Berliner Ehrengrabstätten auf Wilmersdorfer Friedhöfen

Ehrengrabstaetten_Titelbild
Bild: Thiemen, Monika

Ehrengrabstätten des Landes Berlin sind Ausdruck der Ehrung Verstorbener, die zu Lebzeiten hervorragende Leistungen mit engem Bezug zu Berlin erbracht oder sich durch ihr überragendes Lebenswerk um die Stadt verdient gemacht haben.

Die Anerkennung als Ehrengrabstätte erfolgt durch Senatsbeschluß frühestens fünf Jahre nach dem Tod für einen Zeitraum von zunächst 20 Jahren. Der Senat von Berlin kann in besonderen Fällen anschließend die Fortdauer der Anerkennung beschließen. Besondere Regelungen gelten für Ehrenbürgerinnen und Ehrenbürger.

Auf den drei Wilmersdorfer Friedhöfen (Friedhof Grunewald, 10711 Berlin, Bornstedter Straße 11; Friedhof Schmargendorf, 14199 Berlin, Misdroyer Straße 51-53; Friedhof Wilmersdorf, 10713 Berlin, Berliner Straße 81-103) gibt es 23 Ehrengräber.

Bei einem Spaziergang fallen diese Ehrengräber durch eine Ehrengrabmarkierung auf. Die jeweiligen Grabstätten sind mit einem rötlichen Stein gekennzeichnet, der die zweizeilige Aufschrift „Ehrengrab, Land Berlin“ über dem Wappen der Stadt, den Berliner Bären, trägt.

Doch welche Verdienste hat der oder die Verstorbene für das Land Berlin erworben? Dies können Sie in dieser Broschüre kurz und bündig nachlesen.
Handlich im Taschenformat, begleitet Sie diese Broschüre bei Ihren Besuchen
auf den drei Wilmersdorfer Friedhöfen mit Informationen über die Persönlichkeiten der Ehrengrabstätten.

Ermöglicht wurde diese Broschüre durch Sachmittel für „Freiwilliges Engagement in Nachbarschaften“ (FEIN), die das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf von Berlin im Rahmen von „Maßnahmen zur Verbesserung der öffentlichen Infrastruktur in Eigenleistung“ zur Verfügung gestellt hat.

Wir danken allen Institutionen und Personen, die uns Informationen und Fotos zur Verfügung gestellt und damit diese Publikation auch möglich gemacht haben.

Dr. Oliver Kersten, Monika Thiemen

Weitere Informationen finden Sie auch hier

GÜNTHER
ABENDROTH

geb. 16.08.1920 Berlin
gest. 10.01.1993 Berlin

SPD-Politiker
1948-1958 Wilmersdorfer Bezirksverordneter
1958-1963 Mitglied des Abgeordnetenhauses
1961-1992 Vorsitzender der Freien Volksbühne
1963-1975 Kreuzberger Bezirksbürgermeister
1989 Bundesverdienstkreuz 1. Klasse
1990 Stadtältester

Friedhof Wilmersdorf
Ehrengrab seit 1993
Grablage: D 16 UW 23

Nach einer Ausbildung als Chemotechniker, die durch den Krieg unterbrochen wurde, studierte Günther Abendroth an der TU Berlin Chemie. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat er der Gewerkschaft und der SPD bei. Er schloss sein Studium im Jahre 1955 als Diplomingenieur ab.
Von 1948 bis 1958 war er Bezirksverordneter in Berlin-Wilmersdorf. Mit seinen kommunalpolitischen Erfahrungen ging er 1958 für eine Legislaturperiode ins Berliner Abgeordnetenhaus. Aber schon Anfang 1963 kehrte er in die Kommunalpolitik zurück und war bis zum 08.01.1975 Bezirksbürgermeister von Kreuzberg. In seine zwölfjährige Amtszeit fallen wichtige Weichenstellungen für den Bezirk Kreuzberg. So wurde z.B. unter ihm nach dem Wiederaufbau der Nachkriegszeit bereits in Ansätzen mit der Stadterneuerung begonnen.
Als Mitglied der Arbeiterwohlfahrt setzte er seine Kreuzberger Erfahrungen in praktische politische Empfehlungen um und kämpfte für ein gleichberechtigtes Miteinander, für eine Integration bei Wahrung der eigenen kulturellen Identität. Im November 1980 kehrte er als Nachrücker noch einmal in das Berliner Abgeordnetenhaus zurück.
Von 1961 bis 1992 war er Vorsitzender der „Freien Volksbühne Berlin e. V.“. 1970 wurde er Vorsitzender des „Bundesverbandes der Volksbühnenvereine“. In diesen Eigenschaften sorgte er für eine Weiterentwicklung der Idee, Theater breiten gesellschaftlichen Kreisen zugänglich zu machen.
1989 erhielt er das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, ein Jahr später wurde er als Stadtältester von Berlin geehrt, und seit dem 09.12.1990 war Günther Abendroth Ehrenmitglied der „Freien Volksbühne Berlin“. -MT

AMELIE Hedwig
BEESE-BOUTARD geb. Beese

genannt Melli Beese

geb. 13.09.1886 Laubegast bei Dresden
gest. 21.12.1925 Berlin (Freitod)

1911 erste deutsche Fliegerin (Flugschein Nr. 115)
1912 Höhenweltrekord (825 m) für Frauen
1912 Gründung Flugschule „Melli Beese GmbH“
Konstruierte, baute und flog Motorflugzeuge
„Fliegen ist notwendig. Leben nicht.“

Friedhof Schmargendorf
Ehrengrab seit 1975
Grablage: L-2-73

Ein entfaltetes, in die Luft gehaltenes Taschentuch durfte sich nicht bewegen – nur an vollkommen windstillen Tagen durfte Melli Beese, die als erste Frau in die Männerdomäne Fliegen eindrang, abheben. Ihre Kollegen und Lehrer boykottierten ihre Flugstunden, durchlöcherten Benzintanks, manipulierten ihre Rumpler-Taube, waren abergläubisch nach Bruchlandungen. Eine Frau gehöre einfach nicht in ein Flugzeug.
Sie flog trotzdem, oder gerade deshalb, und schaffte es, an einem klaren, sonnigen Herbsttag 1911 – ihrem 25. Geburtstag – die nötigen Flugrunden und Figuren zu absolvieren, um danach punktgenau zu landen. Prüfung bestanden! Sie durfte sich die erste „Motorfliegerin“ Deutschlands nennen und stellte noch im selben Jahr einen Dauerund einen Höhenweltrekord für Frauen auf.
1912 gründete sie ihre eigene Flugschule in Berlin. Ihr Teilhaber, Konstrukteur Charles Boutard, unterstützte sie – aber Melli Beese war es, die ihren eigenen, neuen Flugzeugtyp, die „Beese-Taube“, entwarf und konstruierte; mit dem Flugzeug ging die Firma erfolgreich in die Produktion. Durch die Heirat mit Boutard wurde Beese französische Staatsbürgerin,was ihr 1914, bei Ausbruch des 1. Weltkrieges, zum Verhängnis wurde. Die Produktion wurde eingestellt, die Flugschule geschlossen. Zum Staatsfeind erklärt, wurde sie verhaftet. Nach dem Krieg stand sie vor dem Nichts.
Aber sie gab nicht auf. Sie ging zurück nach Berlin, um ihre Pilotenlizenz zu erneuern. Sie bruchlandete auf dem Flugplatz, blieb unverletzt, jedoch war das Flugzeug vollständig zerstört. In diesem Jahr entschied die ehrgeizige, selbstbewusste und unängstliche Frau nicht mehr leben zu wollen. Am 21.12.1925 erschoss sie sich.
Gekürzt aus Charlotte & Wilma, Die Namensgeberinnen im Bezirk, 2012.

