Gedenken Duisburger Straße

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Duisburger Straße, 17.11.2011, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Die von der Initiative Gedenken Duisburger Straße und vielen Spenderinnen und Spendern aus Wilmersdorf erstellte mehr als 2 m hohe Glastafel wurde am 5.11.2011 übergeben. Sie erinnert in deutscher und englischer Sprache daran, dass aus dieser kleinen Straße mehr als hundert jüdische Nachbarinnen und Nachbarn von den Nationalsozialisten vertrieben, enteignet, deportiert und ermordet wurden.
Am 29.3.2008 waren insgesamt 20 Stolpersteine an der Ecke Duisburger Str. 1] und Konstanzer Str. 4] verlegt worden.

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Gedenktafel an der Duisburger Ecke Konstanzer Straße, 17.11.2011, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Der Text lautet:
Ab 1900 war Wilmersdorf ein bevorzugtes Wohngebiet für die jüdische Bevölkerung Berlins. Ein vielfältiges jüdisches Alltags- und Kulturleben prägte die Gegend um den Kurfürstendamm.
Das änderte sich einschneidend nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten. Mit der Umwandlung von Stadtvierteln in “judenreine Gebiete” im Zusammenhang mit Hitlers Plänen zur Neugestaltung Berlins verschärfte sich ab 1938 der systematische Verdrängungs- und Verelendungsprozess der Berliner Juden. Sie wurden enteignet oder aus ihren Wohnungen gewiesen und hatten bei der Suche nach Ersatzwohnraum keine große Wahl. Angewiesen auf hilfsbereite Verwandte oder Vermieter mussten sie sich anderswo mit beengten Wohnverhältnissen begnügen oder wurden in so genannte Judenhäuser eingewiesen.
Die Duisburger Straße lag gerade außerhalb des “judenreinen Gebiets” um den Kurfürstendamm und gehörte zu den Straßen, die Ziel vertriebener Juden waren.
In den nur 20 Häusern dieser kleinen Straße haben weit über 100 jüdische Bürger und Bürgerinnen die Vertreibung aus dem Alltagsleben dieser Stadt ertragen müssen. Ab Oktober 1941 begann das letzte Kapitel ihres Leidens mit der Deportation der Berliner Juden in Ghettos und Vernichtungslager. Daran erinnern Stolpersteine.
Nachbarinnen und Nachbarn 2011

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Gedenktafel an der Duisburger Ecke Konstanzer Straße, 17.11.2011, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt

Die Bildunterschriften lauten:

  • Familie Chotzen beim Spaziergang in Wilmersdorf, um 1930, Privatbesitz: Evamarie Baumstark, www.chotzen.de] * Ausschnitt NS-Plan: “Judenreine Gebiete”, 1938 mit der Duisburger Straße, Landesarchiv Berlin
  • Kurt Tucholsky (1890-1935), zeitkritischer Literat jüdischer Herkunft wohnte 1927 für kurze Zeit in der Duisburger Straße 16, Privatbesitz: Sonja Thomassen
  • Felix Nussbaum: “Wenn ich untergehe – laßt meine Bilder nicht sterben”, 1941, Nußbaum-Museum, Osnabrück
  • Berlin-Grunewald, Mahnmal Gleis 17, Ort der Deportation in die Konzentrationslager, Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf

Gedenktafel in der Duisburger Straße

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Rede von Frank-Axel Dietrich

