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775-Jahre Berlin » Stadt im Mittelalter

Heilig-Geist-Kapelle

In der Spandauer Straße hat sich ein Gebäude aus dem Mittelalter erhalten – die um 1300 errichtete Heilig-Geist-Kapelle. Seit der sorgsamen Restaurierung vor einigen Jahren ist sie ein architektonisches Kleinod. In dem zugehörigen Spital wurden Arme, Kranke und Alte versorgt und mittellose Reisende beherbergt.
Inneres der Heilig-Geist-Kapelle
Die restaurierte Heilig-Geist-Kapelle mit dem Sternrippengewölbe. Der Raum wird heute als Festsaal der Humboldt-Universität genutzt. © Foto: Wolfgang Bittner / 775 Jahre Berlin

Ein Überbleibsel des mittelalterlichen Berlin hat sich erhalten, wo man es nicht vermuten würde: In der Spandauer Straße, neben dem Neubaukomplex DomAquarée und gegenüber von einem Plattenbau-Riegel, steht eine gotische Kapelle. Sie wird eingerahmt und überragt von einem viel größeren wilhelminischen Gebäude, der 1906 erbauten Handelshochschule, heute Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Humboldt-Universität. Nur Ost- und Südfront der Kapelle stehen frei, ihr hohes Ziegeldach wird im Dach des Nachbarbaus verlängert. Die Schauseite zur Straße hin ist mit schmalen, dunkelroten Maßwerkfenstern und weißen Blendnischen geschmückt und wird von einem Fries aus Vierpass-Ziegeln abgeschlossen. Im Giebel darüber bilden die Blendnischenpaare und Pfeiler ein lebhaftes Muster. Die zu einem kleinen Platz gelegene Südseite ist durch drei breitere Fenster gegliedert, im Mauerwerk sind noch die ursprünglichen, schmaleren Lanzettfenster erkennbar. Die Strebepfeiler wurden bei der Restaurierung 2003 bis 2005 der Statik wegen angefügt. Der rechteckige, für eine Spitalkapelle ungewöhnlich große Ziegelbau erhebt sich auf einem Sockel aus Feldsteinen.

Die Kapelle war einst der Andachtsraum des Hospitals zum Heiligen Geist, das 1272 erstmals urkundlich erwähnt wird. Sie wurde wohl um 1300 erbaut. 1476 wurde der Dachstuhl erneuert, um 1520 erhielt der Innenraum sein filigranes Sternrippengewölbe. Von der Ausmalung der Gewölbezwickel mit Pflanzen sind noch Reste zu sehen. Auch der historische Ziegelboden wurde bei der jüngsten Restaurierung wieder freigelegt. Die breiteren Fenster an der Südseite erhielt der Bau gleichzeitig mit dem Gewölbe.

Fassade der Heilig-Geist-Kapelle
Fassade der restaurierten Heilig-Geist-Kapelle an der Spandauer Straße

1995/96 und noch einmal während der Restaurierung fanden Ausgrabungen in der Kapelle und auf dem angrenzenden Grundstück, dem früheren Friedhof, statt. Dabei stieß man auf Fundamente, wohl die des Vorgängerbaus der gotischen Kapelle, sowie auf Massengräber mit Seuchentoten.

Spitäler waren nötig in den entstehenden mittelalterlichen Städten, gab es doch Kranke, Arme und Alte, die, losgelöst aus ihrer Familie und Dorfgemeinschaft, beherbergt und gepflegt werden mussten. Zudem waren sie eine Anlaufstelle für mittellose Reisende und Pilger, die entkräftet und halb verhungert in den Städten eintrafen. Daher standen Spitäler meist an den Ausfallstraßen der mittelalterlichen Städte. In der Regel befanden sie sich wegen der Seuchengefahr vor der Stadt. Es ist möglich, dass auch das Heilig-Geist-Spital, das innerhalb der Mauern unmittelbar vor dem Spandauer Tor lag, zunächst außerhalb der Stadtbefestigung gestanden hatte, die dann im Zuge der Stadterweiterung hinausgeschoben wurde. Im mittelalterlichen Berlin gab es noch ein zweites Hospital, das Georgenhospital nördlich vom Oderberger Tor. Hier fanden auch Leprakranke Aufnahme. Die Cöllner Bürger wurden im Gertraudenhospital vor dem Teltower Tor versorgt, der Name „Spittelmarkt“ geht darauf zurück.

Die Versorgung der Armen, Kranken und Alten war ein Gebot christlicher Nächstenliebe. Der Stadtrat sorgte dafür, dass die Hospitäler regelmäßige Einkünfte hatten, etwa durch Landbesitz. Auch die Zünfte hatten ihren Teil beizutragen. Als der Rat 1272 den Berliner Bäckern das Gilderecht verleiht, schreibt er in der Urkunde auch vor, dass diese minderwertiges, nicht verkäufliches Brot kostenlos an die Armenhöfe abgeben müssen – eine Art Vorläufer der „Berliner Tafel“. Im Gildebrief der Berliner Schneider von 1288 ist festgehalten, dass jeder, der der Zunft beitreten will, unter anderem ein halbes Pfund Wachs bei den Hospitälern abzuliefern hat. Die Versorgung der Kranken und Mittellosen war fest im Wirtschafts-, sozialen und religiösen Leben der Städter verankert.

Das Innere der Kapelle kann donnerstags zwischen 12 und 13 Uhr besichtigt werden, der Eingang befindet sich im Gebäude der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. Vom 2. Obergeschoss des Treppenhauses kann man außerdem durch zwei Sichtfenster in den mittelalterlichen Dachstuhl der Kapelle schauen.


Zum Nachlesen: Jörg Breitenfeldt, Norbert Heuler, Ursula Hüffer, Jenny Hüttenrauch (Hg.), Die Heilig-Geist-Kapelle in Berlin. Geschichte – Forschung – Restaurierung. Petersberg: Michael Imhof Verlag, 2005

(Bilder: Kulturprojekte Berlin; Nicolai-Verlag)

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