Stolpersteine Meierottostraße 6

Hauseingang Meierottostr. 6, 25.03.2012

Hauseingang Meierottostr. 6, 25.03.2012

Diese Stolpersteine wurden am 30.07.2005 verlegt.

Stolperstein Dr. Selmar Frankenstein, 25.03.2012

Stolperstein Dr. Selmar Frankenstein, 25.03.2012

HIER WOHNTE
DR. SELMAR
FRANKENSTEIN
JG. 1871
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 29.10.1942

Selmar Frankenstein wurde geboren am 28. Februar 1871 in Bischofsburg (Biskupiec) in der Nähe von Allenstein (Olsztyn) in Ostpreußen. Sein Vater hieß Moshe Frankenstein. Er studierte Medizin, machte seinen Dr. med. und wurde 1894 Arzt. 1895 veröffentlichte Frankenstein ein Buch, vermutlich seine Doktorarbeit, „Über periauriculäre Entzündungen und Abscessbildungen bei Otitis media purulenta“.

Im Berliner Adressbuch war er unter der Anschrift Meierottostraße 6, wo er auch seine Praxis hatte, als Arzt und Sanitätsrat eingetragen. Er war „Wohlfahrtsarzt“ im Berliner städtischen Gesundheitsdienst bei der Charité und wurde dort 1933 nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten entlassen. Seit 1939 durfte er sich wie alle jüdischen Ärzte, denen die Approbation entzogen wurde, nur „Krankenbehandler“ nennen und ausschließlich jüdische Patienten annehmen.

Er war der Onkel und Vormund von Walter Frankenstein, Handwerker im Auerbach’schen Waisenhaus und Rechtsaußen beim jüdischen Fußballverein Makkabi. Er und seine Frau Leonie geb. Rosner überlebten die Judenvernichtung der Deutschen.

Selmar Frankenstein wird als „deutschnationaler Jude“ und als „Patriot“ beschrieben. Er war stets korrekt gekleidet und trug am linken Revers seines Anzugs Orden der Eisernen Kreuze 1. und 2. Klasse aus dem Ersten Weltkrieg. Frankenstein war Verehrer des Kaisers, der ihm einst eine Uhr geschenkt hatte und diente als Oberstabsarzt im Hauptquartier des Generalfeldmarschalls – für Juden eine ungewöhnlich hohe Position.

Frankenstein war ein hoch angesehener Mediziner und verkehrte in Künstlerkreisen. Maler, Dichter und Schauspieler gehörten zu seinem Freundeskreis, er hatte beste Beziehungen. Jüdische Emigranten waren in seinen Augen „Verräter des Vaterlandes“. Er war und blieb ein strikter Gegner zionistischer Auswanderung. Noch in seinem Testament bestimmte er, dass nur erbberechtigt sei, wer zum Zeitpunkt seines Todes im Deutschen Reich weilt. Er konnte sich nicht vorstellen, dass die Deutschen die Juden verfolgen würden. Schon gar nicht ihn.

Am 3. Oktober 1942 wurde das Ehepaar mit einem Massentransport aus Berlin nach Theresienstadt deportiert. Selmar kam dort am 24. Oktober 1942 ums Leben, der Totenschein nannte einen „Darmkatarrh“ als angebliche Todesursache – dies war die übliche Umschreibung für die üblen hygienischen Zustände in dem Lager.

Stolperstein Ottilie Frankenstein, 25.03.2012

Stolperstein Ottilie Frankenstein, 25.03.2012

HIER WOHNTE
OTTILIE
FRANKENSTEIN
GEB. LEWISSON
JG. 1871
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 29.10.1942

Ottilie Frankenstein geb. Lewisson wurde am 23. Mai 1871 (auch angegeben wird als Geburtsjahr 1876) in Berlin geboren. Sie wurde die Ehefrau des Arztes Dr. Selmar Frankenstein, der jedoch, weil er Jude war, nicht mehr frei praktizieren durfte. Sie lebten in der Meierottostraße 6 in einer Sechs-Zimmer-Wohnung.

Beide wurden zusammen am 3. Oktober 1942 von Berlin-Moabit mit 1022 Menschen nach Theresienstadt deportiert. Dort ist Selmar am 24. umgekommen. Ottilie nahm sich fünf Tage später am 29. Oktober 1942 das Leben, indem sie – wie der Totenschein aus dem Ghetto Theresienstadt ausweist – sich vergiftete.

Der Neffe Selmar Frankensteins, Walter Frankenstein (geboren am 30. Juni 1924), hat aus Stockholm 1980 bei der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel Gedenkblätter mit Daten seines Onkels und dessen Ehefrau Ottilie eingereicht. 1955, 1957 und 1963 beantragte er aus Israel und aus Stockholm Entschädigungen für ein Radio und ein Mikroskop sowie Guthaben und Wertpapiere, Gold, Silber, Schmuck und für die Wohnungseinrichtung, ebenso für die zwangsweise von den Nazis erhobene “Judenvermögensabgabe“. Auch Gerda Weygoldt geb. Rothschild (geboren am 3. Oktober 1902), die in der Damaschkestrasse 23 in Berlin wohnte, stellte 1957 einen Entschädigungsantrag.

Recherche: Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf.
Quellen: Bundesarchiv, Adressbuch, Deportationslisten, Theresienstadt-Archiv, Akten im Entschädigungsamt Berlin, Institut für Geschichte der Medizin der Charité. Literatur: Klaus Hillenbrand: Nicht mit uns. Das Leben von Leonie und Walter Frankenstein, Frankfurt am Main 2008 und https://www.taz.de/!522237/