Stolpersteine Schillerstr. 13

Diese Stolpersteine wurden am 19.04.2010 verlegt.

Bildvergrößerung: Stolperstein für Siegbert Kronheim
Stolperstein für Siegbert Kronheim
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
SIEGBERT
KRONHEIM
JG. 1886
DEPORTIERT 21.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 26.1.1943

Bildvergrößerung: Stolperstein für Margarethe Kronheim
Stolperstein für Margarethe Kronheim
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
MARGARETHE
KRONHEIM
GEB. SCHWERINER
JG. 1900
DEPORTIERT 21.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Siegbert Kronheim wurde am 4. Mai 1886 in Samotschin (Szamocin) als Sohn von Louis Kronheim und Jenny, geb. Cohn geboren. Louis Kronheim unterhielt seit Anfang des 20. Jahrhunderts ein „Güter-Ansiedlung-Büro“ in der Berliner Albrechtstrasse. Er wohnte aber weiterhin in Posen, mittlerweile in Schneidemühl, heute Piła; erst später nahm er auch Wohnung in Berlin, behielt aber den Kontakt zu Posen, wo er vermutlich auch geschäftlich verankert war. Man kann annehmen, dass Siegbert zusammen mit seiner 1892 geborenen Schwester Ella in Posen aufwuchs und vielleicht erst um 1906 nach Berlin zur Aufnahme eines Jurastudiums kam. Seine Karriere wurde von dem Ersten Weltkrieg unterbrochen, sicherlich wurde der junge Mann zum Dienst an der Waffe eingezogen.

Eine eigene, im Adressbuch verzeichnete Wohnung in Berlin hatte er jedenfalls erst nach dem Krieg, erstmalig 1921 in der Krausenstrasse. Zu dem Zeitpunkt war er schon Rechtsanwalt, ein Jahr später Rechtsanwalt und Notar. Die Kanzlei blieb in der Krausenstraße, Wohnung bezog er ein Jahr später in der Kantstraße 77, vielleicht schon mit seiner jungen Ehefrau Margarethe Kronheim. Margarethe Schweriner war am 15. März 1900 in Schneidemühl geboren. Dort wird sie Siegbert kennen gelernt haben, möglicherweise haben sie auch noch dort geheiratet. Vielleicht aber auch erst kurz vor ihrem Einzug in die Schillerstraße 14/15 im Jahr 1925. Ihre Ehe sollte kinderlos bleiben.

Louis Kronheim war im Januar 1921 gestorben. Inzwischen lebte auch Siegberts Schwester Ella in Berlin, sie hatte den schon vor dem Krieg in Berlin ansässigen Chirurgen Dr. Eduard Mislowitzer geheiratet. Ob Siegbert noch weitere Geschwister hatte ist nicht bekannt.

Seit Mitte der 1920er Jahre hatte Siegbert Kronheim seine Kanzlei in der Eichhornstraße, 1930 ist sie in der Anhalterstraße 4 angegeben, möglicherweise eine Verbesserung. Wahrscheinlich keine Verbesserung war hingegen die Verlegung der Kanzlei 1937 in die Lutherstraße 47. Denn inzwischen war der berufliche Spielraum für jüdische Juristen von den Nationalsozialisten stark eingeschränkt worden. Schon in ihrem ersten Jahr an der Macht, 1933, wurde jüdischen Rechtsanwälten das Betreten von Gerichten verboten, die Zulassung als Notar entzogen und auch die als Rechtsanwalt, wenn sie sie nicht vor 1914 erworben hatten oder Frontkämpfer waren. Siegbert Kronheim konnte als Frontkämpfer zunächst weiter als Rechtsanwalt arbeiten, dürfte aber aufgrund des am 1.4.1933 ausgerufenen Boykotts einen Großteil seiner Klienten verloren haben. 1938 verloren dann alle jüdischen Rechtsanwälte ausnahmslos ihre Zulassung, so auch Siegbert Kronheim. Einige Juristen durften weiter in minderwertigen Status als „Konsulenten“ jüdische Klienten beraten. Ob Siegbert Kronheim zu ihnen gehörte, ist nicht gewiss.