Christian Blisse
Christian Blisse Bild: Museum Charlottenburg-Wilmersdorf

CHRISTIAN Georg
BLISSE

geb. 29.01.1823 Wilmersdorf
gest. 30.12.1905 Wilmersdorf

Patronatsältester in Wilmersdorf
Preuß. Königlicher Kronenorden 4. Klasse
Erblasser der
„Christian und Auguste Blisse-Stiftung“

Friedhof Wilmersdorf
Ehrengrab seit 1969
Grablage: A-7-West-96/97 (Mauer)

Christian Blisse entstammte einem alten Bauerngeschlecht in dem Gebiet um Wilmersdorf.
Infolge der rasant wachsenden Reichshauptstadt, die immer mehr Bauland benötigte und einer klugen, abwartenden Verkaufstaktik wurde er schließlich zu einem „Millionenbauer“.
Verheiratet war er mit Auguste Amalie Blisse, geb. Schierjott.
Selbst kinderlos geblieben, nahmen die Blisses eine Pflegetochter auf, die sie großzogen.
Christian Blisse war Patronatsältester in Wilmersdorf und wurde mit dem Preußischen Königlichen Kronenorden 4. Klasse geehrt.
Zu Lebzeiten stiftete das Ehepaar Kirchenglocken für die neu erbaute Auenkirche.
Nach dem Tod der Blisses floß der größte Teil der Erbschaft, nämlich 3 Millionen
Reichsmark, in die „Christian und Auguste Blisse-Stiftung“. Es wurde ein Waisenhaus errichtet, das evangelische Kinder vom 6. bis zum 16. Lebensjahr versorgen und erziehen sollte. Das Gebäude wurde an der Wilhelmsaue 116/117, dem Zentrum des früheren Dorfes Wilmersdorf, auf dem Grundstück des Stammgutes der Blisses in den Jahren 1908 bis 1910 einschließlich der Einrichtung für 600.000 Reichsmark nach den Plänen und unter
der Leitung des Stadtbaurates Otto Herrnring erbaut. Die Eröffnung des Waisenhauses erfolgte am 01.01.1911. Das restliche Geld der Stiftung diente der Finanzierung des Anstaltsbetriebes, das jedoch durch die Inflation vernichtet wurde. Im Nationalsozialismus wurde die Stiftung zweckentfremdet.
Das Blisse-Stift befindet sich heute in der Verwaltung des Bezirksamtes Charlottenburg-Wilmersdorf. Im Blisse-Stift werden Hortkinder der Comenius-Schule im Rahmen der offenen Ganztagsschule“ betreut. Förderschwerpunkt der Comenius-Schule ist Autismus und Lernbehinderung. Heute befinden sich im Blisse-Stift u. a. Bewegungs- und Ruheräume, ein Malatelier und eine Holz- und Töpferwerkstatt.
An das Ehepaar Blisse erinnert in Wilmersdorf seit 1947 die Blissestraße und seit 1971 der U-Bahnhof „Blissestraße“ der Linie 7. -OK

Auguste Blisse
Auguste Blisse Bild: Museum Charlottenburg-Wilmersdorf

AUGUSTE Amalie
BLISSE geb. Schierjott

geb. 17.09.1845 Charlottenburg
gest. 20.08.1907 Deutsch-Wilmersdorf

Begründerin der
„Christian und Auguste Blisse-Stiftung“

Friedhof Wilmersdorf
Ehrengrab seit 1969
Grablage: A-7-West-96/97 (Mauer)

Christian Blisse
Christian Blisse Bild: Museum Charlottenburg-Wilmersdorf

Prof. HANS Gottlieb Leopold
DELBRÜCK

geb. 11.11.1848 Bergen auf Rügen
gest. 14.07.1929 Berlin

Historiker, Publizist
freikonservativer-Politiker
1882-1885 Preußischer Abgeordneter
1884-1890 Mitglied des Reichstages
1895 Professor der Friedrich-Wilhelms-Universität
Hauptwerk: „Geschichte der Kriegskunst im
Rahmen der politischen Geschichte“

Friedhof Grunewald
Ehrengrab seit 1997
Grablage: III-1-9/10

Nach dem Studium der Geschichte in Greifswald, Heidelberg und Bonn betraute man ihn bis 1879 mit der Erziehung des Prinzen Waldemar von Preußen. Nach seiner Habilitation 1881 und langjähriger Tätigkeit als Privatdozent an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität erhielt Delbrück erst 1895 dort eine Professur und wurde ein Jahr später Nachfolger von Treitschke. Er war 1882/1883 Gründer und Herausgeber der „Politischen Wochenschrift“ und seit 1883 Redakteur der „Preußischen Jahrbücher“. Darüber hinaus war er ein reger Publizist. Bahnbrechend wirkten seine Studien zur Militärgeschichte, die er
in die allgemeine Geschichtswissenschaft mit einbezog. Als sein Hauptwerk gilt die vierbändige „Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte“, die von 1900 bis 1920 erschien.
Neben der Forschung und Lehre als Historiker betätigte er sich auch als „Gelehrter in der Politik“. Als Mitglied der Freikonservativen saß er von 1882 bis 1885 im Preußischen Abgeordnetenhaus und von 1884 bis 1890 im Reichstag. Er vertrat liberal-fortschrittliche Ansichten. Auch wenn er sich selbst als „aufgeklärten Konservativen“ sah, unterstützte er z. B. die Forderung, das preußische Dreiklassenwahlrecht abzuschaffen. Nach dem Ende
des Ersten Weltkriegs wandte er sich ausdrücklich gegen die „Kriegsschuldlüge“ und die „Dolchstoßlegende“.
Hans Delbrück wohnte ab 1909 in der Grunewalder Kunz-Buntschuh-Straße 4. Er gründete zusammen mit Eugen Schiffer den politischen Klub „Mittwochabend“, den er bis zu seinemTode leitete. -OK

Dr. CARL PAUL
GOERZ

geb. 21.07.1854 Brandenburg
gest. 14.01.1923 Berlin

Unternehmer
1888/1890 Gründung „Optische Anstalt C. P. Goerz“
seinerzeit größter Berliner Hersteller von Präzisionsoptik
1903 Kommerzienrat
1908 Gründung „Goerz Photochemische Werke GmbH“
1914 Dr. Ing. E. h. Königl. Techn. Hochschule Charlottenb.

