Stolpersteine Niebuhrstraße 62

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Hauseingang Niebuhrstr. 62
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Bukschat & Flegel

Die Stolpersteine für Max und Dora Liebenau, Frieda und Salomon Sonn und Rika von Halle wurden am 27.10.2009 verlegt.
Die Stolpersteine für Max und Dora Liebenau wurden auf Wunsch von Jürgen Lange verlegt.

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Stolperstein für Max Liebenau
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
MAX LIEBENAU
JG. 1882
DEPORTIERT 27.11.1941
RIGA
ERMORDET 30.11.1941

Max Liebenau wurde am 21. August 1882 in Berlin geborenen und entstammte einer strenggläubigen jüdischen Familie. Er besuchte die Jüdische Oberschule in der Großen Hamburger Straße, absolvierte nach dem Abitur eine Lehre bei Gebrüder Tietz und war danach als Prokurist bei Max Hammerstein, einem Posamentenwarengeschäft in der Kleinen Jägerstraße, tätig.

Im Ersten Weltkrieg wurde er ins Erste Garderegiment zu Fuß einberufen und diente als Sanitäter an der französischen und belgischen Front. Mitte der 1930er Jahre, Hitler war bereits an der Macht, wurde ihm für seine Teilnahme am Ersten Weltkrieg das Ehrenkreuz für Frontkämpfer verliehen, das am 13. Juli 1934 vom Reichspräsidenten Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg anlässlich des 20. Jahrestags des Kriegsbeginns 1914 gestiftet worden war.

Im August 1921 heiratete er die am 9. November 1888 geborene Berliner Jüdin Dora Simke, die nach einer Handelsschulausbildung viele Jahre als Sekretärin bei Moritz Lewin am Hausvogteiplatz arbeitete, dem damaligen Mittelpunkt der Berliner Bekleidungsbranche. Nach dem Tod ihres Vaters wechselte Dora in das Stoffgeschäft ihrer Mutter, Helene Simke geb. Badt, in der Mommsenstraße 35.

Max und Dora Liebenau hatten zwei Kinder, Helga und Karlheinz, die am 26. Dezember 1923 und 17. März 1926 geboren wurden.

Anfang der 1930er Jahre war auch Max im Geschäft seiner Schwiegermutter tätig. Als diese 1935 starb, verarmte die Familie. Sie konnte sich die bisherige Wohnung im ersten Stock des Vorderhauses Waitzstraße 2 nicht mehr leisten und zog in den vierten Stock des Hinterhauses Niebuhrstraße 62. Max war meist arbeitslos und schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. In seinen Erinnerungen schrieb Sohn Karlheinz: “Wir fingen an, von der Wohlfahrt zu leben und gingen in die Büros einer Jüdischen Einrichtung, wo man mich mit gebrauchten Kleidern ausstattete”. Der Junge verdiente mit seinen 11 Jahren noch etwas dazu. Als Balljunge im jüdischen Tennisklub brachte er die Trinkgelder mit nach Hause.

Als sich Max’ berufliche Lage immer weiter verschlechterte, lernte er zusätzlich das Bäcker und Konditoren-Handwerk und fand zeitweilige Anstellung bei dem jüdischen Bäckermeister Grünbaum. Gemäß der “Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden” wurden Liebenaus im Februar 1939 genötigt, mit Ausnahme ihrer Eheringe, all ihren Schmuck sowie Gegenstände aus Gold, Platin oder Silber binnen zwei Wochen abzuliefern. In ihrer Notlage sahen sie sich dazu noch gezwungen, ihre besten Möbelstücke weit unter Wert zu verkaufen.

Bildvergrößerung: Familie Liebenau am 2.5.1939, dem Tag vor der Abreise von Helga und Karlheinz nach England.
Familie Liebenau am 2.5.1939, dem Tag vor der Abreise von Helga und Karlheinz nach England.
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Privatarchiv Charles Leigh

Im Mai 1939 schickten Dora und Max Liebenau ihre Kinder Helga und Karlheinz mit einem Kindertransport nach England in der Hoffnung, ihnen bald folgen zu können. Doch ihre Mühen waren vergeblich. Sie wurden am 27. November 1941 nach Riga deportiert und dort im Wald von Rumbula zusammen mit über tausend anderen Menschen aus Berlin am 30. November 1941 ermordet.

