Stolpersteine Kantstr. 130

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Diese Stolpersteine wurden am 27.08.2008 verlegt.

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Stolperstein für Walter Simon
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HIER WOHNTE
WALTER SIMON
JG. 1882
DEPORTIERT 1942
ERMORDET IN
RIGA

Walter Sally Simon wurde am 17. Oktober 1882 in Berlin geboren. Er war mit Helene Simon , geb. Hahn, verheiratet, die am 24. September 1886 ebenfalls in Berlin geboren worden war. Beide wohnten seit 1906 und noch 1941 in der Kantstraße 130 im Vorderhaus, vermutlich im 2.Stock. Walter Simon, der Anwalt und Notar war, arbeitete 1941 als Angestellter (im Adressbuch: „Hilfsreferendar“) der Palestine & Orient Lloyd in der Meinekestraße 2, mit einem Gehalt von 234 RM monatlich. Die Kinder Carla, verheiratete Rachwalsky, und Helmut Stefan konnten aus Deutschland flüchten. 1941 vermerkten die Nazi-Behörden: „Anschrift unbekannt“. 1946 meldeten sie sich aus England.

Die Wohnung von Walter und Helene Simon, so wie in der erzwungenen Vermögenserklärung beschrieben, war groß: Sechs Zimmer, Küche, Bad, zwei Toiletten. Zwei Zimmer waren untervermietet an den Zahnarzt Dr. Benjamin Vogelsdorff und dessen Frau. Die Einrichtung der Simons wies in der Vermögenserklärung vom 17.12.1941 nur noch wenige „Luxus“-Gegenstände auf: 1 Fotoapparat, 1 Theaterglas, 1 Stahlstich, 2 silberne Bestecke, Walter Simon führte auch „11 Bücher“ auf. Er gab ein bescheidenes Guthaben auf einem „beschränkt verfügbaren Sicherheitskonto“ an. Nur solche waren Juden nach der „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ vom 12.11.1938 noch erlaubt. Von diesen Konten durften nur die durch „Sicherungsanordnung“ festgelegten Beträge für ein Existenzminimum an die Besitzer ausgezahlt werden. 60 RM hatte Walter Simon zum Zeitpunkt seiner Festnahme noch in bar.

Walter Simon war Miteigentümer des ganzen Hauses Kantstraße 130, zusammen mit seinem Bruder Dr. Erich Simon, der im 3. Stock wohnte. Sie hatten 1912 das Wohnhaus von ihrer Mutter Clara Simon geerbt, die es ihrerseits 1905 erworben hatte. Die nationalsozialistischen Finanzbeamten berechneten genau den Wert von Walter Simons Anteil, abzüglich einer Hypothek. Dass er wegen eines Darlehens „um etwa 700 RM überschuldet“ war, wurde in den Vermögensberechnungen nicht berücksichtigt. Walter Simon unterstützte mit 100 RM monatlich seine 96 Jahre alte Schwiegermutter Fanny Hahn, die ebenfalls im Haus wohnte. Fanny Hahn wurde im April 1942 von Erich Simon als verstorben gemeldet.

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Stolperstein für Helene Simon
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HIER WOHNTE
HELENE SIMON
GEB. HAHN
JG. 1886
DEPORTIERT 1942
ERMORDET IN
RIGA

Nicht erwähnt in der Vermögenserklärung ist, dass Walter Simon beim Finanzamt 1300 RM „Reichsfluchtsteuersicherheit“ zwangshinterlegt hatte, von denen einige Monate später das Amt eine Steuerschuld von 7,25 RM abzog und anfragte, „ob Simon als ausgewandert gilt und die Reichsfluchtsteuer festzusetzen ist“.

Die Einrichtung der Simons wurde auf 704.- RM geschätzt, die zwei silbernen Bestecke, vielleicht für besonders wertvoll gehalten, wurden ungeschätzt an die „Bez.Fin.Verw.” , also die Bezirksfinanzverwaltung, abgegeben, die von einem Juwelier ein Gutachten erstellen ließ. Ergebnis: „8 Besteckteile, 300 gr, Wert: RM 9“. Seit dem 21.2.39 war es Juden nur noch erlaubt „zwei vierteilige – gebrauchte – Essbestecke je Person“ zu besitzen.

Walter Simon erhielt noch am gleichen Tag der von ihm verlangten Vermögenserklärung, dem 17.12.1941, den bereits vorbereiteten Enteignungsbescheid, („Vermögen eingezogen“). Er und seine Frau wurden in das von der Gestapo (Geheime Staatspolizei) in einer Synagoge eingerichtete Sammellager Levetzowstraße 7-8 gebracht, am 19. Januar 1942 bei eisiger Kälte in einem Güterzug mit 1002 weiteren Menschen vom Bahnhof Grunewald nach Riga deportiert und dort vermutlich gleich nach der Ankunft am 23. Januar 1942 erschossen, wenn sie nicht schon erfroren waren. In der Korrespondenz der Oberfinanzdirektion heißt es verfälschend, sie seien „außerhalb des Reichsgebietes abgeschoben“.