Friedhof Grunewald
Ehrengrab seit 1978
Grablage: I a-UW-52

Der spätere Unternehmer Carl Paul Goerz war nach einer kaufmännischen Lehre zunächst Vertreter für optische und feinmechanische Firmen tätig, bis er in Paris als Teilhaber des Unternehmens von Eugen Kraus eintrat. 1886 nach Berlin gekommen, eröffnete er ein Versandhaus für mathematische Instrumente, später auch für Fotoapparate. Seine rasant wachsende Firma für Optik und Feinmechanik wurde 1903 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und 1908 eine eigene Filmfabrik (Goerz Photochemische Werke G.m.b.H.) angegliedert. Im Ersten Weltkrieg beschäftigten die Goerzschen Werke ca. 12.000 Arbeiter. Zweigfabriken und Niederlassungen befanden sich in Wien, New York, Paris,
London, St. Petersburg, Riga und Preßburg (heute Bratislawa, Slowakei). Die Firma ging 1927 in der Zeiss-Ikon-AG auf.
Besondere Verdienste hat Goerz sich nicht nur im internationalen Ruf deutscher optischfeinmechanischer Präzisionsarbeit erworben, sondern ebenso um den Übergang von der handwerksmäßigen Herstellung zur Industrieproduktion.
Beachtlich ist sein soziales Engagement für seine Arbeiter, denen er bereits 1894 die 48-Stunden-Woche und ab 1897 einen bezahlten Sommerurlaub gewährte. Darüber hinaus rief er 1904 einen Pensionsfonds ins Leben, der von ihm großzügig dotiert wurde.
1903 zum Kommerzienrat ernannt, ehrte ihn die Technische Hochschule Charlottenburg 1914 mit dem Titel Dr. Ing. E. h.
In Berlin-Zehlendorf erinnert seit 1925 die Goerzallee an ihn. -OK

JOHANNES
HASS (auch Haß)

geb. 24.09.1873 Kiel
gest. 07.11.1945 Berlin

SPD-Politiker
ab 1915 Vorsitzender „Verband der
Lithographen und Steindrucker und verwandter
Berufe Deutschlands“
1920-1933 Berliner Stadtverordneter
1924-1933 Berliner Stadtverordnetenvorsteher
1930-1933 Mitglied des Preußischen Staatsrates

Friedhof Wilmersdorf
Ehrengrab seit 1965
Grablage: B 10-UW 3-15

Nachdem der Steindrucker Hass 1896 in die Reichshauptstadt Berlin gekommen war, wurde er 1904 Angestellter im gewerkschaftlichen „Verband der Lithographen und Steindrucker und verwandter Berufe Deutschlands“. Ab 1913 arbeitete er in der dortigen Zentralverwaltung und wurde seit 1915 deren Verbandsvorsitzender. 1919 wählte man ihn für die SPD in die Gemeindevertretung von Treptow und 1924 zum Vorsteher der Berliner
Stadtverordnetenversammlung. Während er bei der Wahl auch Stimmen aus den
bürgerlichen Parteien erhielt, wurde seine Antrittsrede von kommunistischen
Stadtverordneten gestört. Seit 1930 gehörte er dem Preußischen Staatsrat an.
Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten wurde ihm das Mandat entzogen, er wurde aus dem Preußischen Staatsrat ausgeschlossen und man verbot ihm die Tätigkeit als Stadt- und Bezirksverordneter. Mehrfach inhaftiert, erkrankte er 1944 schwer. Der Verhaftungswelle der „Aktion Gewitter“ im August 1944 entging er nur durch Zufall, weil er zu diesem Zeitpunkt zur Operation nach Karlsbad (heute Karlovy Vary/Tschechien) verschickt worden war. Nachdem er im September 1944 wieder nach Berlin zurückgekehrt war, erlag er dort schließlich Ende 1945 den Spätfolgen der Inhaftierungen. -OK

Dr. GUSTAV
KEMMANN

geb. 10.06.1858 Heresbach bei Mettmann
gest. 09.02.1931 Berlin

Verkehrswissenschaftler
„Vater der Berliner Hoch- und Untergrundbahn“
1913 Geheimer Baurat
1918 Dr. Ing. E. h. Königl. Techn. Hochsch. Charlottenb.
1919 außerord. Mitglied der Akademie des Bauwesens

Friedhof Wilmersdorf
Ehrengrab seit 2004
Grablage: B-6-Ost-70/72

Der Verkehrswissenschaftler Gustav Kemmann gilt als Pionier des Berliner Nahverkehrs.
Nach dem Studium an der Bauakademie in Charlottenburg arbeitete er zunächst bei den Preußischen Staatseisenbahnen und in der Eisenbahnabteilung des Ministeriums für öffentliche Arbeiten in Berlin, bis er 1891-1896 in das Reichspatentamt wechselte. Nach zwei Reisen nach London veröffentlichte er 1892 sein Standardwerk zum Londoner Verkehr. Da in der Fachwelt sein Bekanntheitsgrad immer mehr stieg, berief ihn schließlich die Deutsche Bank als Sachverständigen für Verkehrsfragen. Kemmann berechnete und plante 1897 die erste Berliner U-Bahnstrecke Warschauer Straße – Zoologischer Garten.
Seine Verkehrsprognosen und seine Wirtschaftlichkeitsberechnungen waren Pioniertaten der Verkehrsmathematik. Außerdem setzte er im Berliner U-Bahnnetz ein selbständiges Signalsystem durch und strebte eine Vereinheitlichung des Berliner Nahverkehrsnetzes an.
Kemmanns verkehrstechnischer Rat wurde nicht nur in Berlin herangezogen, sondern auch von anderen Städten wie Hamburg, Köln, Wien, Rotterdam, London, New York, Boston und Buenos Aires.
Der Architektenverein zu Berlin nahm ihn 1911 auf und Kaiser Wilhelm II. ernannte ihn 1913 zum Geheimen Baurat. 1918 verlieh ihm die Königlich Technische Hochschule Charlottenburg die Würde eines Doktor-Ingenieurs ehrenhalber und 1919 erfolgte seine Berufung zum außerordentlichen Mitglied der Akademie des Bauwesens.
Von 1897 bis zu seinem Tod wohnte er in der „Villa Kemmann“ in der Wernerstraße 10-12 im Grunewald. In Spandau erinnert seit 1955 der Kemmannweg an ihn. -OK

WILLI
KRAUSE

geb. 02.07.1903 Königsberg
gest. 04.12.1987 Berlin

SPD-Politiker
Vorsitzender der Gewerkschaft Bau-Steine-Erden
Berlin-West
1950-1971 Wilmersdorfer Bezirksverordneter
1973 Stadtältester

Friedhof Wilmersdorf
Ehrengrab seit 1987
Grablage: A 11-UW-129

Nach dem Besuch der Volksschule und absolvierter Lehre als Zimmerer kam er 1928 nach Berlin. Sein großes Engagement galt bis zum Machtantritt der Nationalsozialisten der SPD und der Gewerkschaft.
Nach dem Untergang des „Dritten Reiches“ trat er wieder der SPD bei und übernahm zunächst den Vorsitz der Gewerkschaft der Bauarbeiter in Berlin-Wilmersdorf, rückte später in den dortigen Berliner Vorstand auf und wurde schließlich Landesvorsitzender der Gewerkschaft Bau-Steine-Erden Berlin-West. Seit 1949 war er Mitglied des geschäftsführenden Bundesvorstandes der „Unabhängigen Gewerkschaftsorganisation“ (UGO). Willi Krause gehörte von 1950 bis 1971 der Wilmersdorfer Bezirksverordnetenversammlung (BVV) an und wirkte im dortigen Bau- und Planungsausschuss.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wohnte er in der Tübinger Straße 7 und ab 1951 Am
Volkspark 83. Für sein kommunales Engagement verlieh ihm der Senat 1973 den
Ehrentitel „Ältester der Stadt“. -OK