Von den übrigen Verwandten und jüdischen Freunden, die in Deutschland geblieben waren, überlebte keiner – bis auf eine Schwester von Dora Liebenau, Wally Kaufmann geborene Simke und deren Sohn Werner.

Helga Liebenau wurde Krankenschwester und wanderte 1949 nach Vancouver, Kanada, aus, wo sie heiratete und einen Sohn bekam. Sie starb 2006 mit 83 Jahren. Karlheinz Liebenau änderte nach dem Krieg seinen Namen in Charles Leigh. Er ist verheiratet und lebt in England.

Recherche und Text: Cristina Konn-Saile
Quellen: Bundesarchiv; Informationen der Familie

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Stolperstein für Dora Liebenau
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
DORA LIEBENAU
GEB. SIMKE
JG. 1888
DEPORTIERT 27.11.1941
RIGA
ERMORDET 30.11.1941

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Stolperstein für Frieda Sonn
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
FRIEDA SONN
GEB. KATZENSTEIN
JG. 1880
DEPORTIERT 15.8.1942
RIGA
ERMORDET 18.8.1942

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Stolperstein für Salomon Sonn
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
SALOMON SONN
JG. 1866
DEPORTIERT 15.8.1942
RIGA
ERMORDET 18.8.1942

Frieda Sonn geb. Katzenstein, am 18. September 1880 in Kaltennordheim, und Salomon Sonn, geboren am 16. August 1868 in Zündersbach, wurden am 15. August 1942 nach Riga deportiert und dort nach Ankunft am 18. August 1942 ermordet.

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Stolperstein für Rieka von Halle
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
RIKA VON HALLE
GEB. ROSENTHAL
JG. 1872
DEPORTIERT 17.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 28.8.1942

Rika von Halle geb. Rosenthal, ist am 11. September 1872 in Bromberg (Bydgoszcz) geboren. In der Deportationsliste war sie 1942 als „verheiratet“ eingetragen, allerdings ist weder über ihre Herkunft noch über ihren Mann etwas herauszufinden und auch nicht über ihren Adelstitel, den sie zweifellos durch die Heirat bekommen hatte. Ihr Mann muss früh gestorben sein, jedenfalls verlor sie den Schutz, den sie in einer von den Nazis sogenannten „Mischehe“ gehabt hätte. Im Melderegister von 1939 war ihr Name mit vier „JJJJ“ versehen, was bedeutete, dass sie vier jüdische Großeltern hatte, also nach den nationalsozialistischen Rassegesetzen „Volljüdin“ war.

Schon 1918 war Rika von Halle im Adressbuch als „Ww.“, die Abkürzung für „Witwe“, gekennzeichnet, sie wohnte damals in der Zähringerstraße 13. In den 1920er Jahren ließ sie sich als „Rentiere“ und als „Privatiere“ eintragen. Im Jüdischen Adressbuch 1931 hatte sie sich ebenfalls registrieren lassen. 1936 zog sie in die Niebuhrstraße 62 um und ließ im Berliner Adressbuch, in dem sie bis 1940 stand, den Zusatz „Handelsfr.“ anbringen.

Am 17. August 1942 wurde Rika von Halle aus dem Sammellager an der Großen Hamburger Straße mit 997 Menschen vom Güterbahnhof Moabit nach Theresienstadt deportiert. Dort musste sie im Alter von fast 70 Jahren auf einem Dachboden schlafen. Sie litt – wie viele der im Ghetto Theresienstadt untergebrachten Menschen – wegen der unhygienischen Zustände unter „Darmkatarrh“, wie ihr die Lagerärzte bescheinigten. Der “Totenschein”: http://www2.holocaust.cz/de/document/DOCUMENT.ITI.2418 ist vorhanden. Außerdem hatte sie angeblich eine „Herzschwäche“, an der sie schließlich am 28. August 1942 ums Leben kam.

Ebenfalls in Theresienstadt war Malwine Blumenthal, die als Rika von Halles Schwester registriert war. Jedoch hatte sie einen anderen Geburtsnamen: Wollstein. Sie war am 16. Oktober 1865 in Grätz (Grodzisk) geboren und wurde auch am 17. August 1942 von Berlin, wo sie in der Leibnizstraße 44 gewohnt hatte, deportiert. Malwine Blumenthal wurde am 23. September 1942, mit der gleichen Diagnose Darmkatarrh und Herzschwäche, ums Leben gebracht. Sie war 77 Jahre alt.

Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf