Ledigenheim

Ehemaliges Ledigenheim

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Ehemaliges Ledigenheim, 27.3.2008, Foto: Raimund Müller Bild: Raimund Müller

Am 1. April 1908 wurde in der Danckelmannstr. 46-47 das erste deutsche Arbeiterwohnheim eröffnet, das seinen Bewohnern anstelle der bislang üblichen Unterbringung in kargen Schlafsälen den Luxus von Einzelzimmern bot. Der Architekt, der Charlottenburger Stadtbaurat Rudolf Walter, baute ein “Unterkunftshaus in erster Linie für unverheiratete junge Männer, die sonst auf Schlafstellen angewiesen sind, Männer mit bescheidenem Einkommen, doch immer im Vollbesitz ihrer Kräfte und daher erwerbsfähig.” So hieß es damals in einer Beschreibung.
Mit diesem “Hotel” für Arbeiter, Angestellte und Handwerker machte die wohlhabende Bürgerstadt Charlottenburg den Versuch, dem gefürchteten “Übelstand” des sogenannten Schlafgängerwesens exemplarisch entgegenzutreten. Allein in Charlottenburg gab es zu dieser Zeit rund 8000 Schlafburschen, meist jüngere Arbeiter, die wegen der immensen Wohnungsnot und ihres geringen Einkommens nur Bettstellen als Übernachtungsmöglichkeit anmieten konnten. Von bürgerlichen Reformern wurden die Schlafgänger verantwortlich gemacht für die verheerende Überbelegung vieler Arbeiterwohnungen und für die Zerstörung der Familie. Ihnen wurden Gewaltverbrechen, Unmoral und vor allem die Verführung von Ehefrau und Kindern der abwesenden Vermieter vorgeworfen.
Das Charlottenburger Ledigenheim hatte Modellcharakter als Versuch, diesen beklagten Übelstand zu beheben. Geboten wurde hier ein hotelähnlicher Komfort und Service. In dem Bau waren unter anderem auch eine Volksbücherei, eine Volksbadeanstalt und eine Volksspeisehalle untergebracht, außerdem drei Geschäfte, die zur Rentabilität beitragen sollten. Träger des Heims war die 1905 gegründete “Volkshotel AG Ledigenheim”. Von ihren 41 Aktionären gehörten 22 dem Charlottenburger Magistrat bzw. der Stadtverordnetenversammlung an.
Bis zu 370 Männer lebten in den bescheidenen, 6 qm großen Einzelzimmern des Wohnheims. Wegen des rigorosen Zutrittsverbots für Frauen wurde es in der Nachbarschaft “Bullenkloster” genannt. Entgegen vieler Besorgnisse war der Ruf des Heimes solide und gut. Sogar ökonomisch wurde der Heimbetrieb zum Erfolg. In der Weimarer Republik kam es allerdings zu heftigen Mieterunruhen. Im Sommer 1930 protestierten die Mieter gegen die rigide Hausordnung und gegen den inzwischen schlechten baulichen Zustand des Hauses.
Auch nach dem Zweiten Weltkrieg war das Ledigenheim voll besetzt, geriet aber schnell in den Ruf einer ausgesprochenen Notunterkunft. Es gab immer mehr Spannungen und latente Aggressionen. Als Ende der 60er Jahre die Wohnungsnot beendet war, standen immer mehr Zimmer leer. 1971 löste sich die Aktiengesellschaft auf und verkaufte das Heim an die Gewobag, die das Haus 1973 schloss und es von 1977 bis 1979 umbaute. Die Außenfassade wurde originalgetreu rekonstruiert und saniert. Heute ist das Haus ein Studentenwohnheim mit 154 Einzelzimmern.

Literatur
Ralf Zünder: Vom Ledigenheim zum Studentenwohnheim Danckelmannstraße, Berlin 1990 (= Schriften zur Hochschul-Sozialpolitik, hg. vom Studentenwerk Berlin)