HEINRICH
KÜHN

geb. 16.11.1894 Tirschenreuth/Bayern
gest. 02.05.1981 Berlin

SPD-Politiker
1946, 1951-1955, 1959-1963 Bezirksverordneter
1946-1951 Volksbildungsstadtrat Charlottenburg
1955-1959 Finanz- und Wirtschaftsstadtrat ebenda
1967 Stadtältester

Friedhof Wilmersdorf
Ehrengrab seit 1981
Grablage: E 3-UR-317

Der gelernte Porzellanmaler Heinrich Kühn kam 1912 nach Berlin und arbeitete zunächst in der königlichen Porzellanmanufaktur. Nachdem er im Ersten Weltkrieg als Soldat gedient hatte, kehrte er nach Berlin zurück und schloss sich 1919 der SPD an. In der inzwischen verstaatlichten Porzellanmanufaktur war er bis 1927 tätig und zog dann nach Schlesien, wo er in Waldenburg (heute Wałbrzych/Polen) Vorsitzender des Gewerkschaftskartells für das niederschlesische Industriegebiet wurde. In der Zeit von 1933 bis 1938 von Arbeitslosigkeit betroffen, kehrte er wieder nach Berlin zurück und
arbeitete hier schließlich beim Reichsverband der Innungskrankenkassen.
1945/1946 war Kühn zunächst als Fachreferent bei der Deutschen Zentralverwaltung der Industrie in der sowjetischen Besatzungszone tätig.
In die Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg wurde Kühn 1946 gewählt und bekleidete von 1946 bis 1951 das Amt des Bezirksstadtrates für Volksbildung. Die Charlottenburger SPD-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung führte er dann von
1951 bis 1955. Daran anschließend war er bis 1959 Charlottenburger Bezirksstadtrat für Finanzen und Wirtschaft. 1959 erfolgte erneut seine Wahl in die Bezirksverordnetenversammlung, der er bis zum Ende der Wahlperiode angehörte.
Darüber hinaus war Kühn als freier Mitarbeiter in verschiedenen Verlagen tätig und arbeitete in der Pressekommission des sozialdemokratischen „Vorwärts“. 1967 würdigte der Senat sein kommunales Engagement mit dem Ehrentitel „Ältester der Stadt“. -OK

Dr. GEORG Heinrich
LANGE

geb. 15.08.1883 Schlawa/Niederschlesien
gest. 14.05.1964 Berlin

FDP-Politiker, Jurist
1919 Stadtrat in Schöneberg
1926-1930 Stadtkämmerer von Berlin
1945/1946 Bürgermeister in Krausnick/Spreewald
1946-1951 Wilmersdorfer Finanz- und Wirtschaftsstadtrat
1954-1958 Wilmersdorfer Bezirksverordneter
1958 Stadtältester

Friedhof Schmargendorf
Ehrengrab seit 1964
Grablage: H-59a/59b

Georg Lange war der Sohn eines Land- und Gasthauswirtes sowie Likörfabrikanten. Nach dem Abitur studierte er von 1902-1906 Rechtswissenschaften in München und in Breslau, mit dem Abschluß Dr. jur. Danach war er als Magistratsassessor in Deutsch-Wilmersdorf
(1912) und in Schöneberg (1914) tätig. Nach der Teilnahme am Ersten Weltkrieg wurde er 1919 zum Stadtrat in Schöneberg gewählt. Von 1920-1926 war er Generalsteuerdirektor und anschließend bis 1930 unter Oberbürgermeister Gustav Böß Stadtkämmerer von Berlin. Beide wurden auf Vorschlag der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) in ihre Ämter gewählt. Nach dem Rücktritt von Böß wurde er in den Ruhestand versetzt.
Nach dem Ausscheiden aus dem Amt ließ er sich als Rechtsanwalt nieder. Er wohnte bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges in der Barbarossastraße 30. Aber schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm er wieder Aufgaben in der Kommunalpolitik. Er wurde für eine kurze Zeit (03.05.1945-03.01.1946) Bürgermeister von Krausnick im Spreewald. Ab Mai 1946 bis 1951 war er Wilmersdorfer Finanz- und Wirtschaftsstadtrat und von 1954- 1958 Wilmersdorfer Bezirksverordneter.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wohnte er zunächst am Hohenzollerndamm 127 und dann in der Homburger Straße 71a.
In Würdigung seiner kommunalpolitischen Leistungen wurde er am 18.08.1958 zum Stadtältesten von Berlin ernannt. -MT

Prof. OTTO
LESSING

geb. 24.02.1846 Düsseldorf
gest. 22.11.1912 Deutsch-Wilmersdorf

Bildhauer, Maler, Kunstgewerbler
Schuf u. a. das Denkmal für Gotthold Ephraim Lessing
im Berliner Tiergarten
1905 Mitglied des Senats der Akademie der Künste
1911 Orden Pour le mérite f. Wissenschaft und Künste

Friedhof Grunewald
Ehrengrab seit 2001
Grablage: IV-Gitter 47/48

Der Bildhauer, Maler und Kunstgewerbler war der Urgroßneffe des Dichters Gotthold Ephraim Lessing. Otto Lessing studierte zunächst bei seinem Vater Karl Friedrich Lessing Malerei und schließlich bei Carl Steinhäuser an der Karlsruher und an der Berliner Akademie unter Albert Wolff Bildhauerei. Der Bildhauer des Historismus schuf u. a. das Lessingdenkmal im Berliner Großen Tiergarten. Weitere Denkmäler sind in Hamburg, Hildesheim, Weimar und Königswinter zu finden. Darüber hinaus erhielt er Aufträge für diverse dekorative Bauplastiken an repräsentativen Berliner Gebäuden wie z. B. dem Reichstag, dem Preußischen Herrenhaus, dem Kaiserlichen Patentamt oder dem Neuen
Marstall. 1888/1889 übertrug Kaiser Wilhelm II. Otto Lessing die Ausstattung seines Eisenbahnsalonwagens. Anerkennung verschaffte er sich auch mit Entwürfen für die Bronzetüren der Ruhmeshalle im Berliner Zeughaus, für Gold- und Silberschmiedearbeiten, für Glasmosaiken sowie für Keramik und Gobelins.
1905 wurde er in den Senat der Akademie der Künste gewählt und 1911 mit dem Orden Pour le mérite für Wissenschaft und Künste geehrt.
Sein Ateliergebäude befand sich in der Caspar-Theyß-Straße 12 und seine Villa in der Wangenheimstraße 10. Er verstarb in seiner 1910 bezogenen Wohnung am Hohenzollerndamm 112.
Die heute nur teilweise erhaltene Grabstätte hatte er noch zu Lebzeiten selbst geschaffen.
Das Foto von 1934 zeigt auf dem Grabmal die Skulpturengruppe „Leben unter dem Kreuze“. -OK