1940 war Siegbert Kronheim nicht mehr im Adressbuch erwähnt, auch nicht als in der Schillerstraße wohnhaft. Vielleicht waren Kronheims bereits gezwungen, in eine bescheidenere Wohnung oder zur Untermiete zu ziehen. Dokumentiert ist nur ein letzter Umzug von Siegbert und Margarethe Kronheim am 10. September 1942 als Untermieter von Natus Hecht in die Trautenaustraße 16. Natus Hecht war selber Jude, konnte aber wahrscheinlich überleben – im Unterschied zu Isidor und Emilie Hecht, die von der Trautenaustraße aus schon im November 1941 deportiert worden waren und in Kowno ermordet wurden. Siehe auch http://www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/ueber-den-bezirk/geschichte/stolpersteine/artikel.179769.php

Auch Siegbert und Margarethe Kronheim konnten nicht lange in der Trautenaustraße bleiben: nur eine Woche nach ihrem Einzug, am 17. September, waren sie bereits im Sammellager Große Hamburger Straße 26, früher ein jüdisches Altersheim, und mussten dort eine „Vermögenserklärung“ ausfüllen, damit die Gestapo auch wusste, was sie alles „einziehen“ könnte. Kronheims hatten aber bereits so gut wie alles verloren, der Schätzer bescheinigte einige Wochen später, in der Trautenaustraße seien “Sachen, die der Bewertung unterliegen nicht vorgefunden“ worden. Eine frühere Inventarliste zählt aber reichlich Gegenstände auf, vermutlich handelte es sich um die Einrichtung aus der Schillerstrasse, die anschließend versteigert wurde. Einzelne Käufer sind ebenfalls aktenkundig. Einen Eindruck davon, wie ihre Einrichtung gewesen sein mag, vermittelt ein erhaltenes Dokument des Auktionshauses Dr. Walter Achenbach. Das Auktionshaus lud für den 10. Oktober 1939 zur Nachlassversteigerung einer Luxuswohnungs-Einrichtung in der Schillerstrasse 15 „im Auftrag einer Behörde“ ein. Mehrere Fotos zeigten die komplett eingerichteten Zimmer der Wohnung. Achenbachs Geschäftspartner, Philo Wuest, wurde übrigens 1935 zum kommissarischen Leiter der Fachgruppe Versteigerer berufen und kurz darauf zu deren Leiter bestellt.

Wahrscheinlich noch im Sammellager wurde Siegbert Kronheim zu einem „Heimeinkaufsvertrag“ genötigt. Solche mussten auf Geheiß der Gestapo deutsche Juden, die in das „Altersghetto“ Theresienstadt deportiert werden sollten, mit der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland schließen. Darin verpflichtete man sie auf hohe Vorauszahlungen und Abgaben. Im Gegenzug wurde ihnen lebenslange kostenfreie Unterbringung, Verpflegung und Krankenversorgung zugesagt – blanker Hohn in Anbetracht der tatsächlichen elenden Bedingungen, die sie erwarteten. Siegbert Kronheim musste für diesen „Heimeinkauf“ eine Hypothek auf ein Grundstück im Kreis Bromberg aufnehmen, das er und seine Schwester Ella von ihrem Vater geerbt hatten. Da Ella glücklicherweise schon im April 1939 in die USA hatte emigrieren können, nahm die Reichvereinigung die ganze Hypothek für Siegbert und Margarethe in Anspruch. Verfügen konnte die Vereinigung allerdings über diese Vermögenswerte nicht, und sie fielen später dem Reichssicherheitssamt zu.

Die „Vorauszahlungen“ wurden mit 150 RM monatlich auf ein Lebensalter von 85 Jahren berechnet. Dieses Alter zu erreichen hatten die erst 56 und 42 Jahre alten Siegbert und Margarethe nicht den Hauch von einer Chance. Am 21. September 1942 wurden sie nach Theresienstadt deportiert, Siegbert starb bereits vier Monate später am 23. Januar 1943, angeblich an Harnvergiftung, wie ein Dr. Walter Schimkowitz bescheinigte. Siehe http://www2.holocaust.cz/de/document/DOCUMENT.ITI.14998 Die eigentlichen Ursachen für seinen Tod dürften in Hunger, Kälte und katastrophaler Hygiene in ihrer Unterkunft, dem Gebäude Q301, liegen.

Über ein Jahr nach seinem Tode, am 16. Mai 1944, wurde Margarethe Kronheim weiter nach Auschwitz verschleppt, zusammen mit weiteren 2492 Menschen, von denen lediglich 34 überlebten. Margarethe Kronheim gehörte nicht dazu.

Recherche und Text: Micaela Haas

Quellen:
Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Berliner Adressbücher; digi.ub.uni-heidelberg.de