Stolpersteine Schillerstr. 14

Diese Stolpersteine wurden am 19.4.2010 verlegt.

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Stolperstein für Ilse Kunz-Krause
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
ILSE KUNZ-KRAUSE
GEB. ROSENBERG
JG. 1889
VOR DEPORTATION
FLUCHT IN DEN TOD
2.12.1943

Ilse Rosenberg, manchmal – auch in offiziellen Dokumenten – „Ilseliebe“ genannt, wurde am 13. November 1889 in Berlin geboren. Ihr Vater Paul Rosenberg hatte laut Berliner Adressbuch ein „Spezialgeschäft für Papier, Schreibrequisiten Engr. Export, Det., Buch- und Steindruckerei, Kouvert- und Kontobücherfabrik, Buchbinderei“ am Spittelmarkt, später hieß es einfacher „Papierwarenfabrik“ und lag in der Wallstrasse. Die Mutter, Helene, war eine geborene Heinemann. Rosenbergs lebten zunächst in der Kleinbeerenstraße 11. Als Ilse neun Jahre alt war, zogen sie in die Potsdamer Straße 63. Dort wohnte sie bis zu ihrer Heirat 1907 mit ihrem ersten Ehemann, Arthur Themal.

Die Familie Themal stammte aus Posen und hatte auch mit Papierhandel zu tun, sodass Ilse und Arthur sich möglicherweise über die Geschäfte ihres Vaters kennen lernten. Arthur selber, im Adressbuch schlicht als „Kaufmann“ bezeichnet, soll mehrere Fabriken in Schlesien besessen haben. Das Paar hatte drei Kinder: 1909 wurde Lieselott geboren, 1911 folgte Hans Joachim, nach sieben Jahren, 1918, Heinz Jürgen. Die Familie lebte in Köslin (Posen) und zog später nach Dresden, wo sie eine gediegene Villa bewohnt haben soll. Dennoch gab es Probleme, 1926 wurde die Ehe geschieden. Ilse behielt die Villa, die Kinder lebten alle oder zum Teil mit dem Vater in Berlin und Schlesien.

1927 heiratete Ilse in zweiter Ehe den Dresdner Musiker und Kapellmeister Heinrich Kunz-Krause, Jahrgang 1896. Er war nicht jüdischer Abstammung und hatte zunächst keine berufliche Einschränkungen unter den Nationalsozialisten zu befürchten. 1938 war aber seine jüdische Ehefrau doch ein Nachteil: „…wer mit einer Jüdin verheiratet ist, wird grundsätzlich wie ein Halbjude behandelt…“ hieß es in den Arbeitsrichtlinien der Reichskulturkammer. Er konnte sich aber eine Ausnahmegenehmigung beschaffen, um dennoch Mitglied der Reichskulturkammer zu bleiben und folglich in seinem Beruf tätig zu sein. Im Frühjahr 1938 zogen Ilse und Heinrich nach Berlin, dort hatte er ein Engagement am Rose-Theater gefunden, ein damals sehr populäres Volkstheater in der Großen Frankfurter Straße.

Das Rose-Theater, bereits im 19. Jahrhundert von Bernhard Rose gegründet, wurde von dessen Söhnen weitergeführt, Paul Rose war der Direktor. In der Nazi-Zeit fuhr er einen unstreitbar angepassten Kurs, neben unverdächtigen Klassikern gab es auch ausgesprochen antisemitische Stücke. Andererseits engagierte Paul Rose bewusst auch Künstler, die aus politischen oder „rassischen“ Gründen nur schwer Arbeit fanden, so auch Heinrich Kunz-Krause.

Kunz-Krauses zogen in Berlin in die Schillerstraße 14/15, die Einrichtung brachten sie zu großen Teilen aus der Dresdener Villa mit. In der Berliner Wohnung besuchte Tochter Lieselott kurz vor der Emigration 1938 ihre Mutter. Ilse fühlte sich wahrscheinlich durch ihren nicht-jüdischen Ehemann geschützt, während des Krieges wurde sie aber von der Gestapo abgeholt. Nur unter großen Schwierigkeiten gelang es Heinrich Kunz-Krause seine Frau nach einigen Tagen wieder frei zu bekommen. Nun war sie aber in der Nachbarschaft aufgefallen und Drohbriefe und Schmähungen machten ihr das Leben zunehmend unerträglich. Der Portier berichtete nach 1945, sie habe sich nicht mehr auf die Straße getraut, Einkäufe habe die Portierfrau für sie erledigt.

