Stolpersteine Neue Kantstraße 1

Link zu: Eingang zum ehemaligen Ignatiushaus, Neue Kantstraße 1, 29.9.2010
Eingang zum ehemaligen Ignatiushaus, Neue Kantstraße 1, 29.9.2010
Bild: Bezirksamt, KHMM

Die Stolpersteine für Dr. Paul und Johanna Reiche wurden am 5.6.2004 im Pflaster rechts neben dem Eingang zum ehemaligen Ignatiushaus an der Neuen Kantstraße 1 verlegt.

Link zu: Stolperstein für Dr. Paul Reiche
Stolperstein für Dr. Paul Reiche
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
DR. PAUL REICHE
JG. 1878
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ÜBERLEBT

Paul Theodor Reiche wurde am 9. September 1878 in Berlin geboren. Er machte sein Abitur am Wilhelms-Gymnasium und studierte Medizin in Berlin und Heidelberg. Im Ersten Weltkrieg war er Oberstabsarzt und danach praktischer Arzt. In der Neuen Kantstraße 1 gegenüber dem Amtsgericht hatte er eine 7-Zimmer-Wohnung und seine Praxis, wo er fast nur Kassenpatienten behandelte. Aber seit 1938 durfte er sich diskriminierend nur „Krankenbehandler“ nennen und nur noch jüdische Patienten verarzten.

Verheiratet war Dr. Paul Reiche mit Johanna Reiche geb. Wolff, geboren am 4. April 1990 in Chemnitz, sie war die Tochter von Josef und Marie Wolff. Im Ersten Weltkrieg war Johanna Wolff approbierte Rotkreuz-Krankenschwester und lernte Paul Reiche in einem Feldlazarett kennen. Einige Jahre später heirateten sie, nachdem er – wie sie verlangte – aus der protestantischen Kirche ausgetreten war.

Nach dem Verlust der Approbation musste die Familie Reiche in eine 4-Zimmer Wohnung in der Leonhardtstraße 8 umziehen.
Mit einem 1021 Menschen umfassenden Transport, von denen auffällig viele Ärzte und etwa 150 aus dem Berliner Umland waren, wurden beide am 3. Oktober 1942 vom Güterbahnhof Moabit nach Theresienstadt deportiert. Beide haben das Grauen des Ghettos bis zum Ende erlebt und wurden am 8. Mai 1945 von russischen Soldaten befreit.

Der Sohn Peter Reiche, der in Charlottenburg aufgewachsen ist und Ende 1938 mit einem Kindertransport nach England gerettet worden ist, berichtete über seinen Vater, dass er bis zum Tod 1953 „teilweise mit den selben treugebliebenen Patienten nun in der Windscheidstraße 30 weiter praktizierte“.

Johanna Reiches Mutter Marie Wolff geb. Hofmann (ihr Mann war vorher gestorben), die am 9. November 1863 in Pilsen geboren war, wurde gleichfalls nach Theresienstadt deportiert und ist dort neun Monate vor ihrem 80. Geburtstag ums Leben gebracht worden. Ein Stolperstein zum Gedenken an Marie Wolff wurde vor deren letztem Wohnhaus an der Gneiststraße 8 in Grunewald verlegt. Ihr Bruder Julius Hofmann, geboren am 17. November 1873 in Pilsen, ist ebenfalls in Theresienstadt umgekommen.

Peter Reiche starb am 1. Dezember 2008 in den USA und ist auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee beerdigt.

Text: Helmut Lölhöffel
Quellen: Bundesarchiv; Adressbuch; Opferdatei Theresienstadt; Erinnerungen von Peter Reiche, in: Juden in Charlottenburg, Ein Gedenkbuch. Berlin 2009.

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Stolperstein für Johanna Reiche
Bild: Sara Götz, BA

HIER WOHNTE
JOHANNA REICHE
GEB. WOLFF
JG. 1890
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ÜBERLEBT