Stolpersteine Pariser Straße 37

Link zu: Hauseingang Pariser Str. 37
Hauseingang Pariser Str. 37
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, C. Timper

Diese Stolpersteine wurden am 22.10.2004 verlegt.

Link zu: Stolperstein Ida Manasse
Stolperstein Ida Manasse
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, C. Timper

HIER WOHNTE
IDA MANASSE
GEB. COSSMANN
JG. 1870
FLUCHTVERSUCH 1939
MIT -MS ST. LOUIS-
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

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Stolperstein Herbert Manasse
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, C. Timper

HIER WOHNTE
HERBERT MANASSE
JG. 1899
FLUCHTVERSUCH 1939
MIT -MS ST. LOUIS-
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

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Stolperstein Emmy Manasse
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, C. Timper

HIER WOHNTE
EMMY MANASSE
JG. 1904
FLUCHTVERSUCH 1939
MIT -MS ST. LOUIS-
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

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Stolperstein Wolfgang Manasse
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, C. Timper

HIER WOHNTE
WOLFGANG MANASSE
JG. 1929
FLUCHTVERSUCH 1939
MIT -MS ST. LOUIS-
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Ida Manasse kam als Ida Cossmann am 10. Dezember 1870 in Soldin (Brandenburg) als Tochter des Kaufmannes Moritz Cossmann und seiner Frau Johanna geb. Wahrenberg auf die Welt. Sie hatte mindestens einen, sechs Jahre älteren, Bruder, Eugen Cossmann, der später auch in Berlin lebte. Ida heiratete Georg Manasse und kam mit ihrem Mann irgendwann vor 1899 nach Berlin, dem Jahr, in dem ihr Sohn Herbert am 16. Oktober geboren wurde. Wir wissen nicht, ob Ida und Georg noch vorher oder nachher weitere Kinder hatten. Georg war Kaufmann in wechselnden Sparten. Sehr wahrscheinlich war er der Georg Manasse, der um 1894 die Filzschuhfabrik „Pinner Nachf.“ übernahm. Dort schied er bereits 1903 aus, dokumentiert ist erst wieder die Gründung eines Versicherungsbüros 1924.

Auf jeden Fall war er wohlhabend genug, um 1905 das Wohnhaus Grolmanstraße 68 Ecke Schillerstraße 115/116 zu kaufen und dort in die Belletage, den 1. Stock, einzuziehen. 1911 wurde das Haus in Schillerstraße 111 umnummeriert. Drei Jahre später zog die Familie in die Wielandstraße 31, das Haus in der Schillerstraße verkaufte Georg Manasse aber erst Anfang der 1920er Jahre. Um 1908 bewohnte die Familie auch einen Landsitz in Petershagen östlich von Berlin, 1919 erstand Georg Manasse ein Doppelgrundstück im benachbarten Eggersdorf, vermutlich um selbst zu bauen. Dazu kam es aber nicht.

Der Sohn Herbert Manasse wurde Versicherungskaufmann und trat 1925 als Geschäftsführer in das von seinem Vater ein Jahr zuvor mit zwei Partnern gegründete Versicherungsbüro „Europa“ ein. Das Büro beschäftigte vier kaufmännische Angestellte und sechs Unteragenten. 1926 waren Georg und Herbert die alleinigen Gesellschafter, das Geschäftslokal lag in der Flottwellstraße 3. Zwei Jahre später bezog Herbert eine eigene Wohnung in der Bayerischen Straße 10. Wahrscheinlich hatte er in diesem Jahr Emmy Salomon geheiratet, ihr Sohn Wolfgang wurde ein Jahr später geboren. Das Adressbuch Berlin verzeichnet Herbert mal als kaufmännischen Direktor, mal als Geschäftsführer.

Herberts Frau Emmy Manasse, geboren am 25. Mai 1904 in Berlin, war die Tochter des Kaufmanns Jacques Salomon und seiner Frau Franziska, geb. Schlesinger. Sie hatte mindestens zwei ältere Geschwister, Ernst, geboren 1893, und Käte, Jahrgang 1897. Jacques Salomon führte mit Max Salomon, vermutlich sein Bruder, die 1923 gegründete Firma „Isidor Salomon, Chappe, Perlen- Nähseidenhandlung engros“ in der Niederwallstraße 31, die Seidengarne aus Wera-Seide vertrieb. Die Wohnadresse der Familie in Emmys Geburtsjahr war die Markgrafenstraße 30, 3. Stock. In der nächsten Zeit zogen sie mehrmals um, 1910 lebten sie bereits seit drei Jahren im Berliner Westen, Rankestraße 9. In diesem Jahr – Emmy war 6 Jahre alt – starb Jacques Salomon. Seine Witwe Franziska bezog eine vermutlich kleinere Wohnung in der Geisbergstraße 22, in der Emmy nun aufwuchs. Wahrscheinlich wohnte sie dort bis zu ihrer Heirat mit Herbert. Franziska Salomon wechselte 1928 in die Düsseldorfer Straße.

