Stolperstein Landhausstraße 3

Link zu: Eingang zum Haus Landhausstraße 3, 17.8.2010
Eingang zum Haus Landhausstraße 3, 17.8.2010
Bild: Bezirksamt, KHMM

Der Stolperstein vor dem Haus an der Landhausstraße 3 wurde am 11.12.2006 verlegt.

Link zu: Stolperstein für Hilda Monte, 17.8.2010
Stolperstein für Hilda Monte, 17.8.2010
Bild: Bezirksamt, KHMM

HIER WOHNTE
HILDA MONTE
JG. 1914
ERSCHOSSEN
17.4.1945
AUF DER FLUCHT

Hilda Monte war einer von mehreren Pseudonymen und Decknamen, die Hilde Meisel in ihrer politischen Arbeit benutzte. Sie war die Tochter des Kaufmanns Ernst Meisel und seiner Frau Rosa, geb. Meyer, und wurde am 31. Juli 1914 in Wien geboren. Ernst Meisel handelte mit Haushaltsartikeln und baute unter anderem Exportbeziehungen zu arabischen Ländern auf. Er war 1886 in Kaschau (Slowakei) geboren worden, das damals zur Donaumonarchie gehörte. Die drei Jahre jüngere Rosa Meyer stammte aus Konitz in Westpreußen. Das junge Paar lebte in Berlin, wohin Ernst nach seinem Abitur in Wien mit seinen Eltern gezogen war. Hier kam 1912 ihre erste Tochter, Margot, zur Welt. Kurz darauf zogen sie erneut nach Wien, wo Hilde geboren wurde. Um 1915 jedoch kehrten sie wieder nach Berlin zurück. Hier wuchsen Margot und Hilde auf, zunächst in der Güntzelstraße, ab 1920 in der Landhausstraße 3.

In Hildes bürgerlich-liberalem jüdischen Elternhaus war die Atmosphäre schon früh politisch geprägt. Noch im Schulalter hatte sich Hildes zwei Jahre ältere Schwester Margot dem liberalen deutsch-jüdischen Wanderverein „Kameraden“ angeschlossen, der sich am assimilierten deutschen Bürgertum orientierte. Margot gehörte einer Untergruppe an, dem linkssozialistischen und antiautoritären „Schwarzen Haufen“. Trotz Bedenken der Eltern durfte Margot schon mit 14 ein eigenes möbliertes Zimmer beziehen und lebte mit dem Leiter des „Schwarzen Haufens“, Max Fürst, zusammen, den sie später heiratete. Auch Hilde fühlte sich bald dem „Schwarzen Haufen“ verbunden, der aber 1928 aufgelöst wurde. 1929, mit 15 Jahren, trat sie dem Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK) bei, einer 1925 gegründete Abspaltung der SPD, die zunächst für einen antiklerikalen, ethischen, aber auch antimarxistischen Sozialismus eintrat und mit dem Erstarken der Nationalsozialisten im Widerstand gegen sie zunehmend Bedeutung gewann.

1929 weilte Hilde zum ersten Mal eine Zeitlang in London, als ihr Onkel, der avantgardistische Musiker und Komponist Edmund Meisel – bekannt u.a. für die Filmmusik zu Panzerkreuzer Potemkin und Berlin – Symphonie einer Großstadt – in London an der Musik für die englische Tonfassung des deutschen Stummfilms Der rote Kreis arbeitete. Als Anfang 1932 der ISK die Tageszeitung „Der Funke“ gründete, wurde sie, 18/19-jährig, Korrespondentin und berichtete aus Frankreich, Spanien und England. Sie schrieb vornehmlich über wirtschaftliche Themen. Hilde hatte 1932 in London ein Kunststudium begonnen, gleichzeitig aber auch Kurse an der London School of Economics belegt. Das Kunststudium gab sie später auf.

