Stolpersteine Augsburger Straße 42

Bildvergrößerung: Hausansicht Augsburger Str. 42
Hausansicht Augsburger Str. 42
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Diese Stolpersteine wurden am 17.11.2008 verlegt.

Link zu: Stolperstein für Prof. Dr. Max Herrmann
Stolperstein für Prof. Dr. Max Herrmann
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
DR. MAX HERRMANN
JG. 1865
DEPORTIERT 10.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 17.11.1942

Link zu: Stolperstein für Dr. Helene Herrmann
Stolperstein für Dr. Helene Herrmann
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
DR. HELENE HERRMANN
GEB. SCHLESINGER
JG. 1877
DEPORTIERT 10.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 1944 IN
AUSCHWITZ

Helene Herrmann ist am 9. April 1877 in Berlin mit dem Namen Schlesinger in Berlin geboren. Sie begann 1898 als Gasthörerin, Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu studieren – zehn Jahre bevor sich Frauen an preußischen Universitäten regulär immatrikulieren durften. Im gleichen Jahr heiratete sie den am 14. Mai 1865 in Berlin geborenen Theaterwissenschaftler Max Herrmann. 1904 schloss sie das Studium mit einer Dissertation über Goethe ab – als vierte Frau am Berliner Germanischen Seminar. Ihre Aufsätze vor allem zur neueren Literatur sind schon zu Lebzeiten gewürdigt worden und auch heute durch zwei Schriftenbände zugänglich.

Eine akademische Karriere war als Frau und Jüdin in dieser Zeit kaum möglich, sodass Helene Herrmann zwar wissenschaftlich arbeitete, ihren Lebensunterhalt jedoch nach dem Examen für das höhere Lehramt 1915 als Lehrerin für Deutsch, Latein und Französisch verdiente. Viele Schülerinnen und Schüler erinnerten sich an sie als beeindruckende und fesselnde Lehrerin. Helene und Max Herrmann nahmen rege am akademisch-öffentlichen Leben Berlins teil, pflegten zahlreiche Kontakte zu Kollegen und Kolleginnen aus der Germanistik, Theaterschaffenden und Lehrkräften ebenso wie zu Studierenden (u. a. Meta Corssen, Lotte Labus, Bruno Th. Satori-Neumann, Franz Mirauer) und zu den Lyrikerinnen Nelly Sachs und Vera Lachmann.
Nachdem Max Herrmann im September 1933 mit gekürztem Ruhegehalt im Zuge des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums zwangspensioniert wurde, mussten die Eheleute die große Wohnung in der Augsburger Straße 34 (heutige Hausnummer 42) in Berlin-Charlottenburg, in der sie drei Jahrzehnte gelebt hatten, aufgeben. Im gleichen Jahr begann Helene Herrmann zusammen mit Vera Lachmann, Kinder jüdischer Herkunft zu unterrichten, bis auch diese Privatschule 1938 geschlossen wurde. Bis März 1941 war Helene Herrmann bei der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland beschäftigt.
Nach einigen Jahren in einer kleineren Mietwohnung im Zinnowweg in Berlin-Zehlendorf zog das Ehepaar 1939 zu Helene Herrmanns Schwester Katharina Finder in die Eislebener Straße 9 in Charlottenburg. Die Familie und der Freundes- wie Kollegenkreis bemühten sich, dem Ehepaar Herrmann und Käthe Finder die Ausreise in die USA, die Schweiz oder nach Großbritannien zu ermöglichen. Diese wollten Deutschland offenbar nur gemeinsam verlassen, was 1939 kaum mehr möglich war. Nachdem sie Anfang September 1942 den Bescheid zur Deportation erhalten hatten, raubte der NS-Staat ihnen ihre letzten Besitztümer: Die Unterlagen der Oberfinanzdirektion Berlin enthalten die „Vermögenserklärungen“ von Käthe Finder, Helene und Max Herrmann, die über Familienangehörige, Wohnung, finanzielle Guthaben usw. Auskunft geben mussten. Am 8. September 1942 wurden Käthe Finder, Helene und Max Herrmann in das sogenannte Auffanglager Berlin-Mitte gebracht, wo ihnen mitgeteilt wurde, dass ihr Vermögen eingezogen worden sei. Zwei Tage später wurden Käthe Finder, Helene und Max Herrmann vom Bahnhof Grunewald in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Dort starb Max Herrmann, soweit bekannt, in der Nacht vom 16. auf den 17. November 1942. Helene Herrmann und Käthe Finder wurden am 16. Mai 1944 von Theresienstadt weiter in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Max Herrmann hatte Germanistik und Geschichte in Freiburg, Göttingen und Berlin studiert und 1889 promoviert. Nach seiner Habilitation über Albrecht von Eyb lehrte er ab 1891 an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, wurde jedoch u. a. wegen seiner jüdischen Herkunft erst 1919 zum außerordentlichen Professor und 1930 zum ordentlichen Professor ernannt. 1923 gründete er das Berliner Theaterwissenschaftliche Institut, das unter seiner Leitung große internationale Reputation erlangte und das er alternierend mit dem Germanisten Julius Petersen leitete. Außer für seine literaturgeschichtlichen Arbeiten ist er vor allem für die Etablierung der Theaterwissenschaft anerkannt.
1898 heiratete er Helene Schlesinger, die 1904 in Berlin promovierte. Als sie gezwungen waren, ihre Wohnung in der Augsburger Straße aufzugeben, mussten sie ihre Privatbibliothek verkaufen. Nach einigen Jahren in einer kleineren Mietwohnung im Zinnowweg in Berlin-Zehlendorf zogen sie 1939 zu Helene Herrmanns Schwester Katharina Finder in die Eislebener Straße 9 nach Charlottenburg um. Am 10. September 1942 wurden Helene und Max Herrmann zusammen mit Käthe Finder vom Gleis 17 des Bahnhofs Grunewald in einem von zwei mit 100 Menschen besetzten Eisenbahnwaggons in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Dort starb Max Herrmann, soweit bekannt, in der Nacht vom 16. auf den 17. November 1942.
Am Grab seiner Eltern auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee erinnert eine Inschrift an Max und Helene Herrmann. Von 1979 bis 1991 wurde an der Staatsbibliothek zu Berlin (Ost) der Max-Herrmann-Preis verliehen, der seit 2000 durch die „Freunde der Staatsbibliothek“ wieder vergeben wird.

