Stolperstein Grolmannstraße 28

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Hausansicht Grolmanstr. 28
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Der Stolperstein wurde im Auftrag der in den USA lebenden Tochter von Hugo Berendt am 21.05.2008 verlegt.

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Stolperstein für Hugo Berendt
Bild: Wolfgang Knoll

HIER WOHNTE
HUGO BERENDT
JG. 1892
DEPORTIERT 10.9.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

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Hugo Berendt
Bild: Anita Sklar, Tochter von Hugo Berendt

Hugo Berendt war ein angesehener Charlottenburger Rechtsanwalt und Notar. Obwohl er aus einer orthodoxen jüdischen Familie stammte, galt er als nicht besonders religiös. Seine in den USA lebende Tochter Anita Sklar erinnert sich an ihren Vater als einen „liberalen, intelligenten Mann mit einem ausgezeichneten Sinn für Humor.“ Er habe das Leben genossen und sei zusammen mit seiner Frau viel in Europa herum gereist. Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten zerbrach dieses bürgerliche Leben. Pressionen, Demütigungen, wirtschaftlicher Niedergang, schließlich die nackte Angst vor Deportation und Tod kennzeichneten die Jahre bis 1943. Die Sorgen und Ängste waren berechtigt: Hugo Berendt wurde am 10. September 1943 nach Auschwitz deportiert und dort unmittelbar nach der Ankunft ermordet.

Hugo Berendt erblickte am 7. Mai 1892 in Rogasen/Posen das Licht der Welt. Sein Vater hieß Hymann Berendt, der Name der Mutter war Frieda Berendt geborene Brenner. Nach seinem Jura-Studium und anschließender Promotion heiratete Hugo Berendt die 16 Jahre jüngere Ruth Jacoby, die am 24. Oktober 1908 geboren worden war. Das junge Paar zog in Berlin in eine großzügige Wohnung in der Grolmanstraße 28, in der am 14. November 1933 die Tochter Anita geboren wurde. Anita Sklar erinnert sich an eine „sehr große Wohnung mit vielen Büchern, einem Herrenzimmer sowie einem Balkon“. Für die kleine Anita sorgte ein „sehr nettes Kindermädchen“, dem aber gekündigt werden musste, als die Nazis Juden verboten, Nichtjuden zu beschäftigen.

Andere Einschränkungen hatten gravierendere Folgen. Als die Nationalsozialisten 1938 mit der „Fünften Verordnung zum Reichsbürgergesetz“ jüdischen Rechtsanwälten untersagten, ihren Beruf auszuüben, kamen auch auf die Familie Berendt schwere Zeiten zu. Finanziell unter Druck, mussten sie ihre Wohnung in der Grolmanstraße verlassen und als Untermieter in die Niebuhrstraße 77 c/o Gortatowski einziehen. 1940 kam es erneut zu einem erzwungenen Wohnungswechsel: Nun hieß die Adresse „bei Werner, Mommsenstraße 57“.

Ein weiterer Einschnitt traf die Berendts, als die Nazis am 9. November 1938 in der sogenannten „Kristallnacht“ in Berlin und vielen anderen Orten jüdische Geschäfte plünderten und Synagogen anzündeten. Anita Sklar erinnert sich, dass sie und ihre Mutter sich zu dieser Zeit bei einer Schweizer Freundin in Heiden (Kanton Appenzell) aufhielten. In dringenden Telefonaten beschworen ihr Vater und Großvater die Mutter, in der Schweiz zu bleiben, was diese schweren Herzens akzeptierte.

Erleichternd immerhin war, dass Ruth Berendt in dem jüdischen Kinderheim, das ihre Schweizer Freundin leitete, eine Anstellung fand. Später übernahm sie selbst die Leitung des Heimes. Im Frühjahr 1939 kam mit einem Kindertransport aus Frankfurt/Main 50 Kinder nach Heiden; darunter Karola Siegel, die später als Ruth Westheimer eine prominente deutsch-amerikanische Sexualtherapeutin wurde. „Viele dieser Kinder waren wie Geschwister zu mir“, erzählt Anita Sklar. Im Mai 1946 wanderten sie und ihre Mutter Ruth Berendt nach Amerika aus.
Zuvor hatte Ruth Berendt von der Schweiz aus alle Hebel in Bewegung gesetzt, ihren Mann nachzuholen. Doch alle Bemühungen waren vergeblich: Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges waren die Grenzen für Juden noch unüberwindbarer als zuvor. Auch Hugo Berendts eigene Anstrengungen für Auswanderung oder Flucht scheiterten. 1940 versuchte er einen letzten Ausweg: Die Auswanderung nach Shanghai. In einem verzweifelten Brief an seinen in Amerika lebenden Schwager bat er diesen um finanzielle Hilfe. Doch auch dieser Fluchtweg zerschlug sich, aus welchen Gründen auch immer.

Damit begann für Hugo Berendt ein jahrelanger Leidensweg. Mit kleinen juristischen Arbeiten innerhalb der jüdischen Gemeinde versuchte er, sich finanziell durchzuschlagen. Aber schon bald musste er als einfacher Arbeiter Zwangsarbeit leisten – bei der Firma „Nordland Deutsche Schneekettenfabrik GmbH“ in der Berliner Kurfürstenstraße 14. Die Zwangsarbeit schützte ihn zwar zunächst vor der Deportation, aber sie war hart und demütigend. Die Tochter Anita weiß noch Jahrzehnte später, was sie damals empfand: „Als Kind war ich immer so stolz, wenn ich auf einen Brief an ihn schreiben konnte: Herr Doctor Hugo Berendt. Und nun musste dieser intelligente und kultivierte Mann als Beruf ‚Arbeiter‘ angeben.“

Offenkundig konnte Hugo Berendt der sogenannten „Fabrikaktion“, mit der die Nazis Ende Februar 1943 die letzten noch in Berlin verbliebenen und Zwangsarbeit leistenden Juden verhaften und deportieren ließen, durch Flucht in den Untergrund entkommen. Wo und wie er sich versteckte, wissen wir nicht. Im September 1943 wurde er entdeckt und verhaftet.
Am 10. September musste Hugo Berendt den „42. Osttransport“ aus Berlin nach Auschwitz besteigen. In der Dokumentation „Die Judentransportationen aus dem Deutschen Reich 1941-1945“ von Gottwaldt/Schulle heißt es über diesen Transport: „Vermutlich wurden die Deportierten wieder in einem einzelnen Eisenbahnwaggon nach Auschwitz befördert. Die Insassen waren überwiegend Juden, die bis zum Aufgreifen durch die Gestapo in der Illegalität versteckt gelebt hatten. In Auschwitz wurde am 11. September 1943 der Zugang von 54 Personen vermerkt, von denen lediglich neun Frauen als Häftlinge in das Lager aufgenommen wurden. Die übrigen Menschen wurden nach ihrer Ankunft getötet.“

Recherche und Text: Sönke Petersen