1933 wurde der ISK in Deutschland verboten und arbeitete weiter im Untergrund mit Unterstützung seiner ausländischen Schwesterorganisationen. An Stelle des nun auch verbotenen „Funke“ gab er die Exilpublikation Die Sozialistische Warte heraus, bei der Hilde, nun unter dem Namen Hilda Monte, regelmäßige Mitarbeiterin blieb. Sie schrieb auch für englische Publikationen, vor allem aber beteiligte sie sich an Untergrundaktionen des ISK, wiederholt fuhr sie heimlich nach Deutschland, schmuggelte Bücher, war als Kurier tätig, half Verfolgten zur Flucht.

1938 ging sie eine Scheinehe mit dem deutsch-britischen Maler und Schriftsteller John Olday ein, um als britische Bürgerin einer Ausweisung zu entgehen. Vermutlich konnte sie auch deshalb noch einen Tag vor Kriegsausbruch Deutschland verlassen, wo sie sich gerade heimlich aufhielt.

Nun engagierte sie sich noch stärker journalistisch gegen Hitler, veröffentlichte zusammen mit dem ISK-Mitglied Fritz Eberhard die Bücher „How to conquer Hitler“ und „Help Germany to revolt!“. Sie arbeitete für den geheimen „Sender der Europäischen Revolution“, der Anweisungen zu Widerstand und Sabotage verbreitete, und für die deutschen Sendungen des BBC. In einem erhaltenen Rundfunk-Manuskript von 1942 zeigt sie sich über die Ermordung der europäischen Juden informiert: „Was heute in Polen geschieht: die kaltblütige Ausrottung des jüdischen Volkes, das geschieht in Ihrem Namen, im Namen des deutschen Volkes […] Beweisen Sie diesen Menschen Ihre Solidarität, auch wenn es Mut kostet – gerade wenn es Mut kostet.“

Hilde war aber nun erst recht auch für direkte Widerstandsaktionen gegen Hitler und geriet darüber in Meinungsverschiedenheiten mit dem ISK, aus dem sie 1939 austrat. In den folgenden Jahren versuchte sie mehrmals, unter anderen Decknamen, nach Deutschland zu kommen. Sie arbeitete auch in London bei der Nachrichtenauswertung für das Wirtschaftministerium, beteiligte sich an dem Projekt „German Educational Reconstruction“, das sich mit der Planung und Vorbereitung einer Neuordnung des Bildung- und Erziehungssystem im Nachkriegsdeutschland beschäftigte. 1943 veröffentlichte sie das weitsichtige Buch „The Unitiy of Europe“, das sich auch mit der Nachkriegsorganisierung in Europa und – unter anderem – der Rolle Deutschlands darin beschäftigt.

Um gegen das NS-Regime zu agieren, ließ sie sich schließlich 1944 vom amerikanischen Geheimdienst anwerben und wurde in geheimer Mission nach Frankreich und in die Schweiz geschickt. Kurz vor Kriegsende nahm sie Kontakt zu österreichischen Widerstandsgruppen auf. Als sie auf dem Rückweg am 17. April 1945 versuchte, in der Nähe von Feldkirch illegal die Grenze unter dem Namen Eva Schneider zu überschreiten, wurde sie von einem Grenzbeamten festgenommen. Auf ihre Behauptung hin, sie sei im Auftrag des Reichspropagandaministeriums unterwegs, wurde sie zur Überprüfung zur Hauptzollstelle gebracht. Auf dem Weg dorthin rannte sie auf die Grenzlinie los, der sie begleitende Polizeibeamte schoss auf sie, traf eine Arterie und Hilde Olday geb. Meisel verblutete innerhalb kürzester Zeit. Sie wurde in Feldkirch bestattet. Ihre wahre Identität wurde erst im Februar 1947 bekannt.

Hildes Eltern konnten rechtzeitig nach Ägypten fliehen, wohin Ernst Meisel über seine Exporttätigkeit geschäftliche Beziehungen hatte. Margot und Max Fürst überlebten Misshandlungen in Gestapohaft und emigrierten 1935 mit ihren zwei Kindern nach Palästina.

Zusammenstellung und Text: Dr. Micaela Haas.
Quellen: Berliner Adressbücher; Hilde Meisel – Wikipedia; Max Fürst, Talisman Scheherezade, Die schwierigen zwanziger Jahre, München 1976; Kuntner, Angelika Rosina, Ein Tod bei Feldkirch, 2009