Walter List
Walter List Bild: Thiemen, Monika

WALTER
LIST

geb. 30.04.1898 Leipzig
gest. 02.10.1987 Berlin

SPD-Politiker
1967-1975 Wilmersdorfer Bezirksverordneter
1978 Stadtältester

Friedhof Wilmersdorf
Ehrengrab seit 1987
Grablage: B 7-UW 4-27

Nach Schulbesuch in Leipzig, Ausbildung und Berufstätigkeit als Buchdrucker, nahm Walter List an beiden Weltkriegen teil. Er wurde Mitglied der SPD und der
Buchdruckergewerkschaft in Leipzig. 1950 verließ er aus politischen Gründen die DDR und siedelte nach West-Berlin über. Er war Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der politischen Flüchtlinge im Landesverband der Berliner SPD und Mitglied des Verwaltungsrates des Zentralverbandes der politischen Flüchtlinge.
Kommunalpolitisch war er über zwei Wahlperioden von 1967-1975 in der Wilmersdorfer Bezirksverordnetenversammlung aktiv.
Für sein engagiertes kommunales Wirken dankte der Senat von Berlin ihm anlässlich seines 80. Geburtstages mit der Verleihung des Ehrentitels „Ältester der Stadt“. -MT

Prof. Hermann MAX
PECHSTEIN

geb. 31.12.1881 Zwickau
gest. 29.06.1955 Berlin

Maler, Bildhauer, Grafiker
bedeutender Expressionist
1922 Professor der Preuß. Akademie der Künste
1945 Professor Hochschule für bildende Künste
1951 Ehrensenator Hochschule für bildende Künste
1952 Großes Bundesverdienstkreuz
1954 Kunstpreis des Berliner Senats

Friedhof Schmargendorf
Ehrengrab seit 1980
Grablage: A 1

Nach einer Lehre als Dekorationsmaler schrieb er sich 1900 an der Kunstgewerbeschule in Dresden ein. Von 1903-1906 war er Meisterschüler von Prof. Gussmann an der Kunstakademie in Dresden.
Die Bekanntschaft mit Erich Heckel und Ernst Ludwig Kirchner führte ihn 1906 in die Künstlergruppe „Brücke“. 1908 zog er nach Berlin und wurde Mitglied der „Berliner Secession“. 1910 gehörte Max Pechstein zu den Mitbegründern der „Neuen Secession“, nachdem auf Druck von Max Liebermann Arbeiten von ihm abgelehnt wurden. 1912 schied er aus der „Brücke“ aus, weil er den Beschluß, nur gemeinsam auszustellen, als zu starke Einschränkung empfand.
Seine in den Jahren 1913/1914 unternommene Südseereise, sowie seine Teilnahme am Ersten Weltkrieg an der Westfront in Somme/Flandern (1916/1917), verarbeitete er in Reisebildern und –lithographien und Radierungen. 1918 wurde Max Pechstein Mitbegründer der „Novembergruppe“ und der sozialistischen Vereinigung Arbeitsrat für Künstlerische Gestaltung. Die Preußische Akademie der Künste ernannte ihn 1922 zum Professor. 1933 wurde er seines Lehramtes enthoben und erhielt als „entarteter“ Künstler Ausstellungsverbot. 326 seiner Werke wurden beschlagnahmt. 1944 ging ein großer Teil seiner Werke durch Kriegseinwirkungen verloren. Nach 1945 wurde er wieder Professor und 1951 Ehrensenator an der Berliner Hochschule für bildende Künste.
Max Pechstein gilt als bedeutender Expressionist, der in seinen Figurenbildern, teilweise mit exotischer Ornamentik der Palauinseln, Landschaften und Stillleben ausdrucksstarke und farbgewaltige Gemälde schuf. -MT

RUDOLF Antonius Heinrich
PLATTE

geb. 12.02.1904 Hörde/Dortmund
gest. 18.12.1984 Berlin

Schauspieler u. a. im „Hauptmann von Köpenick“
1930 Mitbegründer Kabarett „Die Katakombe“
1969 Bundesverdienstkreuz Erster Klasse
1978 Filmband in Gold für sein „langjähriges und hervorragendes Wirken im deutschen Film“

Friedhof Wilmersdorf
Ehrengrab seit 2010
Grablage: A 6 UW 126

Bereits mit 16 Jahren verlässt er vor dem Abitur das Gymnasium, um Schauspielunterricht zu nehmen. Nach Bühnenauftritten in Düsseldorf, Hildesheim, Bad Harzburg, Hagen, Wuppertal, Hannover und Breslau (heute Wrocław/Polen) ging er 1927 nach Berlin. Hier war er 1930 Mitbegründer der vom Kabarettisten Werner Finck geleiteten „Katakombe“, die 1935 von den Nationalsozialisten verboten wurde. Von 1940 bis 1944 war Rudolf Platte Intendant des Theaters in der Behrenstraße und leitete 1945/1946 das Theater am
Schiffbauerdamm in Berlin.
Der beliebte Volksschauspieler verkörperte sowohl komödiantische als auch tragische Figuren und wirkte in mehr als 200 Filmen mit. Im Fernsehen trat er in anspruchsvollen Rollen auf, so z. B. 1960 als „Hauptmann von Köpenick“ und in Literaturverfilmungen, aber auch in Serien wie „Der Kommissar“, „Derrick“ oder „Der Alte“. Seinen letzten Filmauftritt hatte er 1981/1982 in „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ unter der Regie von Rainer Werner Fassbinder.
1969 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse ausgezeichnet und erhielt u. a. 1978 das Filmband in Gold für sein „langjähriges und hervorragendes Wirken im deutschen Film“. Sein Erbe vermachte er dem Hermann-Gmeiner-Fonds zur Förderung der SOS-Kinderdörfer.
Er wurde neben seiner Frau, der Schauspielerin Georgia Lind (1905-1984), bestattet. -OK

KURT
POMPLUN

geb. 29.07.1910 Schöneberg
gest. 05.08.1977 Berlin

Heimatforscher „Kutte kennt sich aus“
Schriftsteller u. a. „Berlins alte Dorfkirchen“
1971 Fontane-Plakette
1974 Bundesverdienstkreuz am Bande
1975 Fidicin-Medaille des „Vereins für die Geschichte Berlins“

Friedhof Wilmersdorf
Ehrengrab seit 1978
Grablage: B-1-UW-53

Der bekannte Heimatforscher zur Berliner und Brandenburgischen Geschichte, seiner Märchen und Sagen und seiner Mundart wuchs in der damals noch eigenständigen Stadt Schöneberg in der sog. „roten Insel“ auf. Schließlich schlug Pomplun die Ausbildung zum Vermessungsingenieur ein. Umfassende heimatkundliche Kenntnisse erwarb er zunächst durch seine Arbeiten im Landratsamt Teltow, wo er auch zur Inventarisierung der Bau- und Kunstdenkmäler vom Brandenburgischen Provinzialverband herangezogen wurde. Seit 1965 arbeitete er im West-Berliner Amt für Denkmalpflege und war auch als ehrenamtlicher Bezirksheimatpfleger tätig. Zahlreiche Studienreisen führten ihn fast durch ganz Europa. 1972 wurde er aus gesundheitlichen Gründen frühzeitig als
Vermessungsamtsrat pensioniert.
Sein angesammeltes Wissen publizierte er nicht nur in Büchern und Artikeln, wie z.B. in der „Berliner Morgenpost“, sondern vermittelte es auch einem breiten Publikum über Rundfunk und Fernsehen. Großer Beliebtheit erfreuten sich seine Beiträge in der von Hans Rosenthal im RIAS moderierten Sendung „Kutte kennt sich aus“. Ein besonders populäres Standardwerk wurde das Buch „Berlins alte Dorfkirchen“, das in zahlreichen Auflagen zwischen 1962 und 1984 erschien. Aber er bearbeitete auch diverse Baedeker-Reiseführer nicht nur für Berlin, sondern auch für Nürnberg, Augsburg, Braunschweig, Salzburg, Innsbruck und andere Städte. 1971 wurde er mit der Fontane-Plakette und 1975 vom „Verein für die Geschichte Berlins“ mit der Fidicin-Medaille geehrt. 1974 erhielt er das „Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“. Ein Herzversagen setzte seinen Forschungen 1977 ein jähes Ende. -OK

