Eine blaue Glaswand mahnt und erinnert

Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde

von Heike Kröger, Senatskanzlei

Unmittelbar neben der Philharmonie, in der die weltberühmten Berliner Philharmoniker berauschende Konzerte geben, wird durch eine 24 Meter lange blaue Glaswand zum Nachdenken und Innehalten aufgerufen. Das Kunstwerk erinnert an 300.000 Menschen, die von den Nationalsozialisten getötet wurden, weil sie krank oder behindert waren.

Die sogenannten „Euthanasie“-Morde wurden in den Jahren 1940 bis 1945 unter dem Decknamen „Aktion T4“ initiiert und durchgeführt. „T 4“ stand für „Tiergartenstraße 4“. Hier, wo heute die Philharmonie steht, stand die Planungszentrale, von der aus die Morde geplant und koordiniert wurden. In Tötungsanstalten, aber auch in Kliniken starben in Folge dessen Menschen, weil ihr Leben für „lebensunwert“ erklärt wurde.

Nachfahren, Wissenschaftler, Künstler und Politiker – viele haben zusammengearbeitet und als Ergebnis ist an authentischer Stelle in Berlin-Tiergarten ein bedeutender Gedenkort entstanden, der den etwas sperrigen Namen trägt „Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde“. Bereits seit 1989 gab es an diesem Ort eine Gedenkplatte, ab 2008 ein temporäres Denkmal der „grauen Busse“ und 2011 beschloss der Deutsche Bundestag, einen größeren Gedenkort zu schaffen.

Die künstlerische Gestaltung wurde von Ursula Wilms zusammen mit Nikolaus Koliusis und Heinz W. Hallmann übernommen. Sie haben ihr Werk, das aus einer grauen Betonbodenfläche, der blauen Glaswand und einem „Informationselement“ besteht, „Gegenüber“ genannt.

Wissenschaftler der Technischen Universität München haben die historischen Inhalte für das „Informationselement“ erarbeitet. Dafür wurden Angehörige von Opfern, Historiker und Vertreter von Betroffeneninitiativen einbezogen. Ungefähr 3.000 Krankenakten von Opfern der „Euthanasie“-Morde wurden historisch aufgearbeitet. Die Kooperationen mit den Stiftungen „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ und „Topographie des Terrors“ führten schließlich zu einer umfassenden, zum Gedenkort gehörenden Freiluftausstellung. Hier werden beispielhaft einzelne Schicksale von Ermordeten erzählt. Mit ihren Medienstationen bietet die Ausstellung auch Angebote für hör- und sehbehinderte Menschen sowie für Menschen mit Lernschwierigkeiten. Dr. Gerrit Hohendorf von der TU München und Leiter des Teams, erklärt: „Die historische Information soll gerade für diejenigen Gruppen von Menschen begreifbar sein, die in der Zeit des Nationalsozialismus Opfer des Vernichtungsprogramms hätten werden können“.

Die feierliche Eröffnung des Gedenkortes fand am 2. September 2014 im Foyer der Philharmonie statt. Im Publikum saßen auch körperlich und geistig behinderte Menschen. Als Untermalung wurde Cello- Musik gespielt, die – ebenso wie die Reden – von Gebärdendolmetscherinnen übersetzt und dargestellt wurde. In den Festreden wurde auch ein Bogen zur heutigen Zeit gespannt. Kulturstaatsministerin Monika Grütters wurde sehr persönlich und nahm Bezug auf aktuelle Diskussionen zum Thema Sterbehilfe. Ihrer Meinung nach würde das Ermöglichen und Legalisieren einer aktiven Sterbehilfe unerträgliche Folgen für die Humanität der Gesellschaft haben. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit: „Wir vergessen oft, dass auch heute rund zehn Prozent der Menschen in unserem Land mit seelischen oder körperlichen Einschränkungen leben. Gerade an den Schwachen zeigt sich die soziale Verantwortung unserer Gesellschaft.“ Er schloss seine Rede mit der Mahnung, jeden Tag daran zu denken, niemanden auszuschließen.

Stiftung Denkmal für die ermordeten
Juden Europas
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