Am 14. März 1929 wurde Emmys und Herberts Sohn Wolfgang Manasse geboren. Ein Jahr später starb sein Großvater Georg. Herbert war schon seit 1929 alleiniger Inhaber des Versicherungsbüros. 1932 zog er mit Frau und Kind in die Pariser Straße 37 und seine verwitwete Mutter Ida zog bald auch in das gleiche Haus.

Wolfgang war noch keine vier Jahre alt, als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Herbert nahm wieder Geschäftspartner in seine Firma, vermutlich nicht jüdische, um sich vor der Diskriminierung zu schützen. Dennoch gingen die Geschäfte wohl schlechter, das Geschäftslokal wurde aufgegeben und das Büro ebenfalls in der Pariser Straße 37 geführt. Der Name „Europa“ scheint der NS-Obrigkeit suspekt gewesen zu sein, denn auf eine Anfrage antwortete die Industrie- und Handelskammer 1935, sie habe gegen den Namen keine Bedenken, die Firma „hat den Firmennamen gebildet, da sich die Reichweite der von ihr abgeschlossenen Policen über Europa erstreckt. … Die Bezeichnung „Europa“ in Anführungsstrichen stellt u.E. im vorliegenden Zusammenhang eine unschädliche, farblose Bezeichnung dar.“

In den folgenden Jahren kamen zahlreiche antisemitische Maßnahmen und Verordnungen hinzu, die nicht nur das Berufsleben, sondern auch das Alltagsleben von Juden zunehmend einschränkten. Auch Familie Manasse hatte darunter zu leiden und entschloss sich – spätestens Ende 1938, nach dem Novemberpogrom und den darauf folgenden Verschärfungen der antijüdischen Maßnahmen – wie andere auch, Deutschland zu verlassen. Dies war zu diesem Zeitpunkt durch spezielle Devisen- und Visabestimmungen für Juden schon sehr schwierig. Es gelang ihnen aber, Schiffspassagen für die MS St. Louis zu bekommen, deren Reederei kurzfristig eine Sonderfahrt nach Havanna angesetzt hatte. Manasses konnten sich auch die nötigen Landungspapiere für Cuba besorgen. Sicherlich hofften auch sie, von dort aus später in die USA gelangen zu können. Am 13. Mai 1939 lief die St. Louis vom Hamburger Hafen aus mit 937 jüdischen Passagieren an Bord. Was diese nicht wussten: eine Woche vorher hatte die cubanische Regierung ihre Einwanderungsgesetzgebung verschärft, und als Folge waren die – teuer erkauften – Landungspapiere ungültig. Als die St. Louis am 27. Mai in Havanna vor Anker ging, wurden nur 29 Passagiere an Land gelassen. Zähe Verhandlungen blieben erfolglos und das Schiff musste am 2. Juni wieder auslaufen. Kapitän Gustav Schröder versuchte mit Hilfe von Vertretern jüdischer Organisationen, wiederum ohne Erfolg, die Landeerlaubnis in den USA zu erlangen, auch Kanada weigerte sich, Flüchtlinge aufzunehmen. Schließlich musste er auf Geheiß der Reederei am 6. Juni wieder Kurs auf Europa nehmen. An Bord war ein Passagierskomitee gebildet worden, dem auch Herbert Manasse angehörte. Es versuchte vergeblich, die Rückkehr zu verhindern. Auch Kapitän Schröder wollte die Flüchtlinge nicht wieder nach Deutschland bringen, er verhandelte weiter. Erst am 13. Juni, einen Monat nach Beginn der Irrfahrt und wenige Tage vor dem Erreichen Europas, war klar, dass Belgien, die Niederlande, Großbritannien und Frankreich bereit waren, jeweils einen Teil der Flüchtlinge aufzunehmen. Das Schiff durfte am 17. Juni in Antwerpen landen.

