Stolperstein Kaiser-Friedrich-Str. 80/81

Dieser Stolperstein wurde am 14.10.2009 verlegt.

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Stolperstein für Paul Cohn
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
PAUL COHN
JG. 1877
DEPORTIERT 19.1.1942
RIGA
ERMORDET

Paul Cohn kam am 9. Dezember 1877 in Hamburg zur Welt als Sohn von Salomon Cohn und seiner Frau Rebecca Cohn, geb. Cohn. Salomon Cohn war Kantor der Jüdischen Gemeinde und führte außerdem ein Restaurant und Hotel in der Peterstraße 60. 1879 wurde er als Kantor nach Rogasen in Posen berufen und zog mit seiner Familie dorthin. Paul hatte mehrere Geschwister, von denen 1939 noch drei lebten. Seine Kindheit und Jugend verbrachte Paul also in Rogasen. Er besuchte die Volksschule und machte danach eine kaufmännische Ausbildung in der Weißwarenbranche in Posen. 1898 starb sein Vater, fünf Jahre später die Mutter.

1903, vermutlich nach dem Tod der Mutter, ging Paul Cohn nach Berlin. Dort fand er Arbeit in der Damenkonfektion, 1913 konnte er sich unabhängig machen mit einem Laden für Kleider und Blusen in der Neuköllner Bürknerstraße 15, in einem neugebauten Haus Ecke Kottbusser Damm. Dies war wohl eine Voraussetzung dafür, dass er am 23. Dezember 1913 die sechs Jahre jüngere Erna Vandsburger aus Prust, Westpreussen (heute Pruszcz) heiraten konnte. Ihr Vater Samuel Vandsburger hatte ein Geschäft für Damenkonfektion in der Brückenstraße 6a. Möglicherweise hatte Paul vorher bei Samuel Vandsburger gearbeitet und so die Bekanntschaft der Tochter gemacht. Paul wohnte zur Untermiete bei seinem Kollegen Isaac Olitzky in der Thomasiusstraße 9. Nach der Heirat zog das Paar in eine Wohnung am Holsteiner Ufer 2. Genau neun Monate später, am 23. September 1914, wurde ihre Tochter Ruth geboren.

Noch vor Ruths erstem Geburtstag, am 9. September 1915, wurde Paul zum Kriegsdienst eingezogen. Er kam zum 82. Infanterieregiment in Göttingen und später an die Front. Als Frontkämpfer erhielt er auch das Eiserne Kreuz. Folgt man dem Adressbuch, zog Paul Cohn nach dem Krieg in das Haus, in dem auch sein Laden war, Bürknerstraße 15. Ernas Vater Samuel war indessen in die Brückenstraße 10a umgezogen. Einige Jahre später scheinen sie die Wohnungen getauscht zu haben: Samuel Vandsburger, inzwischen „Rentier“ – also von seinen Renten lebend -, war in der Bürcknerstraße 15 gemeldet, Paul Cohn, Damenkonfektion, in der Brückenstraße 10a. Möglicherweise hatte Pauls Familie davor in Neukölln doch nur den Laden und wohnte bei den Schwiegereltern in der Brückenstraße. 1930 starb Samuel, seine Witwe Susanna geb. Goldstein blieb zunächst in der Bürcknerstraße.

Pauls Geschäfte als Selbständiger liefen wohl nicht so gut, er gab den eigenen Laden auf und war als Vertreter für verschiedene Firmen tätig. Die Wohnadresse blieb die Brückenstraße, wobei im Adressbuch die Nummer wechselt, 6a, 10a, 2, und nicht klar ist, ob es sich um Druckfehler handelt oder ob die Familie ständig umzog. 1934 – die Hausnummer lautete nun wieder 6a – war die Ehe von Paul und Erna gescheitert. Sie hatten wohl schon die Scheidung eingereicht und lebten getrennt, das Scheidungsurteil wurde erst im Oktober 1936 gefällt. Paul zog in die Kaiser-Friedrich-Straße 80/81 zur Untermiete bei Emmy Schmidt.

Erna indessen betrieb mit ihrer Tochter Ruth und ihrer Schwester Bianca die Emigration nach Palästina. Vermutlich weil sie die Scheidung abwarten musste, ließ sie Ruth mit Bianca bereits 1935 ausreisen, sie selbst konnte es erst 1937 tun, über Belgien, Frankreich, die Schweiz und Triest. In der Zwischenzeit arbeitete sie in ihrem Beruf als Korsettnäherin. In der Brückenstraße 6a führte sie ein Korsettgeschäft.

Paul Cohn blieb in Berlin. Bei der Volkszählung vom 17. Mai 1939, in der man für Juden eine Sonderkartei anlegte, wurde er noch in der Kaiser-Friedrich-Straße 80/81 registriert. Aufgrund der antijüdischen Gesetze war ihm schon zum 30. September 1938 die berufliche Lizenz gekündigt worden, seine Tätigkeit als Vertreter musste er aufgeben. Seit 1. Oktober war er arbeitslos, bekam eine Unterstützung von 10,90 RM in der Woche von der „Zentraldienststelle für Juden beim Berliner Arbeitsamt“ in der Fontanepromenade 15. Dreimal in der Woche wurde er zur Zwangsarbeit einberufen, bekam dann 40 Pfennig pro Tag. Paul versuchte nun ebenfalls auszuwandern. Wie Bekannte aus der Kaiser-Friedrich-Straße, wollte er auch nach Shanghai flüchten. Er setzte auf die Vermittlung der Jewish Aid Agency, konnte aber das nötige Geld für Visum und Reise nicht aufbringen.

