Stolpersteine Lietzenseeufer 7

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Hauseingang Lietzenseeufer 7, Foto: H-J. Hupka, 2014
Bild: H.-J. Hupka

Die Stolpersteine für Margarete, Manfred und Dr.iur. Henry Cohn wurden am 17.7.2007 verlegt.

Der Stolperstein für Dr. Paul Lejeune-Jung wurde von Dr. Jürgen Meyer-Wilmes gespendet und in Anwesenheit von Familienmitgliedern am 24.4.2014 verlegt.

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Stolperstein für Dr. Henry Cohn
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
DR. HENRY COHN
JG. 1895
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

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Stolperstein für Margarete Cohn
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
MARGARETE COHN
GEB. BERGMANN
JG. 1894
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

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Stolperstein für Manfred Cohn
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
MANFRED COHN
JG. 1930
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Rechtsanwalt und Notar Dr.iur. Henry Cohn, geboren am 6.1.1895 in Berlin, und seine Frau Margarete Cohn geb. Bergmann, geboren am 8.10.1894 in St. Petersburg, zogen ca.1927/28 in das Haus Lietzensee-Ufer 7.
Am 13.6.1927 war die Tochter Carola und am 8.9.1930 der Sohn Manfred geboren worden. Dr. Cohn hatte seine Kanzlei in der Nähe des Alexanderplatzes in der Königstr. 50 (heute Rathausstraße).
Nachdem 1933 die Nazis an die Macht gekommen waren, war die jüdische Familie Cohn im Haus „nicht mehr erwünscht“. Die Familie zog in die Neue Kantstr. 4, und wurde von dieser Adresse am 26.6.1942 nach Theresienstadt und im Herbst 1944 von dort nach Auschwitz deportiert.

Dr. Henry Cohn, Margarete Cohn und Manfred Cohn wurden in Auschwitz ermordet. Carola ist 1945 befreit worden und hat gebeten, die Stolpersteine vor dem Haus, in dem die Familie eine unbeschwerte Zeit erlebte, zu verlegen.

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Stolperstein Dr. Paul Lejeune-Jung, Foto:H.-J. Hupka, 2014
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
DR. PAUL
LEJEUNE-JUNG
JG. 1882
IM WIDERSTAND
VERHAFTET 11.8.1944
HOCH-UND LANDESVERRAT
TODESURTEIL 8.9.1944
HINGERICHTET 8.9.1944
BERLIN-PLÖTZENSEE