Am 1. Dezember 1943 berichtete die Berliner Volks-Zeitung – fälschlich – alle Juden würden ausnahmslos in Konzentrationslager deportiert. Heinrich Kunz-Krause und seine Frau Ilse wollten nicht auch das noch abwarten und beschlossen umgehend, sich gemeinsam das Leben zu nehmen. In einem ergreifenden Abschiedsbrief an Paul Rose, begründete Kunz-Krause seinen „Entschluss mit meiner Frau, meinem einzigen und besten Lebenskameraden, freiwillig aus dem Leben zu scheiden.“ Er bat Paul Rose, dem er seinen besonderen Dank bezeugte, „die Vollstreckung meines beigefügten ‚Letzten Willens’ zu übernehmen und diesen durchzuführen.“ Das Testament enthielt genaue Anweisungen über die Verteilung ihres gemeinsamen Besitzes. Als im September 1944 die Oberfinanzdirektion ihre Schätzer zur Inventarisierung und Beschlagnahmung vorbeischickte, mussten diese vom Portier erfahren, dass der Nachlass bereits abgeholt sei, „verfügt habe Intendant Rose und die Sachen alle verteilt“. Eine Aufforderung an Rose, die „Sachen“ zurückzugeben, scheint ohne Antwort geblieben zu sein.

Ilse Kunz-Krause nahm sich am 2. Dezember 1943 in der Schillerstrasse 14/15 zusammen mit ihrem Mann mit Schlaftabletten und Gas das Leben. Ihre Kinder konnten fliehen, Lieselott heiratete in Alexandria und lebte später in New York, ihre beiden Brüder gelangten auf verschlungenen Umwegen ebenfalls in die USA. Arthur Themal, der Vater, am 23. Juni 1875 in Posen geboren, war schon ein Jahr vor Ilses Freitod nach Auschwitz deportiert und dort ermordet worden.

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Stolperstein für Julian Schwersenz
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
JULIAN
SCHWERSENZ
JG. 1875
DEPORTIERT 29.10.1941
LODZ
ERMORDET 10.5.1942

Julian Meir Magnus Schwersenz wurde am 16. August 1875 in Posen geboren. Seine Mutter Rosalie oder Rosa geb. Wassermann war eine verwitwete Fränkel, bevor sie in zweiter Ehe Isidor Schwersenz, Julians Vater, heiratete. Mit ihm hatte sie noch zwei weitere Söhne, Max und Georg.

Als Julian 10 Jahre alt war, gründete Isidor Schwersenz eine Fabrik für Jutegewebe, in der u.a. Säcke und Planen hergestellt wurden. Vermutlich ein Jahr zuvor, 1884, war die Familie nach Berlin gezogen, Wohnung und Betrieb waren in der Auguststrasse. Julian machte sicherlich eine kaufmännische Ausbildung, denn 1909 wurde er Mitinhaber der Firma, die in „Isidor Schwersenz und Sohn“ umbenannt wurde. Als 1914 Isidor starb, wurde Julian Alleininhaber, seine Brüder verzichteten auf einen Erbanteil an der Fabrik.

Zwei Jahre vorher, 1912, hatte er Franziska Basch geheiratet, von allen Fränze genannt. Franziska war eine Tochter von Max Basch und Amalie, geb. Silber und wurde am 5. Juli 1884 in Freiburg, Schlesien, geboren. Wann sie mit ihren Eltern nach Berlin kam, ist nicht gewiss. 1913 wurde ihre Tochter Ilse geboren, sie sollte das einzige Kind des Paares bleiben. Die junge Familie lebte seit der Heirat in einer gediegenen Wohnung am Alexanderufer 6; die Firma lief gut, wurde in größere Räume am Schiffbauerdamm verlegt.

