alexander
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, W. Knoll

HIER WOHNTE
ELSBETH ALEXANDER
GEB. MEYERSTEIN
JG. 1883
DEPORTIERT 2.4.1942
GHETTO WARSCHAU
ERMORDET

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Stolperstein für Hans Rewald
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, W. Knoll

HIER WOHNTE
HANS REWALD
JG. 1886
DEPORTIERT 17.3.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 1944 IN
AUSCHWITZ

Über Hans Rewald, der am 1. Oktober 1886 in Berlin geboren wurde, ist nicht mehr viel herauszufinden. Er war bei der Volkszählung am 17. Mai 1939 in der Joachim-Friedrich-Straße 20 gemeldet, hatte sich aber ins Berliner Adressbuch nicht eintragen lassen. Seine Finanzakte im Brandenburgischen Landeshauptarchiv ist unergiebig. Den dünnen Unterlagen lässt sich entnehmen, dass er am 17. März 1942 in einem Zug zunächst nach Theresienstadt deportiert wurde. 1159 Menschen mussten am Bahnhof Grunewald einsteigen. Am 10. Oktober 1944 ist er von dort mit 1545 Menschen nach Auschwitz weitertransportiert worden, wo er ermordet worden ist.

Recherchen und Texte: Helmut Lölhöffel, Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf. Quellen: Bundesarchiv; Brandenburgisches Landeshauptarchiv; Häftlingsliste des Lagers Theresienstadt; Entschädigungsamt; Berliner Adressbücher; Gottwaldt/Schulle: Die Judendeportationen. Wiesbaden 2005