Paul Lejeune-Jung ist am 16. März 1882 in Köln geboren. Eher zufällig, auf der Durchreise, kam er in Köln zur Welt. Es hätte auch irgendeine andere Stadt entlang einer Schifffahrtsstrecke sein können. Denn sein Vater, der aus einer alten preußischen Hugenottenfamilie stammte, war Kapitän der englischen Handelsmarine.
Die damit verbundene Weltoffenheit des Elternhauses ergänzte sich mit einem starken Katholizismus der aus dem Rheinland stammenden Mutter. Sie sorgte für die katholische Erziehung der Kinder. Seit 1886 hatte die Familie ihren Wohnsitz in Rathenow. Doch Paul verbrachte nur den ersten Teil seiner Kindheit dort. Nach dem Realschulabschluss wechselte er ins Gymnasium nach Paderborn und wohnte bei einem Domvikar. Diese Zeit prägte den Heranwachsenden und festigte seinen Glauben. Mit dem Abitur in der Tasche begann er ein Studium der Theologie in Bonn, änderte bald aber seine Meinung und studierte nun Philosophie und Geschichte. Er promovierte und zog schließlich nach Berlin. Hier begann er volkswirtschaftliche Studien und startete eine Karriere in der Zellstoffindustrie. Bald wurde er zum ausgewiesenen Fachmann auf diesem Gebiet und führte als Syndikus die Geschäfte des Vereins der Zellstofffabrikanten.
Auch auf dem politischen Parkett fasste Lejeune-Jung Fuß. 1924 zog er für die Deutschnationale Volkspartei in den Reichstag ein. 1929 verließ er die Partei und wandte sich dem rechten Flügel der Zentrumspartei zu.
Er nutzte seine Bildung und Erfahrungen, um über den nationalen Tellerrand hinauszusehen. Als Verfechter der deutsch-französischen Verständigung entwarf er bereits 1930 ein Konzept zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit beider Staaten und zur Entwicklung eines europäischen Marktes. Beeindruckt von seinen Fähigkeiten ernannte Reichskanzler Heinrich Brüning ihn 1931 zum Sachverständigen der deutsch-französischen Wirtschaftskommission. Im Gedankengut der NSDAP jedoch konnte sich Lejeune-Jung nicht wieder finden. Eine politische Zusammenarbeit mit den Nazis war für den gläubigen Katholiken undenkbar. Nach der so genannten Röhm-Affäre 1934 äußerte er einem Freund gegenüber „Der Bruch der rechtsstaatlichen Ordnung in jenen Tagen wird das Reich bis zum bittersten Ende einem Wahnwitzigen ausliefern, sofern nicht Wehrmacht und Gerichte den Verfassungsbruch kennzeichnen und den Usurpator stürzen.“
Auch wenn diese Haltung vielleicht anderes nahe legt, kam Lejeune-Jung erst etliche Jahre später in Kontakt mit Widerstandsgruppen. Dass er selbst unter Beobachtung stand, war ihm jedoch schon Mitte der 1930er Jahre klar. Politisch kalt gestellt, konzentrierte er sich mehr auf seinen Beruf und seine Familie. Bei allem Engagement in Politik und Wirtschaft seien ihm der Glaube und die Familie heilig gewesen, berichtete sein Sohn. Einen Sonn- oder Feiertag ohne Gottesdienst habe es für seinen Vater nicht gegeben. „Am liebsten ging er mit seiner ganzen Familie gemeinsam in die Kirche.“ Jeder habe ihm den Stolz auf seine acht Kinder – fünf Töchter und drei Söhne – anmerken können. Das tägliche Gebet mit der Familie sei selbstverständlich für ihn gewesen.

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Dr. Paul Lejeune-Jung
Bild: Erzbistum Köln

1941 kam Lejeune in Kontakt mit der Widerstandsgruppe um Carl Friedrich Goerdeler. Für diesen hatte Lejeune-Jung bereits ein Konzept zur wirtschaftspolitischen Gestaltung Deutschlands nach dem Krieg formuliert. Auf der Kabinettsliste der geplanten zivilen Regierung, die nach dem erfolgreichen Umsturz am 20. Juli 1944 eingesetzt werden sollte, war Lejeune-Jung als Wirtschaftsminister vorgesehen. Doch das Attentat scheiterte und Lejeune-Jung und viele Mitglieder des zivilen Widerstands wurden verhaftet. Am 8. September 1944 wurde er wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und noch am selben Tag zusammen mit Josef Wirmer und vier anderen Verurteilten in Plötzensee gehängt.
Mit dem Gebet „Mein Jesus Barmherzigkeit“ soll er in den Tod gegangen sein.
Seit 1992 erinnert in Berlin in der Nähe des Reichstags eine der 96 Gedenktafeln für von den Nationalsozialisten ermordete Reichstagsabgeordnete an Paul Lejeune-Jung.

Text: Dr. Jürgen Meyer-Wilmes (Berlin). Erschienen in der Broschüre: Laien legen Zeugnis ab. Glaubenszeugnisse im jungen Bistum Berlin 1930-1945.
Literaturhinweise: Annedore Leber (Hrsg.): Das Gewissen steht auf. 64 Lebensbilder aus dem Deutschen Widerstand 1933-1945. Berlin/ Frankfurt 1955; Rudolf Morsey (Hrsg.): Zeitgeschichte in Lebensbildern. Aus dem deutschen Katholizismus des 20. Jahrhunderts. Mainz 1973, ISBN 3-7867-0408-2