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Stolperstein für Rosa Würzburg
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HIER WOHNTE
ROSA WÜRZBURG
GEB. HAHN
JG. 1875
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 7.6.1943

Rosa Würzburg , geb. Hahn, war Helene Simons Schwester. Sie wurde am 15. Januar 1875 in Berlin geboren, war verwitwet und lebte mit ihrer alten Mutter, Fanny Hahn, in einer Wohnung im 2. Stock der Kantstraße 130. Amtlich galt sie als Fanny Hahns Untermieterin. Sie pflegte ihre Mutter bis zu deren Tod im April 1942. Ein Bruder und eine Schwester, die sie in der von ihr unter Druck ausgefüllten Vermögenserklärung nicht namentlich angab, waren schon geflüchtet, der Bruder nach Ecuador. Die Wohnung hatte vier Zimmer und zwei Küchen. Fanny Hahn und dann Rosa Würzburg zahlten eine reduzierte Miete an die mit ihnen verschwägerten Brüder Simon, denen das Haus gehörte. Zwei Zimmer und eine Küche waren an Kurt Simonson, seine Frau Erna, geb. Bach, und ihren Sohn Heinz untervermietet. Sie, ebenfalls Juden, „wandern nicht mit aus“, hieß es zunächst. Im Dezember 1942 wies Erich Simon allerdings darauf hin, dass das Ehepaar Simonson „ebenfalls zur Abwanderung gelangt“ sei, nur noch der Sohn lebe in der Wohnung.

Rosa Würzburgs Wohnungsinventar wurde auf 85.- RM geschätzt und von einer Maria Kwiatkowski für 59.50 RM aufgekauft. Rosa Würzburg wurde in die im Jüdischen Altersheim an der Große Hamburger Str. 26 eingerichtete Sammelstelle gebracht und am 30. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Dort ist sie am 7. Juni 1943 ermordet worden, wie in der Opferdatei von Theresienstadt festgehalten ist. Ihre Wohnung in der Kantstraße 130 wurde, laut einem Vermerk, am 8.10.42 geräumt.

Die Akten der Oberfinanzdirektion enthalten zahlreiche Briefe von Walter Simons Bruder Erich. Dr. Erich Simon war 1941 Leiter der Statistischen Abteilung der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, eine Stellung, die ihm noch eine gewisse Zeit Schutz geboten haben mag. Er korrespondierte wiederholt mit der Oberfinanzdirektion (OFD) bezüglich der Mietausfälle „durch Abwanderung jüdischer Mieter“. Er erwähnte nicht nur Frau Würzburg und die Untermieter Vogelsdorff und Simonson, sondern auch die ehemaligen Mieter Sommerfeld und Benjamin (vielleicht ist hier auch Dr. Benjamin Vogelsdorff gemeint). Einigen seiner Mietausfall-Forderungen an die OFD wurde nach längerem Schriftwechsel stattgegeben, andere tragen den Vermerk „erld. Ausweisung 4.II.43“. Allerdings enthält die im Brandenburgischen Landeshauptarchiv in Potsdam vorhandene Akte noch Briefe von Erich Simon aus der Kantstrasse 130 vom April und Mai 1943. Das letzte Schriftstück ist ein Schreiben der Hausverwaltung Krüger und Schulze, die seit 26.5.43 von Erich Simon mit der Verwaltung des Hauses „beauftragt“ worden sei.

Erich Simon, geboren am 29. Juni 1880, war zunächst wissenschaftlicher Mitarbeiter am Statistischen Amt in Frankfurt am Main, später Regierungsrat in Berlin. Am 9. Juni 1943 wurde er aus seiner Wohnung geholt und am 16. Juni nach Theresienstadt deportiert, wo er auch als Statistiker verpflichtet wurde. Er konnte der weiteren Deportation entgehen, wie es heißt, dank der Fürsprache von Richard Koherr, Leiter der Statistischen Abteilung im SS-Hauptamt. Erich Simon überlebte den Zweiten Weltkrieg. Seine Tochter Erika Simon konnte er aber nicht schützen.

Erika Simon , geboren am 19. März 1908 in Berlin, wohnte mit ihrem Vater ebenfalls in der Kantstrasse 130. Sie wurde mit ihm am gleichen Tag, dem 16. Juni 1943, nach Theresienstadt verschleppt. Obwohl ihre Mutter nicht Jüdin war, bekannte sich Erika Simon zum jüdischen Glauben und wurde daher von den Nationalsozialisten als „Geltungsjüdin“ eingestuft und somit wie die sogenannten „Volljuden“ behandelt. Erika Simon blieb in Theresienstadt nur wenige Tage am Leben, am 8. Juli 1943 kam sie zu Tode. In der dort ausgestellten „Todesfallanzeige“ ist „bösartige Diphtherie“ als Todesursache eingetragen – eine der Epidemien, die infolge der gewollt schlechten Gesundheitsverhältnisse in Theresienstadt häufig ausbrachen.

Das Wohnhaus Kantstraße 130 erhielten Erich Simon und die Erben Walter Simons 1950 zurück, nachdem Erich Simon dort seit Dezember 1945 wieder wohnte. Am 17. Juli 1953 starb er, die Erbengemeinschaft verkaufte 1969 das Gebäude, das wenig später abgerissen und durch einen Neubau ersetzt wurde.

Recherchen und Texte: Micaela Haas (Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf)
Quellen: Brandenburgiches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Berliner Adressbücher; Akten des Landesarchivs Berlin; H.G. Adler, Theresienstadt 1941-45. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft. 1955, Reprint 2005; Theresienstadt Opferdatei www.holocaust.cz ; http://www.ghetto-theresienstadt.info/pages/s/simone.htm|http://www.ghetto-theresienstadt.info/pages/s/simone.htm