AMCHA – Dein Volk

von Holger Michel, Vorstand AMCHA Deutschland e.V.

Zwi Steinitz, Auschwitz Überlebender, am 27. Januar 2015 in Berlin im Gespräch mit Bundestagspräsident a.D. Wolfgang Thierse

„Wieso brauchen 80-jährige Holocaustüberlebende psychologische Hilfe? Sie waren doch Kinder. Und Kinder vergessen doch.“ Es sind Sätze wie diese, die immer wieder deutlich machen, warum unsere Arbeit wichtig ist: um zu informieren, um aufzuklären. Ich antworte dann gerne mit der Geschichte von Elly*, die 1943 im Alter von vier Jahren alleine in einem Klosterkeller in Belgien versteckt wurde, ihre Familie längst deportiert und ermordet. Oder mit der Geschichte von Ben*, dessen Vater an der Rampe nach links in den Tod gehen musste, während er nach rechts ins Lager getrieben wurde, als er 15 Jahre alt war. Oder mit der Geschichte von Myra*, die von den Eltern getrennt wurde, Zwangsarbeit verrichten musste, zwei Konzentrationslager und einen Todesmarsch überlebte und die gerade einmal 12 Jahre alt war, als sie von den Briten 1946 in Palästina interniert wurde. „Was“, frage ich dann „glauben Sie, haben diese Kinder im Laufe ihres Lebens davon vergessen?“

Schätzungsweise 500.000 Überlebende der Shoah leben weltweit, ca. 193.000 davon in Israel. Viele von ihnen leiden unter den traumatischen Ereignissen ihrer Vergangenheit, Experten gehen von 20 bis 25 Prozent aus. In Israel finden sie spezielle Hilfe bei AMCHA, einem Verein, der 1987 von Überlebenden für Überlebende gegründet wurde und mit heute 14 Zentren in Israel eine der größten Einrichtungen für psychosoziale Hilfe für Überlebende des Holocausts und ihrer Nachfahren der Welt ist. Der Name AMCHA war während und nach der Zeit des Nationalsozialismus ein Codewort unter jüdischen Verfolgten, um einander zu erkennen.

Der Bedarf an Hilfe wächst

Fast 18.000 Klienten kamen 2014 zu AMCHA, mehr als je zuvor. Denn die Belastungen durch die Traumata nehmen gerade im Alter zu, wenn Freunde sterben, die Kinder wegziehen und der Beruf nicht mehr den Alltag dominiert. Mit 420 professionellen Psychologen, Sozialarbeitern und Psychotherapeuten und über 900 Freiwilligen helfen unsere Kolleginnen und Kollegen von AMCHA Israel diesen Menschen dabei, sich ihren Traumata zu stellen, die Ängste zu „fassen“ und trotz der Belastung ein angstfreies Leben führen zu können.

Dabei gliedert sich die Arbeit von AMCHA in drei Bereiche.

1. Psychotherapien: Bei AMCHA wurden spezielle therapeutische Ansätze entwickelt, um besser auf die besonderen Bedürfnisse der Klienten und ihrer jeweiligen Hintergründe eingehen zu können. Dafür werden soziale, psychologische und gerontologische Therapien integriert. Die Therapien sollen nicht dabei helfen zu vergessen, sondern sich im Gegenteil den Erfahrungen und Ängsten zu stellen, um damit umgehen zu können.

2. Sozialclubs: Die Sozialclubs, die außer am Schabbat jeden Tag geöffnet haben, sind für viele unserer Klienten ein zweites Zuhause. Sie treffen Menschen, die ähnliche brutale Leiden erlebt haben, sie werden verstanden und erleben damit ein oftmals vermisstes Gefühl von Sicherheit und Vertrauen. Hier trifft man sich zum Kartenspielen, aber auch in Yoga-, Englisch-, Mal-, Gesangsoder Tanzgruppen und für gemeinsame Ausflüge.

3. Hausbesuche: Viele unserer Klienten sind nicht mehr in der Lage, das Haus zu verlassen. Um ihnen trotzdem die bestmögliche psychosoziale Hilfe zukommen zu lassen und ihnen soziale Kontakte zu ermöglichen, werden sie von Psychologen und Freiwilligen zu Hause, aber auch in Altenheimen, Krankenhäusern und Pflegestationen betreut und versorgt.

Viele tausend Erfolgsgeschichten

AMCHA hat sich in den bald 30 Jahren seit Gründung zu einer echten Erfolgsgeschichte entwickelt. Wir konnten zehntausende Menschen dabei begleiten, trotz der Vergangenheit, trotz der schrecklichen Bilder und Erfahrungen ein weitestgehend angstfreies und „normales“ Leben zu führen.

Wir von AMCHA Deutschland unterstützen diese Arbeit ehrenamtlich, durch Aufklärung, Informationen und Spenden. Dafür organisieren wir Veranstaltungen und Fotoausstellungen, bitten Einrichtungen und Kirchen um Kooperationen, informieren Politiker und Medien über neue Entwicklungen und Zahlen, halten Vorträge bei Veranstaltungen oder vor ausländischen Studierenden oder laden Überlebende zum Dialog und zu Vorträgen nach Deutschland ein. Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist Pressearbeit, um möglichst viele Menschen zu erreichen und eine breite Öffentlichkeit über die Herausforderungen, die mit unserer Arbeit zusammenhängen, zu informieren. Dazu reisen wir mit Journalisten nach Israel, machen deutsche Korrespondenten in Israel auf AMCHA aufmerksam und organisieren Interviews für Überlebende, wenn sie nach Deutschland kommen.

Außerdem sammeln wir Spenden, denn viele unserer Leistungen können wir nur durch Spenden ermöglichen und der Bedarf steigt Jahr für Jahr an. Dabei zeigt sich, dass die Unwissenheit über die heutige Situation von Überlebenden das größte Problem darstellt. Doch durch die Mischung aus Öffentlichkeitsarbeit und neuer Spendenwege können wir eine noch immer bescheidene, aber positive Entwicklung verzeichnen.

Manchmal werden wir gefragt, warum wir das tun, obwohl wir viele unserer Klienten nicht einmal persönlich kennen. Dann erzählen wir wieder die Geschichten von Ben und Elly und Myra und vielen anderen, die heute wieder lachen und leben können, ohne Ängste, Alpträume, Depressionen. Und durch all diese kleinen Erfolgsgeschichten verstehen unsere Zuhörer, warum sich unsere Arbeit lohnt und dass sie noch lange gebraucht wird.

*- Die Namen wurden zur Wahrung der Persönlichkeitsrechte geändert.

AMCHA Deutschland e.V.
Israelisches Zentrum für psychosoziale Hilfe für Überlebende des Holocaust
Markgrafenstr. 32
10117 Berlin
Tel.: +49 30 28098038
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