Prof. RICHARD Friedrich Paul
SCHEIBE

geb. 19.04.1879 Chemnitz
gest. 06.10.1964 Berlin

Maler, Bildhauer
1925 Professor am Städelschen Kunstinstitut
1936 Mitglied Preußische Akademie der Künste
1945 Professor Hochschule für bildende Künste
1951 Bundesverdienstkreuz
1953 Großes Bundesverdienstkreuz
1954 Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt a. M.

Friedhof Schmargendorf
Ehrengrab seit 1978
Grablage: A-1a

Nach dem Besuch des Vitzthumschen Gymnasiums in Dresden studierte Richard Scheibe zunächst an der Akademie in Dresden und an der Privatschule von Heinrich Knirr in München Malerei. 1900 ging er für fast zwei Jahre nach Italien. 1904 zog er nach Berlin und schloss hier mit Georg Kolbe eine lebenslange Freundschaft. Ebenso wie Georg Kolbe entschied Richard Scheibe sich schließlich für die Bildhauerei. Zunächst konzentrierte er sich auf die Tierplastik, erst später wurde die Aktfigur sein Stil- und Themenschwerpunkt.
1914 nahm die „Berliner Secession“ ihn als Mitglied auf. 1925 erfolgte die Berufung zum Professor an das Städelsche Kunstinstitut in Frankfurt am Main. 1933 zunächst durch die Nationalsozialisten entlassen, 1934 aber dort wieder angestellt, wechselte er an die Berliner Hochschule für bildende Künste. 1936 nahm ihn die Preußische Akademie der Künste als Mitglied auf. Ab 1945 wieder an die Berliner Hochschule für bildende Künste berufen, behielt er auch nach seiner Emeritierung 1951 sein Hochschulatelier und unterrichtete hier bis zu seinem Tod.
Von ihm stammt das Ehrenmal für die Opfer des 20. Juli 1944 im Hof des Berliner
Bendlerblocks. Richard Scheibe wurde u. a. 1951 mit dem Bundesverdienstkreuz, 1953 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz und 1954 mit der Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt am Main geehrt.
Er wohnte u. a. in der Deidesheimer Straße 23. Das Grabmal wurde von Gerhard Marcks in Form einer einem Totenbrett ähnelnden Stele geschaffen. -OK

EUGEN
SCHIFFER

geb. 14.02.1860 Breslau
gest. 05.09.1954 Berlin

Jurist, liberaler Politiker (zuletzt FDP)
1903-1918 Abgeordneter des Preußischen Landtages
1912-1917, 1919-1924 Mitglied des Reichstages
1919 Finanzminister und Vizekanzler
1919-1920 Justizminister und Vizekanzler
1921 Justizminister

Friedhof Wilmersdorf
Ehrengrab seit 1997
Grablage: D-7-4-4/6

Eugen Schiffer stammte aus einer zum Protestantismus konvertierten jüdischen Familie. 1877-1880 studierte er Rechtswissenschaften, 1885 bestand er die Große Juristische Staatsprüfung.
Es folgte eine juristische Karriere an Amts- und Landgerichten, dem Kammergericht und Oberverwaltungsgericht von Berlin. Parallel verfolgte er seine politische Karriere. So gehörte er als Abgeordneter der Nationalliberalen Partei von 1903-1918 dem Preußischen Landtag und von 1912-1917 dem Reichstag an. Dort widmete er sich vorwiegend der Vereinheitlichung der Rechtspflege im Deutschen Reich, die trotz der Reichsjustizgesetze noch sehr von den Einzelstaaten bestimmt wurde. Zusammen mit dem Historiker Hans Delbrück gründete er den politischen Klub „Mittwochabend“.
1917 wurde er Unterstaatssekretär im Reichsschatzamt und gehörte 1918/1919 zu den Gründern der Deutschen Demokratischen Partei (DDP). Im Kabinett Scheidemann war er kurzzeitig Finanzminister und Vizekanzler. In den Kabinetten Bauer (1919/1920) und Wirth (1921) wirkte er als Justizminister. Er war maßgeblich bei der Niederschlagung des Kapp- Putsches beteiligt. Bis 1924 war er Reichstagsabgeordneter, dann trat er aus der Partei und der DDP-Fraktion aus. Nun praktizierte er als Rechtsanwalt und kritisierte 1928 den Zustand der deutschen Rechtspflege, die schiere Masse an Vorschriften, die selbst für Fachleute kaum überschaubar seien, in dem Buch „Die Deutsche Justiz“.
85jährig kehrte Schiffer in das politische Leben zurück – im Juli 1945 wurde die Liberal-Demokratische Partei Deutschlands (LDPD) gegründet. Von 1945-1948 übernahm er die Leitung der Justizverwaltung der Sowjetischen Besatzungszone. 1950 siedelte er in die Bundesrepublik über und trat der FDP bei. -MT

ROLF
SCHWEDLER

geb. 25.03.1914 Berlin
gest. 13.02.1981 Berlin

SPD-Politiker
1955-1972 Senator für Bau- und Wohnungswesen
1958-1972 Berliner Abgeordneter
1967 Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern
1972-1976 Mitglied des Deutschen Bundestages
1974 Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern und
Schulterband

Friedhof Wilmersdorf
Ehrengrab seit 1984
Grablage: D 10-UW 2-4a

Nach einem Studium des Bauingenieurswesens an der Technischen Hochschule Berlin, Abschluß 1938, Teilnahme am Zweiten Weltkrieg und anschließender Tätigkeit in der Steglitzer Bauverwaltung, wechselte er 1947 in die Senatsbauverwaltung. Vom Regierenden Bürgermeister Ernst Reuter wurde er 1950 zum Senatsdirektor berufen, 1955 erfolgte die Wahl zum Senator.
Rolf Schwedler war bis 1972 Senator für Bau- und Wohnungswesen in Berlin. Er ging als dienstältester Senator in die Geschichte ein und bestimmte das Stadtbild bzw. den Wiederaufbau West-Berlins in der Nachkriegszeit entscheidend. In seiner Amtszeit entstanden 400.000 Wohnungen, neue Straßen, der Bau der Stadtautobahn, U-Bahn- Strecken aber auch Grünanlagen. Allerdings wurde ihm auch angelastet, dass in seiner Amtszeit mehr Gebäude abgerissen wurden als im Zweiten Weltkrieg zerstört worden waren. Auf der anderen Seite sorgte er auch für den Wiederaufbau des Charlottenburger Schlosses und initiierte die erste große Bauausstellung nach dem Krieg, die „Interbau“ im Hansaviertel. Über seine unkonventionelle Amtsführung und anderer Kapriolen berichtete häufig das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“.
Von 1972 bis 1976 war er Bundestagsabgeordneter. 1974 holte ihn die Affäre um den Steglitzer Kreisel, ein Bürohochhaus, ein. Für dessen Finanzierung hatte das Land Berlin gebürgt und als die Architektin Kressmann-Zschach Konkurs anmeldete, entstanden dem Land Berlin erhebliche Schäden. Ein Untersuchungsausschuß stellte fest, dass er und der damalige Finanzsenator Heinz Striek der Architektin zu sehr vertraut hatten. Danach zog er sich aus der Politik zurück. -MT

