Widerstand und Öffentlichkeit

Lustgarten

„Widerstand und Öffentlichkeit“ – die Stadtmarkierung am Lustgarten© Christian Kielmann / KPB

Von Anfang an inszenierte das NS-Regime die Zerstörung der Vielfalt als „Gleichschaltung“ und Erfolg der „nationalen Revolution“. Dem Lustgarten kam dabei eine besondere Bedeutung zu: Der Platz bot eine Aufmarschfläche vor geschichtsträchtiger Kulisse – so hatte Karl Liebknecht hier am 9. November 1918 die Räterepublik ausgerufen –, der Boulevard Unter den Linden hatte schon als Paradestrecke des Kaisers gedient. Nicht umsonst führten auch die letzten Demonstrationen der Sozialdemokraten in den Lustgarten: Das republikanische Bündnis Reichsbanner und die SPD veranstalteten hier am 7. Februar 1933 eine Kundgebung, zu der mehr als 200.000 Teilnehmer erschienen. Und am 19. Februar 1933 wurde an dieser Stelle mit mehreren Zehntausend Menschen für die Verteidigung der untergehenden Republik demonstriert.

Am 1. April 1933 wurde der „Boykott“ jüdischer Geschäfte unter anderem von zwei Reden vor Massenpublikum begleitet, die der Propagandaminister und Berliner Gauleiter Joseph Goebbels hier vor Vertretern der Nationalsozialistischen Betriebszellen-Organisation (NSBO) und der Hitlerjugend (HJ) hielt. Ob Feiern zum 1. Mai, die Rekrutenvereidigung nach der Wiedereinführung der Wehrpflicht im November 1935 oder überdimensionale Schautafeln zum „Anschluss“ Österreichs im März 1938: Die inszenierte Öffentlichkeit zur zerstörten Vielfalt fand häufig im Lustgarten eine repräsentative – und ab 1935 eigens gepflasterte – Bühne.

Widerstand gegen das NS-Regime war demgegenüber ohne Öffentlichkeit. Doch versuchten Widerständler aller Couleur immer wieder gezielt, mit Aktionen Öffentlichkeit herzustellen. Besonderen Anlass bot 1942 die im Lustgarten gezeigte Propagandaausstellung „Das Sowjet-Paradies“, die der Rechtfertigung des Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion dienen sollte. Ein Brandanschlag der Gruppe um Herbert Baum richtete zwar nur geringen Schaden an, führte jedoch zu einer weiteren öffentlichen Widerstandsaktion, als Mitglieder eines Netzwerks von Widerständlern Zettel an Berliner Hauswände klebten, die „Das NAZI-PARADIES“ angeprangerten.
Die wenigsten Widerstands-Aktionen waren derart spektakulär. Doch schon die seltene Demonstration von Einigkeit zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, wie sie im Februar 1933 auf dem Friedhof Friedrichsfelde stattfand, war ein Akt des öffentlichen Widerstands.

Christoph Kreutzmüller/Bjoern Weigel

Bildergalerie

Blick auf das Stadtschloss (rechts), den Berliner Dom (Mitte) und das Alte Museum (links), 1936. Deutlich davor zu sehen ist der von jeglichem Grün befreite Lustgarten, den die Nationalsozialisten 1935 zur Aufmarschfläche umgestalten ließen. Das Foto ist ein sogenanntes „Cigaretten-Bildchen“ – sie wurden gesammelt und in Alben eingeklebt.