Recherchen und Text: Levke Harders

Helene Herrmann: Einfühlung und Verstehen. Schriften über Dichtung, Leipzig 1988; dies.: Feinheit der Sprache. Aufsätze zur Literatur aus den Jahren 1903-1937, Flensburg 1999.
Max Herrmann: Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern. Entstehung und Bühnengeschichte, Berlin 1900; ders.: Forschungen zur deutschen Theatergeschichte des Mittelalters und der Renaissance, Berlin 1914 (in zwei Teilen wiederaufgelegt Dresden 1955); ders.: Die Bühne des Hans Sachs. Ein offener Brief an Albert Köster, Berlin 1923.

Literaturhinweise: Ruth Mövius: Helene Herrmann (Ein Lebensbild), in: Helene Herrmann: Einfühlung und Verstehen. Schriften über Dichtung, Leipzig 1988, S. 158–163; Alexandra Tischel: Zwischen Positivismus, Geistesgeschichte und Werkanalyse: die Arbeiten der Germanistin Helene Herrmann, in: Miriam Kauko u. a. (Hg.): Gendered Academia. Wissenschaft und Geschlechterdifferenz 1890–1945, Göttingen 2005, S. 147–168. Stefan Corssen: Max Herrmann und die Anfänge der Theaterwissenschaft, Tübingen 1998; Levke Harders, Nadin Seltsam: Spurensuche. Helene (1877–1944) und Max Herrmann (1865–1942), in: Zeitschrift für Germanistik, N. F. 20 (2010) 2, S. 307–323; Mirko Nottscheid: „Brücke zwischen germanistischen Universitäts- und Gymnasialkreisen in Berlin“. Die Gesellschaft für deutsche Literatur (1888–1938), ein literarisch-philologischer Verein in Berlin zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus, in: Zeitschrift für Germanistik, N. F. 20 (2010) 2, S. 289–306.