Heinrich Seeling
Heinrich Seeling Bild: Museum Charlottenburg-Wilmersdorf

Prof. Christian HEINRICH
SEELING

geb. 01.10.1852 Zeulenroda/Thüringen
gest. 15.02.1932 Berlin

Politiker, Architekt
1896 Mitglied der Königl. Preuß. Akademie der Künste
1907-1921 Stadtbaurat in Charlottenburg
1917 Professor
1924 Stadtältester

Friedhof Wilmersdorf
Ehrengrab seit 1932
Grablage: A-1-UW-4

Als Sohn eines Maurermeisters geboren, ging er in seiner reußischen Heimatstadt
Zeulenroda zur Schule. Nach der Lehre besuchte er die Baugewerkschule in Holzminden und die Berliner Bauakademie.
Heinrich Seeling entwickelte sich bald zu einem gefragten Theaterarchitekten. Er entwarf zahlreiche Theaterbauten, darunter das Theater am Schiffbauerdamm in Berlin, das Fürstliche Hoftheater in Gera, das Schauspielhaus in Frankfurt am Main, das Grillo-Theater in Essen , sowie Theater in Bromberg (heute Bydgoszcz/Polen), Freiburg im Breisgau, Halle (Saale), Kiel, Nürnberg und Rostock.
Von 1907 bis 1921 war er Stadtbaurat in Charlottenburg. Von ihm stammen u. a. in
Zusammenarbeit mit Gartenbaudirektor Erwin Barth die Lietzenseekaskaden (1912/1913), der westliche Wasserturm am Spandauer Damm (1909/1910), bauliche Erweiterungen am Städtischen Krankenhaus Westend (1912 und 1916), das Deutsche Opernhaus (1911/1912, Vorläuferbau der Deutschen Oper an der Bismarkstraße), das heutige Schiller-Gymnasium (1911-1913), in Zusammenarbeit mit Paul Weingärtner die Eosander-Schinkel-Grundschule in der Nithackstraße (1913/1914), der Erweiterungsbau des Rathauses Charlottenburg (1911-1915), die Marchbrücke und die Dovebrücke (beide 1911) und die Lungenheilstätte Waldhaus Charlottenburg (1912-1914) in Sommerfeld/Kremmen.
Ihm wurden die Titel eines reußischen und eines preußischen Baurates verliehen. 1896 wurde er als Mitglied der Königlich Preußischen Akademie der Künste berufen und 1924 erhielt er den Ehrentitel Stadtältester von Berlin.
Im März 1950 wurde die Seelingstraße in Charlottenburg nach ihm benannt. -MT

Prof. WERNER
STEIN

geb. 14.12.1913 Deutsch-Wilmersdorf
gest. 31.03.1993 Berlin

Physiker, Biophysiker, SPD-Politiker
1946 Schaffung des „Kulturfahrplans“
als Tabellenwerk zur Weltgeschichte
1948-1954 Wilmersdorfer Bezirksverordneter
1955-1975 Berliner Abgeordneter
1964-1975 Senator für Wissenschaft und Kunst
1975 Träger der Ernst-Reuter-Plakette
1983 Stadtältester

Friedhof Schmargendorf
Ehrengrab seit 1993
Grablage: V-1-27

Werner Stein studierte von 1933 bis 1939 Physik, Mathematik, Chemie und Philosophie in Berlin, München und Frankfurt am Main. Dort promovierte er auch über die Eigenschaften von Quarz im Infraroten. „Steins Kulturfahrplan“, ein synoptisches Kompendium über „die wichtigsten Daten der Kulturgeschichte von Anbeginn bis heute“ erschien Weihnachten 1945 das erste Mal und von da an jährlich. Dieses Werk hat er später als „erfolgreiche Jugendsünde“ beschrieben. Seit 1993 aktualisiert ein Redaktionsteam die Neuauflagen des als Standardwerk etablierten Werkes, das jetzt „Neuer Kulturfahrplan“ heißt. Seine politische Karriere begann 1948 als SPD-Bezirksverordneter. Von 1955 bis 1975 gehörte er dem Abgeordnetenhaus an.
Von 1962 an war er zugleich Honorarprofessor und Direktor des Instituts für Biophysik an der Freien Universität. 1964 wurde er zum Senator für Wissenschaft und Kunst gewählt.
Sein Vorgänger, Adolf Arndt, hatte dieses Amt als „unerfüllbar“ bezeichnet. Aber er erfüllte dieses Amt durch seine Gabe gelassen zu bleiben, wenn andere reizbar wurden, eher tiefzustapeln als hochzuspielen und zusätzlich kam ihm seine Vertrautheit mit der Berliner Politik zu Gute. Mit den Berliner Hochschulen hatte Werner Stein die unruhigsten Hochschulen zu betreuen, über die je ein Kultusminister die Rechtsaufsicht hatte. So geriet er von 1967 an in den Strudel der Studentenrevolte und der Hochschulreform. 1969
entstand unter seiner Federführung ein neues Berliner Hochschulgesetz, das Studenten und universitärem Mittelbau mehr Mitsprache gewährte. 1973 legte er einen Referentenentwurf zur Novellierung des Berliner Universitätsgesetzes vor, der den Professoren wieder mehr Gewicht geben sollte. 1983 wurde er für seine Verdienste als Stadtältester von Berlin ausgezeichnet. -MT

HERMANN
SUDERMANN

geb. 30.09.1857 Matzicken/Ostpreußen
gest. 21.11.1928 Berlin

Schriftsteller, Bühnenautor, Journalist
bedeutender Dramatiker des Naturalismus
1912 Preußischer Kronenorden 3. Klasse
1918 Eisernes Kreuz 2. Klasse
1922 Autobiographie „Bilderbuch meiner Jugend“