1915 jedoch wurde Julian „zur Fahne einberufen“ und kam gesundheitlich angeschlagen aus dem Ersten Weltkrieg zurück. Dennoch prosperierte die Firma weiter, sie soll 20-30 Angestellte gehabt haben, in den 1920er Jahren wurde zur Herstellung von Säcken und Planen noch der Vertrieb von Chemikalien wie Glycerin und Schellack dazugenommen. Die Reichsbahn und der Botanische Garten zählten zu den Kunden. Fränze war als Buchhalterin im Geschäft tätig. Nach 1933 verschlechterte sich die Geschäftslage: große Teile der Kundschaft brachen aus antisemitischen Gründen weg, das Regime führte immer weiter Einschränkungen für jüdische Unternehmen ein. 1936 zogen Schwersenzes in eine vermutlich kleinere (3-Zimmer-) Wohnung in der Schillerstrasse 14/15. Wahrscheinlich wohnte auch Fränzes Vater Max Basch bei ihnen.

1938 wanderte Tochter Ilse nach Palästina aus und heiratete dort im Januar 1939 den ebenfalls aus Berlin emigrierten Musiklehrer Harry Timar. Im Dezember 1938 schrieb Julian an seine Tochter: „… Meine Verdienstmöglichkeiten hören Anfang des Jahres so gut wie ganz auf…“ und in einem Brief von Juli 1939 von Fränze ist zu lesen: „… Vati ist heute zum Gericht gegangen um nun endgültig unsere gute alte 56-jährige Firma löschen zu lassen.“

Am 16. Oktober 1941 wurde von Julian und Franziska Schwersenz, wie auch am gleichen Tag von anderen jüdischen Bewohnern der Schillerstrasse 14/15, eine „Vermögenserklärung“ verlangt, der Vorbote ihrer Deportation. Sie wurde von Julian Schwersenz auffallend minutiös ausgefüllt, offenbar war er Kunstliebhaber und -sammler und legte Wert darauf, davon Zeugnis zu hinterlassen. U. a. führte er 28 Miniaturen auf, 2 alte ägyptische Bronzen und ein „Bruchstück eines Sargnagels einer ägyptischen Mumie“. Auch „ca. 100 Bücher“ sind erwähnt, der amtliche Schätzer fügte hinzu „teilweise verbotene Literatur“. Auch minutiös sind die Ausgaben für den Lebensunterhalt aufgezählt, im ganzen 380 RM im Monat. Julian und Franziska besaßen mehrere tausend Reichsmark, über die sie aber nicht frei verfügen konnten. Die Behörden führten 1940 und 1941 detailliert Buch über alle Ausgaben des Ehepaares, so auch darüber, dass Fränze von einem nach USA emigrierten Verwandten 2000 RM zur Unterhaltung ihres Vaters Max Basch bekommen hatte und davon für 1941 – inklusive Kosten für „Zigarren, Stärkungsmittel, Kekse“ – 1820 RM ausgegeben habe.

Max Basch war 1939 in eine Pension Polke gezogen, ab März 1941 war er vermutlich in einem jüdischen Altenheim untergebracht, sein weiteres Schicksal ist nicht geklärt. Bei dem bescheidenen erlaubten Lebensstandard war im Oktober 1941 noch ein beträchtlicher Teil des Vermögens vorhanden, der, zusammen mit dem Erlös der auf über 2000 RM geschätzten Wohnungseinrichtung, zugunsten des Reiches „eingezogen“ wurde. Die Verfügung darüber bekamen Julian und Fränze pro forma am 27. Oktober 1941 in der als Sammellager missbrauchten ehemaligen Synagoge in der Levetzowstrasse 7-8 zugestellt. Noch am gleichen Tag wurden sie zusammen mit etwa 1000 weiteren Juden – unter ihnen auch weitere Bewohner der Schillerstrasse 14/15 – in das Ghetto Litzmannstadt (Łodz) deportiert.

