Stolpersteine Wetzlarer Straße 23

Hauseingang Wetzlarer Str. 23, 6.4.2012

Hauseingang Wetzlarer Str. 23, 6.4.2012

Diese Stolpersteine wurden auf Wunsch von Eva Sternfeld (Berlin) am 15.5.2006 zum Gedenken an ihren Großonkel und dessen Frau verlegt.

Stolperstein Dr. Richard Sternfeld

HIER WOHNTE
DR. RICHARD
STERNFELD
JG. 1884
DEPORTIERT 1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Stolperstein Lotte Sternfeld

HIER WOHNTE
LOTTE STERNFELD
GEB. BRÜHL
JG. 1891
DEPORTIERT 1942
ERMORDET IN
RIGA

Von Patience zu Neireide. Drei Jahrzehnte des Aufstiegs der deutschen Vollblutzucht

Richard Sternfeld wurde am 8. Februar 1884 in Bielefeld geboren. In erster Ehe war er mit Else Sternfeld geb. Blum, in zweiter Ehe mit Lotte Sternfeld geb. Brühl, geboren am 10. Juli 1891 in Berlin, verheiratet. Er war ein zu seiner Zeit bekannter Herpetologe und Pferdesportjournalist.

Sternfeld studierte in Bonn und an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg, wo er 1906 im Fach Biologie promovierte. Nach dem Studium ging Sternfeld nach Berlin, wo er ab Frühjahr 1906 im Zoologischen Museum der Friedrich-Wilhelm Universität, dem heutigen Naturkundemuseum, in der Invalidenstraße als wissenschaftliche Hilfskraft von Gustav Tornier beschäftigt war. Sternfeld arbeitete an der Untersuchung und Einordnung von Reptilien und Amphibien, die Forscher aus den deutschen Kolonien in Ostafrika mitbrachten und dem Naturkundemuseum übergaben.

Aus dieser Arbeit entstanden zahlreiche Veröffentlichungen wie z. B. Beiträge für die vom Museum herausgegebene Reihe „Die Fauna der deutschen Kolonien“ und das Kapitel „Reptilia“ in dem von H. Schutzbold herausgegebenen Bericht „Wissenschaftliche Ergebnisse der Deutschen Zentral-Afrika Expedition 1907-1908“. Gemeinsam mit Tornier verfasste Sternfeld 24 Artikel für das „Deutsche Kolonial-Lexikon“, darunter alle Reptilien und Amphibien betreffenden Stichworte sowie die Stichworte „Dinosaurier“ und „Tendaguru Expedition“. Als Mitarbeiter Torniers war Richard Sternfeld in die Auswertung der Dinosaurierfunde im Tendagaru-Becken im heutigen Tansania involviert. Unter anderem ging es um die wissenschaftliche Benennung der Funde und einen wissenschaftlichen Disput mit amerikanischen Forschern um die richtige Aufstellung der Dinosauerier-Skelette. 1912 erschien im Verlag Quelle und Meyer das Buch „Die Reptilien und Amphibien Mitteleuropas“, das viele Jahrzehnte als Standardwerk auf diesem Gebiet galt und seit 2005 als Nachdruck der Originalausgabe verfügbar ist.

1913 wechselte Sternfeld, der inzwischen mit Else Blum verheiratet war, als zoologischer Assistent an das Senckenberg-Museum in Frankfurt/Main, wo er der Abteilung Herpetologie vorstand.
Seine Tochter Lotte wurde 1915 geboren. 1916 folgte die Einberufung zum Militär, wo er zunächst in Mazedonien und zum Ende des Krieges in der Militärforstverwaltung von Bialowies an der heutigen polnisch-weißrussischen Grenze eingesetzt und dort mit Forschungsarbeiten beschäftigt war. Im November 1918 kehrte Sternfeld an das Senckenberg-Museum zurück. Der Sohn Hans wurde 1919 geboren. 1920 wurde Sternfeld vom Senckenberg-Museum entlassen. In der Chronik der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung wurde dazu vermerkt: „Assistent Dr. R. Sternfeld, der für die Bildung eines Betriebsrates im Museum eintritt, wird entlassen.“