Im Dezember 1939 geriet Paul Cohn ins Visier der Gestapo. Die „Briefprüfstelle“ hatte einen Brief von Paul an seine Freunde in Shanghai abgefangen, in dem er sich ärgerlich über einen 14-tägigen Zwangsarbeitseinsatz zur Kartoffelernte auf dem Gut Buchholz bei Drossen äußerte. Die Arbeit sei hart gewesen, man habe aber kein Tagegeld bekommen, während die Unterstützung für die Zeit eingestellt wurde. U.a. schrieb er: „Diese Hunde gaben uns kein Pfennig Geld, nur Essen und Unterkunft. Das Essen war nicht besonders. Ja, mit uns Juden können sie das tun.” Das, so die Gestapo, stelle eine schwere Straftat gegen das „Heimtückegesetz“ dar. Dieses Gesetz, im Dezember 1934 erlassen, setzte unter anderem jede kritische Äußerung über Regierung oder Partei unter Strafe. Mit „Hunde“ habe nur das Arbeitsamt gemeint sein können, dieses sei somit „verunglimpft“ worden. Paul Cohn wurde am 20. Dezember 1939 vorgeladen, seine Wohnung (erfolglos) durchsucht. Zu diesem Zeitpunkt wohnte er nicht mehr in der Kaiser-Friedrich-Straße. Inzwischen gab es neue Gesetze, die es erlaubten, Juden nach Belieben umzusetzen, um Wohnraum für Nichtjuden frei zu machen. Paul war genötigt worden, in ein möbliertes Zimmer bei Minny Käthe Kaufmann in der Wilhelmshöher Straße 14 umzuziehen.
Paul Cohn musste zugeben, den Brief geschrieben zu haben, er sei halt wütend gewesen und „habe nicht über die Folgen dieses Berichts an Menschen nachgedacht, die in einem feindlichen Land leben“, so der Polizeibericht. Er gab auch an, nach Shanghai ausreisen zu wollen, aber kein Geld und keine Ausreiseerlaubnis zu haben. Die Polizei erhob eine formelle Anklage wegen des Verstoßes gegen das Heimtückesgesetz und nahm ihn wegen Fluchtgefahr in Gewahrsam. Doch schon am nächsten Tag beschied ein Gericht, Paul Cohn sei zu entlassen, da es keine Fluchtgefahr erkennen könne.

Die Anklage scheint nicht besonders zügig bearbeitet worden zu sein. Noch Mitte 1941 wird die Akte zwischen Gericht und Gestapo hin- und hergeschickt. Ob noch ein Beschluss erfolgte, ist nicht dokumentiert.

Unklar ist, ob dieser Zwischenfall Einfluss auf seine Deportation im Januar 1942 Jahres hatte. Immerhin sind unzählige Juden nur wegen ihrer „Rassenzugehörigkeit“ deportiert worden, ohne dass sie sich sonst aus Gestaposicht schuldig gemacht hätten. Paul Cohn wurde am 19. Januar 1942 vom Gleis 17 am Bahnhof Grunewald mit über 1000 weiteren Menschen nach Riga verschleppt. Auch seine Vermieterin Käthe Kaufmann, Jahrgang 1896, war in dem gleichen „Transport“. Keiner von beiden überlebte die desaströsen Lebensumstände im Ghetto Riga. Paul wurde 64 Jahre alt.

Wir wissen nicht, ob Pauls 1939 noch lebende Geschwister die Shoa überlebten. Seine Tochter Ruth heiratete in Palästina und lebte später in den USA. Auch seine geschiedene Frau Erna heiratete nochmal in Israel und wanderte später in die Vereinigten Staaten aus. Ernas Mutter Susanna gelang es, zu ihrer Tochter Cella nach Holland zu flüchten, wo sie im September 1939 starb. Cella, verheiratete Bleiweiss, wurde später von den Nazis eingeholt und 1943 nach Sobibor deportiert und dort ermordet. Cellas Söhne Werner und Heinz und deren Ehefrauen Geesje und Eva sowie Heinz’ 1-jähriger Sohn Yehuda Joachim wurden ebenfalls von den Nazis umgebracht. Von Ernas 8 Geschwistern kam auch Leo in der Shoa um, er wurde mit seiner Frau Betty im August 1942 nach Riga deportiert und dort auf Ankunft erschossen, die Tochter Ruth konnte sich vorher retten. Ernas Schwester Selma starb 1925, aber ihr Ehemann und ihre Tochter, Cäsar und Charlotte Krucz, kamen im Ghetto Minsk ums Leben.

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Hamburger Adressbücher; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005; Yad Vashem, Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer

Recherchen/Text: Micaela Haas unter Hinzuziehung von Angaben des Enkels Michael Marx