In dem hoffnungslos überfüllten Ghetto wurden sie hinter Stacheldraht und unter menschenunwürdigen Lebensverhältnissen in einer der Hauptstrassen, der Hohensteinstrasse, „eingesiedelt“ und zur Zwangsarbeit in Munitionsfabriken oder Uniformschneidereien herangezogen, da sie beide für „arbeitsfähig“ befunden wurden. Es gelang ihnen zunächst, trotz dieser Bedingungen den harten Winter 1941/42 zu überleben. Im Oktober 1942 erhielt Ilse Timar, die in Palästina lebende Tochter, einen Rotkreuzbrief mit dem Wortlaut: „Fränze leider verwitwet: Litzmannstadt Getto/Warthegau, Reiterstr. 23 Wohnung 16.21. Eventuelle Weiterwanderung …“.

Julian Schwersenz war am 10. Mai 1942 an den Lebensumständen im Ghetto gestorben. Fränze war offenbar danach ein anderer Wohnplatz zugewiesen worden. Eine „eventuelle Weiterwanderung“ konnte für Ghettobewohner nur die Verschleppung in das Vernichtungslager Kulmhof (Chełmno) bedeuten, wo die Deportierten im Mai und September 1942 bei Ankunft in „Speziallastwagen“ mit Auspuffgasen ermordet wurden. Für Franziska Schwersenz kam es nicht mehr dazu: sie starb noch in Łodz am 31. August 1942. Möglich auch, dass sie sich das Leben nahm, um der erneuten Deportation zu entgehen, möglich auch, dass Julian dies getan hatte: die Deportationen nach Chelmno im Frühjahr fanden zwischen 4. und 15. Mai statt. Die Absenderin jenes Rotkreuzbriefes, Käthe Tobias – eine Verwandte oder Freundin – hatte keine Details geben können. Auch sie wurde später ermordet, vermutlich in Treblinka.

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Stolperstein für Franziska Schwersenz
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
FRANZISKA
SCHWERSENZ
GEB. BASCH
JG. 1884
DEPORTIERT 29.10.1941
LODZ
ERMORDET 31.8.1942

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Stolperstein für Arthur Loewe
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
ARTHUR LOEWE
JG. 1886
DEPORTIERT 29.10.1941
LODZ
ERMORDET 12.4.1942

Arthur Loewe kam in Berlin am 27. Dezember 1886 als Sohn von Moritz Loewe zur Welt. Über ihn und seine Eltern sind kaum Dokumente zugänglich, aber einiges spricht dafür, dass sein Vater Miteigentümer der Bankgesellschaft Moritz Loewe & Co. war, seit mindestens 1870 in Berlin ansässig. Kurz nach 1886, Arthurs Geburtsjahr, zog sich Moritz Loewe aus dem Geschäft heraus, vielleicht starb er schon so früh. Die Bankgesellschaft bestand bis mindestens 1905, die letzten Jahre wurde sie von Paul Loewe geführt. Der junge Arthur studierte Jura, seine Karriere wurde aber wohl durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen. So erstaunt es nicht, dass er erstmalig 1921 im Adressbuch einen eigenen Eintrag als Rechtsanwalt hatte. Seine Kanzlei lag zentral in der Leipziger Straße, er wohnte vermutlich bei Selma Loewe geb. Jacoby, wahrscheinlich seiner Mutter, in der Nachodstraße 24 – eine Adresse, die er ab 1923 als seine eigene angab.

Bald darauf zog er nach Charlottenburg in die Berliner Straße, um diese Zeit hatte er die um einiges jüngere Angelika Seidemann geheiratet. Angelika Seidemann, auch Ilka genannt, war die Tochter von Abraham und Rosa Seidemann und wurde am 3. Februar 1898 im schlesischen Ujest (ab 1936 Bischofsthal, heute polnisch Ujazd) geboren. Unklar ist, ob sie schon länger vor ihrer Heirat nach Berlin kam. 1928 wurde ihre Tochter Marion geboren.