Mit seiner Entlassung in Frankfurt endete Sternfelds herpetologische Karriere und er etablierte sich als Journalist für Pferderennsport. Als anerkannter Fachmann wurde er Berater für die Gestüte „Waldfried“ und „Erlenhof“ bei Frankfurt sowie Richard Kaselowskys Gestüt „Ebbesloh“ bei Bielefeld. Über das Gestüt „Waldfried“ und seine Bedeutung für die deutsche Vollblutzucht verfasste er 1920 das Buch „Festa“. Auch publizierte er für die „Zeitschrift für Gestütskunde und Pferdezucht“ und wurde 1922 Herausgeber der Zeitschrift „Vollblut“. Er übersiedelte nach Berlin und fand 1923 eine feste Anstellung bei der „Sport-Welt“, der damals täglich erscheinenden größten Galoppsport- Zeitung. Hier war er bis 1937 verantwortlich für alle züchterischen Fragen. Ab Ende 1936 bis Anfang 1937 erschien in der „Sport-Welt“ die später auch als Buch veröffentlichte Artikel-Serie „Von Patience zu Neireide. Drei Jahrzehnte des Aufstiegs der deutschen Vollblutzucht“.

Richard Sternfeld

Richard Sternfeld

Aufgrund der nationalsozialistischen Rassengesetze verlor Sternfeld Ende März 1937 seine Tätigkeit als Redakteur bei der „Sport-Welt“.

Bis 1939 lebte Sternfeld mit seiner zweiten Frau Lotte in der Wetzlarer Straße 23 in Berlin-Wilmersdorf. Die 1891 geborene Lotte Sternfeld geb. Brühl war von Beruf Lehrerin und bis zur Schließung aller jüdischen Schulen in Deutschland am 30. Juni 1942 an der Privaten Volksschule der Jüdischen Gemeinde in Siegmundshof 11 beschäftigt.

In diesem Jahr musste er mit seiner Frau und deren Schwester Anna Brühl in ein so genanntes „Judenhaus“ am Werderschen Markt 4a in Berlin umziehen. Sternfeld, seine Frau und deren Schwester bemühten sich 1940 um ein Visum für Indien. Zur Ausreise kam es jedoch nicht.

Ab März 1941 wurde Richard Sternfeld als Zwangsarbeiter bei Ehrich & Graetz in Treptow in der Bakelitabteilung eingesetzt. Am 27. Februar 1943 wurde er bei der so genannten „Fabrik-Aktion“ verhaftet und am 1. März 1943 nach Auschwitz deportiert.

Lotte Sternfeld war schon vorher am 26. Oktober 1942 nach Riga deportiert und dort nach Ankunft am 29. Oktober 1942 ermordet worden.

Nach Sternfeld benannte Arten: Phrynobatrachus sternfeldi (Ahl 1924), Chamaeleo (Rudis) sternfeldi (Rand 1963) auch Trioceros sternfeldi.

In Frankfurt am Main wurde von 1949 an jährlich bis in die 1960er Jahre hinein ein nach Dr. Richard Sternfeld benanntes Galopprennen gelaufen.

Veröffentlichungen von Richard Sternfeld (Auswahl):
Zahlreiche Schriften erschienen in der Reihe „Die Fauna der deutschen Kolonie“ (herausgegeben vom Zoologischen Museum Berlin in den Jahren 1908 bis 1910). „Die Reptilien und Amphibien Mitteleuropas“, von Schmeils Naturwissenschaftliche Atlanten, Meyer, Leipzig 1912. „Deutsche Vollblutzucht“, Band 39 der Flugschrift der Deutschen Gesellschaft für Züchtungskunde, 1917. „Festa“. Reher, Berlin 1920. „Von Patience bis Nereide“, Nachdruck der Artikelserie in der Sport-Welt 1936-1937.

Siehe auch: Jüdische Zwangsarbeiter bei Ehrich&Graetz, Berlin Treptow, Herausgeber Aubrey Pomerance, Jüdisches Museum Berlin, DuMont 2003. Der Naturwissenschaftler Richard Sternfeld S. 113-116

Siehe auch den Eintrag bei Wikipedia

Text: Eva Sternfeld