Aufbau einer historischen Fassade mit der Technik der Gegenwart
von Oliver Fahlbusch, Bertelsmann AG - Unternehmenskommunikation
![]() Die wieder aufgebaute Kommandantur – Unter den Linden 1
Fotos: Volkmar Thie |
Im Jahre 1653 begann der kurfürstliche Festungsbaumeister Johann Gregor Memhardt gegenüber dem Platz, auf dem später das Zeughaus stehen sollte, mit der Errichtung eines zweigeschossigen Backsteinbaus. Es war der erste Steinbau auf dem Friedrichswerder, bei dem es sich um die erste Stadterweiterung der brandenburgischen Residenzstadt Berlin handelte. Der Große Kurfürst hatte den Festungsbaumeister mit dieser Stadterweiterung betraut und ihm als "Gnadenpräsent" das Grundstück mit einer Baustellenanweisung übereignet.
1795/96 wich das baufällige Memhardtsche Haus einem Neubau, den der Baumeister Friedrich Wilhelm Konrad Titel errichtete. Das Memhardtsche Haus war noch ein reines Wohnhaus, der Titelsche Bau hingegen schon ein königlicher Immediatbau - also der königlichen Verfügungsgewalt unterworfen. Entsprechend repräsentativ war er angelegt. Dies kam der Umwidmung des privaten Palais zum Kommandantenhaus im Jahre 1799 entgegen, denn das neue Gebäude verfügte nicht nur über eine elegante Wohnung, sondern auch über zahlreiche Diensträume und Pferdeställe. Nachdem 1818 schräg gegenüber dem Kommandantenhaus die Neue Wache von Schinkel errichtet worden war, übernahm die Kommandantur den dortigen Wachdienst.
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Schicksalhafte Bedeutung erlangte das Kommandantenhaus im Zusammenhang mit den Ereignissen des 20. Juli 1944. Der damalige Stadtkommandant und letzte Hausherr Generalleutnant Paul von Hase war in die Staatsstreichpläne eingeweiht und sollte nach Anlaufen des Unternehmens Walküre für die Absperrung des Regierungsviertels sorgen. Das Attentat scheiterte bekanntlich. Noch am selben Tag ließ Hitler einen Teil der Verschwörer erschießen. Generalleutnant von Hase wurde am 8. August 1944 hingerichtet.
Nach der Unterzeichnung des Grundstückskaufvertrages im November 2000 wurde das Kölner Architekturbüro Thomas van den Valentyn mit dem Bau beauftragt. Die Architekten haben den historischen Baustil mit moderner, lichtdurchfluteter Architektur verknüpft. Auf der Südseite des Gebäudes entstand ein Wintergarten, der sich in der Höhe über alle drei Geschosse erstreckt.
Da historische Baupläne oder andere Bauzeichnungen nicht überliefert waren, bildeten Fotovorlagen die Grundlage der Rekonstruktion, im Wesentlichen ein 40 × 40 Zentimeter großes Glasplattennegativ von 1910 aus dem Preußischen Messbildarchiv sowie 30 Amateuraufnahmen. Diese wurden zum Teil digital geschärft und über speziell hierauf abgestimmte Rechenprozesse in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Berlin (Fachbereich Photogrammetrie) maßstäblich entzerrt. Ferner wurde ein historischer Katasterplan von 1880, der die Außenlinie des Hauses auf einen halben Zentimeter genau darstellt, ausgewertet. Des Weiteren hat man die bei den archäologischen Erkundungsgrabungen im Jahr 2001 freigelegten Grundmauern und einige dabei entdeckte Fragmente analysiert. Das Zusammenfügen aller Einzelergebnisse ist von so großer Präzision, dass in Teilbereichen millimetergenaue Ergebnisse erzielt werden konnten.
Mit einigen Trümmerfotos aus den späten vierziger Jahren und den archäologischen Fragmenten konnte nicht nur die Form einzelner Profile, sondern auch das ursprüngliche Material bestimmt werden. So war der Sockel des Kommandantenhauses aus scharriertem Sandstein, Teile des Gurtgesimses und das Kranzgesims aus geschliffenem Sandstein und die Adler auf der Attika aus Terrakotta. Eine chemische Analyse hat aus der Oberflächenbeschichtung der Fundstücke den originalen Farbton ermittelt. Die Sandsteinfragmente bestanden nach diesen Bestimmungen zum überwiegenden Teil aus schlesischem Sandstein. Seit Oktober 2002 wurde im polnischen Radkow der "Wünschelberger Sandstein" für den Sockelbereich und im polnischen Rakowice der "Rackwitzer Sandstein" für das Gesims abgebaut. Für die gesamte Fassadenrekonstruktion wurden ca. 312 Tonnen an Sandstein benötigt.
Der Wiederaufbau des historischen Gebäudes erfolgte in einer zweischaligen Konstruktion. Die sichtbare historische Fassade besteht aus verputztem Ziegelmauerwerk mit Sandsteineinlagen und Schmuckdetails, die innere Schale bildet die tragende Konstruktion des Gebäudes und besteht aus Stahlbeton und Kalksandsteinmauerwerk. Die baukünstlerischen Schmuckelemente wie Löwenköpfe, Lorbeerkränze, die Adler, das Relief "Achill unter den Töchtern des Lykomedes", aber auch Konsolen, Fensterumrahmungen und Säulenkapitelle wurden nach den digital geschärften Fotovorlagen durch speziell ausgebildete Bildhauer nachgeschaffen. Die acht Adler wurden im brandenburgischen Sieversdorf hergestellt. Jeder der 500 Kilogramm schweren Vögel wurde rund 150 Stunden lang im Ofen gebrannt.
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