Arthur Loewe war inzwischen auch Notar und hatte sein Büro weiterhin in der Leipziger Straße. 1933 wechselte die Kanzlei in die Marburger Straße, die Familie bezog eine Wohnung in der Schillerstraße 14/15. Gleich 1933 verboten die neuen nationalsozialistischen Machthaber jüdischen Rechtsanwälten die Gerichte zu betreten, eine Zulassung als Rechtsanwalt oder Notar konnten nur jene behalten, die sie vor 1914 erworben hatten oder Frontkämpfer waren. Das traf auf Arthur Loewe zu. Aber Antisemitismus und Boykott werden auch ihn viele Klienten gekostet haben. Als 1938 allen jüdischen Rechtsanwälten die Zulassung entzogen wurde, verlor sie auch Arthur Loewe.

Ab 1940 stand Arthur Loewe nicht mehr im Adressbuch. Möglicherweise wohnten er und seine Frau, wie andere jüdische Mieter, noch 1941 in der Schillerstraße, als sie aufgefordert wurden, eine „Vermögenserklärung“ auszufüllen und wenig später in die Sammelstelle in der ehemaligen Synagoge in der Levetzowstraße 7-8 gebracht wurden. Wie ihre Mitbewohner aus der Schillerstraße Schwersenz, Loew und Heymann wurden sie am 27. Oktober 1941 in das Ghetto Litzmannstadt (Lodz) deportiert. Der „Transport“ umfasste 1030 Berliner Juden.

In dem völlig überfüllten Ghetto, in dem zu den 160000 polnischen Juden nun weitere 20000 aus dem „Altreich“ kamen, wurden die einstigen Nachbarn in verschiedene Häuser eingewiesen. Loewes kamen in die Alexanderhofstraße 13/15, und die Lebensbedingungen – Hunger, Kälte, Enge, fehlende Hygiene – werden dort sicherlich genauso katastrophal wie anderswo im Ghetto gewesen sein. Sie wurden als arbeitsfähig eingestuft und bestimmt entsprechend herangezogen. Arthur Loewe konnte diesen menschenunwürdigen Belastungen nur einige Monate standhalten: er starb am 12. April 1942. Wenige Wochen später, am 4. Mai 1942, fand die erste Weiterdeportation von Berliner und Wiener Juden in das nicht weit entfernte Vernichtungslager Kulmhof (Chełmno) statt. Alle Deportierten wurden sofort nach Ankunft mit Motorabgasen ermordet. Auch Angelika Loewe gehörte zu den Opfern.

Marion Loewe, die Tochter von Arthur und Angelika Loewe, konnte rechtzeitig nach Schweden auswandern und heiratete dort.

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Stolperstein für Angelika Loewe
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
ANGELIKA LOEWE
GEB. SEIDEMANN
JG. 1898
DEPORTIERT 29.10.1941
LODZ
ERMORDET 4.5.1942
KULMHOF

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Stolperstein für Margarete Loew
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
MARGARETE LOEW
JG. 1867
DEPORTIERT 29.10.1941
LODZ
ERMORDET 17.12.1941

Margarete Loew, oft auch Löw geschrieben, wurde am 24. Februar 1867 in Wien geboren. Sie war eine Nichte von Anna Loew, der Mutter Ernst Heymanns. Es ist nicht bekannt, wann und warum sie nach Berlin kam. Mitte der 1920er Jahre hat sie ihrer inzwischen verwitweten Tante den Haushalt geführt und sie gepflegt. In Ernst Heymanns Testament von 1928 wird sie mit einer lebenslangen Rente bedacht. Nach dem Tod von Anna Heymann (geb. Loew) blieb Margarete dem Vetter verbunden und zog im Juli 1932, wie erwähnt, mit ihm zusammen in die Schillerstraße in eine 4-Zimmer-Wohnung.