Das Passagierkomitee der MS St. Louis, dritter von links: Herbert Manasse
Das Passagierkomitee der MS St. Louis, dritter von links: Herbert Manasse
Bild: United States Holocaust Memorial Museum

Die Manasses gehörten zu dem französischen Kontingent. Ihr Umzugsgut allerdings verloren sie, es wurde nach Hamburg zurückgebracht. Ziemlich genau zwei Jahre später, am 13. Juni 1941, wurden Herbert, Emmy und Wolfgang Manasse auf Vorschlag der Gestapo ausgebürgert und so die „legalen“ Voraussetzungen geschaffen, um ihr Hab und Gut zu beschlagnahmen und zu versteigern. Da auch Ida – bereits einen Monat früher – ausgebürgert worden war, konnte das Reich ebenfalls den Erlös für das Eggersdorfer Grundstück, das Ida nach Georgs Tod 1930 geerbt hatte, an sich reißen. Es war von einem noch von Ida Bevollmächtigten im Mai 1941 verkauft worden. Auch der noch ausstehende Erlös für ihre Wertsachen, die sie nach der Verordnung vom 21. Februar 1939 zwangsweise hatte in der Staatlichen Pfandleihanstalt abgeben müssen und den sie teilweise Emmys Mutter Franziska Salomon zugedacht hatte, dürfte in den Kassen der Oberfinanzdirektion gelandet sein.

Nach der Rückkehr der MS St. Louis 1939 hielt sich Familie Manasse zunächst in Paris oder in der Umgebung auf und meinte, wenigstens ihr Leben gerettet zu haben. Doch die Sicherheit währte nicht lange: Frankreich trat in den Krieg gegen Deutschland ein, musste im Juni 1940 einen Waffenstillstand unterzeichnen und zulassen, dass die Hälfte des Landes von deutschen Truppen besetzt wurde. Manasses flohen wieder, jetzt in die südliche unbesetzte Zone, nach Limoges. Die „freie Zone“ allerdings unterstand dem Vichy-Regime, das nicht gerade judenfreundlich gesinnt war. Ab 1941 verhängte Marschall Pétain eine Residenzpflicht für Juden, Manasses wurden nun in das Örtchen Saint-Martin-de-Vésubie, etwa 60 km nördlich von Nizza, gewiesen. Zu den dortigen etwa 1300 Einwohnern kamen fast genauso viele Juden aus ganz Europa hinzu, sie fanden in St. Martin erstmal eine Bleibe.

Der nächste Schlag kam im November 1942, als die italienischen Truppen, Mussolinis Faschisten, den Teil Südfrankreichs um Monaco und Nizza besetzten. Doch diesmal gab es eine Verschnaufpause: die Italiener verzichteten auf Verfolgung und boten den Flüchtlingen einen gewissen Schutz. Der währte nicht lange, denn nach dem Separatwaffenstillstand Italiens am 8. September 1943 zogen sich die Italiener zurück, und das Gebiet gehörte wieder zur „Südzone“ Frankreichs, die nun aber seit Ende 1942 ebenfalls von den Deutschen besetzt worden war. Das Schlimmste – zu Recht – befürchtend, machte sich der Großteil der Juden in St.-Martin abermals auf die Flucht, diesmal über zwei Alpenpässe von über 2400 m nach Italien, wo sie wieder Sicherheit erhofften. Regen, Kälte und unzureichende Ernährung machten diesen Exodus über die Berge äußerst anstrengend, er soll vor allem für Kinder und ältere Menschen besonders beschwerlich gewesen sein. Ida Manasse war fast 73 Jahre alt, ihr Enkel Wolfgang 14.

Aus der Sicherheit in Italien wurde nichts. Am 12. September 1943 waren deutsche Truppen auch in Norditalien einmarschiert, hatten Mussolini „befreit“ und einen italienischen Marionettenstaat eingerichtet. Von den aus St. Martin Geflüchteten griff die SS rund 350 auf und internierte sie in einem leerstehenden Polizeihaftlager im grenznahen Borgo San Dalmazzo.

Ida, Herbert, Emmy und Wofgang Manasse waren unter ihnen. Das grausame Ende ihres langen Fluchtweges war nun besiegelt. Am 21. November 1943 wurden sie mit den anderen Festgenommenen über Savona und Nizza nach Drancy verschleppt, wo sie am 26. November ankamen. Wenige Tage darauf, am 7. Dezember 1943, wurden sie weiter nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Ihr Todesdatum ist nicht bekannt.

Emmy Manasses Mutter Franziska Salomon geb. Schlesinger, die mittlerweile zu ihrer älteren Tochter Käte in die Nassauische Straße 5 gezogen war, war am 17. August 1942 nach Theresienstadt deportiert worden und kam dort am 23. Januar 1943 um. Ihre Tochter Käte nahm sich – drei Tage nach dem Freitod ihres Mannes Julius Schoenfeld – am 26. Oktober 1942 ebenfalls das Leben. Emmys Bruder Ernst Salomon konnte in die USA flüchten.

Biografische und historische Recherchen und Text: Dr. Micaela Haas.
Quellen: Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Landesarchiv Berlin; Yad Vashem, Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer; United States Holocaust Memorial Museum www.ushmm.org (zur MS St. Louis)