Friedhof Grunewald
Ehrengrab seit 1952
Grablage: V-Gart.-58/59

Hermann Sudermann wurde als Sohn eines armen Bierbrauers geboren und finanzierte sein Studium der Philologie, Philosophie und Geschichte in Königsberg (ab 1875) und in Berlin (ab 1877) als Hauslehrer.
1881 wurde er Chefredakteur beim „Deutschen Reichsblatt“, ein Volkswochenblatt der Liberalen und war freier Mitarbeiter bei weiteren Zeitungen. 1886 erscheint sein erster Erzählband „Im Zwielicht“. Im November 1987 stirbt sein Vater und kurze Zeit später ist sein erster Roman „Frau Sorge“ fertig.
Die Jahre 1889-1902 gelten als die Zeit seiner großen Erfolge, gepaart mit seinem
liberalem Engagement. 1889 feiert er einen triumphalen Erfolg mit dem Schauspiel „Die Ehre“ im Berliner Lessingtheater, er beschrieb den Ehrbegriff der Reichen und der Armen und bildete die unterschiedlichen Wohnverhältnisse von Berliner Bürgertum und Proletariat durch den Gegensatz von Vorder- und Hinterhaus ab. Seitdem hatte er den Ruf, einer der bedeutendsten Dramatiker des Naturalismus zu sein.
Seit 1897 lebte er in dem später von ihm gekauften Schloß Blankensee in
Trebbin/Brandenburg, heute gibt es dort ein Gedenkzimmer.
Im Jahre 1900 wurde Sudermann Wortführer gegen die „Lex Heinze“, die die Freiheit der Kunst einzuengen drohte und gründete den „Goethe-Bund“ zur „Abwehr aller Angriffe gegen die freie Entwicklung des künstlerischen und wissenschaftlichen Lebens“. Schon vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurden einige seiner Werke verfilmt („Heimat“, „Die Ehre“, „Katzensteg“).
In dem 1922 erschienenen „Bilderbuch meiner Jugend“ hielt Hermann Sudermann
Rückschau auf das eigene Leben. -MT

Hildegard Wegscheider
Hildegard Wegscheider Bild: Museum Charlottenburg-Wilmersdorf

Dr. HILDEGARD
WEGSCHEIDER geb. Ziegler

geb. 02.09.1871 Berlin
gest. 04.04.1953 Berlin

Pädagogin, Schulreformerin, Frauenrechtlerin
SPD-Politikerin
1894 erste Frau in Preußen mit Abitur
1898 erste promovierte Frau in Preußen
1900 Gründung eines Mädchengymnasiums
1919-1921 Mitglied der preuß. Landesversammlung
1920 Oberschulrätin in Brandenburg
1921-1933 Abgeordnete im Preußischen Landtag
1952 Bundesverdienstkreuz 1. Klasse

Friedhof Wilmersdorf
Ehrengrab seit 1956
Grablage: C-7-3-12

März 1898: Hildegard Ziegler promoviert als erste Frau zum Doktor der Philosophie. Eine Sensation und eine Provokation zugleich. Ihre Eltern fördern ihre wissbegierige Tochter.
Mit 21 legt sie ihr Lehrerinnenexamen ab, womit sie aber nur in Grundschulen unterrichten darf. Sie will mehr und legt 1894 als erste Frau in Preußen das Abitur ab. Aber die Zulassung zum Studium an der Berliner Universität lehnt der damalige Dekan mit dem Einwand ab: „Ein Student, der sich nicht besaufen kann – unmöglich!“ In Halle jedoch nimmt man sie auf. Bald darauf heiratet sie den Berliner Frauenarzt Dr. Wegscheider.
Die junge Wissenschaftlerin wird Mutter und setzt sich für die Rechte von Lehrerinnen ein: Das „heimliche Zölibat“, das nicht für männliche Lehrer gilt, soll auch nicht mehr für Frauen gelten. Bisher mussten Frauen, die heirateten, ihren Beruf aufgeben. Leidenschaftlich setzt sie sich für die gesellschaftliche Akzeptanz verheirateter, berufstätiger Frauen ein, fordert später – mittlerweile allein erziehend und geschieden – auch das Recht auf eine Berufstätigkeit von Müttern.
Als Lehrerin wird sie zur Wegbereiterin für Schulreformen: 1900 gründet sie in
Charlottenburg das erste Mädchengymnasium, 1920 wird sie zur ersten Oberschulrätin Preußens ernannt. Von 1919-1921 sitzt sie für die SPD in der preußischen Landesversammlung, wird dann Abgeordnete im Preußischen Landtag bis 1933. Unter den Nazis werden ihr ihre Ämter entzogen, sie erhält Berufsverbot – doch nach dem Krieg arbeitet sie weiter mit ganzer Kraft, um die politischen und sozialen Veränderungen voranzutreiben. Für das Errungene – insbesondere das Grundrecht auf Bildung – erhält Hildegard Wegscheider 1952 das Bundesverdienstkreuz.
Gekürzt aus Charlotte & Wilma, Die Namensgeberinnen im Bezirk, 2012.

MARGARETHE von
WITZLEBEN

geb. 22.02.1853 Kitzscher/Sachsen
gest. 01.02.1917 Berlin

Begründerin der Schwerhörigenbewegung
in Deutschland
1901 erster Gottesdienst für Schwerhörige und Ertaubte, daraus entstand die Hephata-Gemeinde
1905 Gründung der Zeitschrift „Hephata!“
1914 Entstehung des „Hephata-Bundes“

Friedhof Wilmersdorf
Ehrengrab seit 1995
Grablage: D 5b-1-22

Mit 13 Jahren verlor sie ihr Gehör. Bis dahin war Margarethe von Witzlebens Kindheit und Jugend unbeschwert gewesen. In dem adligen Hause – ihr Vater war Rittergutsbesitzer auf dem sächsischen Schloss Kitzscher – gab es keinen Mangel an Möglichkeiten, den Verlust ihres Gehörsinns medizinisch zu behandeln. Aber nichts half, sie hörte nichts mehr. Der Pfarrer am Ort gab ihr einen Satz mit auf den Weg, der ihr zum Lebensmotto wurde: Dass Leid auch zum Segen werden könne, sagte er ihr, und sie beherzigte das. Sie wurde zur Begründerin der Schwerhörigenbewegung in Deutschland.
„Hephata! Ein Wort an Schwerhörige und Taube von einer Leidensgenossin“ – das war ihre erste Publikation, mit der sie ihre Gehörlosigkeit öffentlich machte und selbstbewusst dafür eintrat, sich mit der Behinderung nicht zu verstecken. Schwerhörigkeit durfte keine Ursache für Einsamkeit werden. Bekenne dich „frank und frei“, schrieb sie, das sei das erste Gebot für den Schwerhörigen. Ihr Engagement war getragen von weiteren ungewöhnlichen Ideen: 1901 bot sie in ihrer Privatwohnung einen Gottesdienst für Hörbehinderte an. Dieser Pfingstgottesdienst wird als Geburtsstunde der Schwerhörigenund Ertaubten-Selbsthilfe angesehen. Margarethe, gesellig und aufgeschlossen, organisierte von da an regelmäßig Leseabende und Gottesdienste in allen Teilen Berlins.
Im März 1909 erhielt ihre Selbsthilfeinitiative den Status eines eingetragenen Vereins. Ihre Angebote wurden über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt, in ganz Deutschland inspirierte sie viele Betroffene zur Gründung von Selbsthilfevereinen. Und der Erfolg gab ihr Recht: 1914 schlossen sich viele Vereine und Gemeinden zum Hephata-Bund zusammen. Hephata, „Tue dich Auf“, die Forderung, entnahm sie dem Markus- Evangelium.
Gekürzt aus Charlotte & Wilma, Die Namensgeberinnen im Bezirk.

Literatur:

Kersten, Oliver (OK) / Thiemen, Monika (MT): Berliner Ehrengrabstätten auf Wilmersdorfer Friedhöfen. (Hrsg. v. Heimatverein Wilmersdorf e. V.). Berlin 2016.

ISBN 978-3-00-053753-0
Schutzgebühr: 1 €

Zu beziehen über den Heimatverein Wilmersdorf e. V., das Museum Charlottenburg-WIlmersdorf in der Villa Oppenheim und die Kommunale Galerie Berlin.