Mitte Oktober 1941 mussten beide die von ihnen verlangte „Vermögenserklärung“ ausfüllen. Margarete Loew, inzwischen 74 Jahre alt, litt möglicherweise an einer Alterskrankheit: die seit 1919 im Heymannschen Haushalt als Dienstmädchen tätige Anna Keller wird wenig später in einem an die Gestapo gerichteten Brief, in dem sie Lohnforderungen „an die abgeholten Juden“ geltend macht, äußern, „die Jüdin Loew“ sei „seit Jahren nicht mehr zurechnungsfähig“ (u.a. verlangte Anna Keller Nachzahlungen für 20 Jahre nicht erhaltenen Urlaub – ihr Ansinnen wurde abgelehnt). Die sehr zittrige und unvollständige Unterschrift Margarete Loews deutet darauf hin, dass sie zumindest mit dem Schreiben größte Schwierigkeiten hatte. Ihr Formular war vermutlich von Ernst Heymann ausgefüllt. In seinem eigenen gab er äußerst minutiös noch eine Reihe von Sachen an, die von früherem Wohlstand zeugen, zum Beispiel Ölgemälde, Familienportraits und andere Kunstgegenstände, Smoking, Frack und Pelzmantel, goldene Manschettenknöpfe und Uhr, Silberbesteck und „zwei Dutzend Krebsgabeln“, und einiges mehr, das zum Teil auch Fräulein Loew gehöre. Alles Gegenstände, die „dem Reich verfallen“, wie eine „Enteignungsverfügung“ besagte, die ihnen am 26. Oktober zugestellt wurde. Da waren beide bereits in die zur Sammelstelle umfunktionierten Synagoge in der Levetzowstraße 7-8 eingeliefert. Tags darauf, am 27. Oktober 1941, wurden sie in das Ghetto Lodz deportiert.

Das Ghetto wurde bereits 1940 durch die deutschen Besatzer von der polnischen Industriestadt Lodz – von den Nationalsozialisten Litzmannstadt genannt – abgetrennt und mit Stacheldraht umzäunt. Etwa 160 000 Juden aus Lodz wurden in die äußerst ärmlichen Häuser gepfercht. Im Oktober 1941 wurden weitere 20 000 Juden aus dem „Altreich“ in das völlig überfüllte Ghetto deportiert. Am 27. Oktober ging von Gleis 17 im Grunewald der dritte „Transport“ mit über 1 000 Juden von Berlin ab, unter ihnen Margarete Loew und Ernst Heymann.

Die Lebensbedingungen im Ghetto waren katastrophal. Keine Heizung, keine Toiletten, keine Betten, weitgehend mussten die Menschen auf Strohsäcken oder dem nackten Boden in Massenunterkünften schlafen, die Ernährung war völlig unzureichend. Hunger, Kälte, Erschöpfung und Krankheiten rafften viele Leute dahin. Für arbeitsfähig Gehaltene mussten Zwangsarbeit in Munitionsfabriken und Uniformschneidereien leisten. Ernst Heymann und Margarete Loew wurden für arbeitsfähig befunden (Margaretes Alter war fälschlich – trotz korrektem Geburtsdatum – mit 64 angegeben). Ihre letzten Lebenswochen konnten sie nicht mal in der gleichen Unterkunft verbringen: Ernst wurde in der Gnesenstraße 26 „eingesiedelt“, so die Amtssprache, Margarete in der Zimmerstraße 26/2. Unter den dortigen Bedingungen waren die Wintermonate kaum zu überstehen. Margarete Loew erlag den Verhältnissen am 17. Dezember 1941.

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Stolperstein für Ernst Benjamin Heymann
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
ERNST B. HEYMANN
JG. 1873
DEPORTIERT 29.10.1941
LODZ
ERMORDET 31.1.1942

Ernst Benjamin Heymann wurde am 30. Dezember 1873 in Berlin geboren als Sohn von Gideon Heymann und dessen aus Wien stammenden Ehefrau Anna geb. Loew. Zu diesem Zeitpunkt lebte noch Ernsts Großvater, A.H. Heymann, Begründer des Bankhauses A.H. Heymann mit Sitz Unter den Linden 23. Die Familie lebte einige Häuser weiter, ebenfalls Unter den Linden. Nach seinem Tode waren eine zeitlang seine Witwe Josefine, Ernsts Großmutter, und sein Vater Gideon Inhaber der Bank, ab 1896 wurde sie von Gideon allein geführt. Geschäftssitz und Wohnadresse war jetzt Unter den Linden 59, so dass man annehmen kann, dass Ernst seine Kindheit und Jugend in der Berliner Prachtstraße verbrachte. Vor der Umnummerierung 1937 in gerade und ungerade Hausnummern lag die Nummer 23 auf der Südseite kurz vor der Ecke Friedrichstraße, die 59 auf der Nordseite, Ecke Neustädtische Kirchstraße. Im Alter von 28 Jahren wurde Ernst als Gesellschafter in das Familienunternehmen aufgenommen, ab 1918 ist er als alleiniger Inhaber eingetragen.