Liebe Nachbarinnen und Nachbarn,
liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
ich weiß nicht, wie es Ihnen, wie es Euch ging, als wir eben vor den Hauseingängen der Duisburger Straße standen und die Namen der Opfer laut verlesen wurden. Mir ging es unter die Haut. So eine kurze Straße, so viele Opfer. Opfer, die aus ihren Berufen verdrängt wurden, in denen sie in der Öffentlichkeit standen, Opfer, die ihre Wohnungen verloren und aus ihnen vertrieben wurden, Opfer, die schließlich aus ihrem Heimatland vertrieben und in letzter Konsequenz deportiert und vernichtet wurden. Und alles weil sie Deutsche jüdischer Herkunft waren. „Meine Familie war gerade noch für die Nazis jüdisch genug“, sagte mir ein Mandant, als er über das Verfolgungsschicksal seiner Familie berichtete.
Heute haben wir die Namen der Opfer aus der Duisburger Straße verlesen und so versucht, ihnen Genugtuung zu geben, soweit wir es können. Sie dem Vergessen zu entreißen.
Als wir als regionale Gliederung der SPD vor einigen Jahren einen Spaziergang über jüdisches Leben südlich des Olivaer Platzes durchführten, kamen wir auch in die Duisburger Straße. Schon die zahlreichen Stolpersteine vor der Duisburger Straße 1, verlegt von Klaus Brake und Miteigentümern, sorgten für Aufmerksamkeit. Aber auch die von uns damals nur oberflächlich vorgenommenen Abgleiche mit Quellen ergaben Hinweise auf viel, viel mehr Opfer. Auch wiesen andere Teilnehmer des Spazierganges auf sehr viele Namen von jüdischen Opfern zum Beispiel in der Duisburger Straße 6 hin. Lorena Endler ist es zu danken, dass es damit nicht sein Bewenden hatte, denn sie erstellte die erste straßenbezogene Opferliste mit über 100 Namen aus der kurzen Straße. Über 100 Namen. Noch immer denke ich zornig an meine Eltern und Großeltern, die von nichts gewusst haben wollen. Über 140 Personen aus dieser kurzen Straße und niemand hat etwas gemerkt? Wir konnten und wollten es nicht glauben.
Wir baten Klaus Brake aus der Duisburger Straße 1 mitzumachen. Monica Schümer-Strucksberg, Klaus Brake und ich nahmen uns vor, einen Beitrag zu leisten, die Verfolgung sichtbar zu machen, einen Beitrag gegen Verdrängung und Vergessen.
Es entstand eine unterstützende Arbeitsgruppe und schnell war klar, dass unser Hinweis auf die verfolgten ehemaligen Nachbarn aus der Straße nur Sinn haben könnte, wenn die heutigen Bewohner einbezogen würden. Das geschah durch einen Brief an alle Haushalte der Straße, und es begann eine von uns allen bis dahin nie erlebte Flut von Unterstützung. Über 40 Personen aus der Straße, Dutzende Nachbarn aus der Umgebung und zahlreiche Prominente und Institutionen artikulierten Ihre materielle, inhaltliche und fachliche Unterstützung. In kaum 8 Wochen kamen nahezu 5000 Euro für die Realisierung unserer Tafel zusammen.
Stellvertretend erwähne und danke ich dem Schauspieler Wolfgang Völz, dem Regierenden Bürgermeister aD Klaus Schütz, der Schriftstellerin Inge Deutschkron, dem Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf, das die Stele aus dem Ehrenamtstitel unterstützte, Dr Suhr, die die Textfindung mit der bezirklichen Gedenktafelkommission unterstützte, aber auch dem Berliner Forum für Geschichte, der Bundeszentrale für politische Bildung, dem Deutschen historischen Museum, der Gedenkstätte Deutscher Widerstand , der Gedenkstätte stille Helden, dem Haus der Wannseekonferenz, dem Heimatmuseum Charlottenburg-Wilmersdorf, dem jüdischen Museum Berlin, dem Landesarchiv Berlin, dem Museum Osnabrück- Nussbaummuseum und schließlich André Schmitz, der dem Projekt stets wohlwollend gegenüber stand.
Allen Unterstützern sei herzlich gedankt und den Anwesenden ein dankbarer Gruß entboten.
Wir übergeben heute unsere Tafel, das Ergebnis der Gedenkinitiative Duisburger Straße, dem Senat von Berlin zur Pflege und Betreuung und danken für die damit übernommene Verpflichtung.
Auch wir übernehmen eine Verpflichtung für die Zukunft. Die weitere Aufarbeitung der Geschichte der Straße und ihrer verfolgten Bewohner, die Nutzung der Tafel zu regionalen Gedenkveranstaltungen und schließlich weitere Stolpersteine in der Straße werden zeigen, was diese Initiative in besonderer Weise auszeichnet:
Kein verordnetes Gedenken, sondern aktives Gedenken von unten, für und wegen der Opfer des Nationalsozialismus aus der Straße, für unsere ehemaligen Nachbarn. Ich freue mich, dass ich dabei sein durfte und begrüße Sie im Namen der Veranstalter.