Ernst Heymann hatte inzwischen Anni Schubert geheiratet, 1911 war der Sohn Adolf geboren worden. Das Paar wohnte in der Paulsborner Straße 8. Die Ehe verlief aber offensichtlich nicht harmonisch, 1926 trennten sich Ernst und Anni. Ernst zog zu seiner Mutter und seiner Cousine Margarete Loew in die Bismarckstraße 105, der 15-jährige Adolf blieb bei Anni. 1932 wurde die Ehe geschieden, vier Jahre vorher setzte Ernst ein Testament auf, in dem er Anni enterbte, Adolf sollte 2/3 des Vermögens bekommen, aber erst bei Volljährigkeit darüber verfügen können. Bedacht wurden auch Ernsts Geschwister Felix und Else und eine Reihe von Verwandten mütterlicherseits, unter anderem die Cousinen Martha und Margarete Loew, die auch im Heymannschen Bankhaus beschäftigt waren.

1932, vermutlich nach dem Tod von Anna Heymann, zogen Ernst Heymann und seine Cousine Margarete Loew in die Schillerstraße 14/15, Gartenhaus 2. Stock, sie führten einen gemeinsamen Haushalt. Das Bankgeschäft, das Ernst Heymann vorher bereits in der Bismarckstraße betrieben hatte, gab er jetzt in der Schillerstraße an. Vermutlich liefen die Geschäfte nicht mehr so gut, dass er sich eigene Geschäftsräume und Angestellte leisten konnte. Laut einem späteren Zeugen soll das Bankhaus ursprünglich vier Angestellte gehabt und gute Einkünfte gebracht haben. Ab 1933 gingen letztere aber zurück, 1937 ließ Ernst Heymann die Firma löschen, wegen der entsprechenden Kosten beantragte er sogar eine „Mittellosigkeitsbescheinigung“, unterhalten werde er von seinem Bruder Felix. Der genannte Zeuge, ein Freund der Familie, berichtet, es sei dann zu einer „Berufsumstellung“ gekommen, nämlich die „stille Beteiligung in einer Leihbücherei“.

Am 26. Oktober 1941 wurden beide in die zur Sammelstelle umfunktionierten Synagoge in der Levetzowstraße 7-8 eingeliefert. Tags darauf, am 27. Oktober, wurden sie in das Ghetto Lodz deportiert.

Das Ghetto wurde bereits 1940 durch die deutschen Besatzer von der polnischen Industriestadt Lodz – von den Nationalsozialisten Litzmannstadt genannt – abgetrennt und mit Stacheldraht umzäunt. Etwa 160 000 Juden aus Lodz wurden in die äußerst ärmlichen Häuser gepfercht. Im Oktober 1941 wurden weitere 20 000 Juden aus dem „Altreich“ in das völlig überfüllte Ghetto deportiert. Am 27. Oktober ging von Gleis 17 im Grunewald der dritte „Transport“ mit über 1 000 Juden von Berlin ab, unter ihnen Margarete Loew und Ernst Heymann.

Die Lebensbedingungen im Ghetto waren katastrophal. Keine Heizung, keine Toiletten, keine Betten, weitgehend mussten die Menschen auf Strohsäcken oder dem nackten Boden in Massenunterkünften schlafen, die Ernährung war völlig unzureichend. Hunger, Kälte, Erschöpfung und Krankheiten rafften viele Leute dahin. Für arbeitsfähig Gehaltene mussten Zwangsarbeit in Munitionsfabriken und Uniformschneidereien leisten. Ernst Heymann und Margarete Loew wurden für arbeitsfähig befunden. Ihre letzten Lebenswochen konnten sie nicht mal in der gleichen Unterkunft verbringen: Ernst wurde in der Gnesenstraße 26 „eingesiedelt“, so die Amtssprache, Margarete in der Zimmerstraße 26/2. Unter den dortigen Bedingungen waren die Wintermonate kaum zu überstehen. Ernst Heymann erlag den Verhältnissen am 31. Januar 1942.

Über ein Jahr vor ihrer Deportation, am 21. September 1940, hatte Ernst Heymanns ein Jahr älterer Bruder Felix den Druck der staatlichen Judenverfolgung nicht mehr ausgehalten und zusammen mit seiner Frau Elsa sich das Leben genommen. Die Schwester von Ernst und Felix, Else, hatte mit ihrem Ehemann Ludwig Engel noch rechtzeitig auswandern können. Ernst Heymanns Sohn Adolf wurde dank seiner nicht jüdischen Mutter offenbar nicht verfolgt und überlebte den Zweiten Weltkrieg.

Bildvergrößerung: Stolperstein für Paul Hahn
Stolperstein für Paul Hahn
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
PAUL HAHN
JG. 1869
VOR DEPORTATION
FLUCHT IN DEN TOD
22.6.1942

Paul Hahn stammte aus Niederschlesien. Er wurde am 13. Februar 1869 in Neustädtel/Freystadt geboren. Über seine Eltern ist nichts bekannt, ebenso wenig über die Umstände und den Zeitpunkt, an denen er nach Berlin kam. Er hatte Else geheiratet, geborene Hahn. Else Hahn war Berlinerin und am 12. November 1876 zur Welt gekommen. Auch über ihre Familie ist nichts erhalten.

1934 war Paul Hahn im Adressbuch erstmals in der Schillerstraße 14/15 aufgeführt, so dass man davon ausgehen kann, dass das Ehepaar 1933 dort eingezogen ist. Als Beruf ist „Kaufmann“ angegeben. Von 1940 an war er als „Handelsvertreter“ eingetragen. 1938 und 1939 waren die Jahre, in denen die meisten jüdischen Unternehmen endgültig aufgelöst wurden, danach hat er dann die Berufsbezeichnung geändert.

Es bleibt unklar, wo Paul und Else Hahn vorher gewohnt hatten, da der Name häufig ist.
Widersprüchlich sind auch die spärlichen Angaben zu ihrer letzten Adresse. Während sie im Berliner Adressbuch noch 1943 in der Schillerstraße in Charlottenburg eingetragen waren, vermerkte eine Karteikarte der Oberfinanzdirektion, sie hätten zuletzt in der Gieselerstraße 22 in Wilmersdorf gewohnt. Die zugehörige Akte „fehlt“, ist also verloren gegangen.

Selbst wenn sie später gezwungen gewesen sein sollten, in Untermiete in Wilmersdorf zu wohnen, wird ihnen kaum entgangen sein, dass 1941 mindestens sechs jüdische Nachbarn aus der Schillerstrasse abgeholt worden waren. Außerdem litten sie selbst unter den seit Jahren immer häufigeren und stärkeren Einschränkungen, Schikanen und Diskriminierungen von Juden. Möglicherweise hatten sie 1942 auch schon einen Deportationsbescheid bekommen. Else und Paul Hahn nahmen noch ein letztes Mal ihr Schicksal in die eigene Hand: am 22. Juni 1942 flüchteten sie in den Freitod.

Bildvergrößerung: Stolperstein für Else Hahn
Stolperstein für Else Hahn
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
ELSE HAHN
GEB. HAHN
JG. 1876
VOR DEPORTATION
FLUCHT IN DEN TOD
22.6.1942

Recherche, Texte: Micaela Haas, Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf
Quellen: Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Berliner Adressbücher; Baumgarten/Freydank, Das Rose-Theater. Ein Volkstheater im Berliner Osten 1906-1944, Berlin 1991, Kartei der Oberfinanzdirektion, Landesarchiv Berlin, Gedenkblätter Yad Vashem; Statistik des Holocausts